Samstag, Februar 17, 2007

Handy (1998)

Diese kleine Geschichte war die erste, die überhaupt von mir gedruckt wurde. Sie erschien im Oktober 1998 in der Berliner Zeitschrift "Das Magazin". Diese Hefte hatten in der DDR und damit auch in meinem Leben eine wichtige Bedeutung, da sie die einzigen waren, in denen Nacktfotos abgebildet wurden. Ich bin heute noch stolz darauf, dort eine Story platziert haben zu können. Es gab eine kontroverse Diskussion darum und ich hatte mit meinen ersten "Fans" zu tun. Tatsächlich tauchten in Basel zwei Dresdnerinnen auf, die mich treffen wollten. Das waren die ersten Menschen, die ich durch Texte kennenlernte, und längst nicht die letzten. "Handy" war eine wichtige Wegmarke. Im Kontakt mit der Zeitschrift war ich schon länger. Dann hörte ich auf mit Saufen und hatte prompt meinen ersten Erfolg. Ab da änderte viel. Bis heute. Fast zehn Jahre alt. Es ist ein Weg und ich würde heute einiges anders machen. Aber ich lasse sie mal so. Viel Spass!
Gewidmet ist diese Geschichte K. B. und G.H.


Handy
Das es aus blauem Himmel regnen konnte, hatte ich schon mal gewusst. In dieser hellen Abendstunde zeigte der April alles, was seinen wankelmütigen Ruf ausmachte. Fröstelnd stand ich hinter meinem Auto und rauchte, entgegen der guten Gewohnheit, ohne getrunken zu haben. Ich war nervös und viel zu früh dran. Der Blick in den tropfenden, fremden Wald erinnerte mich an kleine Ewigkeiten, die ich mit geschultertem Gewehr um thüringische Waffendepots zu streifen hatte. Die Sinnlosigkeit der Rundgänge, wer interessiert sich schon für vierzig Jahre alte, zerlegte, rostende Panzer, erfüllte mich bald mit einer angenehmen, neuen Ruhe. Ich begann Gedichte auswendig zu lernen, mit denen ich noch heute Wartezeiten fülle. So wie jetzt. Und mir fiel sofort das einzig passende ein: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht;.... Zeile für Zeile fand ich mich in nämlicher Situation wieder. Doch die dritte Strophe begann schon holpernd und nach: Und jeder Atemzug für dich. war Schluss. Deklamatio Interruptus! Was zum Teufel umgab das liebliche Gesicht? Ich war etwas irre.

Seit mich Frau Hirschler nach dem Morgenrapport zur Seite genommen hatte: “Haben sie heute Abend etwas vor? Wenn nicht, acht Uhr, A1 Richtung Frankfurt, Parkplatz Würzenstock. Sein sie pünktlich! Eine Entschuldigung für zu Hause haben sie ja wohl!“, hatte ich keinen klaren Gedanken mehr gefasst und nichts mehr gegessen. Es war also passiert, jetzt war ich dran, die Kollegen hatten Recht behalten. Seitdem ich in der Firma war, redeten die davon, das Karriere hier nur direkt über Frau Hirschler zu machen sei. Kein Thema für mich, Frau Hirschler war eine andere Liga. Rotmähnig, ausladend wohlgebaut, war die Mittvierzigerin die Verführung an sich und ihr Mann, unser großer Chef Alexander Hirschler, hatte klug entschieden, ihr den Verkauf allein zu überlassen. Unglaublich war es anzusehen, wie sie Grosskunden durch die Räume unserer kleinen Bude führte. Mit ihrem dann, nur auf den potentiellen Abnehmer fixierten, wärmelnden Gehabe, hätte sie besser einen Edelpuff präsentiert als eine Softwarefirma. Wenn sie dabei hinter mir stand und sagte: „Das ist unser Herr Klaus, der schreibt dann auch ihr Programm.“, und ihr, in eine meist pastellfarbene Kostümjacke gepresster Busen, meine Ohren nur knapp verfehlte, musste ich hinterher in aller Regel zur Toilette. Über zwei Jahre war Frau Hirschler so zur Leinwand meiner sexuellen Phantasien und Fingerübungen geworden.
Der dunkle Wagen rollte knapp vor meinen gewienerten Schuhspitzen aus. Resigniert beendete ich die Suche nach der fehlenden Zeile. Im Auto ging Licht an und Frau Hirschler winkte mich zu sich. Ich stieg durch die Tür, die spielend einer Kindergartengruppe gleichzeitiges Einsteigen erlaubt hätte. „Guten Abend Frau Hirschler“ stammelte ich. Sie wandte sich zu mir, ein Einatmen folgte, das fast die Knöpfe der Jacke barsten und dann: “Gesine, für dich nur noch Gesine!“ Sie küsste zwei ihrer Finger und legte sie mir auf den Mund. „Du weißt warum wir uns hier treffen?“
Ich stammelte: „Na ja, so richtig nicht, ich könnte mir denken...“
Und schon hatte ich ihr Gesicht sehr nah vor mir. Die schweren, nass glänzenden Lippen schienen unhörbare Worte zu beten. Gesine brauchte schon jetzt mehr Luft. Ihr warmer, sauberer Atem strich mir die Wangen herauf und elektrisierte den Hinterkopf.
Lass es geschehen! Noch ehe ich mir den Mut fertig zugesprochen hatte, saß der erste Kuss. Nass. Lang. Tief. Zum Glück hatte ich ja nichts mehr gegessen. Sie rutschte ganz über die Mittelkonsole, nahm meinen Kopf fest in beide Hände und begann mir das Programmiererhirn durch den Mund zu saugen. Vorsichtig landeten meine Hände auf ihrer Jacke und kneteten die Schulterpolster, um kurz darauf nach vorn fahrend die nackte Haut ihres Dekolletés zu streifen. Ein Grunzen entfuhr ihr. „Ja fass mich an, fass mich überall an!“ Sie nahm meine Hand, steckte sie sich in den Busen: „Willst du mehr sehen? Willst du alles sehen? Du kleiner gieriger Junge du! Willst du deine Chefin nackt sehen? Willst du das? Du Gierhals, du!“ Dann liess sie von mir ab, plumpste, ohne mich aus den grünen Augen zu lassen, zurück in den Fahrersessel und betätigte einen der vielen Knöpfe im Wurzelholz. Leise surrend zogen sich schwarze Rollos aus dem Autohimmel alle Scheiben herab. Ich berührte das an meiner Seite: „Leder!“ staunte ich. „Ist aber gefährlich bei zweihundertsechzig.“ und wies vom Tacho auf die schwarz verhangene Frontscheibe. „Geht auch nur im Stand, du Schlaumeier. Werde nicht neidisch, dieses Auto ist dreissig Stunden die Woche mein Zuhause. Mehr habe ich nicht, außer natürlich dich bald!“
„Und warum gerade ich?“
„Warum gerade du? Gute Frage!. Warum gerade du?“ Sie zündete sich zwei Zigaretten an, gab mir eine und begann: „Weil du so unglaublich normal bist. So unverstellt! Ich bin von Papageien umgeben. Lackaffen, die sich für sonst was halten und vor lauter Stil keine Haltung mehr haben. Von ewigen Gewinnern. Die wollen Ihre Zerrissenheit an einer Frau ausleben. Ich bin nur Spiegelsaal. Auch dunkelster Sex ist nur Teil ihres hoch differenzierten Spiels mit sich selbst. Kennst Du die Antwort auf die Frage: Wen liebt der verliebte Mann? - Sich selbst! Du bist da so anders! Nicht Design, sondern echt! Wenig Schale, viel Kern. Übrigens hat noch jeder deiner Kollegen hier gekniffen, das wird bei Dir anders sein! Ich weiss das“ Sie rückte wieder näher, strich mir über den Kopf und rauchte mir sprechend in den Mund: „Dein Schnurrbart, deine Frisur, das alles verrät mir die gelassene Ruhe des jungen Kleingärtners. Die ich suche.“
Das war zuviel: „Also erlaube mal, wir haben keinen Garten.“
„ Natürlich habt ihr keinen! Aber wie schön, du sagst „WIR“. Genau das ist es: Wir haben keinen Garten. Das ist, was mir gefällt! Außerdem haben doch sicher die Schwiegereltern einen und ihr fahrt am Wochenende mit den Rädern raus. Dann bratet ihr Würste, du trinkst ein Bier mit dem Schwiegervater, die Frauen spielen auf der Hollywoodschaukel mit der Kleinen. Wenn ihr heimkommt macht ihr noch ein bisschen Sex, zügig, weil so verrückt seid ihr ja beide nicht mehr danach und dann schläfst du ein. Zufrieden. Verstehst du was ich suche: zufriedene Männer. Die sich ein kleines Reich geschaffen haben und stolz darauf sind. Und ich will wissen wie das funktioniert! Dir werde ich das Geheimnis entlocken, deinen Kern sehen!“ Ich war sprachlos. Abgesehen von den Beleidigungen, Spießer wissen das sie keine sind, faszinierten mich Gesines Worte. Beim Gedanken an das „Geheimnis“, zog es mir an einer Stelle im Unterbauch, an der ich bisher nur Darm vermutet hätte. Sie drückte einen weiteren Knopf. Mein Sitz bewegte sich in die Horizontale. “Tja, bei Chefs ist auch tote Hose im Schlafzimmer.“ lachte sie mich an. „Da muss man sich organisieren. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich zuletzt mit einem Mann im Bett war, aber hier im Auto, da weiß ich es ziemlich genau.“ Sie zog die Jacke ab: “Zieh dich auch schon ein wenig aus, für die große Spannungsparty ist es hier zu eng.“ Geübt entledigte sie sich ihres Kostüms und saß rasch in Unterwäsche vor mir. Die riesigen weißen Körbe konnte den zarten Inhalt, der all ihren Bewegungen sanft nachlief, kaum bändigen. Nach einigem Gewurstel saß ich in Unterhose und Hemd vor ihr. Langsam kam sie zu mir gekrabbelt und fauchte um meinen Kopf: „Zieh das aus hier, ich muss deine Haut spüren!“ dabei zerrte sie an meinem in Ehren ergrauten Feinripp. Es flog auf die Rückbank. Dann warf sie sich auf mich und presste sich an: “Wie schön dich zu spüren! Deine Haut! Dein Bauch! Komm! Komm! Spüre auch du mein Gewicht!“ Mir nahm es fast die Luft, sie turnte unbeirrt weiter : “Der Bauch! Dieser Bauch! Du ahnst nicht wie heiß mich dein Bierbauch macht!“
„Aber was gefällt dir an einem Bierbauch?“ presste ich hervor.
Kurz hielt sie inne und stütze ihre Ellenbogen auf meine Brust: „Eben die Ruhe die er ausstrahlt, die Gelassenheit. Außerdem mag ich keine dünnen Männer, du wirst gleich merken warum.“ und schon war die Pause vorbei, sie war wieder überall. Mein Knie geriet zwischen ihre Schenkel. „Ja...! Ja...! Gut...!“ dampfte sie, „Ich will mich an dir reiben! Gib dich ganz hin, du musst gar nichts machen, sei nur da, sei bereit.“ Mit diesen Worten begann sie einen wilden Tanz auf meiner Kniescheibe, bei dem ein spacker Mann vielleicht kaputtgegangen wäre. Rhythmisch grub sie mich im Ledersessel ein. Fasziniert beobachtete ich die Eruptionen über mir. Und dann kam sie, die fehlende Zeile: „Ein rosenfarbnes Frühlingswetter - Umgab das liebliche Gesicht, und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Schnell war alles vorbei, sie sank auf mir zusammen.
Nach einer Zeit, so lang wie das komplette „Willkommen und Abschied“, kitzelte wieder ihr Atem: „Das muss ich heute noch oft haben! Hörst Du? Ganz oft!“ Langsam begann sie sich an mir herabzuküssen. Ihr Haar lag auf meinem Gesicht als sie mir die Brustwarzen zerbiss. Ich kostete: echtes Rot! Sie kam tiefer, versuchte mich am Bauchnabel aufzublasen und hatte ihn plötzlich im Mund. Doch alles saugen, beißen, kitzeln, kneten, knebeln nützte nichts, meine Männlichkeit blieb hosenkompatibel. Während sie mir schnaufend die Schwellkörper malträtierte, fiel es mir auf, er hatte die ganze Zeit nicht reagiert. Sicher irgendwie erregt war ich auch, aber da unten war Ruhe. Und würde wohl auch bleiben, so wie sich das anfühlte. Wie konnte ich das auch vergessen! Immer schon hatte ich bei derartigen sexuellen Frontalangriffen versagt. Wann war das eigentlich das letzte Mal gewesen? Ich kam nicht zum Überlegen, denn schon hatte ich wieder ihr Gesicht vor Augen. „Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir alles hin. Ich bin Managerin! Wie ist das sonst wenn du an mich denkst? Reagiert er da? Oder hilfst du ein wenig nach? Etwa so?“ Ihre Hand spielte. Aber woher wusste sie denn?
„Woher weißt du denn...“ sie unterbrach mich mit einem weichen, fast bewegungslosen Kuss: “Ach du! Das sieht eine Frau doch! Dir läuft nicht der Geifer wie den Anderen im Büro. Du scheinst genüsslich die Lippen zu lecken, weil du schon hattest. Du hattest mich doch schon tausendmal, hier in deinem kleinen schlauen Kopf! Oder stimmt das etwa nicht?“
Ich massierte ihr vorsichtig den Hintern: “Ja schon, aber ehrlich gesagt, ich glaube das wird nichts - mit dem da.“ Sie kreiste wieder unter meinen Händen: “Wieso denn nicht?“
„Weil der das nicht gewöhnt ist. Ein Penis der zu Hause auf „Schwulli“ hört, bei dem es sonst zwei vertraute Griffe braucht und er weiß was kommt, der ist von so einem Sonderangebot überfahren. Solche Feiern bin ich nicht gewöhnt.“
Gesine rieb sich weiter stöhnend auf mir, als wäre der Streikende in erquicklicherer Position. “Und wenn du selbst alles tust, wie wenn du an mich denkst. Ich fände es schön.“
Um Gotteswillen! Das geht zu weit! „Hör auf Gesine, das kann ich nicht!“ Sie wurde ruhiger und nahm mir die Hand von den Augen: „Aber wie macht ihr das denn dann zu Hause? Irgendwie müsst ihr doch auch...“
„Die Worte. Es gibt so Worte, weißt du.“
„Ach so, kein Problem, dann sag mir die Worte, ...ich will sie dir... überall hin... küssen!“
„Nein, das geht gleich gar nicht! Die kann nur sie mir sagen, das sind unsere Worte, weißt du.“
Gesine setzte sich auf, ihre Brüste wankten bedrohlich über mir. „Eure Worte! Ja..., also eure Worte. Ich verstehe. Und die würden helfen?“ dabei öffnete sie die Mittelkonsole. Nach einigem fischen, händigte sie mir ihr Handy aus: „Na los, dann ruf sie an!“
„Du spinnst doch!“ Ich warf das Ding zurück. Plötzlich drückten mir ihre starken Schenkel in die Seiten: „Sag so was nie! Und ruf jetzt an! Los ruf an und lass dir eure Schweinchenworte sagen! Los jetzt!“ Ohne zu wissen wie mir geschah, nahm ich ihr das Telefon aus der Scham und wählte die Nummer unter der ich sonst nur Absprachen für das Abendessen traf. Wie würde meine Frau reagieren? Natürlich hatten wir in Studien- und Armeezeiten ab und an Telefonsex gehabt, ja unser erster Sex war fernmündlich gewesen. Der Heimatpfarrer hatte mir Ihre Geschichte ins Besucherzentrum der Kaserne mitgebracht. Er wollte mich mit Menschlichkeiten ablenken und erzählte von einem gleichaltrigen Mädchen, das auf eine Abenteuerzelttour zu Fuß von Berlin an die Ostsee schon während der ersten Übernachtung kurz hinter Oranienburg, die eng begrenzten Vorräte Aller vertilgt hatte. Mich faszinierte die Geschichte, von der ersten Bulämikerin der DDR, die den Rest der Wanderung stumm mitmachte und sich nicht zurück schicken ließ, derart, dass mir der Pfarrer Ihre Nummer gab. Im folgenden Jahr telefonierten wir ausschließlich und hatten schon Sex , bevor wir uns das erste Mal sahen.
Nach dem zweiten Läuten ging sie rann. „Hallo Schatz, ich bin` s. Na wie geht’s, was macht die Kleine?“ Während mir meine Gattin vom Spielplatz, dem Besuch der Schwiegermutter und einer Einladung für Samstag erzählte, ritt Gesine auf mir aus. Und tatsächlich alles was reagieren sollte, reagierte plötzlich. Mühsam hielt ich meinen Atem zusammen: „Ja ich muss hier noch was zu Ende machen, kann mich nur im Moment schlecht konzentrieren, warte bloß nicht mit dem Abendessen, das wird heute ganz spät.“ Gesine nickte im Takt. „Sag mal Schatz kannst du mir einen Gefallen tun, wegen meiner Konzentration, sag mir doch mal unsere Worte. Ich möchte entspannen! Ja, Ja, unsere Bettworte, du weißt schon welche. Doch bitte jetzt! Mir ist gerade sosehr so. Ja das zum Beispiel...
Tatsächlich murmelte sie mir mit einiger Selbstverständlichkeit all ihre Zauberworte ins Ohr, als läge sie neben mir. Gesine platzierte den nun Aufrechten und ging zum Trab über. Um die Geräuschkulisse erträglich zu halten, hatte sie sich ihre Handtasche in den Mund gesteckt und biss kräftig darauf herum. Meine Frau spürte meine wachsende Erregung und wählte jetzt Wörter der heftigeren Art, auch welche die ich gar nicht kannte. Gesines Kopf schlug gegen den Autohimmel, meine Frau und ich schrieen ins Telefon. Wir kamen. Alle.

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