Dienstag, April 14, 2009
Der Wendehals
Der Wendehals
Heute, zwanzig Jahre später, wusste Göran, wann er gelernt hatte, wirkungsvoll aus der zweiten Reihe zu agieren. Und wunderte sich, dass es von heute zurück ins Jahr neunundachtzig viel weiter aber genau so lang war, wie von da bis zu seiner Geburt. Jetzt mit vierzig war er ein Mann seiner Geschichte, damals mit zwanzig war er ein unbeschriebenes Blatt. Aber er hatte einen Stift.
Den drehte er ungeduldig in der Hand, während der Pfarrer die Eingangsworte sprach. Zehntausend seien am Friedensgebet, sagte er stolz. Zehntausend? Konnte das sein? In die Kirche passten vielleicht tausend Leute. Und der Rest sollte draussen auf dem Platz stehen? Göran hatte ein anderes Bild von zehntausend Menschen.
Ab und an drangen Rufe über einer Art Grundgemurmel durch die Mauern von draussen. Das Rauschen der Masse. Um die ging es und deshalb war Göran hier. Denn so jung und grün er auch war, so wenig Angst hatte er davor, vor so vielen Leuten zu sprechen. Umso weniger noch, als dass er sie nicht sah. Das war auch schon ganz anders gewesen. Noch vor wenigen Jahren hatte er vor ebenfalls angeblich zehntausend FDJ lern auf einem wesentlich grösserem Platz auf einer Bühne gestanden und ein Gedicht rezitiert. Sein grösster Auftritt bisher. Über Jahre in einer Rezitatorengruppe geschult, war es für Göran der Reiz, erstens einer der wenigen FDJ- ler auf dem Platz zu sein, der kein Blauhemd trug und dazu vor all den anderen zu stehen und ein selbst gewähltes Gedicht aufzusagen. Majakowski. Völlig sinnlos über Verstärker als kleiner Punkt vor zehntausend Leuten, die man erwischen musste, bevor sie besoffen waren und das Ficken in den Büschen begann. Görans Kalkül war damals schon doppelbödig gewesen. Er hatte das wohl im Blut. Nicht nur, dass er wusste, einen Majakowski konnten die Organisatoren kaum verbieten, nein er wusste natürlich auch genau, dass die so gelassen waren, da auch für sie ein Majakowski nach oben kaum gefährlich war und die angekarrten zehntausend FDJ- ler sowieso nicht zuhörten. Göran war auch klug genug, seinen kleinen Mut unbesprochen zu halten und tat recht daran. Einige wenige auf und hinter der Bühne bemerkten seinen unbotmässigen Individualismus, liessen ihn aber still gewähren. Die Organisatoren wollten diesen Vorläufer eines Event so sicher wie möglich in den Hafen eines Berichtes an die Bezirksleitung und den Zentralrat bringen und wussten, keiner würde bemerken, dass der siebzehnjährige im grauen Anzug, ein dunkelblaues T-Shirt statt dem FDJ Hemd trug, was das schlimmere Verbrechen als der Majakowski gewesen wäre. Es hatte sogar eine Anzeige gegeben, der Leiter der Rezitatorengruppe hat das fehlende Hemd als Anlass genommen, sich zu beschweren. Er hatte auch allen Grund, denn der Vierzigjährige machte sich mit FDJ Hemd und Kurt Bartel zum Ei, wie sein Schüler eben nicht. Am meisten wird ihn aber gestört haben, dass Göran ohne sein Wissen mittlerweile auf der Ebene lief, auf der richtig Geld verdient wurde. Der siebzehnjährige hatte einen Manager der ihm solche Gigs vermittelte.
Er konnte den Stift wieder wegstecken. Der Redner des Neuen Forums hatte begonnen und wie immer bei den Basisdemokraten, war es plötzlich ein anderer als vorgesehen und für den Anlass gut gewesen wäre. Göran sollte es recht sein, wenn der erste Redner mit Themen langweilte, die man seit Wochen aus Leipzig und dem Westfernsehen hörte. Jeder einzelne Protagonist des Forums schien einmal persönlich vor die Massen treten und Revolution spielen zu dürfen. Göran, der in der zweiten Reihe der im Chor wartenden Redner stand, verdrückte sich hinter die gewundene Treppe der Kanzel. Der Neue Forumist wurde immer ausfühlicher und Göran holte sein Cosmos aus der Tasche. Das kleine Mittelwellenradio hatte ihm die halbe Kindheit lang erst Heinz Quermann und dann Lord Knuth ins Zimmer gebracht, bis vor kurzem sehr gute und verbotene Dienste während sinnlosen Wachnächten in versteckten Depots für veraltete Waffen geleistet und stellte sich jetzt sogar in den Dienst der Konterrevolution. Während Göran auf dem Wachturm hockte und Samstagabend ins Tal glotzte, fuhren unten auf der Landstrasse die Trabbis zur Disko. Göran war nicht dabei, er war draussen für achtzehn Monate, sollte wachen, dass die unten Frieden hatten, was er dort, während er diesen Dienst tat, als bisher letzte und grösste von vielen DDR Lügen lesen lernte. Das kleine russische Radio spielte ihm den Sender für Amerikanische Soldaten aus Frankfurt in die Ohren, der war näher als jeder andere. Stephanie von Monaco. Irgendwann würde Göran nicht nur die Kasernenmauern hinter sich lassen, irgendwann würde er sich ansehen, wo die Prinzessin wohnt. Noch war es nicht soweit, noch musste Göran hier in dieser grossen Kirche für die Freiheit kämpfen. Und für einen guten Platz in den Reihen der Anführer. Dafür war sein Versteck ideal. Mit einem Ohr hörte er dem Bürgerrechtsgeschwafel des Redners zu, mit dem anderen im Rauschen dem richtigen Sender nach und fand ihn bald. Irgendjemand kommentierte irgendetwas, das Göran nicht verstand und egal war. Wohl nur jetzt in diesem Herbst der DDR waren die Nachrichten aus dem eigenen Land wichtiger als die aus dem Westen. Er sah auf die Uhr, zehn Minuten noch. Der Sprecher hatte sich in Rage geredet und sprach mit Furor von Dingen, die jeder wusste, forderte was alle forderten. Die Bezirksleitung müsse abgesetzt werden. Ja gut! Die Stasi geöffnet. Das fand Göran noch gefährlich. Und die Bäche sollten wieder sauber werden. Er übte Antworten. Auf die Bäche hätte er in einem Talk sagen können, die Politik seiner Gruppierung stelle sich in dieser Frage so dar, dass er sehr gerne Forellen ässe und also auch für saubere Bäche sei. Selbstverständlich. Freiheit für mich ist Freiheit für alle. So hiess die Gruppe die sich auch Fundamentalliberal nannte. Das klang zu gut, dass Göran es nicht ab und zu benutzt hätte, auch wenn es nicht ungefährlich war. Erstens trug eine der SED Blockparteien das „liberal“ im Namen und ausserdem war er kürzlich in eine Talkshow geraten, da hatte ihm einer, der sich gut beim Neuen Forum untergekommen fühlte in die Ecke gedrängt und zum Start gefragt, er möge dem Publikum doch einmal erklären, was liberal genau heisse und wo das herkomme. Görans Geeier über die Freiheit des Individuums unterbrach er und stellte ihn regelrecht zur Rede. Nein er solle doch mal genau sagen, was liberal eigentlich heisse, dass müsse er doch nun wirklich wissen. An diesem Abend hatte Göran schmerzlich gelernt, dass es das A. und O. in Talkshows war, nicht auf die Unterstellung in einer Frage einzugehen. Sein Gegner wusste zu genau, dass ein durchschnittlich gebildeter DDR Bürger vieles, aber nicht das gelernt hatte. Und woher sollte einer, der gerade von der NVA zurück war, wissen, was genau liberal hiess. Später als herauskam, dass der Mann seine IM Unterschrift beim Neuen Forum ganz aktiv zu vergessen versuchte, half Göran mit, dass möglichst viele erfuhren, was für ein Sauhund ihn damals blamiert hatte. Die Welt ist gross doch der Mensch ist klein.
Der nächste Redner schien gefährlicher für Göran, er war vom Demokratischen Aufbruch und schon damals spürbar im Wahlkampf. Es waren nur semantische Unterschiede, denn niemand hier in der Kirche hatte wirklich etwas anderes zu fordern als der andere. Doch wo das Forum sagte, was es nicht mehr wollte, forderte der Aufbruch schon und das ziemlich konkret. Es wurde anstrengender, denn Göran musste zuhören, um nachher nicht dasselbe zu sagen. Auch dieser Redner liess die Wirtschaft aus und verfing sich in Absetzungsforderungen. Göran konnte das gut verstehen, denn jedes Mal wenn einer der mittlerweile verhassten Namen fiel, ging ein Aufschrei durch die Menge. Zehntausend Kehlen machen unvernünftig. Befriedigt hörte Göran fast das selbe wie beim Redner vorher und spitzte die Ohren, denn die Nachrichten begannen. Es war eine der vielen ZK Sitzungen dieser Tage zu Ende gegangen und wohl noch nie hatten derart viele Menschen den Details solcher Tagungen andächtig gelauscht. Göran hockte jetzt auf Knien am Boden vor dem gewundenen Aufgang zur Kanzel und presste das kleine Radio an sein Ohr. Und dann hörte er, was er erwartet hatte und hören wollte. Er schaltete mitten in den Nachrichten ab, verliess sein Versteck und trat völlig ungedeckt vor die Massen, die langsam in Wallung gerieten. Göran fühlte sich in diesem Moment unheimlich erhaben, denn er war all den Leuten hier genau eine Information voraus. Er wusste, was diese zehntausend in den nächsten Minuten tun würden. Jubeln. In diesem Augenblick wurde sein Gefühl für den Umgang mit Massen endgültig geprägt. Auch der Hochmut hat Quellen. Göran sah, wie mutig sich die eben noch so grauen DDR Menschen hier vorkamen und mit welcher Innbrunst sie Sachen forderten, die sich längst erledigt hatten. Zehntausend johlen bei den Forderungen der Redner, doch nur einer kümmert sich darum, was genau aus diesen ziemlich alten Forderungen wird. Göran kam sich in diesem Moment sehr überlegen vor und musste später harte Schulen durchgehen, um das wieder los zu werden.
Der Pfarrer beugte sich zu ihm: Du bist dann der nächste. Die überziehen heute wieder alle so. Aber sag nur, was zu sagen ist, die Blockflöten können warten. Göran zwinkerte dem Pfarrer zu. Er wusste, hier nur so prominent reden zu dürfen, weil dem Pfarrer die frisch gewendeten Vertreter der Altparteien schwer gegen den Strich gingen. Auch er kochte sein Süppchen und beglich alte Rechnungen. Und wunderbar, der letzte Angriff des Vorredners landete als Fehlpass direkt vor Görans Füssen. Das Publikum applaudierte artig die letzten Forderungen des Redners, von draussen drangen Sprechchöre durch die Mauern. Göran trat gelassen vor die Massen, eine Hand auf dem Cosmos in der Manteltasche, reckte den Hals, neigte den Kopf und das Barrett und nahm die Masse in den Blick. Er ging langsam über die Augenpaare und wartete bis sie an ihm hafteten. Das Gemurmel folgte noch schwankenden Bewegungen, Göran schien, er könne sogar sehen, wie es an und abschwoll um dann langsam vor ihm zu verebben. Er schien die Kaimauer zu sein, die Mole und der Leuchtturm in diesen Wassertröpfchen, die ein Meer bildeten. Er zog seine Zettel aus der Tasche, warf einen Blick darauf, dann einen ins Publikum, steckte sie provokant langsam wieder weg und wartete bis Ruhe in der Kirche war. Dann begann er langsam und wohlgesetzt: Sehr verehrte Damen und Herren. Meine Name ist Göran Schudel von den Radikalliberalen. Unser Motto heisst: Meine Freiheit ist unsere Freiheit ist eure Freiheit! Und es ist mir ein ausserordentliches Vergnügen, ihnen Mitteilung machen zu dürfen, dass die Hauptforderung meiner Vorredner seit heute Nachmittag bereits erfüllt ist. Meine Damen und Herren, ich habe die grosse und einmalige Freude, ihnen mitteilen zu dürfen, dass anlässlich der heutigen Tagung des ZK der Sozialitischen Einheitspartei Deutschlands der Erste Sekretär der Bezirksleitung der SED, der Genosse...
Weiter kam Göran nicht. Der Name ging schon im aufbrausenden Jubel unter und ...von allen Ämtern zurückgetreten ist...“ brüllte er fast hilflos in die tobende Menge. „Ja lasst uns den grossen Tag feiern!“ legte er nach und warf die Mütze hoch. Hunderte in der Kirche taten es ihm nach und wie ihm später erzählt wurde auch tausende draussen auf dem Platz. Plötzlich stand der Pfarrer mit einer Gitarre neben ihm und sang ins Mikrofon: Heut ist ein wunderschöner Tag, die Sonne lacht uns so hell... Ein DDR Pionierlied wurde hier spontan umgewidmet und bekam plötzlich Sinn. Göran stellte sich eng neben den Sänger und grölte mit ins Mikrofon. Jetzt stand er vorn, das war sein Moment, keiner der anderen Redner würde noch eine Chance haben. Was er nicht wissen konnte, das Lied war ein vereinbartes Zeichen, vom Gebet nun zur Demonstration überzugehen. Der Pfarrer hatte richtig erkannt, das kein Wort so gut und wichtig sein konnte, diesen an sich völlig sinnlosen Jubel zu beenden. Der Rücktritt des Bezirkschefs war nicht merh als ein Zeichen, das der Wandel, den man später Wende nennen sollte, auch hier in der Provinz nun begonnen hatte. Das war Grund zum schreien, jauchzen und feiern, obwohl der unscheinbare Politiker wohl kaum jemandem aus dieser Menschenmasse etwas zu leide getan hatte. Er war ein Symbol, wie Göran selbst auch. Göran war eines des Neuen, des Auf und Umbruchs, der grosse Genosse im Rentenalter eines für die untergehende DDR. Als das Lied fertig war brüllte Göran ins Mikro: Feiert mit den Radikalliberalen! Tanzt auf den Strassen! Wir sind jetzt frei vom Einheitsbrei!“ Der Pfarrer drängte ihn zur Seite und forderte die Menge auf, sich nun zum Demonstrationszug zu formieren. Augenblicklich begann ein Gerangel vor dem Altar. Jetzt war es wichtig, früh im Mittelgang zu sein, um als erster die Kirche zu verlassen und vor den Demonstrationszug zu kommen. In der Woche vorher hatte Göran beobachtet, wie die Wendeaktivsten sich fast zu prügeln angefangen hätten. Seinen Part glaubte er für heute erledigt und wollte den anderen den Platz überlassen, doch der Pfarrer schob ihn vor sich her und so kam Göran schon wieder in einer zweiten Reihe zu stehen. Fremde klopften ihn deftig auf die Schulter als er aus der Kirche ging. Zum Glück hatte er den mongolischen Ledermantel an. Der Forumist und der Aufbrüchler drängten sich als erste durch die Aussentür und nahmen den Jubel entgegen, den, wenn überhaupt, Göran verdient hätte, obwohl er ja auch nur Nachrichten weiter gesagt hatte. Auch sie hatten gelernt, dass es jetzt elementar war, so schnell wie möglich vor den Zug zu kommen. Diesmal war alles besser organisiert, Ordner des Neuen Forums sorgten dafür, dass sich nicht ständig eine neue Spitze bildete und die Protagonisten nicht mitten im Zug verschwanden, so wie es letzte Woche geschehen war. In ihrer Eile hatten sie übersehen, oder nicht sehen wollen oder geglaubt, nicht sehen zu müssen, dass direkt neben der Tür die Lokalreporterin der Lokalzeitung samt Fotografen und ein Herr mit Mikrofon und Fernsehkamera stand. Göran erkannte ihn, auch der Bezirksreporter der Aktuellen Kamera schien seine Haut retten zu wollen. Seine Konkurrenten liess Göran voran stürmen und gab genüsslich Interviews in denen er die Grundzüge der radikal liberalen Politik beschrieb. Mir den Sekt und euch die Rechnung war der Untertext, der formuliert besser klang. So wie: Die Freiheit des einzelnen ist die Voraussetzung der Freiheit aller. Ergo: Meine Freiheit ist eure! Dann sang er in die Kamera: Mein Maserati fährt zweihundertzehn. Und tanzte mit einer wildfremden Frau auf den Kirchenstufen. Görans Revolution bestand darin, die Revolution der anderen nicht ernstzunehmen. Doch ehe er das erörtern konnte, zog ihn der Pfarrer vor den Zug. „Jetzt alber hier nicht rum, du wirst gebraucht.“ Göran verstand nicht recht, wie ihm geschah. Der Bürgermeister der Stadt, bis vor einigen Tagen noch Genosse der SED, hatte sich in die erste Reihe gedrängt. Für Göran eigentlich genügend Anlass, hinter dieser zu bleiben. Doch das liess der Pfarrer nicht zu und schob Göran neben ihn, von dem die anderen Revolutionäre Abstand hielten, besonders jetzt wo sich die Kameras vor dem Zug aufbauten. Aber der Herr vom Neuen Forum hatte auch noch eine gute Idee und zog eine stadtbekannte Dame aus den Reihen nach vorne, die sich bei Ihnen eingeschrieben hatte. Die Stadt war nicht so gross, dass auch Göran sie nicht gekannt hätte, ja er schämte sich sogar vor ihr. Vor ein paar Jahren hatte sie ihm in einer Kneipentoilette aufgelauert und gefragt, ob sie ihm einen Blasen solle. Göran hatte nicht genau gewusst was sie meinte und verneint. Die Frau kam in mitten des Zuges zu stehen und hakte sich beim Bürgermeister und bei Göran ein. Das Motiv für die Titelseite nicht nur der Regionalblätter des nächsten Tages. Auch in den Redaktionen schienen die Dame so viele Leute zu kennen, dass man um den Lacher in der ganzen Stadt wusste. Passend dazu wurde direkt unter dem Bild Göran zitiert: Ihm sei die individuelle Freiheit wichtig und also sei es doch ihm überlassen, was er mit der jungen Frau auf dem runden Tisch treibe. Frei heisst schliesslich auch, sich frei machen. So wie der Bürgermeister das exerziere, der sich ebenfalls frei von allem Anstand gemacht habe. Von der ersten Seite der Zeitung wanderte er in den nächsten Tagen in Berichte anderer Blätter und wurde ein wenig berühmt. Man stellte ihm den freigewordenen schwarzen 244 Volvo des Bezirkssekretärs zur Verfügung und Göran fuhr nun über Land und hielt seine schwungvollen Reden in Kreisstädten. In einer, die Hauptort des sogenannten Holzlandes war, stand, während er über das Recht nach Monaco reisen zu dürfen parlierte ein Mann direkt vor ihm aus der Kirchenbank auf. Dem sah man den Holzfäller an, dachte Göran und liess sich das Wort entreissen. „Hör auf mit dem Gelaber, rief der riesige Mann. Mich interessiert nur ein was: „Wie steht deine komische Partei zur deutschen Einheit?“ Göran verkrampfte, als sei die Frage eine Faust in seinem Bauch, denn darüber wollte er nicht reden. Nicht aus taktischen oder strategischen Gründen, sondern aus einem inneren Widerwillen. Göran sah den Schrank keine fünf Meter vor sich die Fäuste reiben und blickte zur Tür, die viel zu weit entfernt lag. Durch die würden sie nicht zu zweit passen. Zum ersten Mal hatte er Angst und sagte: Was meine Partei, die Radikalliberalen, dazu sagt, das kann ich ihnen im Moment nicht sagen, aber ich persönlich bin der Meinung, ohne die wird es wohl nicht abgehen können. Wieder lag ihm eine schreiende Kirche zu Füssen und Göran liess sich hinaus tragen. Draussen schrieen sie: Wir sind ein Volk! Diese Umwidmung hörte er zum ersten Mal. Das er am nächsten Tag in allen Zeitungen zitiert wurde bekam er gar nicht mehr mit und auch nicht, wie in der Woche darauf geschrieben wurde, das es seine Partei gar nie gegeben hatte. Völlig entsetzt darüber, eine Wahrheit gelogen zu haben, verstummte er für eine Zeit, kaufte dann den Volvo des Ersten Sekretär für lau und wurde Anlageberater. Mit seinem Hang zur individuellen Freiheit, seinem Lächeln und dem Talent, genau das sagen zu können, was sein Gegenüber hören wollte, wurde er ein sehr erfolgreicher Anlageberater. Später mietete er in Monaco eine Wohnung.
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Sonntag, März 01, 2009
Fiktive Berichte rettender Menschen (2)
Bericht einer Angehörigen
Wer kann schon ahnen, was einem im Leben so ereilt, ich für meinen Teil hätte nie gedacht, eines Tages Stammkundin beim Roten Kreuz zu werden. Zweiundzwanzig mal haben sie meinen Mann mitgenommen, erst beim letzten Mal dann nicht mehr. Wir hatten die Wende gerade überstanden, ich war im Vorruhestand und mein Mann bezog mit Mitte siebzig, auch nach dem sie neu errechnet war, eine anständige Rente. Es sammelten sich die Kataloge im Zeitungsständer, wir überlegten, welches der neuen Reiseziele zuerst erobert werden sollte. Ich wollte nach Rom, mein Mann auf die Rütliwiese. Doch dazu kam es vorerst nicht. Er war ein Fan von Röckchensport, dass heisst Eiskunstlaufen und Tennis, so Damen den Sport betrieben. Eine Kür von Katharina Witt, das liess ich mir ja noch gefallen und nahm hin, dass er wie das halbe Land inklusive des Generaldachdeckers in die Eiskunstläuferin verliebt war. Aber das ein Mensch stundenlang Tennisspiele ansehen kann, bleibt mir bis heute unbegreiflich. Hinzu kommt noch, das mir schleierhaft ist, woher mein Mann eigentlich die Regeln kannte. Wir waren dreissig Jahre verheiratet, da weiss man, was der andere weiss. Es war bei irgendeinem dieser langen, unheimlich wichtigen Spiele von Steffi Graf, als es ihn das erste Mal „geputzt“ hat. Und mein Desinteresse, meine Abscheu, vor einem den ganzen Nachmittag laufenden Fernseher, war Schuld daran, dass ich ihn viel zu spät fand. Eingekackt und vollgepinkelt lag er mit verdrehtem Blick vor der Couch, als ich ihn zu Abendessen rufen wollte. Und ich wusste nicht, was tun mit diesem grossen schweren Mann, dem der Schaum aus dem Mund quoll. Ich wischte den ab und zerrte mit rasendem Herzen sinn und wirkungslos an ihm herum, bis endlich der Notarzt ins Wohnzimmer trat. Später haben sie mir gesagt, die Ewigkeit zwischen dem Anruf und ihrer Ankunft habe exakt siebeneinhalb Minuten gedauert. Diese unglaubliche Erleichterung, die meiner Lähmung wich, war es, die mich später immer wieder und ohne viel nachdenken nach dem Notarzt rufen liess. Ich wusste, dass es immer noch gefährlich war, als sie sich über ihn beugten, aber ich war erleichtert, als endlich etwas geschah. Du spürst, wie sehr es die eigene Existenz gefährdet, wenn dein Partner im Leben plötzlich mit rotem Kopf und Schaum vor de Mund vor dir liegt, dich offnenen Auges nicht sieht und nicht mehr sprechen kann. Sie untersuchten ihn, legten einen Tropf, schrieben ein EKG und gaben Medikamente. Ausserdem teilten sie mir mit, dass mein Mann anscheinend Diabetiker sei. Ich wusste das nicht. Die Angst um ihn nahmen sie nicht mit, als sie ihn die Treppe hinunter trugen, aber sie hatten mitten in der Katastrophe schon die Hoffnung angezündet. So schnell wie Nacht in meinem Leben war, so schnell hatten sie mir Licht gemacht, auch wenn es schwach war und klein blieb.
Später hat mein Mann immer gesagt, es sei die Rütliwiese gewesen, die ihn am Leben erhalten habe. Die wolle er noch sehen, schliesslich habe er über den Tell seine Maturarbeit geschrieben. Es dauerte kein Jahr und er hatte sich von dem Schlaganfall soweit erholt, dass wir wieder ans Reisen denken konnten. Doch dazu kam es nicht, denn bei dem Streit, ob wir nun mit Auto fahren sollten, wir er es wollte, oder doch mit einem Bus wie ich vorschlug, wurde er plötzlich grau, jappste nach Luft, griff sich ans Herz und noch ehe er ohnmächtig war, hatte ich den Notarzt gerufen. Diesmal ging es wesentlich länger, sie kämpften eine Stunde lang um sein Leben. Doch nichts was ich da sah, beunruhigte oder ängstigte mich. Es wurde etwas getan und wenn es war, ihn mit Stromschlägen durch die Luft hüpfen zu lassen. Einer der Sanitäter hatte seine Jacke liegen lassen, die er ausgezogen hatte, als er meinem Mann das Herz massierte. Er meldete sich für den nächsten Tag nach Dienst bei mir an, da könne er die Zeit wenigstens sicher einhalten. Und mir schien, dem Herrn war es ganz recht, mal in Ruhe mit einer Angehörigen plauschen zu können, denn eigentlich hätte ich ihm die Jacke auch einfach mit ins Spital nehmen können, wo ich meinen Mann sowieso jeden Tag besuchte. So buk ich dem Mann, der mein ältester Sohn hätte sein können, einen Pflaumenkuchen und wir verplauderten ein Stündchen beim Kaffee. Ich bot ihm das Du an und er war es, der mir erzählte, dass es diesmal sehr knapp für meinen Mann ausgegangen war. Doch der erholte sich bestens und kurz nach der Reha buchte ich bei der Volkssolidarität eine Reise in die Innerschweiz. Noch vor dem Infarkt hatte er den Bus „Omabomber“ geschimpft, was ihm während der neunstündigen Reise zum Vorteil gereichte, denn keine der Damen ausser mir, wagte es, seine Deklamationen aus dem „Wilhelm Tell“ zu unterbrechen. Zu meinem Entsetzen bestand er darauf, den Weg hinab an den See, zur Wiese zu laufen. Das schaffte er mit knapper Not, vielen Pausen und auch, weil es kein Zurück gab. Der Weg den Berg wieder hinauf, wäre absolut ungangbar für ihn und wir planten unten dann das Schiff zu nehmen. Auf der Wiese angekommen, stieg er auf den Felsblock unter der Schweizer Fahne und rezitierte vor den erstaunten Touristen den Rütlischwur.
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
So lange wie er Zuschauer hatte, bewahrte er eisern die Haltung und brach erst zusammen, als die zum Schiff eilten. Für uns gab es keine Chance, es zu erreichen, er sass im nassen Gras an den Fels gelehnt und sah aus, als wolle er, nach dem alles erledigt war, auf der Rütliwwiese sterben. Die Wirtsfrau des Rütlihus wusste auch keinen anderen Rat als den Helikopter zu rufen, denn ihr Mann war mit dem Auto unterwegs. Der zweite Infarkt meines Mannes wurde also im Kantonsspital Luzern diagnostiziert, von wo aus er dann nach zehn Tagen seine längste Reise in einem Rettungswagen antrat. Erstaunlich blieb, wie schnell er sich erholte, bald sass er wieder in unserem Wohnzimmer und erzählte den Kindern und Enkeln, das er, da er ja nun ein erprobter „Zu rettender“ sei, ein wenig simuliert habe, da er gewusst hätte, in der Schweiz würde man immer mit Hubschraubern gerettet und das sein nächster Wunsch nach dem Rütli gewesen wäre, einmal mit einem solchen zu fliegen. In schillernsten Farben beschrieb er auch die lange Heimfahrt, die Rettungsassistentin habe ihm unterwegs quasi einen Heiratsantrag gemacht, den er nur deshalb nicht angenommen hatte, da er mich nicht ins Unglück stürzen wolle. So war er, ein Grossmaul vorm Herrn, wenn er halbwegs bei Kräften war. Ich war froh, ging es ihm wieder gut und behielt für mich, als einzige Anwesende und nun auch schon erfahrene Zeugin, gesehen zu haben, dass dieser Herzanfall sicher nicht simuliert war. So ein Gesicht kann man nicht spielen. Das ging jahrelang so weiter, er wurde nach jedem Infarkt etwas schwächer, insgesamt seien es sechs kleine gewesen. Schlimmer waren die weiteren zwei Schlaganfälle. Die letzten Jahre lag er dann in einem Pflegebett in unserer Küche. Von wo sie ihn noch einundzwanzig Mal ins Krankenhaus gebracht haben. Beim letzten Mal, wo ich die Retter holen musste, da er Blut spuckte, sagte mir der nette Sani, der damals seine Jacke liegen lassen hatte: „Rufen sie beim nächsten Mal nicht so schnell an. Da ist ihm mehr geholfen.“ Lange dachte ich über seinen Rat nach und befolgte ihn letztlich.
Sonntag, Januar 18, 2009
Fiktive Berichte rettender Menschen (1)
Bericht eines Rettungsassistenten
Als wir den Raum betraten, war mir klar, dass der Vater über seinem blaulila angelaufenen Baby sich umsonst bemühte.
Die Klarheit des Blicks kommt mit den Jahren, wie auch diese professionelle Kälte, die das fremde Elend nicht weiterdringen lässt als bis zu den eigenen Augen. Jetzt müssen wir übernehmen, es ist mehr ein Schauspiel; Beginn der jahrelangen Trauerarbeit der Eltern. Ich mache meinen Job seit sechzehn Jahren und muss nicht, wie die junge Ärztin, Pupillen ausleuchten, einen Puls suchen und nach einem Herzschlag hören, um zu wissen, dass dieser Bub seit mindestens einer Stunde tot ist. Da aber der Vater, wie im Kurs gelernt, reanimiert hat, intubieren wir, schreiben ein EKG; ich suche sogar einen Zugang, den ich freilich nicht mehr finde. Ich nenne das ein Schauspiel, weil man dem Kind eben ansieht, dass die Wiederbelebung nicht erfolgreich war. Das EKG sagt nichts anderes, und ich mache anstelle des Vaters noch ein Weilchen die zweifingrige Herzdruckmassage.
Wir können nicht einfach so sagen, was wir dann nach weiteren Minuten doch sagen: "Es tut uns leid, Ihr Kind ist tot." Hier muss man genau sein: nicht wir sagen es, sondern die Ärztin muss das tun. Ihre Augen sind feucht, als sie zu der jungen Mutter spricht, die schreckensstarr in der Ecke steht. Das Begreifen hat noch nicht einmal begonnen, sie weiss noch nicht, was sie da sieht. Die junge Ärztin, die ich gar nicht kenne, nimmt die bleiche Mutter in den Arm und hält sie fest, während ich den Totenschein vorbereite, die Karten der Hilfsdienste heraussuche, den Vater frage, ob sie sofort psychologische Hilfe wollen, zwei Dormicum hinlege, nachdem er das verneint hat, und um eine Decke für das Kind bitte, um es zum Wagen zu bringen.
Das ist für mich das Schlimmste: Ich werde auf ewig derjenige sein, der ihnen ihr Kind für immer fortgenommen hat.
Wir lassen uns Zeit bei alldem, ich beobachte die starre Mutter genau, während die junge Ärztin den Totenschein ausfüllt. Jetzt ist die erste Karte eines schier endlosen schwarzen Leporellos in ihr aufgegangen, ihr Buch der Trauer, das sich in den nächsten Tagen gnadenlos Seite um Seite nach unten aufklappen wird. Das ist, was mich in diesen Momenten schmerzt: die Hilflosigkeit der Eltern mit ansehen zu müssen. Wir sind doch Helfer. Und können nichts tun, außer den toten Säugling, in seine Decke gewickelt, so sanft wie möglich mit uns zu nehmen.
Erst unten im Auto führen wir die nötigen Telefonate mit der Polizei. Plötzlicher Kindstod steht auf dem Schein, Autopsie ist angekreuzt, die junge Ärztin nimmt die Verantwortung auf sich und lässt den Staat draußen.
Das war eindeutig hier.
Ich setze mich in den Begleiterstuhl und halte den toten Knaben im Arm. Die Dichtung ist das eine; das brutale Leben ist der kleine Leichnam. Kaum ist die Wagentür geschlossen, fällt die Maske aus dem Gesicht der jungen Notärztin vor meine Füße. Das ist kein Fernsehen hier, das tut wirklich weh. Vor meinen Augen bricht sie zusammen, ich muss das Kind ablegen, um sie auf die Trage zu bugsieren. Ich streichele ihre Wange und halte ihre Hand. "War das dein erster Kindstod?"
"Ja. - Es ist so grausam."
"Ja, das ist es. Der Beruf hat viele Seiten, aber das ist die ganz schwarze. Überleg dir gut, ob du das weitermachen willst."
Der Blick, der mich da trifft, ist die Wahrheit selbst. "Natürlich mache ich weiter! Ich will leben, und dazu gehört das Leid. Meines und fremdes. Fremdes, das zu meinem wird. Für einen Moment. Danke, dass du mich hältst."
Samstag, April 19, 2008
Runners High
War das ein Traum, der falsche Pilz oder sollte ich einfach mal wieder zum Arzt gehen? Alles konnte das sein, nur keine Realität. Auch wenn die Männer mit den dicken Kopfhörern um mich herum sehr echt wirkten.
Unsanft wurde ich an die Seite gedrückt. Aus weniger als einem Blick empfing ich die tiefe Verachtung eines untersetzten, schwitzenden Mannes, der genau so aussah, wie früher Europäer CIA- Agenten beschrieben. Er schien ungemein wichtig zu sein, denn ihm folgte ein Zureicher. Jemand hielt die Hand in den schmalen Gang und stoppte das Paar. Der Diener, der mit den Augen an den Monitoren gehangen hatte, lief auf und bekam den Ellbogen in den Magen. Erst jetzt sah ich mich in einem riesigen, abgedeckten Labyrinth aus Gerüstrohren stehen. Überall im Schwarz bildeten Monitore kleine blaue Lichtinseln, vor denen Schatten saßen. Das war die Unterwelt. Die Unterwelt aus der die Welt gesteuert wird. Mehr als die Welt. Ein Universum aus Schall und Rauch und Licht. Die Illusion einer Welt. Ein Fake, so wahr wie nichts. Triumph der Illusionen.
Das war ein guter Traum. Der Beste aller. Traum der Träume. Das kann man nicht erleben. Doch es fühlte sich so unwahrscheinlich echt an. Um so schlimmer würden die Momente kurz vor dem Erwachen werden. Im Traum bekam ich Angst vor seinem Ende.
Starr lag mein Blick auf dem Rücken des stoisch trommelnden, siebzig jährigen Mannes, am Ende der schmalen Stiege schräg über mir. Da raste ein Gesicht seitlich auf mich zu und ich wich zurück, wobei ich dem Gehilfen des Dicken auf die Füsse trat, der mir seinerseits kräftig in die Nieren schlug. Der Sänger war auf eine Kamera zugesprungen und leckte einen der Bildschirme neben mir mit d i e s e r Zunge von innen ab. Die meisten der Männer unter der Bühne johlten, nur einer schüttelte genervt den Kopf. Das war wohl der VideoDJ für die Bühnenrückwand, die direkt über mir hypernervös flimmerte. Der Frontmann tanzte weit weg auf einem Seitenausleger und es sah traurig aus, da er im Grunde vor einer riesigen Fläche kalten, leeren Betons zappelte. Die Absperrungen standen sicher zwanzig Meter weit weg von ihm, er aber schnippte seinen berühmten Armwurf eisern in die tobende Arena, wo er letztlich auch ankam. Kamerakräne rasten um ihn herum und er wusste, noch im letzten Winkel des Stadions gesehen und gehört zu werden.
Das alles war zu real und diese Unterwelt in der Schläge verteilt wurden, keine Illusion. Es war die perfekte Maschinerie zur Erzeugung von Illusionen. Ich sah mich um. Bei dieser Art vom Träumen so hart an der Realität, war zu erwarten, dass der Mann mit dem Messer schon hinter mir stünde. Der Mann der mir die Luft rauben und den Schrei nehmen würde. Doch ich sah nur den unfreundlichen Dicken.
Der drehte sich zu seinem Paladin und nahm ihm den roten Rock aus der Hand, als sei der funkelnde Strass darauf echt. Er wurde noch einen Moment zurückgehalten, dann schlich er sich, erstaunlich beweglich, die Treppe hinauf zur Bühne. Ich wurde aus dem Gang gestossen und strauchelte über eine tief unten geschraubte Gerüststange. Und dann ging alles sehr schnell. „Let`s Spend The Night Together“ begann zu verklingen und alle unter der Bühne standen von ihren Plätzen auf. Man hörte noch zwei gedroschene Gitarrenakkorde, danach wurde unter der Bühne eingezählt. Mit dem letzten Ton schrien mehrere Männer „Go!“ in ihre Mikrofone und plötzlich war die Bühne dunkel. Jagger und sein Hassfreund klopften sich auf die Schultern und liessen sich in einem Lichtkegel feiern, aus dem der Gitarrist aber schnell zur Seite verschwand. Aus der Dunkelheit wurde ihm eine brennende Zigarette gereicht. Ich sah sie aufglimmen. Plötzlich stand der andere Gitarrist direkt vor mir oben an der Treppe. Er schrie mich lachend an. Irgendwas war mit seiner Verkabelung nicht gut und er sagte, nach der nächsten Pirouette wäre er als Paket verschickbar. Völlig benommen konnte ich nicht mal auf den Mann weisen, der die Drähte in seinem Rücken ordnete, noch während Ron Wood zu mir sprach.
Sollte ich den Moment geniessen und mir erst später Sorgen um meinen Geisteszustand machen? Doch wenn es der war, der mir diese Nacht bescherte, sollte ich mir da überhaupt noch Sorgen machen? Keine Sorgen mehr? Alles leicht? Ich war drauf! Nur worauf? Ich nahm nichts und konnte also auch nichts verkehrtes genommen haben. Außerdem war die Anspannung um mich herum viel zu wahr, um aus etwas anderem als Leben zu bestehen.
Ron Wood plapperte weiter auf mich ein, hob die Hände als führe man ihn ab und liess sich neu verkabeln. Eine kleine blonde Frau stand auf Zehenspitzen und nahm ihm immer wieder die Zigarette aus dem Mund, er strahlte sie an, machte Spässe und achtete darauf, ihr nicht direkt ins Gesicht zu blasen. Dann steckte sie ihm die Flasche zwischen die Lippen, er verzog das Gesicht, doch sie bestand auf dem isotonischen Getränk und der grosse Gitarrist wurde vor meinen Augen zwangsernährt. Während all das gleichzeitig passierte, stand Jagger allein vor einem tobenden Stadion, tänzelte herum, warf sich das Haar aus dem Nacken, wackelte eine wenig mit dem Po und begrüßte eine Stadt, von der ich noch nie gehört hatte. Ich sah ihn mit seinem roten Mantel in grell buntem Licht vor einer schreienden schwarzen Masse wedeln. Meine Perspektive streckte die Zeit ungemein. Lang ist die Minute, wenn ein Stadion tobt. Lang und gewaltig. Gewaltig schön.
Und ich durfte das miterleben ohne zu wissen, warum ich auserwählt war. So wirkt auf normale Menschen die Stimmung in Flugleitzentren, Operationssälen oder in Börsenhallen. Alles hat seinen Sinn, alles ist wohl durchdacht und das Ergebnis für den Betrachter klar und übersichtlich. Der Weg dahin jedoch ist weder zu verstehen noch zu überblicken. Ich war starr vor Staunen, nicht vor Angst.
Das Licht auf den Frontmann änderte jetzt die Farbe, wurde aber nicht schwächer. Er sagte den nächsten Titel an, wobei er sich lasziv seines Gehrocks entledigte und ihn mit ausgestrecktem Arm neben sich auf die Bühne fallen liess. Genau so einen, wie der Dicke auf die Bühne getragen hatte. Und tatsächlich sah ich den jetzt am Boden im Dunkeln neben Jagger robben und das abgelegte Kostümteil holen. Der Ersatz blieb seitlich auf einer Box liegen. Während die beiden Gitarristen wieder nach vorne an die Rampe kamen und das Licht für sie anging, stand urplötzlich ein Helfer im Halbdunkel hinter Jagger und hängte ihm eine akustische Gitarre um. Das war schneller geschehen, als man hinsehen konnte. Sofort stand er wieder im Licht, in seinem rosa Shirt und mit der Gitarre auch von hinten die wandelnde Coolness. Er sagte betont langsam und herausfordernd das nächste Lied an: „Saint Of Me“ . Ein Wagnis im Stadion. So gut kannte ich die Shows, um zu wissen, dass das Blöken aus dem Oval noch zu undifferenziert für diesen Song war. Ich sah ihn von hinten und wusste, sein Gesicht auf dem Monitor log nicht. So ich zeig euch jetzt wie es geht! Schien es zu sagen. Er war drauf, er wollte es wissen. Ein bisschen Geklimper wie für sich, dann die drei ersten Gitarrentöne, dann nochmal und nochmal und schon hing die Gitarre auf seinem Rücken und Richards übernahm. Jagger trieb das Lied voran bis alle drin waren, dann griff auch er in der zweiten Strophe wieder in die Saiten. Ein einfacher Gitarrenreisser, mit dem ich schon auf Abgründe zu gerannt war. Bei „Could you stand in torture, could you stand in pain?“ nahm mich jemand am Arm. „Ach hier sind sie. Ich suche sie schon die ganze Zeit!“ „Wie mich?“ „Ja klar, wen sonst? Alle anderen sind ja auf ihrem Platz.“
Eine Stimme in meinem inneren Headset sagte mir: Nimm es mit und konzentrier dich! Das ist ein Konzert der Rolling Stones und du bist unter der Bühne. Das ist die Stunde deines Lebens! Nimm sie! Doch ich erschrak. Das sollte die Stunde meines Lebens sein? Spürt man die, spürt man auch den Tod. Nie hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, aber es störte mich, dass der grösste Moment einfach so zu kommen schien, ohne das ich ihn gewollt hatte. Jeder der die Stones liebt, will doch erleben, was ich da erlebte. Stimmt das wirklich? Das Leben ist keine DVD.
Ich folgte der dunklen Gestalt im durchsichtigen Labyrinth, vorbei an all den Leuten und Monitoren. Manche lachten mich jetzt an, winkten mir zu, zeigten mir aufrechte Daumen. Das blies Zweifel weg und machte mir Mut. Wir gelangten an einer kleinen Kabine an, die aus schwarzer Folie gebildet war und ich wurde durch einen Schlitz in sie geschoben. Ein Mann mit langem, grauen Zopf und eine junge Frau schienen dort schon auf mich zu warten. Mit warmen Händen griff mir die Frau sofort unter das T-Shirt und klebte Kabel, der Mann begann mich zu schminken. Er sagte: „Wir müssen uns beeilen, er macht heute Druck. Wenn das Publikum pennt, dann fängt er an zu ziehen, bis die Band an die Punkte kommt, wo garantiert alles aufwacht. Dann macht er sie an und wenn sie heiß sind, ist das Konzert vorbei und er lässt sie in einem plötzlich wieder völlig sinnlosen Betonkäfig zurück. Er kann mit einem ganzen Stadion Sex haben. Den Kopf stillhalten! Entschuldige, ich muss dich Café Latte schminken, aber du stehst nachher in sehr weißem Licht. Das tun ja seine Gäste immer.“ Noch ehe ich ihm sagen konnte, ich würde ganz sicher in keinem Licht stehen, stand der kleine Mann mit dem Klemmbrett wieder bei mir. Aus ihm strömte ein Schwall von schnellem Englisch, von dem ich nur einen Teil verstand.“So das wird jetzt Zeit, es kommt noch ein Song, dann macht er die Überleitung und holt dich rauf.“ Jetzt wurde ich doch angststarr. Die Bedrohung tänzelte über mir, machte Musik, die mich sonst Berge hoch trieb und der riesige Tieftöner, der irgendwo vor uns lag, drückte mir in den Magen. Ich übergab mich. Sie wischten mir das Gesicht ab und der mit dem Zopf schminkte mich noch einmal nach, ohne mit der Wimper zu zucken. „Was soll ich da oben? Das ist ein Irrtum! Sie machen einen Fehler!“ Der Kleine sah mich mit grossen Augen an.“Wir machen keine Fehler! Süsser, ich mache das mit denen da oben seit „Steel Wheels“. Sagt dir das was?“
„Ja sicher, ich bin dafür extra ins IMAX gefahren.“ Der Kleine lachte wieder. „Na siehst du, da hing ich oben im Gerüst, wo Mick drin herum getanzt ist. Na zum Glück wird der auch älter.“
Erst jetzt begriff ich, im Grunde gefangen zu sein. Unter dieser Bühne, in dieser Maschinerie und in einem blöden Spiel, das die mit mir trieben. Ich wünschte mir eine Waffe, irgendwas womit ich drohen und mir Platz schaffen konnte. Hier ging es um mein Leben, das spürte ich genau. Und bei aller Liebe, aber ich wollte nicht, dass das jetzt der Höhepunkt meines Lebens werden würde. War Jagger doch des Teufels? War es keine dämliche Attitude und er der Leibhaftige? Wieso konnte dieser Mensch bestimmen, das mein Leben nach diesem Moment nur noch aus Erinnerungen und ansonsten Langeweile bestehen würde? Ich wollte das nicht! Ich fing an zu schreien, ich schrie wie am Spiess in das Mikrofon nahe den Lippen des Mannes, aber nichts war zu hören.
Es kümmerte auch niemanden, gesteuert wurden diese Maulwürfe durch eine Stimme in ihren Kopfhörern. Man schob mich wieder zurück bis vor die Treppe, an der ich vorhin schon gestanden hatte. Der CIA Dicke kam und bürstete mir die Schultern, sein junger Adjutant fummelte an meinen Hosen herum. Ich wusste, er durfte nur dabei sein weil er mit dem Feisten schlief. Das war die Hölle hier! Mein Kopf drehte und wollte zerspringen in einem. Auf einmal fing der Dicke vor mir an zu tanzen, griff mir an die Hüften und nahm mich einfach mit in einen meiner liebsten Grooves. „Gimme Shelter“, ich tanzte und sah von hinten, was nicht zu sehen war. Wie Watts diesem Stück den unnachahmlichen Rhythmus gab. Plötzlich war mir alles egal, ich liess mich fallen und tanzte eng umschlungen mit dem stinkenden Dicken. Sein Gspusi umarmte uns beide und drehte sich mit uns. Lisa machte ihren üblichen Beschiss, der besser klang als der hohe originale Ton und plötzlich war das Lied aus. Die Bühne war jetzt so hell, dass ihr Licht die Treppe voll beleuchtete. Ich spürte vier Hände im Rücken, die mich langsam an die Stufen schoben, während Jagger oben eine Geschichte erzählte. Es habe ja diesen Onlinekarokewettbewerb gegeben und er werde nun, wie versprochen mit dem Sieger „Wild Horses“ singen. Und schon stand ich auf der Bühne, der kleine Mann im rosa T-Shirt nahm mich an die Hand und führte mich unter dem Gejohle von zehntausenden Menschen zu Keith, der mir mit der Faust zart auf die Schulter schlug. Dann gingen wir weiter in die Mitte der Bühne und Jagger stellte mich auf ein am Boden geklebtes Kreuz. Er sagte meinen Namen, der auf einem Monitor stand, schüttelte meine Hand, machte dann diese Bewegung zur Nase, als wolle er Rotz abwischen und wies wieder mit zwei flachen Händen auf mich. Auf den Monitoren stand jetzt OFF. Jagger beugte sich zu mir und fragte kälter als sein Lachen aussah:“Alles klar? Es kann nichts passieren. Wir haben die Aufnahme aus dem Netz von dir und wenn es gar nicht geht, mischen wir wen ganz anderen drunter. Es ist völlig egal was du hier machst, vertrau unseren Leuten.“
Ich fragte ihn, mich schon vor der Masse verbeugend: “Warum ich?“ Er schmunzelte nett an mir vorbei in eine Kamera und zischte:“Weil du so unglaublich normal bist und nicht besser aussiehst als ich.“ Richards begann einfach, Jagger schwenkte die Hüften mit und sang dann die erste Strophe, der zweite Teil war mir und ich brauchte den Monitor nicht. Ich begann, doch kein Ton kam. Ich drückte, presste, nahm all meinen Willen zusammen, doch aus mir kam nichts außer Schweiß.
Also doch der übliche Alptraum: Mir versagt im entscheidenden Moment meines Lebens vor Angst die Stimme. Ich spürte Richards hinter mir und drehte mich um. D a s waren die Augen des Teufels, die mich da gelb ansahen, aber eines sehr lieben. „Sing jetzt, sonst schlag ich dir die Fresse ein!“ Ich drehte mich zurück und fiel einfach in Micks Part ein, egal was auf den Monitoren stand. Und es ging. Ich fing mir seine Pose für Erstaunen ein und wir brachten das Baby im Duett sanft nach Hause.
Plötzlich war die Kuppe des Berges erreicht und ich spürte, seit einer viertel Stunde hinauf gespurtet zu sein. Die Musik hatte mich mitgenommen. Doch jetzt dröhnten meine Ohren zurück und ließen den Player platzen.
Ich riss mir die Stöpsel aus den Ohren und fiel um.
Labels: Erre Erre (nach Anton Möckel)
Samstag, Februar 16, 2008
In einem Zug
Erschrocken fuhr Luise zusammen, als der Kasten über ihr zu rattern begann. Ihr Mann las, wie sie, ohne jede Reaktion von der Verspätung des Citynightline. Für ihr Vorhaben war es gleichgültig, wann der Zug kam. Nachtzüge sind immer zu früh am Ziel.
Nur ein wenig kalt wurde ihr. Nachher im Zug würde sie eine Dusche nehmen. Ja, zuerst eine Dusche, dann einen Tee, nein, einen Grog, sie wollte weich und warm sein für die Nacht. Später würde sie noch einmal duschen und am Morgen vor dem Aussteigen ein weiteres mal. Nicht, weil sie spiessig das Deluxeabteil bis zum letzten Tropfen warmen Wassers ausnutzen wollte, nein im Gegenteil, jede der Waschungen würde nötig sein. Eben weil sie ihr Kleinbürgertum mit dieser Reise überwänden.
Paul, ihr Mann, sah aus, als spiele er einen Wartenden. Von der Uhr wanderte sein Blick auf die Anzeige, dann das Gleis hinauf. Dann wieder von vorn, als hielte ihn dieses Dreieck aus Blicken. Luise lachte über das schlechte Theater, genauso, wie über den leeren Rollkoffer, der neben ihm stand. Nur durfte sie nicht das leiseste Zucken dieses Lachens sichtbar werden lassen. Zum Glück war er kein Schauspieler geworden, sondern ein guter und beliebter Gymnasiallehrer. Es war vor dreissig Jahren eine ihrer ersten Aufgabe gewesen, ihn, den sie in der Studentenbühne kennen gelernt hatte, vorsichtig davon abzubringen, auch nur den Versuch zu wagen, die Germanistik zu schmeissen und die Eignungsprüfung an einer privaten Schauspielschule zu machen. Schon damals sah sie deutlicher als er selbst, wo die wahren Talente dieses grossen, kräftigen Mannes lagen. Sicher nicht darin, fremden Text aufzusagen oder gar zu versuchen aus aufgeschriebenen Worten sichtbare Gefühle zu machen. Ein Sache von ihrem Kern aus und gründlich erarbeitend, hatte er alle verfügbaren Schriften Stanislawskis gelesen und verinnerlicht. Geblieben war die Liebe zu Luise und ab und an ein Requsit. In dieser Masse Paul wohnte eine ganz feine Seele, von der sie nicht sicher wusste, ob sie ertrüge, was ihm bevorstand. Noch konnten sie das Abenteuer einfach ausfallen lassen. Vielleicht war ja der verspätete Zug ein Zeichen. Aber sie gab nicht viel auf Omen von ausserhalb ihrer selbst. Würde sie mehr seiner Angst spüren, bräche sie die Aktion ab, doch ihr Mann schien zwar sehr angespannt und konzentriert, in der Hauptsache aber entschlossen wie sie, das Angefangene zu Ende zu führen. Und begonnen hatte dieses Abenteuer schon vor Monaten in den Nächten am Rechner. Wie schmählich wäre ein Rückzug jetzt, wo die vielleicht verrückteste Unternehmung ihres Lebens ihren Lauf nahm.
Paul lachte in sich hinein, atmete tief, wie er es von Luise gelernt hatte, liess jeden Gedanken über das Verhältnis von Pünktlichkeit und Preisen der Bahn aus sich heraus strömen und sagte ein paar Gedichte auf. Gekonnt liess er seinen Blick den eines Wartenden sein. Sicher glaubte seine Frau, in ihm gehe wieder der Traum vom Schauspieler durch, von dem sie glaubte, es sei gut so und ihr Werk, dass er nie wahr geworden war. Er liess ihr den Glauben und wusste selbst besser als jeder andere von sich selbst, genau im richtigen Leben zu stecken. Wegen der Frau an seiner Seite, für die er in dieser Nacht durchs Feuer gehen würde. Auch wenn sie ihm nicht glaubte, er fand die Inszenierung nur für die Mitwelt wichtig. Schliesslich waren sie ein bekanntes Paar in der Stadt, die nicht gross genug war, dass nicht irgendwer sie sähe und es sich in Kreisen ausbreiten würde, sie stünden ohne jedes Gepäck am Bahnsteig und warteten auf Nachtzüge. Er brauchte den Koffer nicht, er war heute Abend der Beschützer . In der rechten Manteltasche lag schwer die kalte Pistole. Wenn schon Rollen, so sah er diese als die wichtigste an. Er würde seine Frau in dieser Nacht beschützen und liess sie glauben, er wolle Zeuge sein.
Das würde am schwersten werden. Stummer Zeuge zu sein und nicht einzugreifen. Aber so war es abgemacht. Sie wagten einen Gang auf Eis, von dem sie nicht wussten, wie tragbar es war. Manche machen so etwas professionell. Sie nicht. Sie waren blutige Anfänger. Das war wohl ihr Geheimnis, der Grund, warum es diese Liebe seit dreissig Jahren immer wieder neu gab: Luise brachte es fertig und stellte sie immer wieder vor neue Anfänge. Er wusste, diese Nacht würde wieder viel zwischen ihnen verändern, da sie beide ihre Liebe auf die Probe stellten. So verstand Paul seine Frau seit dreissig Jahren. Immer wieder schob sie ihre Liebe auf Glatteis, nichts war dann mehr so wie es doch immer und bis eben gerade gewesen war. Und es tat nur genau so viel weh, wie es wehtun musste. Heute Nacht würde es viele Schmerzen geben, aber das war nötig. Paul sah sich seine kleine Luise von der Seite an. Fast jeder Tag mit ihr war wie eine Bestätigung seiner Liebe gewesen. Und die der letzten Monate mehr denn je. Immer dann, wenn Luise spürte, sie waren auf einem falschen Gleis miteinander, griff sie kräftig in die Räder ihrer gemeinsamen, komplizierten Mechanik und stoppte den Zug ihres Paarseins. Oder setzte ihn wieder in Bewegung, wie jetzt, wo er zum Stehen gekommen schien. Dieses kleine Bündel Kraft. Mit Bewunderung sah er auf seine Frau, bei der das Alter auch in zehn Jahren, also mit Anfang sechzig keine Rolle spielen würde. Es machte wohl ihr Beruf, die viele Bewegung in den Tanzstunden, das viele Yoga und meditieren, das sie so sportlich und fest aussah. Dazu der dunkle Teint, das schwarze Haar, das noch schöner war, seit es diese kräftige graue Strähne durchzog. Ja, er liebte den Körper seiner Frau, der Abbild ihrer starken, säulenartigen Seele war und sicher würde er sie auch bald wieder begehren.
2
Der Ältere füllte die Doppelkabine stehend im Grunde genommen aus, der andere sass mit angezogenen Beinen auf dem noch zum Sitz geklappten Doppelstockbett und sah, soweit es ging, vorbei an seinem Bruder hinaus in die beginnende blaue Stunde im Rheintal, hinter dem vor ein paar Minuten die Sonne spektakulär in Frankreich erloschen war. Er spürte, wie unwohl seinem grossen Bruder war und mochte sich gar nicht vorstellen, wie der in einem solchen Abteil schlafen wollte. Zum Glück würde das nicht nötig sein, sie waren nicht zum Schlafen eingestiegen. Friedrich sah auf die Gleise, die nah neben ihnen liefen, sich kreuzten, verzweigten und wieder in ewiger Parallelität liefen. Er sagte es seinem Bruder und fügte an: Auf ewig gleich weit weg voneinander in eine Richtung, da kommst du dann in Zustände, wie unsere Kunden heute nacht. Der angesprochene Fels blieb stumm und fest auf schwankendem Grund. Der Zug schaukelte über ein Weichengeäder, doch die Reste des schon gedämpften Rüttelns, verschwanden in den kaum bemerkbar ausgleichenden Bewegungen seiner Muskeln. Der kleine Bruder war schon froh, bekam er keine blaffende Antwort zurück. Bis gerade hatten sie gestritten und Anton starrte irgendwohin ins ständig wechselnde Bild vor sich, also in sich selbst. Friedrich kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, er brauchte jetzt Zeit. Irgendwann würde Anton mit seiner Antwort kommen. Eigentlich war die gar nicht so wichtig, denn natürlich kann auch er, Friedrich selbst, den Job machen. Nur hat er eben viel weniger Erfahrung in dem. Eigentlich gar keine. Aber was solls, er ist der kleinere und jüngere von beiden, und von Anfang an somit auch der Beweglichere. Für ihn sass Anton schon immer in einem schmalen Boot und ruderte einfach, mit dem Rücken zum Ziel. Stur und monoton, höchstens mal die Schlagzahl ändernd. Dieser Sport schenkte ihm zwar herkulische Kräfte, aber eben auch den ewigen Blick auf den festen Nacken des Vordermannes. Anton war Juniorenlandesmeister in verschiedenen Klassen gewesen, jetzt trainierte er für den nationalen Achter, aber nur als Reserve. Anton war Friedichs erster Kasus als angehender Psychologe, sieht man mal von den Mädchen ab. Er der Kleine, war es, der dem Bruder ganz, ganz langsam beigebogen hatte, dass man an den Ausstieg im Leistungssport auch dann denken muss, wenn man längst noch nicht alles erreicht hat, was man will. Nun wird er Lehrer. Da er es sowieso fliessend spricht, ist sein Zweitfach Englisch, Hauptfach natürlich Sport. Und Anton genoss die Studienzeit, anstrengen musste er sich nicht. Und hatte Zeit für viel Unfug und viele Frauen. Die strömten nur so zu ihm, ein Fluss gegen den Anton nicht ruderte, sondern in den er sich immer wieder warf. Er nahm, was er haben konnte und hattte einen gewissen Ruf, nicht nur im Achter Ausdauer zu haben. So kamen sie letztlich auch auf die Idee, die sie nun in dem engen Abteil schmoren liess.
Doch jetzt war der Grosse beleidigt. Für Friedrich kam die Änderung im Programm wenig überraschend, er hatte sich im Grunde die ganze Zeit gewundert, das es nicht so laufen sollte. Klugerweise hatte er seinem Bruder erst nachdem sie in den Zug gestiegen waren, erzählt, was auf ihn zukäme. Auch wenn Druck selten gut ist, für den Moment war es nicht schlecht, dass es für ihn kein Entrinnen gab. Friedrich wusste sogar, was es Anton jetzt so schwer machte, überhaupt zu reagieren. Er, das Körper gewordene Selbstbewusstsein, muss ihm, dem Kleinen mit den verrückten Ideen, sagen, dass er das Vorhaben unter den neuen Bedingungen einfach nicht realisieren kann. Er muss mir sagen, dass er nicht k a n n, vermutete Friedrich. Dabei war es ja der Grosse gewesen, der auf den Kern der Idee gekommen war. Aus ehrlichem Interesse liess er sich von Friedrich über seine Abschlussarbeit im Nebenfach Soziologie genau unterrichten. Staunend hatte er sich die Antwortbögen und Briefe von Teilnehmern an Kontaktbörsen angesehen, die über ihre Motive berichteten, anonymen Sex mit Fremden zu suchen. Friedrichs Theorie und Grundlage der Arbeit: Die meisten, die verantwortungslosen Spass als Motiv angaben, waren letztlich Einsame, ob nun allein oder im Paarmodus. Sie suchten Liebe und wussten es nicht. Ein Teufelskreis. Nicht weniger als Friedrich selbst verblüffte ihn die Offenheit der Berichte. Dessen schöne Hypothese teilte er nach der Lektüre jedoch nicht. Trotzdem fand er, das seien doch arme Schweine, die sich ihr Vergnügen so holen mussten. Wo bleibt der Spass an der Jagd? Hatte er den angehenden Psychologen gefragt, der selbst kein Kostverächter war, nur andere Arten von Fallen aufstellte. Trotzdem verbat er sich den Vergleich zu den intellektuell-sexuellen Beziehungen, die er pflegte. Erst in diesem Gespräch war zu Tage getreten, dass der anonyme Sex etwas völlig normales für seinen grossen Bruder war. Wozu muss ich da ins Internet? Da gehe ich in die Mensa, die Bibliothek, auf eine Party oder zur Not in eine Bar. Und bloss weil du den Mädels erzählst, wer sie seien, ist das noch lange nicht nichtanonym. Weil, du erzählst ja nur, was du schon alles gelesen hast und machst sie kirre. Kennst du, wen du fickst? Diese Frage hatte sich Friedrich noch nie gestellt und staunte ein wenig über seinen grossen Bruder, der doch mehr als nur rudern konnte. Und der war es auch, der einhakte, als Friedrich ihm auf den Seiten zeigte, woran man Professionelle erkennt. Gibt es da auch Männer, die das machen? Wieder staunte der Kleine. Männer die das verkaufen findet man nicht so gut. Es gibt auch viel weniger. Ist doch klar, sieh dir die Massen von Männern an, die sich kostenlos anbieten.
Bei vielen Bieren unter einem Lindenbaum, an einem Zweiertisch um ungestört zu bleiben, erläuterte ihm der Ruderbruder, dass, wenn kein Angebot zu finden ist, nicht unbedingt schlüssig sei, dass es keine Nachfrage gäbe. Immerhin seien das ja heikle Themen. Und genauso wie sich gepiercte Schwänze und Dauererigierte präsentierten, genauso wie die dreiunddreissigjährige fette Elke die endlich defloriert werden wollte oder die „beschnittene Ficksau“ die einfach Geld machte, irgend wen fänden, der sich ihrer annähme, gab es doch garantiert welche, die es, warum auch immer, von einem Mann für Geld gemacht bekommen haben wollten. Friedrich lachte: Ja jede Menge Männer suchen das! Doch Anton widersprach ihm. Ich glaube eben da gibt es auch Frauen!
Immer klappte es scheinbar nicht in der Bibliothek und bei Partys, denn irgend woher musste die chronische Geldnot des Bruders ja kommen. Sie soffen und sponnen die ganze Nacht weiter und jetzt kniff der Grosse.
3
Luise hatte staunend eine warme Dusche im Abteil genommen. Sie war noch nie in einem Schlafabteil mit Bad gewesen und genoss es, nackt hinaus auf die vorbei eilenden Lichter irgendwelcher Nirgendwos zu blicken. Auch den Begrüssungssekt hatte sie umwandeln können und gerade klopfte es. Ihr Mann nahm den Grog entgegen und zeigte ihn ihr. Sie lachte und drehte sich vor ihm, seifte sich hier und da und es gefiel ihr, dass ihr Mann sich noch immer nicht satt an ihr sehen konnte. Das war schön. Kurz überlegte sie, die nächste Variante nochmal, das Ganze abzubiegen. Schliesslich hatte sie sich die möglichen Abläufe dieser Nacht immer wieder überlegt. So wie sie wusste, zuerst würde sie diese Dusche ausprobieren, war ihr auch das Bild gekommen, ihr Mann würde ihr dabei zusehen. Nun tat er es und nichts geschah. Nichts weiter. Sie machte schon das genügend an und früher hätte genau jetzt eine lange, unruhige, genussvolle Nacht ihren Anfang genommen. Könnte es auch jetzt, denn im Grunde war ihr Mann noch immer der hingebungsvolle Liebhaber von damals. Er würde sie problemlos durch viele Gärten der Lüste führen, während sie Deutschland durchquerten. Ja, er kannte die Wege alle, sie zu befriedigen, sie zum Schreien an sich selbst, zum Aufbäumen, Klammern und Beissen zu bringen, konnte aber nicht mehr alle gehen. Sie waren in eine dumme Schlaufe geraten. Mit den Jahren hatte es sie immer weniger anregen können, dass er genau wusste, wie mit ihr umzugehen war und mehr Geduld als Gier in sich zu tragen schien. Er hatte ihr allein durch seinen Langmut und seine Ausdauer Orgasmen verschafft, die jenseits jeden Bewusstseins, ihr mehr als nur Bewusstlosigkeit gebracht hatten. Durch ihn hatte sie sich in Farben gesehen und Gefühle erlebt, die definitiv nicht von dieser Welt waren. Aber irgendwann war es vorbei mit dem Steigern und es war immer schwieriger geworden für ihn, ihre Lust zu befriedigen. Und dann hatte sie den Fehler gemacht, von dem sie nie geahnt hätte, das es einer wäre. Sie hatten gerade abgemacht, die Leibesübungen aus dem Tantrakurs nun wieder zu lassen und einfach ihrer Fantasie zu vertrauen, da war wieder so ein Abend gewesen und sie sah wie er eine seiner feinsten Übungen vorbereitete. Aus Decken und Kissen hatte er ein Lager am Schiebetürschrank gebaut, an den er sie in eine Art Kopfstand lehnen und von oben weit spreizen würde, um sie in aller Seelenruhe, ganz langsam, erst mit feinster Zunge, dann immer heftiger mit der Nase und letztlich dem ganzen Kopf zu ficken. Doch für einmal wollte sie das nicht und sagte: Nein lass und zog ihn einfach auf das Parkett ihres Schlafzimmers. Komm nimm mich einfach. Das hatte er nämlich schon sehr lange nicht mehr getan und an diesem Abend wurde es offenbar. Ganz offensichtlich konnte er es nicht auch nicht mehr. Bestenfalls war er in der Lage, durch ihre lauten Lustellipsen ganz langsam in Fahrt zu kommen, aber er brachte definitiv nichts zu Stande, was ihn in die Lage versetzt hätte, sie schlicht und ergreifend zu ficken. Im Verlaufe bezeichnete er sich als impotent und weinte auf dem Bettrand. Da hatte sie ihm versprochen, dass nichts sie trennen könne, schon gar nicht diese kleine momentane Unpässlichkeit des Leibes. Die Dysfunktion des kleinen Körperteils, der bei ihren sehr speziellen Begegnungen sowieso nie die Hauptrolle gespielt hatte. Doch umso länger der immer liebevoller Betreute nicht ansprach, ja immer kleiner zu werden schien, umso mehr wuchs in ihr die Lust auf seinen erigierten Schwanz, die eine regelrechte Gier wurde. Sie versuchten es mit allerlei Mitteln und Tricks, von scharfen Speisen, über Aphrosidiaka aller Art bis letztlich zum Viagra, dass ihr Mann aber denkbar schlecht vertrug. Offen und frei gingen sie mit dem neuen Problem um, doch das Gefühl des Unvermögen war ihm nicht mehr zu nehmen. Und dann ging gar nichts mehr. So waren sie in diesem Luxusabteil gelandet und sie wusste längst, auch diese für sie neue ungewöhnliche Umgebung würde nichts bei ihm bewirken. Nicht das, was sie begehrte. Einen Fick. Erst nach ihrer Menopause und seinem Unvermögen war in ihr das kaum zu stillende Verlangen nach regelrechtem und einfachem Beischlaf entstanden. Manchmal musste sie in Ansicht der wohlverpackten Männlichkeit ihrer Tanzeleven die Toilette aufsuchen, um sich zumindest in der Phantasie einem dieser Jungen und seinem unbeherrschten Drang hinzugeben. Die realen Annäherungsversuche ihrer Schüler wehrte sie selbstverständlich ab, wie sie es schon immer getan hatte.
Paul wurde traurig beim Anblick seiner schönen Frau und setzte ich in den Drehsessel am Tisch. Das wäre ein Platz zum Schreiben, dachte er sich und wurde noch trauriger. Hinter ihm duschte seine so reizvolle Frau und er sah hier aus den Oberfenstern auf die vorbei eilenden Oberleitungen, goss sich ein Bier ins Glas und dachte an Schreiben. Was war nur aus ihm geworden! Er hatte den Mantel noch an und ging kontrollierend durch die Taschen. Alles war an seinem Platz. Die kleine Kamera, die ebenso kleine wie schwere Pistole, sein Telefon und in der Innentasche das Geld. Er betastete den Umschlag. Früher hätte es noch geknistert, aber Euros taten auch das nicht mehr. Eintaussendfünfhundert, nicht billig ihr Abenteuer. Extravaganz kostet halt, hatte der junge Mann am Telefon nur gesagt. Vielmehr als das und die Bedingungen war es nicht gewesen, was er mit dem Fremden gesprochen hatte. Und war nicht traurig drum.
Irgendwo hier in diesem Zug würde er schon anwesend sein. So unangenehm wie prickelnd war dieser Gedanke und erregte Paul schon ein wenig. Vielleicht sollte er doch absagen und einfach seine Frau...Er verwarf den Gedanken sofort. Zu oft schon hatte er dieses berühmte leichte Ziehen gespürt und zu oft erfahren, das es zu nichts weiter führte, als einer weiteren Blamage.
4
Ich kann das nicht! Friedrich war nicht verwundert, dass das die ersten Worte waren, die sich aus seinem grossen Bruder pressten, dessen Unwohlsein nicht mehr in das Abteil passte. Ich kann das einfach nicht! Und es war auch nicht so abgemacht!
Was kann ich dafür? Antwortete Friedrich. Wenn der Kerl plötzlich sagt, er will dabei sein, dann kann ich absagen oder den Preis verdoppeln. Letzteres habe ich getan. Vergiss nicht, allein die Fahrkarten kosten fast zweihundert Euro.
Die zahl ich dir. Aber ich gehe nicht da hoch. Ich mach das nicht!
Du kannst nicht! Erwiderte Friedrich spitz. Zumindest wenn dir einer zuschaut.
Mein kleiner Psychologe nimmt das Maul ziemlich voll. Dann geh du doch, Grossmaul.
Am Ende wird mir ja gar nichts anderes übrig bleiben. Erwiderte der Kleine. Nur befürchte ich, dass gleiche Problem zu haben wie du. Ich bin ein Feingeist und errege mich erst, spüre ich den Widerstand, das Winden des Fischleins an der Angel. Ich muss die Worte hören, die noch andere sind, als das, was ihre Augen schon sprechen. Ich bin doch kein Zuchthengst! Wie du... fügte er besser nicht noch hinzu, er spürte, wie sich die vielen Muskeln seines Bruders anspannten. Ein Schlag von ihm war nicht ungefährlich. Wenn Stoiker ausser sich geraten, morden sie. Einlenken war angesagt.
Weisst du, ich kriege einfach keinen hoch, wenn ich zu irgendeiner Fremden ins dunkle Abteil steige. Ich habe da nicht deine Übung. So mental. Na und körperlich auch nicht. Du bist doch hier der Hirsch! Zu dem könnte das unsere Mutter sein!
Jetzt hatte er die Pranke des Ruderers doch am Hals. Sag das nicht nochmal! Und für deinen Schwanz habe ich was. Hier nimm so eine Pille. Nach zwanzig Minuten steht dir was, von dem hättest du bisher nicht mal zu träumen gewagt.
Ach du je. Friedrich sah das erste Mal in seinem Leben ein Viagra und erkannte es doch sofort.
Wenn du willst, dass wir das Ding durchziehen, musst du es nehmen und alleine gehen. Ich kann es nicht. Hättest mich mit ihm telefonieren lassen sollen. Dem hätte ich schon gesagt, was geht und was nicht.
Friedrichs Handy bimmelte. Es klang fremd, denn es war das zweite, das neue fürs „Geschäft“. Er schrak zusammen, warf die Pille hinter, schluckte, drückte den Knopf und sagte mit tiefer Stimme: Ihr Service.
5
Luise trocknete sich gründlich ab, rieb sich mit dem Tuch und spürte immer mehr Lust in sich wachsen. Das war jetzt wohl der berühmte Reiz des Abenteuers. Und komisch, sie würde gleich mit einem wildfremden Mann Sex haben, oder es zumindest versuchen. Die Lust aber kam durch ihren Mann und Beschützer. So verrückt es klang, sie tat das für ihn. Paul hatte das seltene Talent, selbst erst in Fahrt zu kommen, ging es ihr gut. Dieser Regelkreis ist tückisch, verwöhnt worden war sie sexuell wohl ausreichend bis ans Ende ihrer Tage. Ausgelutscht, wie sie zu Paul mal gesagt hatte, bevor sie sein immer wohl rasiertes Kinn aus ihrem Schosse gehoben hatte. Da hatte begonnen, was sie jetzt konsequent zu Ende führten. Sie zog nur den Bademantel an, der bereit hing. Schon verrückt, was es in Zügen so gab. Schade hatten die nicht noch eine Sauna. Sie umschloss ihren Grog mit den Händen und setzte sich zu ihrem Mann. Schatten fremder Bahnhöfe huschten über sein Gesicht. Was hat er gesagt?
Das er in der nächsten halben Stunden kommen wird.
Und was noch?
Das alles dunkel sein muss. Du sollst am Schreibtisch stehen. Und er hat gefragt, ob ich das Geld dabei habe. Was Leute alles für Geld machen! Er nahm ihr die Tasse aus der Hand. Und du willst das wirklich Luise? Sag es mir noch einmal.
Ja Mann, ich will das jetzt ein Fremder hier herein kommt, den ich nicht erkenne und der mich nicht sieht. Ich will das er nach mir greift. Sofort. Ich will das er sich Zugang sucht, auch wenn es wehtut. Ich will, dass mich dieser Fremde fickt. Doch vor allem will ich, dass du mich dabei beschützt. Lass dir nichts entgehen und pass auf mich auf. Und wenn es dir zu bunt wird, dann brich es ab. Ja Paul? Das ist sehr wichtig! Die Macht hier hast du! Und ganz zum Schluss, da will ich, dass er dein Geld nimmt. Dein Geld Paul für diesen Fick. Ich will das du ihn bezahlst. Und wenn er es hat, dann machen wir das Licht an und sehen uns den Strizzi mal an. Das will ich. Und mach die Patronen aus der Pistole.
Aber es sind nur Knallpatronen.
Sie setzte sich rittlings auf ihren Mann. Mach sie trotzdem raus und dann reib mich mit dem Ding bis der Typ kommt. Ihr Mann tat wie ihm geheissen. Alle Sinne gespannt machte er seine Frau warm mit dem kalten Eisen. Wissend das eine Patrone noch im Magazin steckte.
6
Es ist unglaublich, die haben tatsächlich das Abteil über uns. Hättest du vorhin nicht deinen kleinen Bock gehabt, hätten wir sie uns ansehen können. Wäre sicher auch lustig gewesen. Okay, die Knete hat er dabei. Wofür Leute so alles Geld ausgeben. Und du kannst wirklich nicht?
Ich will nicht! Erwiderte sein Bruder irgendwie flehend. Merkst du schon was? Wirkt es?
Wenn die Wirkung ist, dass einem die Augen jucken, der Puls immer schneller wird und sich eine Klammer um den Kopf legt, ja dann wirkt es. Aber sonst auch.
Ja, spürst du was? Meldet er sich? Klar hat es Nebenwirkungen, aber im Kern funktioniert es.
Na eine Erektion würde ich das nicht nennen. Da fehlt wohl noch der Anlass für. Aber für eine Nichterektion ist er schon ganz schön fett. Und du meinst die Kopfschmerzen gehören dazu?
Ja, ja bei den meisten. Antwortete sein Bruder. Hier nimm noch ein Aspirin. Da geht das Kopfweh weg und dein Blut wird beweglicher.
Was du so alles in den Taschen hast. Und ich dachte Ruderer leben von Powerriegeln und Sex. Wo hast du eigentlich das Viagra her? Brauchst du das?
Woher ich das habe, erzähle ich dir später mal. Nein ich brauche es nicht, wollte es aber mal probieren.
Das verstehe ich nicht, brauchst es nicht und probierst es? Wozu.
Der Grosse verdrehte die Augen. Es gibt Momente, nein, es gibt Frauen da ist es ganz praktisch, wenn man länger kann als man eigentlich kann. Aber wie gesagt, ich habe das nur probiert. Wollte sehen wie es ist. Wir können ja nachher unsere Erfahrungen austauschen. Wie machen wir es mit dem Alarm?
Handy. Ich habe deine Nummer als Schnellwahl gespeichert. Und ich verlange, dass sie die Tür nicht verriegeln. Lass deine am besten ganz offen, dann hörst du ja auch, falls was schief geht. Ein Sprung und du bist in der Kabine. Auch falls der Ärger mit dem Geld macht kommst du. Hast du das Messer?
Hab ich. Im Stiefelschaft, wie es sich gehört. Bist du aufgeregt, Kleiner?
Kann ich nicht sagen, ich glaube mein Herz rast von der Pille so. Ich bin einfach tierisch gespannt.
Der Grosse nahm den Kleinen in den Arm. Du machst das schon! Und ich bin ja da. Das Geld ist dann übrigens dir.
Darüber reden wir nachher. In Hannover oder so. Ich bleibe keine Minute länger in dem Zug als nötig. Also wünsch mir Glück. Und bleib wachsam!
Mach ich. Beides.
Friedrich besah sich im kurz im dunklen Spiegel und verliess entschlossen das untere Abteil. Zwei Sekunden später setzte er eine Art Stossgebet ab und klopfte an die Tür des Luxusabteils direkt über dem ihren. Wie der Weihnachtsmann, dachte er und hielt sich am Geländer fest.
7
Paul sah sich noch einmal um und öffnete ihm die Tür so, dass er hinter ihr blieb. Ganz dunkel habe ich gesagt! Sonst läuft die Sause nicht! Friedrich wies auf die zwei Spalte, die Paul in den Oberlichtern gelassen hatte. Er ging vorbei an seiner Frau, die mit Blick auf die Rollos stand und tat was verlangt worden war.. Jetzt erst war es stockdunkel im Abteil, der kleine Mann in der Tür nur ein Schatten.
So und jetzt kusch dich in die Ecke, Spanner! Sagte Friedrich mit tiefer Stimme, betrat die Reisesuite und zog die Tür hinter sich zu. Vor ihm stand eine kleine Frau im Bademantel. Schade tat ihm der Kopf so weh. Er hatte Mühe zu analysieren was mit ihm geschah. Denn eigentlich hatte er es die ganze Zeit selbst machen wollen, was er alles in den die Berichten gelesen hatte. Er fand keinen Namen für das was ihn trieb. Zur Sicherheit griff er nochmal nach dem Handy. Es war das Falsche. Mit dieser Nummer hatte er die Verhandlungen geführt. Der Notfallknopf war auf dem anderen geschaltet. Egal. Jetzt war er das wilde Schaf. Einer seiner Lieblingsfilme. Langsam ging er auf die Frau zu, die jünger zu sein schien, als er erwartet hatte. Seine Hand wollte zuerst auf ihre Schulter, auf der sehr dunkles Haar lag. Doch dann besann er sich seiner Rolle und liess die Hand langsam über ihren festen Po zum Saum des Bademantels gleiten und wanderte mit ihm an den Innenseiten der Schenkel wieder nach oben. Die andere stiess ihren Oberkörper nach vorn über den Schreibtisch. Friedrich spürte drei Klopfen. Eines in seinem prall gefüllten Schwanz das andere im Kopf und sein Herz raste auch. Er hatte das Gefühl, es wäre auch ohne das Mittel gegangen. Jetzt nur nicht zu schnell. Die wollte, also sollte sie warten. Er blieb mit der Hand auf ihrem Schenkel und griff fester zu, die andere suchte ihren Mund. Sie stöhnte auf. Er hörte ein: Ja!
Ein Blitz liess den Raum erstarren. Friedrich sah sein verzerrtes Gesicht, die Dusche und das dumme Schwein mit dem Fotoapparat auf der Bank in die Scheiben geätzt. Unbändige Wut liess ihn herum springen. Er stürzte sich auf den Mann und griff nach seiner Gurgel. Habe ich nicht gesagt, keine Kamera! Habe ich das nicht gesagt?
Er schüttelte den Mann, der mindestens so gross wie sein Bruder war. Der versuchte ihn loszuwerden. Immer fester krallten sich Friedrichs Hände in den dicken Hals. Ich kill dich, ich bring dich um, du impotenter Wichsfrosch du. Die Frau versuchte ihn von ihrem Mann wegzuziehen. Das verstärkte Friedrichs Raserei nur noch. Er kannte sich nicht mehr, würgte den Fremden und versuchte ihm gleichzeitig das Knie in die Eier zu drücken. Das Menschenpaket verlor das Gleichgewicht und rollte zu Boden. Dann löste sich ein Schuss. Sekunden später flog die Tür auf und Anton warf zuerst die Frau gegen die Duschkabine, deren Plexiglas barst. Dann schob er seinen Bruder zur Seite, hockte sich auf Paul und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Der schiesst! Stammelte sein Bruder. Das Licht ging an. Für einen Moment stand die ganze Szenerie still. Dann schrien sie alle den selben Schrei. Alle vier. Starr blieb Luises Hand auf dem Lichtschalter. Starr auch der Blick Friedrichs auf seine Mutter. Anton liess von seinem Vater ab. Mit grossen Augen schienen alle vier dem gedämpften Rattern der Räder zu lauschen. Luise war es, die als erste in Lachen ausbrach. Immer stärker quoll es hysterisch aus ihr. Es wandelte in einen Weinkrampf, als die Tür von aussen verriegelt wurde. Friedrich setzte sich zu seiner Mutter neben die kaputte Scheibe und hielt sie. Anton brachte dem Vater ein Handtuch für die blutende Nase. So fanden sie die Beamten der Bundespolizei vor, als sie das Abteil in Frankfurt stürmten.
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Die Protokolle, die dort getrennt aufgenommen wurden, waren ohne jede Absprache so gleich wie unglaubwürdig. Sie hätten während eines Familienausflugs nach Hamburg Quatsch gemacht, wobei sich eben ein Schuss aus Pauls Schreckschusspistole gelöst habe. Der leere Koffer blieb ohne wirkliche Erklärung. Man wolle Einkaufen. Keiner klagte keinen an. Es blieb nur die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Paul. Die beiden Waffen wurden requiriert, dann schickte man die Familie zurück in den kalten Bahnhof. Im ersten Zug des Tages nach Süden, sassen die vier lange stumm voreinander . Dann fragte Friedrich seinen Bruder: Und woher hattest du eigentlich das Viagra? Der Vater sah den Grossen beschwörend an.
Also ist er doch sein Lieblingssohn, dachte Friedrich und begann laut zu lachen. Das löste die Spannung bei allen. Die Morgenpendler störten sich an der albernen Familie, die von einem Lachkrampf in den nächsten verfiel, während sie einem neuen Tag im alten Trott entgegen fuhren.
Donnerstag, August 16, 2007
Kalte Fragen
War das mein Ziel? Die Weite aufsaugen bis meine Enge an ihr zu platzen droht, um sie daheim zerbeult und verdrückt wieder hervor zu würgen? Sprudelnd berichten, wovon ich nicht berichten kann und dabei übersehen müssen, wie wenig meine Frau den Furor teilt, für Höhenwege, die sie nie ging.
Ich habe keine Frau. Zum Glück habe ich überhaupt niemanden, dem ich versuchen wollte zu erklären, was ich gerade erlebe. Was erlebe ich denn? Ist es der freie Blick hinunter in die Welt oder nur die Freude, mich so weit von ihr entfernt zu haben? Die dünne Luft kann es nicht sein, auf meinem Weg ist Höhenrausch nicht vorgesehen. Was macht mich dann euphorisch? Der weite Blick des Königs übers Land? Das ist nicht mein Land. Dies nicht und kein anderes. Erhebt mich die Einzigartigkeit des Augenblicks zum König? Wo bleibt die Einzigartigkeit, wenn ich sie erkenne? Diesen Blick haben nicht viele, im Moment habe nur ich ihn.
Macht mich das froh?
Macht mich das frei?
Die Autobahn auf der ich täglich rolle, zieht eine grobe Naht durchs Land. Von der lockte mich der Berg, dessen Spitze wie eine Jacobinermütze zur Seite fällt. Eingesperrt zwischen den Leitplanken war genügend Zeit mir seinen Gipfel anzusehen, während vor uns Genervten Leichen aus dem Weg geräumt wurden. An diesem letzten Abend für fünf Hip-Hop Freunde lernte ich den Berg kennen. Die Alpen glühten, doch sein Zipfel blieb dunkel, er neigt sich nach Südosten. Ich verglich ihn, der seit Jahren täglich im Augenwinkel mitfuhr, mit seinen grösseren Nachbarn, deren Höhen man irgendwann auswendig kennt. Er musste zu erreichen sein. Daheim suchte ich in den Karten und fand tatsächlich einen ganz normalen Wanderpfad. Das war wichtig. Nicht mal ein Seil habe ich dabei und wüsste auch nicht wie damit umgehen. Heute bin ich mein eigener Knecht und trage den Herren, der in mir ist, den Berg hinauf. Das macht mich glücklich.
Ist es denn Glück? Oder nur Befriedigung? Kann ich das unterscheiden?
Geht es mir noch um Glück?
Was lässt mich schwelgen? Doch Freiheit? Kann ich Freiheit empfinden, wenn ich Unfreiheit nicht spüre? Oder bin ich frei, zwischen Leitplanken auf Beton in zwei Tonnen Stahl? Gehöre ich nicht zu den Millionen Unterbelichteten, die nicht einmal bemerkten, dass sie eingesperrt waren? Von Kindheit an von kleinen Lautsprechern umgeben, den "Antifaschistischen Schutzwall" im Ohr, sahen viele die Mauer gar nicht. Mir war sie dunkel anziehendes Substrat all der Merkwürdigkeiten im Land, die auch einem Jungpionier schon auffallen konnten. Erst als ich sie hinter mir liess, um mir von fränkischen Autohändlern das Wesen des Kleinkredit erklären zu lassen, war sie mir egal. In Paris habe ich gedacht, was ich hier von den Bergen brüllte: "Und das wollte Honecker mir vorenthalten!"
Hier oben ist keine Mauer. Nach Norden geht mein Blick unbegrenzt, bis ihn die hohen Nebel stoppen. Hinter mir erhebt sich der Zipfel. Ist freie Sicht die eigentliche Freiheit? Genau vor der hatten die Genossen doch Angst. "Du hast ja ein Ziel vor den Augen", so ging eines der Lieder, das auch die lernten, die es nie mitsangen. Der Blick war verstellt mit einer Mauer an die in einer vierzigjährigen Schlaufe hehre Ziele projiziert wurden, bis man sie für einen Teil der Realität hielt. Völlig egal ob man dafür oder dagegen war.
Ist Freiheit, gehen zu können wohin man will? Oder beginnt Freiheit erst, wenn man auch wieder zurück kann? Aus der DDR konnte man überallhin reisen, musste aber als erste Station das Auffanglager Giessen in Kauf nehmen und hätte nie wieder zurückkehren können. Erst als das diese grundlegende Regel nicht mehr galt, und damit keine andere mehr, die dem Land ein Band gegeben hätte, ging ich. In die Nähe der Berge und kehrte nie zurück. Inseln habe ich auch getestet. Kleine Inseln, auf deren Erhebungen man um sich blicken kann und nur noch Wasser sehen. Die lockende Ferne, die wenn man losfahren würde, nichts weiter ist als noch mehr Wasser. Endlos scheinendes Wasser bis eine Küste auftaucht. Amerika. Nicht mal wer sich vernavigiert, findet sicher die Endlosigkeit. Kann man etwas finden, was kein Ende hat? Bin ich hier oben freier als auf dem Ozean? Kann ich überhaupt freier als frei sein? Oder bin ich nur erhabener für diesen Moment, selbst erhoben über die Anderen, die unten über die Autobahn jagen, wie ich es morgen auch wieder soll? Für einen Moment scheine ich zum Stillstand gekommen zu sein, wie diese Berge hier, die sich nur langsamer bewegen, als wir sehen können.
Ist es die Stille, die mich fasziniert? Stille, die keine ist. Der Wind spielt auf den Steinzacken, Bergdohlen rufen oder sind das sogar Murmeltiere? Ich muss zu niemandem sagen: "Du wirst es nicht glauben, ich habe sogar Murmeltiere pfeifen hören."
Halte ich schon für Stille, was nur die Abwesenheit von Lärm ist?
Bin ich hier oben ganz mit mir? Nein, ganz mit dem Berg bin ich. Der ist jetzt mir. Nein, ich bin ihm.
Das gelbweisse Schild zeigt die Höhe des Plateaus und gleichzeitig das Ende des Bergwanderweges an. Ein anderes, blau-weiss, weist seine Fortführung als hochalpine aus. Achtung nur mir Ausrüstung! Wer sagt mir das? Wer herrscht mich da an? Wer schränkt mir meine Freiheit ein? Ich leere meine Wasserflasche, vertilge die Riegel. Den Rucksack kann ich also zurücklassen. Warum soll ich vor der Jacobinermütze umkehren, wegen der ich kam? Fünf Hip-Hop Freunde können diesen Weg nicht mehr gehen. Ich kann es. Höchstens einhundert Meter sind es noch bis zum Gipfel, weiss ich aus den Karten, und so gefährlich sieht der Aufstieg nicht aus. Keine glatte Wand, keine Spalten. Ich fange an zu steigen. Eine Weile geht es noch wie auf dem Weg bis zum Plateau. Also komm, du Berg, lass es mich wissen! Erst locken und sich dann sträuben! Vergewaltiger geben an, das triebe sie. Ich bin keiner. Oder doch? Vergewaltige ich diesen Berg, indem ich ihn bewältige? Auch er könnte nicht wollen, das ich ihn besteige. Treibt mich das an? Nein, ich bin kein Vergewaltiger und auch kein Kämpfer. Widerstand macht mich nicht heiss. Vergewaltigt der Berg mich? Höchstens verführen kann er mich.
Ab und an braucht es jetzt schon eine Hand. Freundlich reicht mir der Fels seine zackigen Vorsprünge, die ich umkralle und die mich immer halten. Er ist so stark und staunend sehe ich die Finger schmerzlos bluten. Tritt suchen, Tritt finden. Mit der Hand Halt suchen, Halt finden. Die steilen Wände zwingen mich, Halt zu finden, den ich unten in den Ebenen nicht suche. Das tut sehr wohl. Ich vertraue dem Berg, der immer wieder einen Tritt, einen Griff aus seinem Stein schiebt. So einfach hätte ich mir das nicht vorgestellt. Auf halber Höhe stoppe ich. Verschnaufen. Warum soll man nicht nach unten sehen? Ich bin der Berg und der kleine bunte Punkt da unten, mein Rucksack, ist ein Zeichen aus dem Leben davor. Keine Spur von Schwindel, kein Hauch von Angst. Ein kleiner Grat lässt schräg über mir Himmel sehen, wo bis eben nur Fels war. Ich strecke mich, muss noch einen Tritt höher suchen, den ich finde und umklammere mit beiden Händen den festen Stein. Noch einmal alle Kraft in die Beine, abstossen und schon liege ich mit dem Bauch über dem Grat. Auf der anderen Seite geht es steil nach unten. Langsam ziehe ich mich auf den Sattel. Hossa, mein grosses Pferd! Nun reite ich dich! Berg, spürst du mich? Ich bin dein Jockey!
Vor mir hat ein alpin Ausgerüsteter einen Ring in den Fels geschlagen. Den kann ich gut gebrauchen, ziehe mich nach oben vom Sattel und bin am Saum der Mütze angelangt. Ganz erstaunlich, hier kann ich wieder stehen. Fast aufrecht gehe ich weiter, ab und an rutscht mir ein Stein unter den Füssen weg. Vielleicht laufe ich zu schnell und stütze mich doch wieder mit den Händen, bis ich auf allen Vieren bin. Seitenblicke offenbaren mir jetzt schon, was mir auf dem Plateau verborgen blieb, den Blick nach Süden.
Glatt und wie für einen Mann wie mich zum Sitzen gemacht, bietet sich der höchste Punkt an, bevor die Zipfelmütze wieder abknickt. Höher geht es nicht. Jetzt habe ich Blick ringsum. Keine Spur von Mittelmeer, das ist zu weit, doch durch Spalten viel höherer Berge, kann ich Dunst sehen, den ich südlicher Wärme zuschreibe. Jeder neue Blick hier bringt neue Berge mit sich. Genau so hat das damals angefangen mit der Ferne. Auf abendlichen Radtouren über die geschwungenen Hügel meiner Heimat wollte ich nie aufhören und nur sehen, was hinter dem nächsten Hügel kam. Noch einer. So entdeckt man seine Heimat und sich, wenn man kein Auto hat. Nur die einbrechende Dunkelheit oder ein Kettenriss konnten mich zum Umkehren bewegen. Manchmal nahm mich ein Wismutlaster mit zurück in die Stadt. Wenn nicht, kam ich nächtens an und verschlief den nächsten Morgen. Das Zurück war mir schon immer egal. Oder ist das Freiheit? Wenn man nicht zurück will und nur immer weiter? An die Mauer bin ich freilich nie gestossen. Freunde wurden südlich Leipzig verhaftet, weil sie sich mit einem Faltboot zu Fuss in Richtung Ostsee aufgemacht hatten. Versuchte Republikflucht warf man ihnen vor, in flagranti vierhundert Kilometer vor dem Meer. Die verliessen die DDR dann tatsächlich schnell, nachdem sie wieder frei waren. Sie hatten die Unfreiheit gespürt. Warum fallen mir hier oben diese Freunde ein, die schon lange keine mehr sind? Weil mich ein ziviler Offizier fragte, ob ich wüsste, wohin die wandern wollen, mit einem Faltboot unterm Arm? Warum werde ich nicht frei von diesem Land? Hinterlässt Unfreiheit Spuren, die ich nicht mal hier oben mit Blick übers Ganze loswerde? Oder ist die Freiheit weniger angenehm, als die ständige alles grundierende Hoffnung auf sie?
Mit blossen Händen ist es völlig ausgeschlossen, den Weg rückwärts zu nehmen und einen anderen gibt es nicht. Das Telefon blieb mit Bedacht im Rucksack. Keiner unten wird Helikopter losschicken, da niemand unten wartet, das ich erzähle, wie es oben war.
Werde ich endlich frei davon, die Lösung der Frage, die jeder Berg ist, immer hinter dem nächsten zu vermuten? Frei von Fragen?
Ist Freiheit keine mehr nötig zu haben?
Es ist kalt.
Mittwoch, August 08, 2007
Du rollst mir davon
Auch in der Prosaabteilung gehört einiges neu geschrieben. Hier fehlt ein dritter Teil. Aber erstmal der Erste. Relativ gesehen ein "Frühwerk". c.a. 2002 oder so
Du hattest recht, als du mir ein paar Wochen am Meer empfahlst. Jeder weiss, dass ein paar Wochen Meer gut tun. Woher aber wusstest du, dass ich auf diesen Gemeinplatz hören würde. Weil er von dir kam?
Die zweite Woche geht heute zu Ende und ich bin tatsächlich ganz bei mir, wie du es voraussahst. Ich wünsche dich her und lächele über diesen stillen Wunsch, der mich kaum überrascht, wenn ich ihn denke aber ängstigt, versuche ich ihm Ausdruck zu geben. Du hast dir schon soviel von mir angehört, so viele meiner ratlosen Zeilen gelesen. Warum sollte ich nicht auch diesen Wunsch aus seiner Stille befreien? Du würdest dich freuen. Oder? Früher wäre ich mir sicher gewesen.
Wir könnten jetzt hier vor dem Haus sitzen, die Morgensonne im Gesicht und das flimmernde Meer im Augenwinkel haben. Ich würde dir sogar eine Kanne Tee kochen. Auch wenn wir selten die Morgen miteinander verbringen, ich weiss, du bekommst schlechte Laune, wenn man dir Milchkaffee vorsetzt. Eine dumme Westmode hast du das mal genannt. Wenn du das sagst...
Ja, ich würde dir etwas vorsetzen, dich bedienen und deinen lauen Protest überhören. In einem Onkel Wanja Szenario seiest du gross geworden, sagst du immer. Also, lass dich bedienen. Ich weiss viel von deinen so genannten, kleinen Befindlichkeiten. Die wir uns ersparten mitzuteilen, ganz wie du es wolltest. Und wie es mir recht war. Vielleicht ist das auch andersherum. Ich weiss es nicht mehr genau, das macht das Meer, diese Bucht und deren brüllende Stille.
Das Rollen, hast du gesagt, fahr dahin und lausche diesem Rollen. Du hattest recht. Seit zwei Wochen habe ich nur noch das Rollen im Ohr. Je nach Wind hört man die Wellen brechen und mit Getöse gegen die Klippen donnern. Ist die See etwas ruhiger, kommt ein Grollen aus den Wellen selbst, ihrem ewigen in sich selbst Überschlagen, ihrem über sich selbst Zusammenschlagen, das man meint die Gischt müsse durchs offene Fenster auf die Bettdecke spritzen. Sogar bei Ostwind, der Abends die Sonne auszublasen scheint und der das Meer manchmal von einer Stunde auf die andere ganz ruhig macht und man nur noch ein Plätschern am Fels vernimmt, selbst dann ist unter mir das Rollen. Lege ich mich ganz ruhig aufs Bett oder besser auf den Boden kann ich es im Fels spüren. Es kommt nie zur Ruhe, in den Kavernen, die das Meer über Jahrtausende in seinen Stein gewaschen hat. Nicht das ich Unruhe bräuchte, Antrieb nötig hätte, nein dieses Rollen versetzt mich, in einen neuen, einen fremden Rhythmus. Wie eine Gebetstrommel ist diese sanfte dauerhafte Vibration, die völlig und immer wieder durch mich hindurch fliesst, die kaum nachlässt, wenn ich aus dem Haus gehe. Selbst bei meinen Gängen und Läufen versuche ich das Meer im Auge zu behalten, doch das Rollen bleibt sogar in mir, wenn ich die Küste kurz verlasse.
Franco ist sehr nett, er kümmert sich liebevoll, ohne das ich den Eindruck hätte, sein Interesse an mir, sei das des Papagallo an einer Touristin. Wie Spiesse in einem Arsenal liegen seine Sonnenschirme in ihrer Remise am Strand und muffeln ein wenig vor sich hin. Francos Mutter sitzt in schwarzen Kleidern und Tüchern, die orthopädischen Schuhe weit von sich gestreckt, im Sand und flickt die Schirme kunstvoll. Sie sind ohne Reklame hat Franco mir stolz gezeigt und müssen länger als eine Saison halten. Er lässt dich grüssen und scheint sehr stolz zu sein, dich als Freund zu haben. Ich habe ihm gesagt, jeder ist stolz, der dich zum Freund hat, aber auch, das du in Deutschland viel von ihm erzählst. Du hättest sehen soll, wie die Brust dieses Drahtmannes schwoll. Gestern habe ich ihn gefragt, wann er eigentlich den Dreck aus seiner Bucht wegräumt, den das Meer über den Winter hinein spülte. Da bekam er diesen sardischen Blick aus funkelndem Schwarz, den du mir schon in Hamburg beschrieben hast. Sein Stolz begann zu lodern. Das geht schnell bei Sarden, da hast du recht. Er zog mich in sein klappriges Auto und raste, dass mir Angst wurde, über die Serpentinen hoch ins Dorf zur Garage. In der stand ein kleiner giftgrüner Traktor mit riesigen Ballonreifen. Wie ein Spielzeug für Kinder reicher Eltern. Franco schraubte einen Rechen hinten dran und zeigte mir fast wortlos die Funktion der wenigen Hebelchen. Wie als ob Franco wüsste, dass ich schon Traktor gefahren bin, liess er das Ding antuckern und wies auf den Sitz. Mit strengem Blick, nicht wohlwollend, aber nickend, sah er zu, wie ich aus der engen Garage und dem Hof auf die Dorfstrasse zirkelte. Dann zeigte er mir den Daumen und fuhr langsam mit Warnblinkanlage und Hupen vor mir den Weg zum Strand hinab. Den ganzen Nachmittag stand er bei seiner Mutter, schraubte an den Liegen für den nächsten Sommer und bald störte es mich nicht mehr, mich unglaublich beobachtet zu fühlen, als ich meine Runden drehte und wieder und wieder den grossen Rechen über den Strand zog. War er voll oder hatte sich ein grosses Stück Holz verhakt, kam Franco mit dicken Handschuhen und einer blauen Tonne angerannt, drückte mich zur Seite und säuberte den Rechen. Dann durfte ich wieder fahren. Das war der lustigste Tag in diesen einsamen Ferien hier. Und immer sah ich Franco, der mit seiner Mutter über mich zu reden schien, mir zu winkte und mich doch ganz alleine machen liess, was ich nach deinen Beschreibungen keinem sardischen Mann und ihm am allerwenigsten zugetraut hätte.
Das war eine angenehme Abwechslung in der Ruhe, die du mir verordnet hast. Doch, du hast mir das verordnet, wie ein Seelenarzt. Hier würdest du protestieren, ja ich weiss, halt wie ein Seelenkenner. Kenner meiner Seele. Franco ist hier der einzige Mensch an den ich mich halten kann. Vielleicht auch lehnen, in der Not. Doch selbst wenn mein Italienisch nicht so dürftig wäre, Franco ist kein Mann, der in meinem Seelengarten würde wandeln können. Der kommt aus seinem wohl nur heraus wenn er allein ist oder viel Wein getrunken hat mit einem anderen Mann. Lag das in deinem Kalkül? Wobei es gewagt ist, dir Kalkül zu unterstellen.
Geahnt wirst du haben, dass ich hier wenn das Meer auf mich wirkt, irgendwann nur noch Gedanken für den habe, der mir riet, mich hierher und überhaupt erstmals in meinem Leben zurück zu ziehen. Zu mir selbst zurück. Du hattest recht, ich bekomme hier Abstand zu den Dingen die daheim so nah kamen und gross wurden, dass ich mich schon in der Ecke fühlte. Du sagst, es sei einfach zu viel, was mir da nahe kommt. Masse statt Qualität ist immer schlecht, besonders in Beziehungen, schnöseltest du. Vielleicht ist ja dieser Ton auch so ein Trick von dir, vielleicht hätte ich dich schon lange zum Teufel gejagt, wenn alles was du mir so zumutest immer bei mir ankommen würde. Ist es Berechnung, dass du die Dinge die du los werden musst, in diesem komisch herablassenden Ton von dir gibst, wenn du glaubst, sie überfordern mich? Ich höre diese kaum modulierten Gebete tatsächlich und aus Prinzip nicht. Mein Gott, jetzt reden wir seit acht Jahren miteinander und erst jetzt fällt mir auf, du könntest Techniken gebrauchen. All das höre ich in dem Rollen. Provoziertest du ab und zu meinen Hass? Sollte ich den Abstand suchen, den du von mir brauchtest? Je länger ich auf dieser Insel bin umso klarer wird mir, was du bezwecktest, als du mich hierher geschickt hast. Acht lange Jahre hast du gewartet. Acht Jahre lang gewusst, es kommt der Tag, da werde ich allein auf einer Insel mit Blick nach Westen sitzen und Sehnsucht nach dir haben.
Wie gross bist du eigentlich?
Wie jeden Morgen fehlte auch heute für drei Augenblicke das Rauschen und Tosen. Und erst als es schlagartig einsetzte, dachte ich: Wie jeden Morgen. Der Ton kommt beim Aufwachen immer nach dem Bild. Wäre mir das je aufgefallen, hättest du nicht davon erzählt? Teilst du die Frauen, in die ein, denen man sagen muss, dass der Ton beim Aufwachen nach dem Bild kommt und die, die so etwas wissen? Wann fragst du sie? Nach dem Aufwachen? Oder wachst du nur mit denen auf, die so etwas wissen? Zum Glück ist es bei uns anders. Zum Glück bin ich keine in deinem Orbit. Zum Glück hast du mich umkreist, die letzten acht Jahre.
Hundert Meter breite Wellenwalzen fängt die weite Bucht ein. Sie brausen auf, bevor ihre Kraft in weissem Sand versiegt. Sieht man genau hin, kann man manchem besonders lauten Krachen, einen Brecher in der Sandbucht zuordnen. Ein schöner, ständig vorkommender Zufall, denn die Geräusche kommen von den Klippen direkt unterhalb des Hauses.
Franco wird heute mit seiner Mutter nach Cagliari fahren, mit ihrer Rente stimmt etwas nicht und nun müssen sie durch die Ämter. Den ganzen Tag wird Franco mit ihr von Büro zu Büro hasten, sie wird vor den Beamtinnen schweigen und zu Boden sehen und Franco wird mehrfach dieselbe Geschichte erzählen müssen, bevor er jeweils einen wichtigen Stempel bekommt. Keinen Mucker wird seine Mutter von sich geben, keinen Zucker vor den Präfekturbeamten tun, bis sie wieder auf den langen Gängen mit den Bänken vor den Amtsstuben stehen und den Ausgang suchen. Dann wird aus der Achtzigjährigen sprudeln, was Franco hätte alles anders machen sollen und wie er hätte diese Betrügerinnen rannehmen müssen. Er ist ihr jüngster Sohn.
Ich habe Lust den Ungetümen ins Auge zu sehen und werde hinunter zum Strand gehen. Es ist schwer zu schätzen von hier oben, wie hoch die Wellen wirklich sind. Ich nehme mal ein Handtuch mit. Als ich Franco sagte, ich würde gern einmal ins Wasser gehen, hat er nur mit dem Finger an die Stirn getippt und ganz von oben herab gesagt, der kleine Mann, das würde nicht einmal er sich trauen, im März. Da kriegt man Rheuma wie seine Mutter. Ich musste lachen, denn Franco hatte mir vor Tagen erzählt, das seine Mutter nicht schwimmen kann und noch nie im Meer gewesen ist. Vielleicht kann ich es heute Vormittag wagen, heute ist die Bucht mir ganz allein. Als ich mit dem Handtuch um den Hals die Tür verschliesse, hupt es hinter mir. Francos alter Uno ist den Berg heraufgerumpelt. Er winkt mit etwas aus dem Fenster des rostigen Autos. Sie sind wohl schon auf dem Weg in die Stadt, die Mutter sitzt steif neben ihm und erwidert meinen Gruss mit einem stummen Nicken. Ein Brief aus Deutschland, ein Brief von Friedrich! Ruft Franco. Er ist stolz, mir den Brief überbringen zu dürfen, den du mir geschrieben hast. Zum Glück haben sie es eilig.
Woher weißt du das nur alles? Woher weißt du, wann du in Hamburg einen Brief abschicken musst, damit er hier am genau richtigen Tag, im genau richtigen Moment eintrifft? Oder ist es Fügung? Dann wird es gefährlich, wenn sich zwischen zwei Menschen die Dinge plötzlich fügen. Jetzt fängt das bei uns an, nach acht Jahren, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich beherrsche mich und reisse deinen Brief nicht sofort auf, um ihn stehend und gehend zu lesen. Nein, den will ich geniessen, wie ich noch keinen deiner Briefe genoss und stecke ihn in die Jackentasche. Den werde ich dem Meer vorlesen. Den steilen Weg hinunter und dann den sandigen über die Düne renne ich ihm entgegen. Nicht mal Tipps für das Schuhwerk fehlten in deinen Empfehlungen. Ich bin gespannt, was du schreibst. Und laufe so schnell es im Sand und gegen den Wind geht in die Mitte des langen Strandbogens. Dort habe ich, hinter mir die Wanderdüne, zehn Minuten Vorsprung, falls doch ein Mensch in der Bucht erscheint.
Ohrenbetäubend und gewalttätig ist das Tosen der unablässig brechenden Wellen. Zum Baden sind sie viel zu gross. Manche sicher zwei Meter hoch. Ich spüre wie der Sand unter mit bebt und sehe dem gewaltigen Schauspiel zu, ohne mich rühren zu können. Sehe wie sich weit hinten eine scheinbar flache Linie Wasser getrieben vom Wind sammelt, zusammenschiebt, allmählich aufsteht, immer schneller vor sich selbst hertreibt, ihr Körper immer mächtiger anwächst, um dann von oben beginnend und immer von der Mitte der Linie ausgehend nach vorne zu fallen. Dabei bläst der Wind die Schaumkronen weg, kaum hat er sie auf die Wellen gesetzt. Wie sie brechen werden die Spitzen immer grösser und wenn die Ränder gerade beginnen abzuknicken, entsteht, wieder von der Mitte beginnend, die Wasserrolle, die von der Masse der eigentlichen Welle, dem Teil der sich nicht ausreichend erheben konnte vor sich her geschoben wird. Ich kann das Rollen sehen, dessen Echo wie in einer Muschel unter meinem Bett wohnt. Unter Getöse wird die entflohene Spitze eingeholt und von ihrer Mutter, der Welle verschlungen. Für einen Moment ist der ganze Wasserberg weiss, scheint nur aus kräuselnder Gischt zu bestehen. Noch ein paar Strudel, dann ist das Ungetüm wieder eins mit dem Meer, dem es entstieg. Schafft es eine Welle, bis vor an den Strand, fällt das Wassergebirge vor mir mit einem Böllerschuss nach vorn, wie als stolpere es über sich selbst. Die es soweit gebracht haben, züngeln noch weit ins andere Element, bis sie sich rasch zurückziehen müssen und unter der nächsten Welle, die sich erhebt, verschwinden als wären sie nie da gewesen. Ihr Rest versinkt im Sand. In meinem betörten Sinn wird die Frage gross, ob eine einzelne Welle überhaupt da gewesen sein muss. Worin liegt der Sinn einer Welle? Sie selbst braucht keinen und kann sofort nach ihrem fulminanten Zusammenbruch wieder Meer werden. Ist der Sinn, die Wiedergeburt ihrer vergänglichen Gewalt in der nächsten Welle? Ihre Nichtexistenz als einzelne? Eine Welle gibt es nicht. Da ist kein Anfang und kein Ende. Wolltest du, dass ich das begreife? Mir ist, als ob nur deine Worte in meiner Tasche ruhen. Bist du es nicht selbst, der da vor mir tobt und sich gebärdet? Soll ich deine Kraft in diesem wilden Meer, dem Märzmeer vor Sardinien, begreifen lernen? Bist du, der Mann mit den dicken Backen und dem braunen Klarblick, mit diesen ruhigen aber scharf aus dem Gesicht geschnittenen Augen, die mehr sehen als ihr ruhiger Schein verrät, ist in dir das Tosen und Brausen dieses Meeres? Verbirgst du hinter deiner fein trennenden, manchmal schneidenden Art, hinter der Ordnung, die du in dich gelegt zu haben scheinst, das Chaos der zügellosen Gewalten des Meeres? Schicktest du mich an diesem Strand, damit ich begreife, du bist die Urgewalt und nicht die jungen Männer unter deren starken Beinen und zuckenden Lenden ich mich die letzten Jahre so oft wand? Du weißt, was mich an die drängenden Leiber trieb. Sogar auf diesen diskreten Bereich hattest du klammheimlichen Zugriff. Obwohl ich versuchte, dir an diesen dunklen, schwülen Ecken meines Lebens keine Teilhabe zu gewähren, indem ich dir fortlaufend berichtete, wer sich dort und mit welchen Mitteln Zugang verschaffte. Reichte es dir, wenn ich detailliert aus diesen Nächten stampfender Lust berichtete? Am Anfang war es reiner Sport. Ich kannte das nicht, wir kommen aus dem Wald, sagst du immer. Ich war zwar auch, bevor ich nach Hamburg ging ab und an und ganz spontan dem einen oder anderen Mann für eine Nacht verfallen, doch dort in den Bars das war anders. Da war Markt, und wenn man wollte und konnte, hatte man Gelegenheit sich Nacht für Nacht seines Preises zu vergewissern. Das tat mir gut, am Anfang. Sicher, und das bemängeltest du am meisten, ich brauchte Mengen Alkohol, bis ich mir traute, dem einen oder anderen Jungen, dem das Silbershirt über dem Brustkorb spannte, dem der kurze Ärmel zu zerreissen drohte, wenn er nach dem Glas griff, die kleinen Zeichen zu geben. Es funktionierte und es gab eine Zeit, da musste ich das fast jede Nacht probieren, nur um mich immer wieder meiner selbst zu vergewissern. Die nötige Konzentration beim Eindringen und Drängen der glänzenden Körper, das manchmal gleich auf der Toilette der Bar oder ein paar Meter weg in einem Park, in ihrem Auto, selten bei ihnen, nie bei mir zu Hause stattfand, die nötige Konzentration, die es beim Krallen in die trainierten Muskeln braucht, um aus all dem Geschiebe und Gereibe etwas mehr herauszunehmen als nur das, fand ich mit Koks, das die Jungs meist dabei hatten. Ich habe es dir nie gesagt, weil ich befürchtete, du liessest mich einfach stehen, sagte ich dir, ich steige völlig bedröhnt mit den schönen, neugierigen, jungen Männer in die Ellipsen der Lust. Du hättest mir auch diese Dummheit verziehen. Oder? Bis heute weiss ich nicht, ob die Kälte nach den raschen Feuern, die die jungen Männer irgendwo in meinem Bauch und nur da entfachten, entstand, sobald der Koks verbrannt war oder ob meine Gespielen selbst sie zurückliessen, an denen nur die Schwänze heiss pulsierten und deren Haut sich schon kühl anfasste, worauf manche von ihnen sogar noch stolz waren. Der schale Geschmack und das Gefühl ungemein rasch zu altern, liessen mich von den Bengels, den Bars und vor allem den Drogen wieder Abschied nehmen. Ich sagte dir das damals nicht, obwohl es eine Zeit war, in der du mir wieder deutlich näher rücktest. Ich kann nicht sagen, ob ich dich näher heranliess oder näher heran zog. Doch wir blieben wie Geschwister. Wie ein Bruder ertrugst du, was nach den Sportlern kam. Meine Versuche mich nun fest zu binden. Das sinnlose Unterfangen, einen zu finden, der nicht nur Blütenstaub nascht und bringt und gleichzeitig nicht diese Gärten, bestellten Felder, diese Ernteflächen in sich hat. Vor allem nicht die mannshohen Hecken und Zäune darum, damit sein Same nicht in alle Winde verstreut werde und schön bei mir bliebe. Gedeihlich. Genau den wollte er ja in mich senken, es war mehr als einer der das vorhatte, der gern gesehen hätte, wie sein Same in mir spriesst, wie er sich in mir fortsetzt, mich als sein Treibhaus benutzt, wenn es draussen kalt werden sollte. Lies mich die nahe Fremde der uferlosen Jungen aus den Bars, die ihre Körper wie Sportwagen ausfuhren, frieren, war es bei den Landbauern ihrer selbst zwar wärmer, doch lag das an der Enge. Die meisten schienengut isoliert und behielten bei sich was sie einmal hatten, auch ihr bisschen Wärme. Was mich bei den Jungs noch gereizt hatte, das Spiel mit ihrem eigenen Körper, die Endeckerfreude mit der sie auf ihre erigierten Schwänze starrten, die Neugier im Blick auf mich, wenn sie den irgendwo in mich tauchten, was mich zugegeben für ein paar Momente noch ziemlich heiss gemacht hatte, kam mir bei den älteren Herren unglaublich schweinisch vor. Die ausgefeilten Spiele meiner dauerhaften Verhältnisse, die nach einem schönen Wochenende am dänischen Strand auch schon einmal von Heirat murmelten, schienen sich selbst zu genügen. Wie eine Wichsvorlage kam ich mir vor und hielt es bei manchem für möglich, er könnte nach einer Heirat seine ehelichen Rechte schlichtweg verlangen.
Einer von den Boys aus der Bar hatte mir erzählt, er sei bei der Geburt seiner Tochter dabei gewesen, was er zum grössten Erlebnis und zum härtesten Einschnitt in seinem jungen Leben zählte. Der Gynäkologe hatte, als im Grunde schon alles vorbei war und die jungen Eltern strahlten wie Sterne vor Glück, die Stiche der nötigen Dammnaht mit den Worten begleitet: So und noch einen extra, damit der Papi dann auch wieder Freude hat. Erst da wurde dem jungen Vater schlecht und er mochte seine Frau nie wieder anfassen. So erzählte er zumindest, bevor er wie ein hungriges Tier über mich herfiel. Darum bin ich letztlich ja auch hier, mit dem Letzten fing alles so vielversprechend an, vielleicht auch weil er seit langem der erste war, der viel von sich preisgab. Ich habe mir nicht getraut dir zu erzählen, warum ich ihn heulend und schreiend verlassen musste. Erst nach der zehnten oder elften Nacht unglaublich reizvoller Explorationen seiner gewandten warmen Hände und tausend Geschichten aus seinem bewegten Leben versuchte er mir und zu allem Unglück auch noch schonend beizubringen, was er von Beruf sei. Das in einem Restaurant am Elbufer, in dem er fast an jedem zweitem Tisch ein Nicken zu erwidern hatte. In all dem Gerede hatte er das Wichtigste nicht erzählt und ich musste ihm die Krabbensuppe ins Gesicht spucken. Ich dachte an meinem jungen Freund und glaubte ganz sicher zu wissen, das verständnisvolle Gynäkologenschwein sass vor mir. Mir war so schlecht. Den Rest kennst du, wenn nicht in deiner Küche, wäre ich sicher auf einer Kriseninterventionsstation oder in der Elbe gelandet. Du hast nicht mal den genauen Anlass wissen wollen, hast nicht nach dem Typ gefragt. Hier purzeln jetzt Jahre aus dir heraus, meintest du und hattest völlig recht. Nun sitze ich hier und bin das erste Mal nach Jahren der getriebenen Suche ruhig, ganz ruhig mit diesem Rollen in mir, dem Rollen einer Gebetstrommel, dem Rollen des Meeres. Soll ich den Brief jetzt öffnen? Nein, ich warte noch einen Moment, ich habe dir noch nicht alles erzählt, was raus muss, bevor ich deine betörenden Worte in mich lasse, nach denen ich so dürste. Etwas sollst du auf diese Art noch wissen, auf diesem Einbahnweg, ins Meer gesagt. Ich werde mit Franco schlafen, irgendwann in diesen Tagen. Ich sehe seinem Blick an, er wird irgendwann stumm und glühend nach mir greifen. Ich werde es geschehen lassen. Es hat mir gut getan, mich in den letzten Wochen selbst zu streicheln, ganz wie du empfahlst: Streichle dich mal ein bisschen selbst. Überall, du hast es nötig. Dabei hast du aus ganz kleinen Augen gezwinkert. Es tat tatsächlich unendlich gut die eigenen Hände an mir zu fühlen. Ich wusste gar nicht mehr, wie viel Freude sie mir bereiten können. Doch jetzt habe ich Sehnsucht nach einem Mann, nach einem Paket Fleisch gewordenem Willen, nach einem fremden harten Ich, nach Franco. Das muss ich dir so ins Meer hinein erzählen. Wie alt werden wir gemeinsam werden müssen, bis du alles erfahren wirst was in mir ist. Du hast einmal gesagt: Nichts was in mir sei, könntest du verurteilen, da es aus mir käme. Wann werde ich wissen ob das stimmt?
Es ist Zeit für den Brief. Ich werde ihn hier, wo der Wind an dem Papier zerrt sicher nur einmal lesen, aber einmal so, dass ich schwer in Gedanken und dir sehr nah, den steilen Weg zurück in das Haus auf den Klippen nehmen werde, wo ich ihn immer wieder lesen werde, bis ich ihn auswendig kann. Doch es kommt anders. Du beginnst heiter, machst Spässe über die Wirkungen des Meeres, wagst zu fragen, ob Franco mich schon verführt hätte und dann kommt eine lange Entschuldigung. Du musst dich doch nicht entschuldigen. Du doch nicht bei mir. Lieber, was ist denn los? Was soll das? Doch was steht hier? Du hättest mich quasi weggeschickt, noch vor zwei Jahren hättest du darauf bestanden mitzureisen, doch nun, heute sei alles anders und sehr schwer zu erklären. Obwohl du davon ausgehst, ich werde Verständnis haben, fällt es dir schwer mir zu sagen, das du in der Zeit wo ich auf dieser schönen Insel weile, die Koffer packen wirst. Du hast die Stelle in New York angenommen. Welche Stelle in New York? Ich weiss nichts davon. Am Nachmittag vor meinem letzten Auskotzen bei dir habe man sie dir angeboten und du hättest es keine Minute, auch an dem Abend nicht als ich heulend vor dir sass, bereut, ja gesagt zu haben. Das Ja vor dem du Jahre lang Angst gehabt hast. Du hättest immer geahnt, das dann, wenn ich zu dir finden würde, müde und ein wenig alt, am Ende meiner Reisen durch fremde Männer, dass dann, in dem Moment auf den du acht Jahre lang gewartet hast, deine Liebe zu mir erloschen sein wird. Verschobene Lieben sterben spätestens, wenn sie beginnen sollen. Und nichts sei kälter als eine tote Liebe. Das ist doch ein Satz für eine Frau. Ich hätte Dutzende Männer benutzt, um dich zu verletzen und wende mich nun dir zu. Du fliehst nach New York und wunderst dich kein Stück, dass man dir die Stelle an dem Tag anbot, an dem ich dich das erste Mal wirklich nötig zu haben schien. Ich sei schon einen Schritt weiter, schreibst du, realisierte ich, das ich nicht finden werde, wenn ich suche. Du wirst finden, nur nicht mehr bei mir.
Ich lese nicht mehr weiter. Warum hast du mir denn nichts erzählt? In meinem Kopf krachen jetzt Wellen aufeinander, schmerzhaft laut, lauter als die vor meinen Füssen. Du hast gesagt, wir Menschen seien wie das Meer. Du bist das Sturmtief das über mich zieht und wenn das Wetter besser wird, dann bist du weg. Du hast mir mal von dem Schauspieler Wildgruber erzählt, der nicht schwimmen konnte und eines Tages einfach in die Nordsee gelaufen ist.
Warum bin ich dazu zu feige?
Warum kann ich schwimmen?
Wann kommt Franco mich zu retten, aus Fluten in die er niemals steigen würde?
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Sonntag, Juli 29, 2007
Blutrisotto
Vorsichtig rutschte er in die Garage und nahm den Weg zum Haus durch den Schnee an einem fremden Wagen vorbei. Hatte er das Licht angelassen? Schlag für Schlag schlug sein Herz höher. War da wer in seiner Wohnung? Wer stand da am Herd? Er ging über die Terrasse dem Licht entgegen.
Der Blick durch die Jalousie der grossen Tür zur Küche liess ihn erstarren. Da stand seine Frau und rührte in einem Topf.
Das hatte er total vergessen, sie hatte das Vergrösserungsgerät holen wollen und er ihr angeboten, doch gemeinsam zu essen.
Das sie da stand wie immer, tat nicht weh, da sie nicht da stand wie immer.
Die Deckenhalogener liessen seine Frau in ihrem warmen Spiegelbild aus dunklen Steinplatten stehen. Soweit ein vertrautes Bild, das ihn anheimelte wie immer. Doch die Augen seiner Frau brannten Löcher in die polierten Granitplatten. Was mochte ihr jetzt durch den Kopf gehen? Ging ihm nicht durch den Kopf. Wer war das, der da stand und in einem Topf rührte? Langsam, regelmässig, gekonnt. Wie ihr Denken und ihr Sex. Doch offensichtlich sehr weit weg. Wie ihr Denken und ihr Sex. War sie verwirrt durch ihre Anwesenheit seiner Aussichtshöhle, aus der sie vor einem halben Jahr geflohen war? Schmolz dieser Blick Tränen im Stein, weil sie nicht mehr hier war, obwohl doch fast alles so aussah, als ob sie noch da wäre? Der Mann hinter der Scheibe in der Winternacht meinte etwas anderes zu spüren. Wie sie selbst versteinerte, in Erinnerung der Jahre, in denen sie in seinem Traum nicht sie gewesen war. In dem es viele solche Momente gab, wo er spät von der Autobahn kam und sie am Herd stand. Seine Projekte brausten noch beim Essen durch ihn und eigentlich hätte er auch unten bleiben können. Der Mann der vergessen hatte, dass seine getrennte Frau heute kam, hatte damals schon vergessen, dass seine Frau da war. Nur wie schön sie für ihn war, das wusste er immer. Wie kalt musste seiner Frau gewesen sein, wenn er da so nah weit sass und einfach davon ausging, es reiche für sie zu wissen, er liebe sie ja. Was durchaus stimmte. Zum ersten Mal in seinem Leben war dem Mann über Jahre keine andere Frau mehr gefährlich geworden. Sah er sie da stehen, schlank in einem langen roten Rollkragenpullover, die vertraute Figur mit Betonungen auf eine eigene Art, wie er es liebte, wusste er warum. Doch noch stärker wirkte ihr Strahlen auf ihn. Das tiefe Leuchten aus ihrer Dunkelheit. Wie frisches Pech glänzten ihre dichten Haare und brachen das Licht in Gold und Kupfertönen. Und genau diese Seele, die jetzt sogar durch Jalousie und Fenster in die kalte Nacht leuchtete, die er geliebt hatte wie noch nie etwas auf der Welt, die hatte er anwesend allein gelassen.
Wahrscheinlich der Fehler seines Lebens. Der Romantiker glaubt das Wissen um seine Liebe reiche aus, denn nichts ist grösser in ihm. Zuerst kommt er, denn er ist das Gefäss der Liebe in sich. Er stirbt für die Liebe und tötet sie damit. Was nützt Liebe einer Frau, die wahrgenommen werden möchte, in all ihren Arten und Wandlungen?
Immer wieder schüttete sie Wasser nach, rührte, biss sich auf die Lippen und sah zum Fenster. Sie sah ihn nicht und liess den Blick durch die Küche schweifen. Viel zu gross das alles, viel zu schick.
Zeit ans Fenster zu klopfen. Irritiert suchte sie hinter den breiten Blechlamellen. Erst nach einer Weile erkannte sie ihren Mann und überlegte nicht, wie lange er da schon stünde. In ihrem Lachen stand: Was klopfst du? Komm doch rein! Und ging die Terrassentür zu öffnen. Er winkte ab und eilte zum Eingang
***
Schon in der Begrüssung lag mehr. Sehnsuchtsvoll schüchtern umtanzten sie sich. Spürten beide die Macht übereinander und freuten sich daran. Und wohl einfach auch, mal wieder zusammen zu sein. „Du kochst Risotto?“ fragte er und sah in den Topf, wo Reisschleim über Blut blinkte. „Ich fand die Nudeln nicht“ antwortete seine Frau. Ihm war es tatsächlich egal, alles was sie kochte schmeckte ihm.
Nur warum fand sie die Nudeln nicht?
Sie selbst hatte in der grössten Schublade zu ihren Knien, das perfekte Nudellager eingerichtet. So wie es ein Tee, Kaffee und Mehllager gab. Noch immer, obwohl er nichts damit anzufangen wusste. Der Mann plapperte munter weiter und versuchte in den Augen seiner Frau zu lesen. Ein Blick aus Messern nagelte sie an den Herd. Unsicher war sie und freudig, ihre schwarzen Augen glänzten als fiebere sie. Dieses Funkeln. Dieses Funkeln schmolz alle Klingen, verdampfte alle Fragen.
Warum fand sie die Nudeln nicht? Hallte es nur in ihm nach, als er dachte:
Ich weiss, warum das meine Frau ist.
Sie assen, plauderten. Die Klinik, wie das weitergegangen ist und jenes. Und funkelten sich immer wieder an. Während sie über ihr neues Leben in der neuen Wohnung unten im Tal redete. Über ihre Freiheit warten zu können, bis sie wisse, was sie eigentlich wolle. Noch im Sommer wäre der Mann schon an dieser Stelle zu keinem Gespräch weiter in der Lage gewesen, jetzt lehnte er sich zurück und fragte nach. Wenig und aus echtem Interesse. Dann waren sie beim Sommer. Wie traurig es war, alleine weiter zu leben, sagten beide. Da wurden sie eine ganze Weile still. Nur die Augen schrieen. Wie viele Millionen wohlgesetzte Worte hatte der Mann in den letzten Monaten an Frauen gerichtet, wie viel Haut fragend berührt und wie viel Antwort zurückbekommen. Doch vor seiner Frau fand der Mann nur wenige Worte, schwieg im Abstand und liess seine Augen sprechen. Ganz wie sie es tat. Die Brille hatte er abgenommen. Das hatte er bei einer aus den letzten acht Monaten gelernt.
***
Sie redeten über Familie und sassen getrennt von Tisch und Bett an einem Tisch. Sie redeten über sich als Familie. Zwei Realitäten. Was sie redeten und was sie leben. Jeder kümmerte sich auf seine Art um sich. Das hat Folgen, wusste er und sagte es nicht schon wieder. Schon jetzt begegneten sich andere Menschen als sie vorher waren und schauten sich wieder so an.
Und immer wieder taucht er ein in diese schwarzen Fackeln unter dunklen Brauenbögen und weiss warum er diese Frau liebt, egal wer sie ist. Er liebt diesen Kern, auch den, der vor ihm weggelaufen ist. Gerade den. Die Sturheit liebte er mittlerweile am stärksten von allem in ihr. Auch wenn sie sich gegen ihn richtete. Endlich war seine Frau wieder frei. Ihn freute das und er hatte keinen Dunst wie es weiter gehen sollte. Er selbst hatte längst begriffen, er war zuviel für sie und damit zu wenig. Viel zu wenig.
Alles das was er bisher an sie gepappt hatte, wie an eine Litfasssäule, wurde nun mit verschiedenen Frauen besprochen. Alles was er mit seiner Frau getan hatte, tat er nun mit mehreren und genoss die Einsamkeit dazwischen. Der Mann hatte sich innerlich längst damit abgefunden, die Liebe seines Lebens verloren zu haben. Noch nie hatte ihm etwas so wehgetan. Doch er hatte überlebt. Das Gewehr wieder aus dem Maul genommen und sich vor Überlebensfreude von einer Affäre in die nächste gestürzt. Und da war er soweit wie sie. Auch er wusste eigentlich nicht, wie es weiter gehen sollte. Seine Agenda platzte von beruflichen und weiblichen Terminen. Noch war er es zufrieden, begehrt zu sein. In Teilen. Doch eigentlich wollte er die Liebe dieser Frau. Im Ganzen. Darum sass er da und verbrannte in dem Vulkan der ihm gegenüber sass. Der überströmte sein Sein heiss und hinterliess nichts als Asche. Doch noch die wird nach Dir schreien! Dachte er. Wie immer.
Er wusste, sich von einer Seite zu zeigen, die seine Frau nicht kannte. Er machte weiter nach dem Leid, während sie verharrte und überlegte, ob dieser Mann ein Leben wert war. Er würde überleben, so sah es aus. Immer, bis sein Glückshorn leer war. Auch auf der Asche ihrer Vulkane liessen sich Zauberschlösser bauen. Doch wer an sein Herz wollte, musste durch Schichten von Dreck. Der Mann hatte gelernt, Tode zu sterben und war nun voller innerer Leichen. Manche der neuen Frauen spürten die Kälte hinter seinem rasenden Wollen. Und nahmen fröstelnd Abstand. Andere zog es magisch an. Dieser Berg verbranntes Leben, der dich in Triolen und Tiraden um deines reden und gucken konnte.
Nur bei ihr, dem Vulkan selbst, wurde er warm. Ob seine Frau ahnte, wie kalt ihr Mann wirklich war? Wie kalt sie ihn gemacht hatte? So kalt, dass ihm mittlerweile ab und an der reine Sex reichte, um Geborgenheit zu fühlen.
Wusste sie wer er war, wenn ihr Wesen nicht mehr auf ihn wirkte? Und er auch nicht hoffte, sie käme ihm jemals wieder dauerhaft so nah, dass es zum Leben reichte. Doch er schien ihr irgendwie zu gefallen. Denn sie strahlte und sprühte still, der dunkle Vulkan.
***
Das Paar stand auf dem Parkplatz vor dem Haus. Über Ihnen einen sternenklare Nacht. Keine Mondin für Prognosen da. Weit unter ihnen der See. Zwischen dem und dem dunkelblauen Firmament in einer bitterkalten Nacht spannte sich alles was aus ihnen werden konnte. Doch weg war die Frage, wie weiter, wo zusammen doch beiden nicht gut tat. Hier standen zwei schöne, erwachsene Gesichter nah beieinander. Versunken die Blicke. Greifbar der Wunsch, sich wieder zu halten, nicht in den Armen für den Abschied, sondern im Leben für ein Leben, so wie es versprochen war. Fast schon fühlbar der Kuss in kalter Nacht. Das Zeichen. Ja du, wer sonst, trotz allem. So wie versprochen. Doch blieb er aus. Zu glatt das Eis auf dem sie standen. Vorsichtig legten sich Stirnen aneinander, die grossen Nasen waren im Weg. Drei Sekunden Wir.
Das Auto wollte nicht weg, die Frau gab Gas, ihr Mann schob, das Auto drehte fröhliche Kreise auf dem Eis und neckte die beiden Idioten. Dann griffen Reifen, stank Diesel, hupte die Frau, winkte der Mann. Verschwanden rote Lichter im Schneeberg.
Der Mann schlitterte vor zur Kante des Parkplatzes und sah über den See. Er dachte an sein Leben und an Frauen. Kein Schiff auf dem See, kein weisses Segel in der Winternacht, doch Lichter in der Ferne. Seine Augen verengten sich, spürte er. Ohne Gegenüber? Wen nahm der Panther Mass? Den See? Mit seinem Blick aus Klingen sah er ihn an, als könnte er Wasserschneisen schneiden. Schneisen aus Eis geformt. Er dachte an Briefe in seinem Zimmer, Anrufe in seinem Kopf, Nächte in seinem Körper. An die Hoffnung, die streunend der streut, der selbst keine hat.
Wie lange würde er auf diese Frau warten?
Bis er wüsste, warum sie ihr Nudellager vergessen hat.
Bis er sie begriffen hätte.
Also immer.
Also nicht.
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Mittwoch, Juni 27, 2007
BOXER
Das Getöse der ersten Strassenbahn weckte mich und ich erwartete, offenen Auges das der nächsten, welches, so der Wecker gestellt und das Tram pünktlich war, synchron mit dessen Gepiepse meine Nacht unumkehrlich beenden würde. Während ich in aller Stille das morgendlich-suizidale Angerichte begrub, lauschte ich mich zwischen den Häusern durch. Das Vibrationsfest der zeitlosen, also alten, technisch und optisch sehr aufwendig in Schuss gehaltenen Strassenbahn, hatte die Ruhe der Nacht nur kurz aus den Strassen gefegt. Kaum war das leere Ungetüm vertöst, herrschte wieder Stille. Kein Auto. Keine Schritte. Stille. Und dann eine Amsel. In diesen kalten, dunklen Morgen sang eine Amsel. Frischfröhlich, als gellte es Pfingstsamstag einzupfeifen. Sofort waren alle Fluchtgedanken parat und dieses Ziehen inne, machte sich breit, die Sehnsucht. Nicht eine Sehnsucht nach einem Ort, nach einer Zeit, nein nach der Zeit und ihrem Ort, als Amseln am Morgen noch keine Wunder waren. Da ich sie nicht erkannte.
Aber langsam! Hatte nicht der gestrige Tag kalten Regens, dessen fahler Morgen übergangslos in die Abenddämmerung verschwamm, erst eine mehrwöchige Frostperiode beendet? So schnell liess sich der Winter nicht vertreiben! Das biss mir der Morgenwind in die euphorisch schon mal nackt belassenen Finger am Fahrradlenker. Den Tag verbrachte ich, wie jeden, in temperierten Räumen.
Vierundzwanzig Neonröhren auf und über dreissig Quadratmetern machen den dunklen Tag hell. Erst als ich am Nachmittag wieder ins Freie trat, erinnerte ich mich meines morgendlichen Hoffnungsanfalls. Keine Verwendung mehr für Handschuhe, das Wollimitat offen noch zu warm. Wolkenhaufen, die man nur wegen dem Blau vor dem sie zogen, so schön finden konnte, querten zügig Stadt und Fluss. Und Licht! Plötzlich soviel Licht!
Ich kenne nur zwei Möglichkeiten einen unerwarteten Sonnenein- und Frühlingsausbruch angemessen zu begehen: entweder dem Licht durch Böden, in grossen Zügen geleerter Biergläser entgegen zu blintzeln, oder aber, die warme Luft bei einem ausgedehnten
Dauerlauf tief einzusaugen. Ersteres kam leider nicht in Frage, die dazu nötigen Biergärten waren Mitte Februar natürlich noch unbestuhlt, zudem würde ich jetzt am helllichten (ja eben: HELLICHTEN!!!) Nachmittag kaum einen meiner wenigen für so Sachen zu gebrauchenden Freunde erreichen, geschweige denn gewinnen können. Mich allein mit einer gekauften
Flasche Bier auf eine Bank am Fluss zu setzen, erschien mir asozial, in dieser fleissigen Stadt. Mir blieb nur das Zweite, und so zog ich daheim meinen türkisenen Dauerlaufanzug an, ein Markenprodukt der Firma NIKE, den mein Vater zu seinem Achtzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Gern trug er ihn zum Eintakten der Lebenspumpe. Zum Einundachtzigsten bekam er dann noch einen beige- braunen Anzug der Firma REEBOCK, den er ab da bei den Kardiologen trug. Zweiundachtzig wurde er nicht mehr und ich erbte ich den türkisenen sowie das Herzweh.
So bunt gedresst, fuhr ich in die Auen eines der Zuflüsse zum grossen Strom, deren zahlreichen Laufwege ich gut kannte. Und alle waren sie wieder da. Zuerst natürlich die Hunde. Alle Rassen, alle Farben, alle Grössen feierten das Ende der kurzen Gassigänge in den frostigen Wochen. Wild und ausgelassen tobten die Grossen durch den Matsch des tauenden Bodens, neugierig trippelten die Niedlichen um die Pfützen. Und alle mit der Nase hinten dran, ständig. Selbst die notorischen Kläffer und Hinterherspringer, man kennt sich ja, schienen heut freundlicher zu kläffen und hinterher zu springen. Sie schienen sich darüber lustig zu machen, dass ich den Ansatz einer Wampe wie sie ihr Herrchen in aller Üppigkeit unbekümmert, über die Wege schob, so energisch und mit vierfachem Tempo bekämpfte. Ja ihre Menschchen! Auf allen Wegen standen sie in Gruppen und beredeten Hundehalterprobleme, vielleicht auch anderes, aber alles mit Hundehalterblick. Dieser erste warme Nachmittag hatte auch sie mit so etwas wie
Sanftmut überzogen. Kaum einer der - " Muss der jetzt hier auch noch durchrennen, wenn ich könnte wie ich will, würde dich Astor aber jagen!"- Blicke fiel auf mich beim durchqueren Ihrer Gesprächskreise. Ich nahm`s heute auch gelassener und tat als
störten mich die mindestens fünf um sie herum turbelnden Hunde nicht. Was sie wohl taten. Ein Pudel soll mich als Kleinkind fast gefressen haben.
Meine Kategorie Auenwandler, hatten die Muttis in Massen losgeschickt, endlich die quietschebunten Dauerlaufanzüge die es zu Weihnachten gegeben hatte, durchzuschweissen, der permanenten Zunahme des Bauchumfangs und der Gynäkomastopathie entgegen. Die farbigen Erdölabkömmlinge umspannten die Herren zum Teil dramatisch, und sicher, da verstand ich die Gattinnen, ein wenig eklig war das schon. Abgesehen von bunten Stirnbändern, am Gürtel zappelnden Trinkflaschen, sowie Renn- oder Skifahrerbrillen erregte ihre Grusswütigkeit meinen Argwohn. Mit lässigem Handwinken, geächztem "Hallo" oder schmachtendem Marathonzieleinlaufblick taten sie alles, um sich gegenseitig in den Sportlerstand zu erheben. Wir wenigen Allwetterläufer quittierten das knapp mit Augenaufschlagen, erkannten uns mit wissendem Blinzeln und liessen die Buntballons hinter uns. Das euphorisiert und ich entschloss mich, das letzte Quentchen Licht ausnutzend, zu einer weiteren halbstündigen Runde. Noch einmal trabte ich also auf die Brücke welche die beiden Flussdämme verband und mir als Spitz-
kehre diente. Der Blick der sich mir von hier etwa tausend Meter das Flüsschen hinauf bot, erschreckte. Trotz der nur noch ganz flach scheinenden Sonne, waren weiterhin Dutzende Winterspeckbekämpfer und noch mehr Hunde auf den Dammwegen. Ich verspürte keinen Drang den Routenier noch einmal vorzuführen und oben drein so zu tun, als störten mich die in Beutel scheissenden Wolfsabkömmlinge überhaupt nicht. Ich bog von den Promenaden ab auf die Wege des Waldes, der sich rechts des Flusses hinzog. Sie waren Menschen und Hundeleer, so dass ich nach weniger als einer viertel Stunde den anderen Wendepunkt erreichte. Kaum hatte ich diese Brücke überquert, blinzelte mir
die Restsonne ins Gesicht. Sicher, nur noch matt, gefiltert durch hunderte kahler Zweige kraftlos, trotzdem, ich begann ihr glücksblöd entgegen zu rasen. Die junge Frau bemerkte
ich erst spät, den Hund der straff an der Leine auf der anderen Seite des Weges im Unterholz wohl nach Duftmarken grub, gar nicht. Seine Leine wurde mein Verhängnis. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne jede Gelegenheit zum Abbremsen stürzte ich darüber, die Flugphase war lang genug, dass, zwar kein Lebensfilm vor meinem Inneren Auge gegeben wurde, mir aber schon vorm Aufschlagen schwante, das dieser Sturz nicht folgenlos bleiben könne. Sogar den Baumstumpf sah ich noch kurz, bevor ich ihn mit dem Schädel rammte.
Bewusstlos wurde ich nicht. Leider, denn jetzt suchte der Hund unheilvoll bellend nach der Ursache für sein Straucheln. Bei diesem brodelnden Atmen und rollendem Gegurgel, welches die Hunde h a l t e r i n Mühe hatte, mit lauten Kommandos zu beenden,
wie sie überhaupt Mühe zu haben schien, das Tier ausser Beissweite
zu bringen, fiel mir nur "Bluthund" ein. Ich presste meinen Kopf an den Boden, und sah mich als Kleinkind auf dem Pflaster vor unserem Mietshaus liegen, dem gefrässigen Pudel schutzlos ausgeliefert. Die Bestie schien jetzt angebunden und die Halterin hockte sich neben mich. "Hallo? Hallo! Leben sie noch?" Aus ihrer Stimme klang echte Besorgnis. Klar, würde ich jetzt hier abnippeln, wäre ihr Hund ebenso ein toter. Schwach nickte ich, den Kopf noch immer im Dreck, um ihn dann sehr langsam zu ihr zu wenden. Oh! Was sah mich denn da an? Tiefbraun- Schwarz durchbrochene Sonnenkränze von Augen aus einem sehrvielmilchkaffeebraunen Gesicht. Ich legte mir mehr Leid in die Züge. Doch das schien gar nicht nötig zu sein, mein Anblick trieb ihr das Entsetzen ins Zarte. Oh Gott! Was war denn passiert? Mein Vorhaben, noch etwas regungslos herumzuliegen gab ich auf und griff mir an die Nase. Die tat schon weh, war aber scheinbar noch intakt. Auch an den Wangen fand ich keine Löcher oder herabhängenden Teile, selbst das Kinn schien unverletzt. Ich suchte weiter und fand dann endlich an der Stirn eine Platzwunde als Ursache der Blutung, welche mein ganzes Gesicht verschmiert zu haben schien. Ich vergewisserte mich, ob der Hund sicher angebunden war. Dann begann ich mit Hilfe der Schönen aufzustehen, ganz langsam. Die Wirbelsäule war stabil, ich konnte frei stehen, aber als ich ganz aufgerichtet an mir herunter sah, klammerte ich mich sofort wieder an die Dunkle, ich wankte und gewaltige Schmerzen begannen. Ein ziemlich grosser dunkelrot-schwarzer Fleck kennzeichnete die Stelle am bunten Pantalon wo vorne oben die Beine enden. Kaum stand ich eine Minute, begann mir das Blut die Beine herab zu laufen. Ich drehte mich von dem Hund weg und spürte, wie mein Skrotum in einen Zustand geriet, der mit Platzen enden musste. Ich wollte noch etwas zu der Dunklen sagen, doch das geriet nur noch zu einem Grunzen, bevor ich nach vorn kippte. Leider nach vorn, und noch mal voll drauf, es wurde Nacht und ich begann zu träumen. Zu erst sah ich die mit den schwarz gestromten Augen davoneilen, nicht ohne ihren Hund beauftragt zu haben, auf mich acht zu geben. Na prima, gerade der! Hoffentlich hält die Leine! Kaum war meine Retterin aus Sichtweite, begann das Vieh mich anzuquatschen: "Ich meine ich habe das ja kommen sehen. Gerade heute habe ich mit Fräulein Assja vom Zwinger am Weinberg erörtert, dass das nicht ganz gut sein kann, was sie da alle treiben. Abgesehen von ihrer merkwürdigen Bekleidung, erschliesst sich uns der Sinn dieser Herumrennerei nicht. Bei uns kommen die beiden Grundformen des Laufens also Davon und Hinterher meist im Zusammenhang mit dem Jagdtrieb vor. Das Hinterher, übrigens die von mir ausschliesslich benutzte Form, entspringt direkt dem Eigenem wohingegen das Davon Fremden. Meines Wissen ist der Jagdtrieb nun bei Ihnen Menschen nur noch rudimentär vorhanden. Bei Ihrem buntgeschmückten Rennen hier durch die Parks scheint es sich meineserachtens doch um eine Art des Davonrennens zu handeln. Nur wovor?"
Leider beherrsche ich bis heute keine Meditationstechniken, eine tiefere Form der Bewusstseinstrübung hätte mir geholfen die "Ihr lauft vor euch selber weg" Geschichte
nun nicht auch noch aus dem Maule dieses aristokratischen Boxer-
hundes hören zu müssen. Er trug ja nicht mal Birkenstock! Mir blieb nichts anderes als Wachwerden. Der herbe Geruch des modernden Laubes auf dem ich lag, half mir dabei. Sofort donnerte wieder Schmerz durch meinen Penis. Dann hörte ich den heulenden Ambulanzwagen.
Als Kind hatte ich mir sehnlich gewünscht, einmal von so einem mitgenommen zu werden. Feilschend mit mir selbst, hatte ich mir Verletzungen ausgedacht, von denen ich sicher war, sie würden nicht allzusehr wehtun. So etwas wie sich jetzt in meiner Hose abspielte, natürlich nicht. Wer denkt schon an so was? Als Kind! Durch das Gebüsch sah ich den Wagen auf dem Hauptweg näher kommen, vornweg die junge Frau. Auch aus der Ferne gab sie ein angenehmen Anblick. Mein aristokratischer Bewacher begann ein lautes Gebell, wohl um seine Herrin zu begrüssen. Vielleicht gab er auch Rapport über meinen Zustand. Die Sanitäter arbeiteten zügig und fast wortlos, nur als sie mich recht schmerzhaft auf den Rücken drehten, und ihr Blick in meinen Schritt fiel, glaubte ich bei dem Jüngeren eine Spur Entsetzen durchs Gesicht huschen zu sehen. Kaum hatte der andere seine Spritze an die Kanüle in meinem Unterarm gesetzt, verschwand der Schmerz aus meinem Geschlecht. Mir wurde leicht und wieder schlief ich ein.
"Oh je, so zermatschte Eier würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen." meldete sich der Boxer zurück. Obwohl ich aus prinzipiellen Erwägungen (frühkindliches Trauma!)
Hundebesitzerinnen sonst kein Interesse entgegenbrachte, versuchte ich das Gespräch auf seine Herrin zu bringen.
"Sagen sie mal Herr...?"
"Lahnstein. Rocco von Lahnstein."
"Ja. Herr von Lahnstein, haben sie eigentlich auch einen Herren?" Der Hund verknitterte das Gesicht noch mehr als es von Zucht aus schon war und blieb stumm.
"Na oder was macht denn ihre Herrin so? Sind sie der einzige Hund? Wo wohnen sie denn?"
Der Boxer unterbrach mich: "Mein lieber Sportsfreund, wäre da nicht ihr bedauernswerter Zustand, müsste ich Ihnen für diese distanzlosen Fragen, eine Fleischwunde zufügen, deren Versorgung die anwesenden Herrn Sanitäter an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führen dürfte. Was glauben sie denn, was ich bin?"
"Ein Boxer" murmelte ich.
"Ich bin der beste Freund des Menschen! Meiner Herrin treu ergeben, bereit mein Hundeleben für sie zu geben! Glauben sie, ich würde derartige Privatissima einfach so ausplaudern? Und dann noch ihnen, einem Jogger! Nicht für drei Rinderhirne! Zudem, erlauben sie mir die Bemerkung, finde ich solche eindeutigen Paarungsfragen in Ihrer momentanen Situation völlig deplaziert! Verdrängen sie oder begreifen sie nicht, das sie im Begriff sind, ihr Geschlecht zu verlieren?"
Das verunsicherte mich.
Zum Glück schloss sich jetzt die Ladeklappe des Rettungswagens und ich hatte Ruhe vor dem eifergeifernden Bodygard. Ausser dem Piepsen meiner Herztöne aus einem kleinen Kasten über mir, hörte ich nichts mehr. Für einen gewohnheitsmässigen Läufer fand ich meinen Puls zu schnell.
Auch ohne Meditation entwich ich in eine entferntere Welt. Mir war völlig klar in welche Richtung das jetzt ging. Ich erwartete, wie in den Reportagen gesehen, weiches weisses Licht auf dass hinzuzuströmen war. Da ich mich in einem Rettungswagen befand, würden mich die Sanis wahrscheinlich aufhalten und die Sturzfahrt in die Unendlichkeit vereiteln. Schade!
Das ständige Gefummel zwischen den Beinen raubte mir die Ruhe zur Lichtfahrt. Ich versuchte den lästigen Störer abzuwehren, doch meine Hand wurde entschieden zurückgedrückt und wieder etwas in den Arm injiziert. Ich fiel in dumpfes Schwarz.
Mein nächstes Erwachen erschien mir im ersten Moment auch als dejavu, aber das kommt wohl von den vielen Krankenhausserien. Im Gegensatz zu den Bildern im TV, war ich lediglich mit zwei elektrischen Kabeln angebunden. Luft holte ich selbst. Seitlich verschwand in meinem Hals eine durchsichtige Pipeline, die in Gegenrichtung zu einer verwaisten Infusionsflasche führte. Das und die vielen nicht angeschalteten Geräte deuteten an, das es mir gar nicht so schlecht gehen konnte. Einzig der Bettbogen, welcher die Decke über der unteren Körperhälfte anhob, machte mir Sorgen. Aus einer Zeit in der ich mit urologischem Personal verkehrte, wusste ich, dass man solche Gestelle, ihrer hallenartigen Form wegen auch Sackbahnhof genannt, verwendete wenn die Bettdecke für einen operierten Pimmel zu schwer werden könnte. Hmmm? Ich versuchte die Decke auf meiner Brust anzuheben um einen Blick nach unten zu werfen. Als sei ich mit Bewegungsmeldern ausgerüstet, flog die Tür auf und mit "Die Hände bleiben schön liegen!" sauste ein ausladender Lockenkopf ans Bett. Mit -Hab ich dich erwischt!- Blick ging es freundlich weiter: "Na endlich aufgewacht? Was machen die Schmerzen? Haben sie Hunger? Brauchen sie sonst irgendetwas? Kommen sie, dranbleiben! Nicht wieder einschlafen!"
Das hatte ich auch gar nicht vor, aber auf so ein Kommunikationsbombardement war ich nicht vorbereitet und reagierte erst mal verstört. Zuletzt hatte ich mit einem Boxerhund geredet... Das einzige was mir einfiel, war, das die Fragen jetzt nur so aus mir heraussprudeln müssten, aber eben das war das Einzige, was mir einfiel. Der Kopf blieb leergefegt.
Das störte die Wuschelschwester nicht, die passenden Antworten zu geben. "Also sie befinden sich hier in der Intensivstation der Allgemein- Chirurgie und Urologie und wurden uns von den Urologen anvertraut. Es ist jetzt Freitagmorgen halbzehn in Deutschland und ich muss mein Knoppers essen. Entschuldigen sie, das war ein Spass!" Nachdem der Wuschel ausgelacht hatte, ging es weiter: "Es ist wirklich Freitagmorgen halbzehn, sie wurden gestern Abend gegen achtzehn Uhr eingeliefert, bewusstlos mit schweren
Verletzungen im Genitalbereich. Frau Siebert behauptet, sie seien über ihren Hund gefallen..." Bei diesen Worten hoben sich ihre dichten Augenbrauen anderthalb Zentimeter und die äussersten Zweige ihres matt dunkelblonden Weidenbaumes hörten kurz auf zu wippen.
Oh Gott, das war wohl der Narkosekater. Ich versuchte mich aufzubeugen, wurde aber von der ansonsten schlanken Weide mit zwei Fingern zurück gedrückt. Das Gebet nahm seinen Fortgang: "Nachdem ihr Kreislauf stabilisiert war, wurden sie operiert. Es sah sehr ernst aus! Heute morgen um zwei Uhr kamen sie dann zu uns." Meine gerunzelte Stirn deutete sie nicht als Ausdruck des Rechenversuches welcher partout nicht gelingen wollte, sondern als d i e grosse Besorgnis. "Das Organ konnte erhalten werden!" sagte sie mit einer Mischung aus Ekel und Stolz.
Ach Gott daran hatte ich noch nicht gedacht. Das "Organ" war also noch dran. So wie die, wie im Wind schwankende Samariterin das gesagt hatte, konnte es ja nur um meinen Schwanz gehen. Ehrlich gesagt war mir das ziemlich egal. War er eben dran. Nanu, was dachte ich denn da? Hatten mir die Narkotika eine Erleuchtung geschenkt? War ich dem Nirwana, ohne es bis heute gesucht zu haben, näher gekommen? Wieso fiel mir sofort Nirwana ein, bloss weil mich mein Schwanz momentan nicht interessierte? Weiteres Nachdenken liess die Weide nicht zu, wieder stippte sie mich hart an: "He, He junger Mann, nicht gleich wieder schlafen! Hier sie müssen trinken!" Mit diesen Worten hielt sie mir einen weissen Kunststoffbecher vor den Kopf, aus dem mir Mineralwasser in die Nase perlte. Ich suchte den Auslaufstutzen und nippte von der warmen Lorke, die eklig auf der Zunge biss. "Nur wenn sie ordentlich trinken kann die Infusion gezogen werden!" stachelte sie mich zu mehr an. Lieber für den Rest des Lebens an der Leine, als noch einen Schluck von diesem Zeug, dessen Gas meinen Bauch sofort zu blähen begann. Resigniert den Kopf schüttelnd, lies ich mich matt ins Kissen fallen. Bis sie nach einigem Herumgeschalte an den Apparaten endlich das Zimmer verlassen hatte, hielt ich die Augen fest geschlossen und schlief mit Bauchweh ein. Ich träumte von einem sprechenden Boxerhund der Napf um Napf Mineralwasser wegschlabberte, wobei er immer wieder unterbrach um seinen Geifer auf mein Bett abzuschütteln. Dann wandte er sich hochmütig ab und liess im Gehen einen gewaltigen Furz.
Es klopfte leise. Mühsam öffnete ich die Augen und sah, wie in einem Besichtigungszimmern für Neugeborene, die Herrin des Boxers hinter einer Glasscheibe stehen. Da Sie die Blumen trug, musste ich wohl gleich von einer Säuglingsschwester hochgenommen und zur Tür getragen werden. Meine Besucherin blickte aber nicht zu mir, sondern zu der dem Fussende meines Bettes gegenüberliegenden Wand. Was war da so interessant? Langsam hob ich meinen Kopf und sah auch hier eine sich über die ganze Breite des Zimmers ziehende Glasscheibe. Hinter der stand Schwester Weidenkrone und nickte aufmunternd in Richtung Tür. Die sahen durch Wände. Kaum hatte meine Besucherin vorsichtig die Klinke heruntergedrückt rief ich ihr entgegen: "Lassen sie das furzende Vieh draussen, der war eben schon hier!" Mitleidigen Blickes, wie gestern im Wald, näherte sie sich meinem Bett. "Aber den darf ich doch gar nicht mit ins Krankenhaus nehmen." sagte sie im Ton für Durchgeknallte.
"Oh Gott, entschuldigen sie, ich verwechsele noch Traum und Wirklichkeit, wobei mir ihre Anwesenheit auch etwas traumhaft vorkommt."
Sie lachte mich an: "So wie es hier riecht hätte er wirklich da gewesen sein können. Wie geht es ihnen? Haben sie grosse Schmerzen? Das alles tut mir so leid, ich hätte sie früher sehen müssen."
"Na ja oder ich sie!" versetzte ich schnell. Sie fuchtelte verlegen mit den Blumen vor ihrem Bauch herum und ihre wirklich sehr dunklen Augen suchten nach einem Gefäss. Ehe sie ihr Ansinnen formulieren konnte, flog die Tür auf und die Weide stürmte mit einem bauchigen Urinsammelglas herein. Klar, ich war ja auch ein Urologischer Patient.
Während die beiden Frauen den Strauss in das Medizinalglas rückten und zupften, dabei die heutige Wiederkehr des Winters erörterten (Aha!), betrachtete ich die Backfront meiner neuen Bekanntschaft. Die Leserin möge mir das nachsehen, aber ich dachte "Na Hallo!". Ich denke sonst nie: "Na Hallo!"
Das floristische Intermezzo beendend, wendeten sich die beiden Grazien wieder mir zu.
Während sich bei der Weide unter der Baumkrone ein gelblich blasses Gesicht scharf herausschnitt, in das sich wohl die Nachtdienste so tief eingekerbt hatten, verzauberte die Hundeführerin mit ihrem vielleicht arabischen Geheimnis. Ich mochte gar nicht mehr wegsehen. Schwester Weide fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie meinen Befund erläutere. Noch einmal hörte ich mir die Gruselworte über meine Beinaheentmannung an, das Gesicht der Schönen litt mit. Leider schickte sie sich bald zum Gehen an, sie wollte mich wohl schonen, obwohl es doch nichts zu geben schien, was meiner Genesung förderlicher wäre, als ihre Anwesenheit. Oh! Ich hatte mich wohl
ein wenig verknallt. Gut so, das hatte es lange nicht gegeben. Sie gab mir ihre warme feste Hand, die, ein wichtiges Zeichen, nur ganz knapp in meine passte. Vorsichtig hielt ich sie auf meiner Brust fest und sagte "Viele Grüsse an Herrn Rocco von
Lahnstein."
"Woher kennen sie den Namen meines Hundes?"
"Den hat er mir gesagt!"
"Ach ja" fragte sie mit irritiertem Blick zur Weidenschwester. "Ganz Normal" beschwichtigte diese "unser Sportler ist ja auch noch auf den Kopf gefallen, dazu der Hangover einer mehrstündigen Narkose, da würden wir alle Blödsinn reden. Morgen wird er sich wahrscheinlich an den heutigen Tag nicht mehr erinnern."
"Ich komme morgen wieder, wenn sie nichts dagegen haben." sagte meine Streckerin, ihre Hand zurückziehend.
"Oh ja!" entfuhr es mir.
Durch die Scheibe winkte sie noch einmal kurz, ich sank ins Kissen und jagte mit meiner neuen Liebe über Felder roten Mohns, Zeitlupe ist klar. Hand in Hand sprangen wir zu einem lustig gurgelnden Bach der zwischen von der Schneelast tief gebeugten Weiden hindurchwasuselte. Ich nahm das Uringlas aus Ihrer Hosentasche und schöpfte aus dem Bach. Wir tranken gemeinsam aus dem Becher der Liebe, dann küssten wir uns. Tief im
Rachen knoteten die Zungen. Sie lies den Speichel nur so aus den Mundwinkeln rinnen, der auf unseren Kinnen den Fluss der Leidenschaft bildend, mir schwer und zäh
aufs Jackett tropfte. Mehr und Mehr. Eine Flut stinkenden Speichels, vergällte mir Sinnenrausch. Wenn das nun? Langsam öffnete ich die Augen..., und reiherte Herrn Rocco von Lahnstein ins Knittergesicht. Wo kam nur dieses Vieh schon wieder her? Noch ein Kotzschwall. Der edle Boxer schaute mich, als der Schleimfilm auf seinen Glubschaugen zerrissen war, verwundert an und machte einen satten Blaff. Meinen Ekel schien er nicht zu begreifen. Blut unterlief ihm die Augen. Jeden Moment würde er mir das Gesicht abbeissen. Ich schlug kräftig zu.
Die Nachtschwester war stumm nett beim Ordnen des zerzausten Bettes.
Am nächsten Tag kam meine neue Freundin mich wieder besuchen. Ich
war nun schon auf die Urologische Abteilung verlegt und durfte aufstehen. Wozu ich kaum kam, denn im Verlaufe des Tages hatte ich eine Menge Leute kennengelernt, die sich meinen demolierten Schwanz anschauten. Diverse Arztkollegen denen der Urologe stolz sein Werk präsentierte, einige Schulschwestern die an mir lernten und noch ein paar Leute deren Herkunft mir verborgen blieb. Als das Ding noch seine Kontinuität besass, interessierten sich viel weniger Leute dafür. Die Mutter hatte mir einen Trainingsanzug aus der Kollektion des Vaters mitgebracht. Er war zum grau verwaschen schwarz. Nur dieser vierzig Jahre alte Anzug konnte mich momentan bekleiden, da er genau an der Stelle seine riesigste Beule hatte, an welcher ich meinen fetten Verband trug. So wandelte ich mit Julie, wir hatten uns jetzt vorgestellt, und mit unheimlich dicken Eiern durch den Spitalgarten. Wir redeten wenig Blech und waren nach kurzer Zeit bei den Dingen die uns wirklich voneinander interessierten. Noch nie hatte ich mir Gedanken gemacht, warum jemand einen Hund hat und dann noch einen so grossen. Sie erzählte mir das sie zu viel Liebe übrig habe und ein Hund sie sehr an Ihren Vater erinnere der sie allein aufgezogen habe und vor zwei Jahren gestorben sei. Sie hätten immer Hunde gehabt. Auf meine Frage, ob es nicht auch Menschen gäbe die ihre Liebe verdienten, blies sie nur Luft durch die Nase. Höhnisch. Dann sagte sie: "Eben, es gab mal einen der liebte mich schon bevor mir Brüste wuchsen und ohne das ihm das Körpersäfte diktierten. Dem blitzte nicht bei jedem Wort, jeder Berührung die Geilheit aus den Augen. Der liebte mich einfach so. Weil er mein Vater war."
"Das ist aber etwas simpel wie sie das sehen, jeder Mann ein Bock." erwiderte ich etwas gereizt.
"Das ist so simpel, belauschen sie mal die Paare in den Parks und Cafe`s wenn er sie rumkriegen muss. Was da gelogen wird, wie viel Scheisse da über die Lippen kommt, wie man sich da erkennt, eins wird und was nicht alles, bloss um zu stöpseln. Igitt! Und die Frauen? Sind nicht anders. Machen das Spiel genau gleich mit. Untereinander sind sie Konkurrentinnen, immer drauf aus vom stärksten Eber trächtig zu werden. Haben sie mal gesehen wie Säue gedeckt werden?"
Jetzt wurde es mir zu bunt: "Du bist lesbisch, oder?"
"Oh klar Mann so denkt ihr, passt Eine nicht in eure Fickordnung muss sie ja lesbisch sein. Nein ich bin nicht lesbisch! Leider! Oder auch nicht, dort gibt es auch viel Gier. Und gelogen wird immer!"
Da war ich aber über eine Hundeleine gestolpert!
"Und wie ist das mit mir, hast in mir auch schon den Deckhengst entdeckt, oder um in deinen Bildern zu bleiben, den Zuchteber?“
Da prustete sie los und zeigte auf die unförmige Beule in meiner Hose. "Nein! Zu deinem Glück scheinen ja derlei Gefahren momentan gebannt zu sein. Die Schwester, die mit den schönen Haaren, hat mir erzählt, du würdest dich ungewöhnlicherweise nicht um deinen
Schnidel sorgen. Das gefällt mir."
Und so kamen wir obgleich wir uns kaum kannten, schnell einen Schritt auf uns zu. Ich genoss die Vertrautheit und begann eine "Na ja eigentlich nicht, obwohl doch schon... Rede".
Da es beim Laufen im Verband arg spannte, ging ich etwas tapsig und stolperte auch einmal, was mir kurz den Schmerz ins Gesicht trieb. Da nahm sie meinen Arm und führte mich, ihn sanft an ihre runde Brust drückend, weiter durch den Park. Ich spürte ihre Wärme und wir redeten weiter über unsere Leben und wie gern wir sie allein führten. Was da schon nicht mehr stimmte. Eine Verabredung trafen wir auch schon: sie lud mich ein zu sich nach Haus ihren Hund richtig kennenzulernen. Um nicht ihr Misstrauen zu er-
regen schwieg ich von meiner panischen Hundeangst. Es musste irgendwie gehen, denn zu dieser Frau gehörte nun mal der Boxerhund. Das nenn ich Schicksal! Von meinen Ohnmachtgesprächen mit Herrn Rocco berichtete ich ihr aber. Sie konnte so schön lachen.
Den Traum von der Wiese behielt ich für mich. Er schien mir pathologisch. Beim Abschied am Krankenhaustor gab sie mir eine Kassette, mit der Bemerkung: „Für die Nacht.“ Und einen Kuss auf die Wange: „Bis Morgen.“
Hätte ich gekonnt, wäre ich ins Zimmer getänzelt. Im Bett hörte ich mir die Musik an. Marianne Rosenberg. Woher wusste sie das? Für einen heterosexuellen Mann meines Alters war es nicht selbstverständlich diese Schlager zu mögen. Diese herrlich kitschigen Lieder bei denen ab und an ein bisschen grosses Gefühl hindurchlugte, schienen auch ihr zu gefallen, die Kassette war elend abgenudelt. Verliebt summte ich die Lieder der Nacht und spürte immer noch die Wärme ihres Kusses auf der Wange.
Beim spätabendlichen Verbandwechsel realisierte ich ,dass nicht nur ihr Kuss mich erwärmte, auch der Penis brannte höllisch. Die neue Schwester, der ich zum hundertsten Male den Hergang des Unfalls erzählen musste, der zu d e m Wendepunkt meines Lebens zu werden schien, pinselte den Geröteten mit irgendeiner Tunke ein. Lange lag ich dann noch im Dunkeln und schlief mit unserer Musik in den Ohren ein.
In konstruktiver Zusammenarbeit mit der Krankenhausbuche warf der Mond ein Tapetenmobile an die Wand, als ich aus einem wohligen Traum erwachte. Wir waren mit dem Hund auf unserem Weg, der Hund schwieg jetzt übrigens, und noch immer drückte sie meinen Arm an Ihren Busen. So warm, so weich! Neben dem Brennen spürte ich jetzt auch ein deutliches Pochen unter dem Bahnhof. Es hing wohl mit dem Traum zusammen.
Auch wenn mir bei jedem Pochen fast das Ding zerriss, war es nicht unangenehm. Ein angenehmer Schmerz, das kannte ich noch nicht. Als es nachliess konnte ich nicht anders und griff unter mein Deckengestell. Ich musste den Verband nur kurz berühren, schon begann das Pochen und die Verpackung wurde wieder eng. Das tat schweinisch weh und wohl. Immer wieder griff ich hin, dann liess ich die Hand dran und schob den Mull hin und her. Mir wurde so anders ich dachte an Sie und schob heftiger. Ich spürte genau, das ich dem zerreissen näher kam, und wie mir ein Quieken über die Lippen wollte, war es passiert. Mit der einen Explosion kam die andere, ich wunderte mich noch wie viel Warmes mir über die Hand rann, aber eigentlich war mir ziemlich klar was da passiert war. Ich nahm die Hand nach oben und richtig, sie war blutüberströmt mit weissen Schlieren drin. Der enorme Druck hatte schlagartig nachgelassen, dafür wurde mir warm am Hintern. Ich tastete im Dunkeln nach der Klingel für den Notfall, die mir die Stationsschwester am Morgen gezeigt hatte. Natürlich hatte ich nicht aufgepasst und fand den Knopf nur mühsam. Während ich wartete, beobachtete ich weiter den steigenden Spiegel warmen Blutes an meinem Arsch. Gleichzeitig wurde mein Kopf inne Leer, im ganzen aber schwerer. Dann kam die Schwester, und nach einem Blick auf das Bett, drückte sie ein zweites Mal den Rufknopf, der das Summen auf dem Gang zu einem regelmässig unterbrochenen Ton machte. Das klang alarmierend. Und Richtig, kurz darauf kamen einige Leute ins Zimmer gestürmt. Sie führten Wagen und Geräte mit sich. Es wurden immer mehr. Ich stellte mich neben sie und beobachtete was sie für mich taten, diesen Zustand kannte ich schon, zu meinem Glück war der Boxerhund nicht mit im Zimmer. Er hätte mir sicher wieder eines seiner lästigen Gespräche aufgedrängt. Mir wurde schwarz.
Irgendetwas hatten sie diesmal anders gemacht. Schlagartig erwachte ich aus dem schwarzen Loch, indem ich bis jetzt traumlos gelegen hatte und erblickte ziemlich klar Julie, die Albernerweise weinend ein buntbedrucktes Taschentuch in ihren Händen walkte. Was war nur jetzt wieder los? Das LSD hatten die Schlafärzte diesmal wohl selbst genommen. Meine Birne war schwer und dumpf, an Bewegen war überhaupt nicht zu denken, aber meine Gedanken flossen erstaunlich klar und gerade. Nur der Hals schmerzte. Mühsam krächzte ich ein "Hey Hey", das sollte ihren Tränenstrom beenden. Bewirkte aber das Gegenteil. Flüstern ging besser. Also zischte ich:
"Was ist denn los?" Wieder eine Heulsalve. Dann nahm sie meine Hände, wobei sie mir das sehr feuchte bedruckte Taschentuch gegen den rechten Handballen drückte, beugte sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss. Ho, Ho, einen Kuss! Erst einen auf die Wange, dann einen auf den Mund. Sehr feucht. Salzig. Ein klein wenig erinnerte mich das an ihren Hund, aber diese Idee verschwand sofort wieder, diesmal war ich Herr meiner Sinne. Um so mehr konnte ich mich jetzt auf ihre Nähe konzentrieren. Mein Gott, roch die Frau! Und dann dieser dunkelbronzene Hals direkt vor meinem Gesicht!
Einmal da reinbeissen! Ihre glatten, vollen Haare kitzelten mein Gesicht, als sie mir ins Ohr flüsterte: "Mein Gott was du alles aushältst! Du bist ein sehr starker Mann! Ich liebe dich!"
Was war jetzt los? Was hatte sie da gerade gesagt? Nur das noch immer wirkende Dämpfungsmittel hielt mich vom Springen, Schreien, Tanzen zurück. Mir blieb nur etwas Zucken, Krächzen und ein wenig Geifer, als Ausdruck meiner überschwappenden Freude. Zart wischte sie mir mit ihrem Taschentuch den Speichel vom Kinn. In diesem Stück feiner Baumwolle, bedruckt mit chinesischen Blumen hatten sich erstmals unsere Körpersäfte vereinigt! Dieses Taschentuch würde ich in der Brusttasche des Hochzeitsanzugs tragen wollen, selbst auf die Gefahr hin, auch eine Krawatte mit chinesischem Blumenmuster umbinden zu müssen. Später würde diese erste Reliquie unserer Liebe ihren Platz in meinem Nachtschränkchen finden. Hinter den Kondomen.
Ich sah meiner neuen Liebe ins Gesicht.
Völlig fassungslos flüsterte ich: "Was ist denn eigentlich los?"
"Du bist knapp mit dem Leben davongekommen", sagte sie, wobei ihr Kopf in eine langsame bedeutungsschwangere Nickbewegung fiel, die nach dem Satz noch ein ganzes Stück nachschwang. Dann fuhr sie leise fort: Man hat dich die ganze Nacht operiert. Der Arzt sagt die Blutung war kaum zum stehen zu bringen. Irgendwie muss wieder alles kaputt gegangen sein."
Verdammte Wichserei! konnte ich gerade noch bei mir behalten. Ich machte interessierte Telleraugen und sie fuhr fort: "Erst haben sie versucht alles zu richten, dann stand die Rettung deines Lebens im Vordergrund. Sagt der Oberarzt. Dein Kreislauf wurde zunehmend schwächer, du verlorst zuviel Blut und deine Gerinnung geriet durcheinander, sie gaben dir Blutkonserven. Erstaunlicherweise konnten sie hier auf der Intensivstation bald aufhören dich zu beatmen, aber eh du hier wieder rauskommst wird es diesmal länger dauern. Sagt der Oberarzt. Es wird sehr lange dauern bis wir wieder spazieren gehen können."
Ha, nicht nur spazieren, schoss es mir durch den Kopf. Aber noch ehe der Gedanke weiter formuliert war, hatte ich ihn schon unter Kontrolle. Aber was heisst eigentlich: Sie haben versucht alles zu richten. Ich fragte sie. Sofort beendete sie den bis dahin andauernden Blickkontakt, walkte wieder ihr Tüchlein, suchte irgendwas an der Wand und presste fix: "Das wird dir der Oberarzt selber sagen!" heraus. Ach du meine Scheisse! Das klang nicht gut! Ich nahm ihre Taschentuchhand und sagte in einem für sie neuen, nachdrücklichen Ton mit Blick von unten nach Oben, stechend, wie das an solchen Stellen im Fernsehen immer ist: "Julie sag mir was los ist! Was haben die mit mir gemacht? Sag’s mir!" Bei den letzten Worten hatte ich sogar ein wenig ihre Hand geschüttelt. Ein Weinen ihrerseits hätte ich jetzt erwartet und mit den Worten: Nein ich kann nicht! auch ganz passend gefunden. Aber die Frau war immer neu. Hinter ihren Tränen begann etwas zu leuchten und ihr Mund verzog sich zu einem regelrechtem Grinsen. "Ich habe dem Oberarzt versprechen müssen es ihm zu überlassen, dir die Zusammenhänge zu erklären."
Jetzt wurde es mir aber langsam zu viel: "Was denn für Zusammenhänge? Was wird hier eigentlich gespielt? Kann mir mal jemand sagen was mit mir los ist?"
"Ja gern, wenn sie nicht so herumschreien!" kam es von der Tür, wo der Arzt stand der allen so Stolz meinen von ihm gerichteten Penis gezeigt hatte.
"Sie sollten sich in nächster Zeit körperlich und auch seelisch etwas schonen, wobei ich einflechten möchte das ich durchaus nachvollziehen kann, wenn ihnen letzteres schwer fallen sollte. Aber es sei ihnen in aller Deutlichkeit gesagt: eine weitere Nahtruptur könnten sie mit dem Leben bezahlen. War jetzt schon knapp." Die Verwirrung, die das einzige war, was seine Worte in mir erzeugten, muss er mir angesehen haben. Und so setzte er sich sanft lächelnd aufs Bett, wie sie es bei Kindern tun oder Frauen im Mittelalter denen sie dann sagen: "Ja es ist Krebs, aber ich würde mir an ihrer Stelle keine Sorgen machen, wir schaffen das schon." Er schafft`s auf jeden Fall. Genauso sass er also da, nur was dann kam war schlimmer als alles was man Kindern oder krebskranken Frauen sagen konnte: "Ihr Leben ging vor, ein zweites Mal war diese heikle Operation nicht möglich, wir konnten das Organ, wir konnten ihren Penis nicht erhalten." Instinktiv griff ich nach unten: Er ist ab? Sanft legte er meine Hände wieder nach oben: "Ja er ist ab!"
Die weiteren Erläuterungen die wortgleich zu Julies waren, hörte ich immer weniger. In meinem Kopf raste ein Karussell und zentrifugierte einen einzigen grossen, lauten, giftgrünen Gedanken: Ich bin entmannt! Ich habe keinen mehr! Ich bin entmannt! Ich habe keinen mehr! Und so weiter, immer schneller, bis mir schlecht wurde. Schon als Kind konnte ich Karussells nicht vertragen. Erst glaubte ich ins Bett brechen zu müssen, fiel dann aber besser in eine kleine Ohnmacht. Der Oberarzt, der Schlächter der anderen den Schwanz abschnitt, der Kastrator, er patschte mich. "He, He, he- sie müssen jetzt den Tatsachen ins Auge sehen!" Na prima, solche Sprüche brauchte ich jetzt ganz bestimmt! Und wirklich, wie im schlechten Arztfilm nahm er jetzt seine schmale randlose Brille ab, drehte sie unwuchtig an einem Bügel und schoss los, väterlich im Ton, für den er mir eindeutig zu jung war: "Sie werden den Verlust ihres Penis sicher ähnlich erleben wie jemand der von seinem nahen unausweichlichen Tod erfährt."
"Der kann immer noch den Arzt wechseln!" erwiderte ich, "Bei mir ist ja schon alles passiert!"
"Sie sollten mir erst einmal zuhören!" gab er scharf zurück. „Also sie erleben vier Stufen der Verarbeitung des Verlustes. Erstens: Ignorieren. In dieser Phase befinden sie sich im Moment, schon ihre unqualifizierte Anmerkung eben zeigt, das sie die Tragweite ihres Geschlechtsverlustes noch zu ignorieren versuchen. Ausserdem klingt in ihrer Reaktion auch schon die zweite Stufe an: Die Wut! Sie sind wütend auf sich, die Natur, Gott!"
"Und den Arzt!" vervollständigte ich. Das überging er und fügte die folgenden Stufen gleich en bloc hinzu: dann kommt noch Feilschen, sie werden versuchen um ihr Organ zu handeln, bevor sie dann in der letzten Phase resignieren, oder in ihrem Falle besser akzeptieren werden." Ich überlegte mit wem ich wohl um meinen Pimmel feilschen würde, mit diesem Fernsehdoktor sicher nicht. Zu allem Übel fasste er jetzt Julie auch noch um die Schultern, versuchte sie irgendwie an sich zu drücken und sagte: "Mit dieser prächtigen Frau werden sie das alles gut überwinden. Wir haben uns vorhin eingehend unterhalten und ich glaube kaum ein Mann wüsste in dieser Situation eine solche Frau an seiner Seite. Ich war über unser Gespräch tief beeindruckt und würde fast von Glück für sie reden. Natürlich werde auch ich ihnen jederzeit zur Verfügung stehen, ich habe einige Erfahrung mit Fällen wie ihrem. Auch die prothetische Versorgung würde ich gern besorgen. Es gibt da heute schon ganz feine Sachen, technische Meisterwerke mit Pneumatik, Elektronik und..., darüber reden wir dann zu gegebener Zeit. Ich lasse sie jetzt allein, sie haben sicher noch über einiges zu reden.“ Mir drückte er langsam seine Faust an die rechte Schulter wobei er beide Augen zudrückte, filmmässig, vor Julie deutete er eine Verbeugung an und verlies das Zimmer. Das Drehen im Kopf sollte jetzt aufhören! Ich nahm ihn in beide Hände und drückte fest zu, immer fester, ich krallte meine Hände in den Kopf. Julie nahm sie weg: "Was machst du da?"
"ICH HABE KEINEN SCHWANZ MEHR!" schrie ich sie an.
"JA UND GLAUBST DU, DASS STÖRT MICH?" schrie sie zurück. "Wir werden uns zu helfen wissen und ein freies Leben führen!" So wie sie mich ihr Blick anstach, meinte sie das ernst. Sie streichelte die Decke über der dicksten Stelle meines Verbandes und küsste mich, das es mehr nicht brauchte.
Sie behielt recht. So schnell wie an den Boxerhund, der mich, nun als ich sein Herrchen war, keines Wortes mehr würdigte, gewöhnte ich mich an unsere sexuellen Sonderformen, die wir zügig und hemmungslos entwickelten. Doch was heisst da gewöhnen! Trauen, ja trauen mussten wir uns all die Dinge, die Julie sich ausdachte. Die tiefe Verbindung der Tage, die binnen kürzester Frist entstanden war, fand ihre Fortsetzung und Erweiterung in Nächten, die alles sprengten, was ich mir bis anhin hatte vorstellen mögen. Abgesehen von den Maschinen des Oberarztes, die jeden Anflug von Leidenschaft oder gar Gier, in Lachanfälle konvertierten, kam alles was an Mobiliar, Haushaltgeräten und Nahrungsmitteln irgendwie verwendbar war, in Anwendung um uns gegenseitig in den Leibern herumzufahren. Wir wurden Profis. Auf Anregung des Oberarztes besuchte uns eines Tages ein Fernsehteam, das eine Sendung gestaltete, in der eine Frau, die keine war, über Sex redete, der keiner war. Wir, mit unseren Seelen und Körpern wohlvertraut, hatten keine Scheu und wälzten uns einen Tag lang vor der Kamera und verblüffend vielen, fremden Leuten. Immer wenn in seichteren Wassern unserer Lustellipsen, der Zweifel kam, hauchten, brummten, schrien wir uns statt der Vornamen die Summe ins Gesicht, die an diesem Tage zu verdienen war. ZEHNTAUSEND MARK!!! Zehntausend Mark! Du hattest gedealt. Die Bilder wurden wohl recht gut. Wir selbst sahen uns den Schmuddelkram nicht an.
Bald bekamen wir viel Post, bauten keine Selbsthilfegruppe auf, begannen aber professionell Pornos zu drehen. POP! nannten wir das: Porno ohne Penis. Ein grosser Erfolg, die schwanzgesättigten Verbraucher kauften wie blöd und so reisten wir ein Paar Jahre mit Küchengeräten durch Europa und drehten Hardcore. Als genügend Geld beieinander war, liessen wie die Wichser vor ihren Videorecordern im Stich und verbürgerlichten nicht. Aber du wolltest ein Kind und wir konsultierten den Oberarzt. Mit Hilfe einer angenehmen Gynäkologin platzierte er eine meiner Samenzellen in eines deiner Eier. Der Sohn bekam den Vornamen des Oberarztes und sah ihm von Jahr zu Jahr ähnlicher. Wie ich fand. Das störte nicht, der Mann war unser Schicksal.
Für Biergärten interessierte ich mich nicht mehr.
Labels: Sex sells
Dienstag, Mai 22, 2007
Die Alte
Zwischen den zwei Wäldern stehen fünf Häuser. Eines der dunklen Fenster öffnet und eine schwache Frauenstimme ruft in die Nacht: „Jerry! Jerry! Komm Jerry! Komm!“
Sie lassen die Alte. Sie lassen sie da wohnen, wo sie schon immer wohnt, der Bauernhöfe sind längst umgebaut, Leute aus der Stadt leben ruhig und schick dort. Der Sohn blieb mit Familie im Elternhaus . Die Alte lassen sie, wo sie immer war, in der kleinen Wohnung unten.
Sie lassen die Alte, wenn sie bei Tag in glühender Hitze immer wieder zu den Gastkühen auf der Wiese zwischen den Wäldern humpelt. Früher standen hier die eigenen. Sie lassen sie immer wieder Wasser in die Wanne lassen und den Salznapf prüfen.
Sie lassen die Alte, wenn sie, sich mehr auf die Hacke stützend, im Gemüsegarten der Schwiegertochter zu schaffen macht. Nur wenn sie wieder vergessen hat, dass man in der Mittagsglut den Garten nicht sprengt, greifen sie ein. Massvoll. Freundlich. Ohne die Alte gäbe es das alles nicht.
Sie lassen die Alte abends ihre Runde drehen, den unnötigen Gang ob alles in Ordnung ist, zwischen den fünf Häusern und der Hühnerstall des Sohnes dicht. Es gibt Füchse hier, seit die Alte denken kann.
Sie lassen die Alte reden, von früher, vom Hof, dem Vieh und Paul ihrem Mann, der seit zehn Jahren tot ist, wenn sie ihr Abendbrot am Tisch des Sohnes nimmt. Ab und an lädt man sie in eines der anderen vier Häuser ein. Auch dort lässt man sie das immer Gleiche erzählen. „Wir haben immer alles zusammen gemacht, hatten viel Arbeit, der Paul und ich. Nun ist er tot und meine Knie sind kaputt.“
Sie lassen die Alte nachts, wo ein gnädiger Gott sie wach sein lässt, damit sie sich nicht zu sehr zu ihrem Paul wünscht, der seit zehn Jahren neben ihr im grossen Bauernbett fehlt.
Nacht für Nacht lassen sie die Alte nach der Katze rufen, die fortlief als Paul gestorben war.
„Jerry! Jerry! Komm Jerry! Komm!“
Labels: Erre Erre (nach Anton Möckel)
Dienstag, April 17, 2007
Der Alleintänzer
Inmitten der unansehnlichen Einkaufstrasse lockte sein Schaufenster in alte Welten, in Zeiten, die so gut gewesen sein sollen, dass selbst das Haus noch Farbe hatte. Sagten die Alten.
Die Auslagen kannten wir, seit wir daran vorbei laufen konnten. Zwar gab es genau so wenig Interessantes zu sehen, wie beim Kaufhaus nebenan, wo hinter riesigen Glasscheiben Puppenkinder braune Anoraks zeigten. Beim Antiquar lagen dicke Bücher mit unleserlicher goldener Schrift aus. Aber eben, es gab nicht wirklich was zu sehen und das machte den Laden anziehend.
Im Dunkel hinter der Scheibe bewegte sich manchmal ein kleiner Mann zwischen den Regalen. Katzenhaft geschmeidig oder auch tänzelnd, konnte er einem Kunden auf Anhieb das Gewünschte liefern.
Vielleicht mit fünfzehn betraten wir die dunklen Räume erstmals. Der Antiquar war allein und schien im Halbdunkel wesentlich jünger zu sein, als das gebückte Männlein, das man durch die Scheibe wuseln sah. Klein mit fallenden Schultern stand er vor uns und lächelte freundlich unter einem sehr schwarzen Schnurbart. Vielleicht war der gefärbt, das halblange, hinten fast auf die Schultern fallende pechschwarze Haar schien silbrig durchzogen. Wir hätten ihn für einen Italiener halten können, wenn wir schon mal einen gesehen hätten. Doch in dieser Stadt aus bröckelnden Mauern und Menschen im Nebel gab es keine Italiener. Höchstens im Interhotel, in dessen Nachtbar der Antiquar oft gesehen wurde.
Zumindest stand das so in seiner Akte.
Er lachte uns ins Gesicht als er unser Ansinnen vernommen hatte.
„So, so Kabale und Liebe brauchen die Herren. Neunte Klasse also. Folgt mir.“
In einer dunklen Ecke des Ladens blieb er vor einem Regal voller Taschenbücher stehen. „Das sind die Reclams hier, selbst die sind ja in diesem Land schwarz. Sucht selbst, Schiller ist da, das ganze unterste Fach Kabale.“
Dann liess er uns allein und wir stöberten bei Shakespeare herum, denn das Gesuchte hielten wir viel zu schnell in der Hand.
War es der Odem alten Geistes, der uns immer tiefer in die Ecken kriechen liess?
In den Geruch aus altem Papier, in den sich ein bisschen Verwesung mischte.
Wir überlegten, ob es nur die Bücher oder aber die alten Gedanken waren, die da schon ein wenig gammelten. Wir konnten noch nicht wissen, dass zwar die Formen immer wieder wandeln, die Inhalte sich aber nur in Nuancen verändern und entwickeln.
„Ihr zwei Hübschen solltet den Werther lesen.“ Sagte der Antiquar als wir wieder an der alten Kasse standen.
„Der wirkt heute noch, auch wenn er schwer zu lesen ist. Dessen Probleme habt ihr, bevor ihr mit Kabale und Liebe zu tun bekommt. Ich bekomme je eine Mark für die Kabale. Und da ich gebe euch einen Werther dazu und da auch noch die Räuber. Wenn es schon Schiller sein soll. Ihr könnt ja tauschen und wenn ihr ausgelesen habt, bringt ihr mir das wieder und bekommt was Neues. Seine dunklen Augenknöpfe glänzten in warmer Frechheit. Er lachte uns an und aus. Beides.
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Ein paar Jahre später gingen wir wieder in das Antiquariat. Alles war wie es immer gewesen war, die Strasse trist, das Haus verkommen, der Laden dunkel, der Mann klein, schnell, geschmeidig, nur der Freund an meiner Seite war ein anderer geworden. Einer auf den ich hörte, einer der wusste, was er bei dem in der Bücherhöhle wollte. Und der mir erklären musste, welche Rolle ein Antiquar in einem Land spielt, in dem Zensur herrscht. Der wirbelnde, dunkle Mann mit den blitzenden Augen schien meinen neuen Freund zu kennen. Ich sah das an ihrem Blick, der anderes redete, als ihre Sätze, die um irgendein vergriffenes Buch gingen.
Wieder wurden wir in eine dunkle Ecke gewiesen, diesmal fanden wir dort den Steppenwolf. Mein Freund erklärte mir, das sei eines der Bücher, welches in diesem Land einfach nicht gedruckt wurde, ohne das es irgendwie verboten gewesen wäre. Dann zeigte er mir das Ausgabedatum. Es lag noch vor dem Weltkrieg. Langsam verstand ich, warum das der wichtigste Laden in der Stadt war.
Als mein Freund bezahlte, sah ich, wie sich seine und des Antiquars Blicke draussen kreuzten. Bei den Menschen mit den Biergesichtern auf dem tristen Boulevard. Abscheu, ja Ekel schien die beiden zu verbinden. Fast hätte ich nicht bemerkt, wie mein neuer Freund schon nach den Abschiedsformeln, ein in Zeitung eingeschlagenes Paket über den Ladentisch geschoben bekam, für das die Kasse nicht klingelte. Schnell verliessen wir den Laden.
Draussen gab mir mein Freund mit den Worten: „Werde wach!“ den Hesse und liess das Paket tief in seinem Mantel verschwinden. Auf die Frage erklärte er mir, dass es der Dichter Rainer Kunze sei, den er da mitbekommen habe.
„Weißt Du, der sägt mit wenigen Worten und Sätzen an den Lügen. Darum ist er so gefährlich, denn dieses Land steht auf ihnen. Ein paar Gedanken von ihm, könnten diesen ganzen Staat zusammenfallen lassen. Darum ist er verboten.
3
Wieder ein paar Jahre später stürzte der Staat aus Schweinefett tatsächlich in sich zusammen. Ein fast endloser Demonstrationszug schlurfte auch am Antiquariat vorbei, wo sein Besitzer Innen mit verschränkten Armen hinter der Scheibe stand und die ganze Szenerie lächelnd und freundlich nickend verfolgte. Meinen Freund und mich erkannte er nicht. Fast keiner von denen, die da an ihm vorbeizogen, hatte je von den gefährlichen Worten gehört, mit denen der kleine Mann gehandelt hatte. Nur die Mutigen in der ersten Reihe des Zuges, die eigentlichen friedlichen Revolutionäre, hatte ihm Zeichen hinter die Scheibe gewunken. Lässig antwortete er und war sich immer wieder mit der Hand durch das schwarz-silberne Haar gefahren.
Nur im Laden konnte man die Tränen sehen. Tränen aus dunklen Augen in einem lächelnd traurigen Gesicht.
Seit wir ihn kannten, ein Drittel unseres Lebens immerhin, war er in seiner „italienischen“ Mittelalterlichkeit verblieben.
Echte Italiener hatte wir immer noch nicht gesehen.
Und wieder glaubte ich diesen Widerwillen in seinem Gesicht zu sehen, mass er uns Tausende, die wir, unter uns sicher, eine Revolution wagten. Während wir uns noch toll fühlten wenn wir „Wir sind das Volk“ riefen, nahm er die Folgelosung um Wochen vorweg und breitete eine DDR-Fahne mit herausgeschnittenem Emblem in seinem Schaufenster aus. Über dass hässliche Loch im roten Teil der Fahne hatte er eine Pappe geklebt.
Wir sind EIN Volk.
Doch wir werden bluten.
Alle.
Mein Freund der immer alles wusste, schüttelte den Kopf. „Der ist seiner Zeit voraus. Der weiss schon was kommt. Schade um uns, Schade um unseren Mut, Schade um diese Revolution, die ihr Ziel in Videorecordern und Gebrauchtwagen finden wird. Wissend sah er durch die Scheibe, hinter der der Antiquar gerade überlegte, woher er Reiseführer für Italien billig herbekommen könnte.
Und die andere Welt, die gerade noch der Klassenfeind gewesen war, kam mit Zigaretten und Bier, mit Chupa Chups und Ramazotti und stopfte uns das Maul, wie es die Kommunisten mit Ihrem Gulasch nie geschafft hätten. Werbematerial, Hilfsmittel zum auf sich selbst zeigen, zum „Hallo hier ICH“ schreien, gab es auch recht bald zu kaufen und so kam der Antiquar zu grossen gelben Klebebuchstaben. Als wir eine Woche später wieder an seinem Schaufenster vorbei zogen, war er nicht mehr drin, er war die Reiseführer besorgen gefahren. Dafür hatte er in grossen Lettern an den Laden geklebt:
GING ES NICHT UM FREIHEIT?
Keiner verstand das, nicht mal mein kluger Freund, der aber auch immer stiller wurde. Man schrie jetzt tatsächlich mehr Deutschland als Freiheit im Zug.
4
Monate später war dieser auf Schienen in blühende Landschaften verteilt.
Die Demonstrationen hatten sich aufgelöst und jeder raffte ganz für sich an seinen Leinen, die Wende zu schaffen. Am besten konnten das die Boote mit den roten Segeln. Mein Freund hatte viel mit Politik und ich einfach mit dem Arsch an die Wand zu kommen zu tun. Er ging noch zwei Jahre lang abends an irgendwelche Versammlungen, löste die Stasi mit auf und tat lauter edles Zeug.
So war es wieder ein anderer Freund mit dem ich nun meine Zeit verbrachte.
Ich traf ihn beim Verkaufen, denn auch ich war nun ein Verkäufer geworden. Wir gingen herum und verkauften. Irgendwas. Das Land war wieder geteilt. In Käufer und Verkäufer. Sein oder nicht sein. Wir lernten das Phänomen Gewinn kennen. Im zusammengefallenen Grauland, war jeder Profit schon anrüchig gewesen.
Jetzt genossen wir, abends das „Mehr“ in den Taschen knistern zu spüren. Gewinne machen war anstrengend. Was machen Gewinner abends? Sie saufen und huren herum zur Entspannung.
Die ganz tollen Gewinnideen kamen aus dem Westen. Zum Beispiel die, ein altes Zelt des ungarischen Staatszirkus am Rande der Stadt aufzustellen und darin riesige Bars aufzubauen und laut wie nie gehört Musik auf eine Tanzfläche knallen zu lassen. Wir hielten sogar die Kalamaresringe und Tzaziki aus Eimern für exotisch. Wortlos wurde tausendfach an einem Abend auf die neue Freiheit angestossen, sich die Nacht bis zum Morgen um die Ohren schlagen zu können. Das Grauland hatte auch den Schlaf seiner Bürger im Auge gehabt.
Einmal waren mein neuer Freund mit dem man nicht so viel reden, aber toll Gewinne versaufen konnte, und ich relativ früh in dem Zelt angekommen.
Die Manege noch leer. Musik spielte nur leise, das Geklimper der leeren Flaschen vom Vorabend war lauter. Ein bepackter Ordner in Bomberjacke und Springerstiefeln schob gleichmütig einen extrabreiten Besen über die Tanzfläche. Plötzlich setzte die Musik ein, der Ordner verstand und räumte das Feld. Wie am selben Strick gezogen kam ein kleiner dunkler Mann auf die blau lackierten Holzplatten geeilt. Im Kegel eines einzelnen Scheinwerfers begann der Antiquar zu tanzen.
START ME UP
Sein Blick folgte dem Lichtstrahl nach oben, während er sich selbstvergessen drehte und das graue Haar aus dem Nacken strich. Meinem neuen Freund erzählte ich die Geschichte des Mannes, der seine Revolution nur noch angesehen hatte. Sein deutliches Mittelalter fiel mir auch jetzt auf, wo ich wusste, dass Italiener ähnlich, aber nicht so wie er aussahen. Auf jeden Fall fielen diese karierten Karottenhosen flach. So allein in den wechselnd bunten Kreisen, in der dröhnenden Musik schwebend, von Bässen durch das Zirkuszelt getrieben, wirkte der Antiquar wie über fünfzig und etwas albern. Aber genau das schien ihm nichts auszumachen. Eine Stunde oder länger drehte er sich mit sich selbst in den Lichtern, bis sich endlich zwei Mädels seiner erbarmten. Er lächelte sie an, umtanzte sie ein wenig galant, trippelte vor Ihnen herum und tanzte weiter seinen Tanz für sich, bis sie wieder gingen. Irgendwann bekam ich mit, der Antiquar kam einmal die Woche und tanzte vom ersten bis zum letzten Lied durch. Pausen gönnte er sich etwa alle Stunde, dann ging er zur Toilette, füllte sich rasch mit einem Liter Wasser ab und schwebte weiter. Viele hatten ihn im Auge. Die Freiheit war etwas Neues, für uns alle. Besonders die Freiheit der Anderen. Frauen sprachen ihn an, natürlich auch Männer, er lächelte, sagte nie viel und tanzte sich aus allem davon. Mehr als einmal verschwand er Kreise drehend mit seinem grossen Glas Wasser von der Bar, hatte ihn dort jemand angesprochen.
Jahre später, als ich, wie Viele die dem Geld nach aus dem Land gegangen waren, dem man vorerst nur Coca Cola in die Roten Banner geschrieben hatte, wiederkehrte, sah ich den Antiquar wieder. Das Zelt war längst abgerissen, der Unternehmer wurde gesucht, da er es freilich nie beim ungarischen Staatszirkus bezahlt hatte, die Stadt hatte jetzt wenig Bares aber Bars an jeder Ecke.
Das feinste und erste Haus an bester Lage ersetzte nun das alte Antiquariat.
Sessel und feines Licht lockten in eine Lounge, der erste Schritt zu einem kleinen Tanztempel im Keller.
Dort drehte sich der Antiquar wieder in den Lichtern.
Erwachsen geworden fasste ich Mut und fragte ihn, ob das hier sein Laden sei. Er lachte. Nein, er habe das Haus nur verpachtet, was ihm erlaube, nun endlich seine Freiheit zu leben.
„Was ist ihre Freiheit?“ fragte ich ihn.
Der kleine schwarze Schnurbart hüpfte beim Lächeln.
„Euch davon tanzen. Auf euren feisten Nasen davon tanzen.“
Dann drehte er sich wieder in den Lichtern.
SLAVE TO THE RHYTHM
götz schwirtz c.a. 2005
Labels: Damals wars als Hartmut Schulze gerlach noch Muck hiess
Donnerstag, April 05, 2007
Gunther, der Partyhahn
Gunther, der Partyhahn
Zufrieden tuckerte Bauer Mickel zwischen den Kegeln der nach aussen gestülpten Uranerde seinem Hof entgegen. Die Wehmut die ihn sonst beschlich, wenn er auf den früher streng bewachten Wegen zwischen den Abraumhalden fuhr, fehlte heute. Kein Platz in ihm zu sinnieren, warum ein Betrieb, dessen, verfänglich friedlich „yellow cake“ geheissenes Produkt, im unfriedlichen Einsatz der gigantischen Drohgebärden den Weltfrieden bewahrend - so zumindest die Agitatoren- nun nichts weiter war, als eine der katastrophalsten Umweltsünden der DDR. Warum Mickel nach fast dreissig Jahren Schacht nicht zu den dreitausend Auserwählten gehörte, die die aufgebrachte Erde wieder verfüllen durften, darüber dachte er während dieser Heimfahrt auch nicht nach.
Mickel war wieder Bauer geworden und als solcher sehr stolz auf das Prachtstück von einem Hahn in der Kiste hinten im Trabi. Der 1.Mai war diesmal Anlass zum Umtrunk mit seinen alten Kollegen. Und wie früher wenn es für den Reparaturtrupp mal nichts zu reparieren gab, fand sich zu vorgerückter Stunde ein harter Kern zum Skat. Just als ihm sein alter Freund Erwin heute Morgen steckte, momentan gar nicht in der Lage zu sein, seine Spiel und damit Ehrenschulden zu begleichen, stolzierte Mickel der Superhahn durch den Blick. So war er zu diesen prächtigen Vieh gekommen. Ein stolzes Tier, fast doppelt so gross wie seine Hennen, mit starkem Kamm in unglaublichem Purpur und einem weithin zu vernehmenden Organ. Die dem Gockel innewohnenden tierischen Abgründe waren bei soviel Schönheit und strotzender Kraft für`s Erste nicht zu sehen. Mickel war Stolz auf dieses goldene Los und liess das zeternde Tier am Abend seiner Rückkehr in den Hühnerstall. Leider war Mickel von seinem mehrtägigen Ausflug zu geschafft, um noch zu sehen wie sein alter Hahn eine halbe Stunde später krakelend den Stall verliess. Wutentbrannt sei er in Richtung Wald über Mickels grossen Acker gelaufen, was in Anbetracht der sehr gefürchteten Füchse einem Selbstmord gleichkam, wie sich die Dorfhühner schaudernd erzählten.
Die Hühner verklatschten auch den Auftritt des Neuen im Stall. Nach der sofortigen Auseinandersetzung mit dem Althahn Bruno, hatte sich der Neue den Hühnern zugewandt. Er stellte sich als Gunther Hahn und neuer Chef vor. Er zählte die Hühner durch und fand die Zahl sieben zwar etwas arg klein, betonte aber, als hedonistischer Hahn auf Quantität weniger Wert zu legen als auf ausgefeilte und sehr individuelle Betreuung. Diese sei in überschaubaren Gruppen mit enormer Konkurrenz viel leichter zu erreichen. Während diesen und einigen anderen ausschweifenden Worten flatterte er von Ausgangsloch zu Ausgangsloch und verschloss sie mit einer ganz erstaunlichen Geschicklichkeit. Was dann geschah, sorgte bei den Tieren ausserhalb des Hühnerbunkers für Sorge und nicht zu unterschätzenden Neid. Das mörderische Gegacker, Angst, Schmerz und Lust waren kaum zu unterscheiden, ging bis um sieben in der früh. Dann öffnete Gunther die Löcher wieder und seine sieben neuen Frauen verliessen eilig auf wackligen Hühnerbeinen und mit glasigen Augen den Stall. Der Hahn hatte sich ein Nest bauen lassen und schlief den Schlaf des grossen Gockels, gekräht hatte er an diesem Morgen nicht. Bauer Mickel verschlief es, wobei er die Gründe mehr in seinem enormen Kopfweh nach dem Ausflug sah. Als er sich dann endlich der Sonne stellte, bemerkte er natürlich nicht, wie seine Hühner noch immer aufgelöst über den Hof schwankten. Wohl aber, das nicht eines seiner sieben, sonst fleissigen Hühner, ein Ei gelegt hatte. „Neuer Hahn macht Hühner lahm!“ dichtete Mickel und ging in den Hühnerstall, wo er Herrn Gunther Hahn luxuriös auf Stroh und Hühnerfedern gebettet vorfand. Er nahm das schlafende Tier an den Füssen, um ein erstes Briefing über Gockelaufgaben stattfinden zu lassen. Dazu kam es nicht. Der Hahn erwachte, erkannte schlaftrunken seine missliche Lage und hackte kräftig zu. Bauer Mickel verliess als Zweiter schreiend den Hühnerstall. Ihm fehlte ein Stück Nase. Die Tiere des Hofes sahen es mit Grauen und Hochachtung. Die Katzen tuschelten. Kurz nach dem Bauer, der polternd im Haus verschwunden war, verliess Gunther den Stall. „Noch irgendwer, der sich mit mir messen möchte?“ Die Hühner drückten sich an die Hauswand, die Katzen maunzten jovial, der Kater entschwand, scheinbar einer Mäusespur folgend, nur Hasso der alte Wächter an der Kette bellte: „Hab hier nicht den grossen Schnabel, du halber Hahn, du!“ Gunther stolzierte langsam auf den Schäferhund zu. „Halber Hahn, sagst du. Nun gut ich will es einer in Blödheit ergrauten Dorftöle nicht übel nehmen, wenn sie sich mit den Relationen bei Hähnen nicht auskennt. Wer noch nie ein Tier wie mich sah, muss wohl an Wunder glauben und damit auch , das es wohl ein noch schöneres geben müsse, wenn Gott schon etwas wie mich schuf. Menschlich gedacht, Bello!. Zu deiner Unterweisung: Der alte Abteilungsleiter Hühnerstall, dessen Blut ich gestern Abend trank, war kein Viertelhahn, sondern ein normaler. Ich bin gegen ihn nicht etwa ein Doppelhahn, würde sicher auch stimmen, aber der Mensch nennt mich nun einmal Prachtstück. Damit das in deinen hohlen Köterschädel hineingeht, schlage ich vor du nennst mich ab jetzt Prachtstück. Der Rest darf Herr Hahn oder Projektleiter sagen. Die Hühner Gunther. “ Der alte Wachhund sprang schäumend vor Wut auf Gunther zu. Der trat leichtfüssig zur Seite: „Vorsicht mein Lieber, die Kette! Würde mir ja kein Tier glauben: - ALTE WACHTÖLE ERHÄNGT SICH VORM WUNDERHAHN!!!- Obwohl schlecht würde es ja nicht klingen...“ Hasso geriet völlig ausser sich, bellte und tobte, die anderen sahen abwechselnd auf den Wandhaken der Kette und Hassos immer stärker heraustretende Augen. Den Haken hatte der Bauer erst kürzlich erneuert und Hassos Augen blieben auch im Kopf. Der Hahn Gunther Hahn drehte sich erhobenen Hauptes in Richtung der Katzendamen und schritt mit leicht zitternder Schwanzfeder auf sie zu. „Nun meine Weichheiten, ich denke Ihr zeigt mir jetzt mal den Hof! Wer kennt sich besser aus als die Katzenschaft? Über die Schulter zu den Hühnern gewandt, die sich anschickten ihrem neuen Herren und Projektleiter in Abstand zu folgen, meinte er nur: „Ab in den Stall Mädels, aufräumen, satt fressen, ausruhen, die nächste Nacht kommt bestimmt! Und legt mal paar Eier! Tschüss ihr Süssen.“ Majestätisch verschwand er hinter der einjährigen kuhig befellten Amelie im Gerätehaus. Der Rundgang war wie bei Katzen üblich, sehr ergiebig. Kaum eine Ecke liessen sie aus und da Gunther aufs trefflichste Scherzen und Parlieren konnte, zeigten sie ihm bald auch ihre Geheimplätze. Gunther war sehr stolz, er wusste, das war nicht selbstverständlich. Hähne und Katzen haben oft schwierige Beziehungen, Hähne und Kater immer. Wie den meisten männlichen Tieren auf dem Hof war der Hahn dem Kater als Prototyp Mann auf dem Mist äusserst suspekt. Zu Katzen, den Diven des Hofes, fühlten sich Hähne häufig stark hingezogen. Leider erwarteten die Katzen oft eine ganz andere Art Mann. Sie waren es gewöhnt von Räubern und Mördern ihre Kätzchen zu empfangen. Nur Sinnige und Romantische fielen ab und an auf die bunten Krawallmacher herein. Von einer stabilen dauerhaften Beziehung zwischen Hahn und Katz wusste kaum jemand zu berichten, von Familiengründungen ganz zu schweigen.
Gunther bemerkte ein altes Stubenbüfett im Strohschober , liess die Katzen ein wenig voraus huschen, und öffnete mit seiner sagenhaften Geschicklichkeit schnell eine der Türen. Bingo! Der Bauer war Eierlikörtrinker. Bevor er die Katzendamen mit tiefen Verbeugungen verliess, verabredeten sie sich alle für den Abend auf dem Hausboden beim Schornstein.
Zurück im Hühnerstall unterbrach er ein Gespräch über seine andere sagenhafte Geschicklichkeit. Im Gönnerhaften Nickgang begab er sich zu den Küken, kontrollierte bei allen die Scharrfertigkeiten und gab im Anschluss Gesangsunterricht für die kleinen Hähne. Er war ein grosser Pädagoge und die Küken verliebten sich sogleich in ihn, ihre Mütter noch mal mit. Während er danach seinen liebevoll zurecht gemachten Körnerhaufen für die Nacht genüsslich verpickte, trat die Erste der Hennen zu ihm.
„Gunther, wir haben da ein Problem!“
„Ach ja, Problem ist meine zweiter Vorname! Was kann der Troubleskooter für Euch tun?“
„Gunther, wir legen alle nichts mehr! Fast nichts mehr! Und wenn dann nur so Undinger! Sieh nur!“ Sie zeigte ihm ein paar sehr kleine Eier. „Was denkst du was der Bauer uns erzählt!“
„Phhh, der Bauer! Wer ist hier Projektleiter Hühnerstall? Der Bauer hat doch keine Ahnung! Was denkst du wie viele Eier es auf dem Markt gibt?“ Das Huhn guckte wie ein Huhn. „Abermillionen! Das ist mehr als der alte Bello in seinem ganzen Leben Flöhe hatte! Wenn der Bauer nicht so blöd und versoffen wäre, ja ich habe meine Quellen, würde er ein Heidengeld mit Wachteleiern machen! Aber, was meinst du, warum legt ihr solche Bonsais?
„Die Nacht Gunther! Wir sind Arbeitshühner, am Morgen nach deinem Konzert haben wir Eier zu legen! Die hier haben sich die Mädels über den Tag aus dem Leib gequetscht. Eigentlich erfolgt der Hahnensprung am Morgen nach dem Legen. Du weißt, wir sind da auch bereiter und das Dotter schreit nach dir.“
Gunther Hahn plusterte sich auf: “Also erstens kann ich mich nicht erinnern heute Morgen gesungen zu haben. Und zweitens, du glaubst doch nicht im Ernst , das ich euch in der Früh wenn ihr gerade gelegt habt und alles noch....Ach lassen wir das! Ich bin ein Genusshahn und kein Besamer! Ich komme zu Euch wann ich will, zum Beispiel jetzt. Für die nächsten Stunden war wieder das grosse Gegacker zu vernehmen und Mensch und Tier schüttelten nur mit dem Kopf. So lang wie in der Vornacht ging es aber diesmal nicht. Bald lies Gunther von den Hühnern ab und verliess den Stall. Auf dem Weg zum warmen Schornsteinplatz, dem ersten Date mit den Katzen entgegen, ging er am Büfett vorbei und beflügelte sich einer Taschenflasche Eierlikör. Es wurde seine Nacht! Was kann man Katzen besseres tun als Eierlikör! Kurz nachdem die, die ersten Zungen voll genommen hatten, begannen sie Gunther mit den Samtpfoten maunzend durchs Gefieder zu streichen. Was kann man einem Hahn besseres tun als Katzenpfoten auf der Hühnerhaut! Zurückhaltung kannte auch Gunther nicht und geriet bald in sinnliches Schwelgen. Und immer wenn Kopulationsabsichten deutlich wurden, gossen ihm die Katzen Eierlikör in den Schnabel. An den warmen Schonstein gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt, erzählte Gunther bald von den grossen landwirtschaftlichen Leistungsschauen, die er alle gewonnen hatte und der prägend harten Dienstzeit in der LPG. Männergeschichten eben.
Im Morgengrauen wankte der Hahn nach Hause, ein Nest war ihm schon nicht mehr gebaut, so musste er auf der gewöhnlichen Stange schlafen. Lang hielt er sich nicht und stürzte auf den verschissenen Boden des Hühnerstalls. Völlig betäubt durch den Eierlikör, blieb er mit den Beinen nach oben im Dreck liegen. Die sieben Hühner hatten alle Mühe ihre Küken von dem erbärmlichen Anblick fernzuhalten, denn die wollten natürlich neben ihrem Meister liegen und es ihm gleich tun. Am Nachmittag erwachte der Hahn, litt unter einem grausamen Kater (!) und soff die Pfützen des Hofes leer. Dabei traf er die kuhfarbene Amelie wieder, die ihm schöne Katzenaugen machte und für den Abend einlud. „Gleicher Ort, selbe Sort`“ maunzte sie ihm ins Ohr. Liebesgedichte gackernd drehte er im Anschluss eine Runde durchs Dorf, ohne zu bemerken, wie über ihn getuschelt wurde.
Zurück in seinem Stall, nahm ihn die Erste der Hennen zur Seite: „Gunther, der Bauer war wieder hier! Er hat dich gesucht und fürchterlich geschimpft! Der ganze Hof hat heute Morgen verschlafen, wir legen weiter schlecht, und sieh nur die Kleinen haben gelernt mit den Beinen nach oben zu Schlafen.“ Gunther Hahn sah sich um: Tatsächlich lagen alle seiner Schüler mit den Beinen nach oben im Stall verteilt. Er räusperte sich und gackerte mit alkoholtiefer Stimme: „Beine hoch ist gut für die Durchblutung! Hast du schon mal einen richtigen Hahn mit Krampfadern gesehen? Schön das sie so schnell lernen, in Amerika schlafen alle Hühner so. Aber warum sieht es hier so liederlich aus und warum legt ihr nicht? Muss man euch denn alles sagen?“
„Ja muss man Gunther!“ erwiderte seine erste Frau „Wir sind Hühner! Wir sind blöd und schwach und bedürfen der Führung, der Führung durch dich und regelmässig Sex am Morgen, auch durch dich, fürs Eierlegen. Du bist hier nun mal der Hahn!“ Gunther besah sich das schmuddelige Federkleid der ersten Henne und dachte wehmütig an das seidige Fell seiner Amelie. „Ist gut, ich kenne die Platte! Aber lasst mir meine Freiheiten. Ein Hahn wie ich braucht das Abenteuer. Wo sind meine Abendkörner?“
„Hol sie dir doch bei den Katzen! Vielleicht gibt es ja Maus zum Abendbrot! Hier pickt keine mehr für dich!“ Gunther Hahn verliess missmutig den Stall. Für eine Diskussion mit anschliessender Züchtigung aller Sieben hatte er überhaupt keine Kraft. Die war gebunden an Amelie, die flauschige Katzendame. Draussen fand sich kaum was und so musste er auf dem Mist nach Essbarem suchen. Wie er gerade im Schweinedung herumsuchte, kam der Bauer aus dem Stall. Kaum war der des Hahnes ansichtig geworden stürzte er mit der Mistgabel los: „Du dämliches Hühnertier du, du Ausgeburt der Hölle, am Morgen sollst du auf dem Mist sein, nicht jetzt. Gunther rannte in die Garage und versteckte sich hinterm Schnapsbüfett. Der Bauer blieb in der Tür stehen und drohte mit der Forke: „Wenn ich dich kriege, du asoziales Vieh du, dann bist du längste Zeit Hahn gewesen! Den Kamm werd ich dir absensen!“ Gunther atmete flach und strich sich verstohlen über den Kopf. Trösten konnte ihn nur der Gedanke an Amelie und das Lager mit dem Liebestrank vor sich. Der Bauer kam immer näher an das alte Büfett, schien sich aber für den Hahn schon nicht mehr zu interessieren. Aus dem Ärger heraus schien das Möbel, das sein Grossvater als Aussteuer in den Hof gebracht hatte, eine unkontrollierbare Anziehungskraft zu haben. Oder mehr die Getränke die es beherbergte. Der Bauer öffnete eine der schweren Türen, besah sich seinen Bestand, grummelte irgendwas und fing in der Tiefe des Schrankes an zu wühlen. Es hätte Gunther Hahn auch gewundert, wenn sein Bauer, der ja eigentlich ein alter Uranschürfer war, seine Nerven ausschliesslich mit Eierlikör zu salben in der Lage gewesen wäre. Hinter all den verklebten Pullen Selbstgemachten kam eine schöne, saubere, halbvolle Flasche klaren Schnapses zum Vorschein. Der Bauer sagte: „Glück Auf!“ und leerte sie in einem Zug. Dann rülpste er ein bisschen vor sich hin und verliess die Scheune breitgängig. Gunther Hahn hielt sich einen Flügel vor den Schnabel. Die Ausdünstungen seines Herren liessen ihn würgen. Sobald drüben die alte Haustür krachend zugeflogen war, kam Gunther hinter dem Büfett hervor, federte die Tür auf und versorgte sich mit einer weiteren Taschenflasche Eierlikör. So ging das nun Tag für Tag und es schliffen sich neue Verhältnisse ein. Die Hühner ignorierten den ewig betrunkenen oder schwer kopfwehleidenden Schönling total und nahmen die Küken vom Hof, wenn Gunther mal wieder aus irgend einer Ecke auftauchte. Das die Einstiegslöcher zum Hühnerstall nachts gut verschlossen waren, dafür sorgte der alte Hahn, der die Füchse überlebt hatte und längst wieder eingezogen war. Gunther selbst verbrachte seine Tage gemeinhin im Schober, da auch Hasso, die alte Töle, durch gebührliches Verhalten einiges erreicht hatte und ganze Tage frei im Hof lief. Und auch die Katzendamen wendeten sich ab, nach einer Woche schon begannen sich die Geschichten des Hahnes zu wiederholen und ihnen wurde langweilig. Einzig Amelie blieb ihm, deren Vorliebe für Eierlikör stärker war, als jede Langeweile sein konnte. Um so weniger sich Gunther frei auf dem Hof bewegen konnte, um so wichtiger wurde ihm Amelies Nähe. Abend für Abend sassen die Beiden einsam Fell an Feder aneinander geschmiegt und lauschten andächtig Gunthers Geschichten. In den letzten Minuten vor dem abtauchen versuchte der dann immer, ganz Hahn, vermeintlich bestehendes zu sichern und redete von gemeinsamer Zukunft, Heiraten und Kindern. Amelies trunkenes Schnurren hielt er für Zustimmung. Und es wäre sicher auch so gekommen, wenn Gunther für immer und Ewig der geliebten Katze Eierlikörspiegel hätte halten können. Doch genau hier lag das Problem. Die Vorräte im alten Büfett neigten sich dem Ende. Die letzte Taschenflasche hatte der Kater am Vortag auf den Boden geschleppt und da der Verbrauch der beiden trinkfreudigen Haustiere recht zugenommen hatte, brauchte er am heutigen Vorabend eine Neue. Gunther schlich vom Boden herab in die Scheune und öffnete mit gewohnten Flügelgriffen den alten Schrank. Das der Bauer seit geraumer Zeit abschloss, störte ihn nicht. Eierlikörabhängige Hähne entwickeln bekanntermassen unglaubliche Fertigkeiten. Da ihm das vor allem Menschen nicht zutrauten, war er aus dem Kreis der Verdächtigen, der Bauer suchte natürlich seit einiger Zeit nach dem Eierlikördieb, früh wieder ausgeschieden. Überhaupt hatte der ihn fast schon vergessen. Gunther sah also in das schmuddelige Flaschenversteck und fand neben einigen Mengen weissen Schnapses nur noch drei halblitrige Flaschen Eierlikör vor. Er hatte, da es ja vermeintlich um seine Zukunft ging, überhaupt keine Wahl, und klemmte sich eine der viel zu grossen Flaschen unter den Flügel. Mühsam erklomm er Stufe für Stufe der schmierigen Holzleiter zum Heuboden, von dem ein, eigentlich nur Katzen bekannter Geheimgang, zum Boden des bäuerlichen Haupthauses führte. Bei Sprosse achtzehn flog die Scheunentüre auf. Gunther erstarrte und fand mit dem einen freien Flügel nur mühsamst halt an der Leiter. Bauer Mickel schwankte brummelnd zum Büfett. Auch er hatte scheinbar wieder diesen unstillbaren Durst, der einen in dunkle Ecken und Verstecke führt. Mickel grummelte sich eine der durchsichtigen Flaschen heraus, öffnete sie geschwind, setzte sie an und hieb zu einer längeren Reihe Schlücken an, wobei er sich, die Linke in die Seite gestützt, Schluck für Schluck mehr nach hinten beugte. Und so fiel sein Blick auf den angststarren Hahn. Prustend nahm er die Flasche vom Mund und verschluckte sich tief. Sein Kopf wurde bedenklich dunkelrot und eine brüllende Hustenkanonade hub an. Seine Augen traten weiter hervor als Hassos damals an der Kette und der fehlgegangene Schnaps schien sich sogar aus den Augenwinkeln zu quetschen. Hustenanfall über Hustenanfall durchschüttelte den Bauern, der an der Leiter halt suchte. Die Konvulsionen übertrugen sich auf die und der Hahn hatte nur noch eine Chance sich über dem Prustenden zu halten, er musste mit beiden Flügeln flattern. Die Flasche Eierlikör traf Mickel ziemlich genau in der Mitte seiner unpolierten Halbglatze. Schlagartig war der Husten vorbei. Dann griff sich der Bauer an die Wunde, die ein zügig breiter werdendes Blutbächlein in Richtung Nasenrücken fliessen liess. Er sah auf seine blutige Hand, auf den wild flatternden Hahn, auf die Flasche Eierlikör am Boden und stürmte, den Klaren fest in der Hand, schreiend aus der Scheune. Gunther erreichte mit letzter Kraft den Heuboden, warf sich hin und wurde, solche Anstrengungen nicht mehr gewohnt, ohnmächtig.
Ganz so weit ging es bei Mickel nicht. Er sass mit stierem Blick am Küchentisch, hielt sich ein schmutziges Geschirrtuch auf den Kopf und trank die Flasche Schnaps aus. In der zunehmenden Schwere versank sein Schmerz und er begann murmelnd zu sinnieren, ob einen ein Hahn mit Eierlikör bewerfen konnte. Wenn es keine Halluzination war, als Uranschürfer hatte er die bei manchem noch im Tran einfahrenden Kollegen schon erlebt, hatte er seine Frau Monika zu unrecht verdächtigt sich am Eierlikör vergriffen zu haben, und damit war die völlig zu Recht nach Borken zu ihrer Schwester gereist. Er würde sie wohl anrufen müssen. Recht, Unrecht, wer hat auch schon einen saufenden Hahn! Jetzt beunruhigte den Bauern aber erst mal etwas anderes noch mehr. Das Geschirrtuch war tropfend vollgesogen. Mickel holte sich Klopapier. Nachdem er die ganze Rolle verbraucht hatte, begann er sich über seine Wunde zu Sorgen. Monika hatte er jetzt gut brauchen können. Untertage hatte es auch immer mal solche Wunden gegeben, der Schutzhelm war zu warm da unten. Was hatte denn der Doktor oben im „Sozialbau“ mit den grösseren Platzwunden gemacht? Geklammert! Genau! Grosse Wunden muss man klammern. Mickel schwankte in die Wohnstube und holte sich vom guten Kognak, der nur angerührt wurde, wenn der Schwager aus Borken da war. Der konnte an „das weisse Zeug“ genau sowenig wie Mickel an die „braune Plempe“. Dann suchte er in der alten Waschküche Monikas Wäscheklammerkleidchen. Das war ein unten vernähtes Puppenkleid, dessen Schultern ein Bügel füllte mit dem man das Kleidchen immer schön neben der Wäsche an der Leine hängen haben konnte. Ein Verkaufsschlager an den Solibasaren der vergangenen Zeit. Gefüllt war das schöne Stück mit Wäscheklammern, von denen sich Mickel vor dem Spiegel drei aussuchte. Türkis, Weiss, Grün. Dann nahm er einen grossen Schluck von der Plemperbrühe für den Westverwandten und schüttete einen zweiten auf den Aufwaschlappen, mit dem er sich gründlich die Wunde reinigte. Während der letzten Minuten waren nämlich Bruchstücke eines vor zwanzig Jahren absolvierten Sanitätskurses wieder aufgetaucht. Nachdem die Glatze sauber und die Wunde trocken war, fügte Mickel das hintere Drittel des klaffenden Risses zusammen und setzte die erste, türkisene, Klammer. Wenn man ordentlich Hautlappen nahm, hielt das ganz gut. Er fuhr fort und nach wenigen Minuten sah er aus wie ein Hahn mit dürrem, bunten Plastikkamm. Aber das Ganze schien zu funktionieren, die Wunde rinselte nur noch kurz und dann war alles gut. Bauer Mickel nahm stolz einen weiteren Schluck aus der Flasche Braunen und rief seine Monika an, ihr alles zu erzählen und um Frieden zu bitten.
Gunther erwachte aus der Ohnmacht und besann sich mit Grausen dessen, was passiert war. Um sich besser konzentrieren zu können, pickte er an einem unergiebigen Strohhalm herum. Richtig zu Essen hatte er auch lange nichts bekommen. Seine Tage auf diesem Hof waren wohl gezählt. Der Bauer würde kaum Ruhe geben, bis er seiner habhaft war. Nun das war eigentlich auch nicht das Problem, ein Hahn, insbesondere einer wie er, kam immer noch irgendwo unter. Aber was würde mir Amelie? Würde die mit ihm gehen? Er musste sie suchen! Gunther benutzte den nur Katzen bekannten Geheimpfad vom Heuboden zum Bauernhaus, und richtig am Lieblinsplatz, der warmen Esse lag seine Amelie und schlief, wahrscheinlich noch den schweren Eierlikörschlaf der Vornacht. Er rüttelte seine Liebe vorsichtig wach. „Amelie! Amelie! Wach auf!“ Die Katze sah ihn mit verklebten Augen an. „Ist es schon wieder Zeit? Ich bin noch ganz kaputt von gestern. Vertrag auch immer weniger, sei so lieb und besorg erst ein Schlückchen Wasser, mir ist das Maul ganz trocken. Fressen müsste ich auch mal was. Hast du gesehen ob noch etwas auf dem Katzenteller liegt. Wenn nicht Tante Grethe hebt mir immer etwas auf. Geh bei ihr vorbei und bring es mir.“ Gunther scharrte ungeduldig auf den groben Holzdielen, abgesehen davon, das die alte Grethe ihm nie und nimmer Futter auspfötigen würde, war jetzt für derlei Tageskram keine Zeit mehr. Hier ging es ums Leben!
„Amelie, dafür ist keine Zeit mehr, hier geht es ums Leben! Wir müssen hier ganz schnell fort! Komm! Fressen werden wir unterwegs finden!“
Die etwas verzottelte, ungewaschene Katze richtete sich auf die Vorderpfoten: „Wie keine Zeit? Wer muss hier fort?“ In ihrem kleinen, aber sehr agilen Katzenhirn klingelten einige Alarmglocken. Was war das? Fressen unterwegs finden? Da hatte ihr Tante Grethe einige Lektionen erteilt! Wo war denn Amelies Mutter geblieben? Nie heimgekehrt von einem Ausflug übers Feld! Wahrscheinlich hatte damals ein Fuchs oder Bussard unterwegs etwas zu fressen gefunden. Ihre Mama! Und dieser versoffene, fette Hahn will sie über irgendwelche Felder scheuchen? Unwillkürlich stellte sich ihr das Nackenfell hoch. Ihre Augen wurden eine Spur gelber, sie streckte sich durch und behielt den Buckel gleich bei. Störend war nur das immense Kopfweh. Der Hahn, froh Aktivität in seiner Geliebten zu sehen, begann wieder: „Ich habe den Bauern in einem Kampf schwer verletzt, aber er lebt noch! Er wird Verstärkung holen und dann sind wir fällig!“
„Wieso wir?“ entgegnete die Katze, die Gunther im übrigen kein Wort glaubte.
„Na wir sind doch ein Paar! Wie viel schöne Stunden hatten wir, und wie oft hast du Zustimmung geschnurrt, wenn es um unsere Zukunft ging! Jetzt ist der Moment gekommen unsere Phantasien zu verwirklichen. Wir müssen hier weg und fangen irgendwo ganz neu an!“
Amelie fauchte: „Wir fangen irgendwo neu an! Wir beide? Hast du schon wieder am Eierlikör genippt? Wir beide fangen neu an... soviel Blödheit fasse ich nicht! Und als Kind nehmen wir uns wohl ne Maus? Halt mal deinen Kopf in kaltes Wasser und komm dann wieder, oder besser nicht, halt ihn unter Wasser und komm nicht wieder. Oder lass ihn unterm kalten Wasser, für länger! Dabei hilft Dir sicher gern der Bauer! Und jetzt verschwinde! Tante Grethe hatte recht, Hähne taugen nicht für uns!“ „Aber Amelie!“ „Nix Amelie! Eierlikörabende sind das Eine, eine Flucht etwas ganz anderes! Wovor sollte ich flüchten? Wenn du dir hier am Hof alles versaust, ist das doch wohl nicht mein Problem!“
„Aber Amelie, ich habe das doch alles für dich gemacht!“
Ein ordentliches Fauchen entfuhr der Katze. „Für mich gemacht? Oh Gott, ihr seid wirklich so blöd wie man immer sagt! Du hast also für mich Eierlikör gemaust?“ Sie übersah sein heftiges Kopf und Halsnicken, bei dem der Kamm nur so hin und her flog. „Du hast mich für mich besoffen gemacht um mir dann für mich zu erzählen was du für ein Meisterhahn bist. Du hast mir für mich von deiner Zukunft mit mir geredet? Du hast für mich mit mir geschmust? Mein Gott wenn wenigstens dein Kamm noch ein bisschen Hirn wäre und nicht nur buntes Fett! Aber so! Du wirst es nie verstehen! Zieh Leine! Wandere über die Felder, vielleicht findet ja die Füchsin Gefallen an dir.“ Amelie verfiel in hustendes Katzenlachen: „Da wäre ich sogar fast sicher, das sie das tut.“
Irgendwann ist es sogar einem Hahn zufiel, Gunther drehte auf einem Bein und machte sich durch den Geheimgang davon. An seinem Geheimplatz über dem Büffet angelangt, verfiel er in ein bitteres Weinen. Konnte das denn alles wahr sein? Konnte er sich so in seiner Amelie getäuscht haben? Was sollte nur werden? Diese Frage klärte sich Minuten später von selbst, denn Bauer Mickel betrat mit einem Kleinkaliber bewaffnet die Scheune. Vor lauter Sterbensangst sah Gunther die bunten Wäscheklammern auf des Bauern Schädel nicht. Jetzt ging es tatsächlich ums Leben. Der Bauer stürmte auf die Leiter zu und Gunther sah nur eine einzige Chance: das offene Scheunentor. Viel Zeit für Flugberechnungen blieb nicht, Gunther nahm allen Mut, alle Kraft und Tipps seines Vaters zum notfallmässigen Fliegenmüssen zusammen und startete durch. Hätte er der immensen Kraftanstrengung wegen nicht gackern müssen, der Bauer hätte ihn vielleicht gar nicht bemerkt. So sah er aber das Tier schräg über seinem Kopf zum Tor hinaus flattern, drehte sich flink und schoss dem erbärmlich um Höhe ringenden nach. Zu Gunthers Glück wirkte der Antischmerzschnaps und der Misthaufen wurde um ein Loch reicher. Zehntelsekunden später gleich noch um ein weiteres, denn versoffene Hähne kommen nicht weit und Gunther landete kopfüber im Schweinedung. Und so wie sich das in ihm anfühlte würde er auch nicht mehr allzu weit kommen, sein Kräftevorrat war bemessen. Er hörte den Bauer heranzetern, es gab gar keine Wahl. Gunther befreite sich mühsam aus dem verschissenen Stroh, flatterte ein paar Flügelschläge weit, hatte wieder Hof unter den Krallen und lief was das Zeug hielt. Das Tor, sein einziges Ziel. Vor dem baute sich Hasso auf. Aus seinen nichtvorhandenen Augenwinkeln sah Gunther die gefüllten Zuschauerränge. Vor dem Hühnerstall versammelte sich seine alte Hühnergruppe und gaffte gierig seinem blutigem Ende entgegen. Der Althahn hatte die Küken um sich geschart und erklärte etwas. Wahrscheinlich wohin Freiheit führt. Auf der anderen Seite flankierte die Katzengemeinde seinen Fluchtweg. Belustig und gelangweilt beobachteten sie seinen Lauf ums Leben. Eine von ihnen rief, dem halbblinden Hasso zur Hilfe eilend: „Achtung Hasso er kommt! Fass ihn! Fass das Aas!“ Das wahr Amelie! Gunthers Herz wollte sich zuschnüren, gerade jetzt, wo es soviel Angst zu pumpen hatte. Wie ein Goalie stand Hasso im Torbogen und wartete auf den bunten Federball den er gleich zerfleischen würde. Gunther nahm alle Kraft zusammen, Anlauf, flattern, flattern und Sprung! Da er nur knapp über den springenden Hasso hinwegkam, gelang ihm sogar noch ein Krallenhieb in dessen Nase. Winselnd blieb die Töle zurück. Gunther landete und lief und lief und lief. Und wie damals dem Althahn blieb auch ihm nur der gefährliche Weg über die Felder. Und er lief und er lief. Und plötzlich war er nicht mehr allein. Neben ihm trabte entspannt und mit dem zur Rasse gehörenden Lächeln auf der Lippe, die Füchsin, die Killerin des Feldes. Während Gunther unmittelbar vor dem Herzversagen stand, hatte die sogar noch Luft für Worte. „
Na, mein Lieber, hast es wohl etwas zu weit getrieben da drüben bei Menschens? Ja mit denen ist nicht zu spassen! Da kommt schon der Waldrand, dort sind wir sicher! Komm mach nicht schlapp, auch auf mich wird hier ab und an geschossen. Sie erreichten die ersten Bäume, nach einigen zehn Metern gab die Füchsin das Zeichen und Gunther brach an einer Buche zusammen. Mit breit von sich gelegten Flügeln wartete er eine halbe Stunde, doch das Leben verliess ihn nicht, auch wenn sein Hähnchenherz arg schmerzte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er die Füchsin vor sich, den Kopf auf die Vorderläufe gelegt. Sei schien immer noch zu schmunzeln. „So ein schöner, starker Hahn und so schlapp! Das Hofleben macht bequem. Stimmts? Wobei man ja sonst erstaunliches von dir hört. Der Althahn war sogar mal da und bat mich dich zu fressen. Geschenkt! Schieb den Schiss aus deinen Augen, ich bin satt. Ausserdem sollst du so ein netter Gesprächspartner sein, ruh dich aus, wir reden morgen weiter. Hast du Hunger? Ich könnte dir einen Feldhasen fangen.“ Würgend schüttelte Gunther den Kopf. „Na dann schlaf jetzt, du Held!“
Gunthers Schwäche machte es ihm leicht, Vertrauen zu fassen und wenig später schlief er ein. Lange betrachtete die Füchsin das bunte Prachtstück und überlegte warum es eigentlich keine so schönen Füchse gab. Dann meldeten sich die kleinen Füchse, die ihr ein wandernder Artgenosse in den Bauch gesenkt hatte. Ständig hatte sie Hunger, seitdem sie ihre erste Brut mit sich herumtrug. „Tja, schön aussehen reicht halt nicht, mein Lieber!“ sagte sie lächelnd und biss Gunther sorgsam den Kopf ab.
Dienstag, Februar 27, 2007
Die Urne Ingo
Die Urne Ingo (gesendet 2002 von radio frei)
Weit offen weist das Tor des städtischen Friedhofes den Weg zur Trauerhalle hin. Kein weiter Weg.
Kerstin folgt der zweiwagenbreiten Spur gelben Kies , die sich vor einem jungen Ahorn teilt und benutzt die linksseitige Passage des Trauerdömchens.
Trauerdömchen war ihr während einer der letzten Trauerfeiern eingefallen.
Fast alle historischen Gebäude ihrer Mutterstadt, machten einen nachempfundenen Eindruck. Wie manche Leben hier, denkt Kerstin. Alles dem Wirklichen nachempfunden. Eine der Stadt für Wichtelmänner und Gartenzwerge. Eine Kindheitsstadt eben. Kerstin glaubt, den Blick der Fremden zu haben.
Am Fusse der Treppe, die zur noch geschlossenen Doppeltür der Halle führt, wackelt eine Art Notenständer mit dem Wind. Hier würde man nachher die Kondolenzliste auflegen, die Anwesenheitskontrolle für Witwen und Witwer. Immer wieder hatte ihre Mutter nach der letzten Beerdigung, der Kerstins Vater, in den losen Seiten geblättert und die Altherrenschriften zu entziffern versucht.
Kerstin passiert das Gebäude und betrachtet mit alter Neugier die grossen runden Kellerfenster im Sockel der Kapelle. Seit ihr der Vater mit Zehn erklärt hatte, hier würden die Leichen in den Särgen auf ihre Feier warten, wollte sie hinter diese Bullaugen schauen. In den siebziger Jahren hatte man sie von innen vermauert, wahrscheinlich war der Stadt das Milchglas, zum ewigen Erneuern, knapp geworden.
Gleichwohl war der Friedhof immer wieder Zielort ihrer Entdeckungsreisen.
Und endlich, hatte sie einmal gesehen, wie die Leichenwagenchauffeure bei Feiertagsanlieferungen ein Schlüsselversteck benutzten. Getarnt hinter der schwarzen Backsteinmauer des Krematoriums, hatte sie das Verladen des Neuankömmlings beobacht. Sie erzählte ihrem damaligen Abenteuerfreund Thomas vom Versteck und schon am Abend des nächsten Tages standen sie in dem kühlen Raum.
In dem es nichts zu sehen gab als Särge auf Stahlrohrwagen und Särge am Boden.
Natürlich hatte Thomas an den Deckeln gefummelt, die sich nicht öffnen liessen. Kerstin interessierte mehr die Ausstattung des Raumes. Aus der sie zu lesen versuchte, was hier geschah, wenn kein Feiertag war.
Ein grosses Emaillespülbecken, auf dem Halter ein frisches Stück Seife, daneben ein dunkles Handtuch am Haken. Ein Briefkasten, Kisten mit Holzwolle, Kisten mit Zellstofflagen gefüllt und das noch nie Gerochene, liessen Kerstin langsam erstarren.
Ob das die Heimbürgen brauchten? Heimbürgen, das Wort hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Es musste mit den Menschen aus den Thüringer Wäldern und
sächsischen Ebenen in die Textilstadt gekommen sein. Doch als diese Halle,
und die Schornsteine hinter ihr, nötig wurden, als all die Zugewanderten zu sterben ansetzten, war der wohlige Klang dieser Berufbezeichnung gewichen und auch für Kerstin ein Angstwort entstanden. Jeder krummbuckligen Hexe der Stadt hatte sie heimlich diesen Beruf untergeschoben.
Weit offen steht plötzlich eine Tür vor der sie gerade noch stoppen kann.
Nach dem das lummelige Aluminiumteil zurück ins Schloss gescheppert ist,
hindern sie Augen am weitergehen. Eichensargfarben. Aus einer schon immer äusserst geheimnisvollen Seitentüre, die, Kerstin hatte sie schon oft offen gesehen, ins angeblich weitverzweigte unterirdische Friedhofsystem führte,
auf jeden Fall aber zum Gang zwischen Trauerhalle und Krematorium, war ein
hagerer Klarblick getreten. Der eindeutig aus der DDR stammende schwarze Polyamidanzug, war abgerieben und natürlich zu klein. Tschuldigung murmelnd macht er den Weg frei, die Kondolenzlisten und einen grossen vollbehangenen Schlüsselring in der Hand.
Typen gibt’s! Ob der nachher die Urne tragen würde? War es überhaupt eine Urnenfeier? Kerstins Mutter hatte sie vor vier Tagen informiert, das ihr erster Freund Ingo gestorben sei und heute beerdigt würde. Und war programmgemäss beleidigt, als Kerstin, die seit Jahren kein Wort mehr über Ingo verlor, sofort ihr Kommen angekündigt hatte. Ohne das sonst übliche „ich kann hier nicht weg“ Brimborium. Dann hatte die Mutter noch gefragt: Interessiert dich gar nicht, woran er gestorben ist? Sicher an seiner Feigheit hatte Kerstin geantwortet und die lange ausschweifende und ausgeschmückte Krankengeschichte eines Massivsäufers überhört. Ihr war es egal.
Ingo hatte schon aus Anlass ihrer Trennung vor fünfzehn Jahren mit seinem Selbstmord gedroht und Kerstin hatte ihn schon damals nur ausgelacht. Nun hatte er den feigen Selbstmord gewählt, den Suff. Beachtlich, mit fünfunddreissig, dachte Kerstin.
Weit offen lädt der Himmel sie zum Weiterwandeln ein. Der Friedhof liegt auf einem Berg und der Morgen streicht frisch durch die Birken. Unter denen Kerstin, an sehr ähnlichen Gräbern aus dreissig Jahren vorbei, zur löcherigen Umzäunung, einem Aussichtspunkt über Felder entgegen, läuft. Sie war eine Stunde vor der ersten Trauerfeier des Tages da. Zum Einklingen auf das, was dann kommen würde.
Und weit liegen die Felder, die ihr Blick offen streift, als sie sich auf der Bank mit dem Rücken zu den Birkengräbern, eine Zigarette anzündet. Entgegen der guten Gewohnheit. Und ihre Gefässe verschliessen sich und ihr wird kalt und weit offen ihr Sinn beim Blick über Felder. Sie beginnt sich, Rauch in den kalten Morgen stossend, zu formulieren und weiss, sie wird die fahlen Stunden nach Ingos Grablegung nutzen, um die gesprochenen Worte aufzusetzen.
Ingo. Jetzt bist du tot. Du Arsch! Du könntest jetzt mit mir hier in den Morgen gucken. Du Schwamm! Ja, wir würden das nicht wollen, gut dann sitz halt allein hier und guck in den Morgen. Darum leben wir doch. Na du nun nicht mehr! Davongesoffen! Mein erster Ficker tot! Prima. Geht ja früh los. Du weißt: du warst der Erste, du weisst nicht: du warst der Beste. Das such ich seitdem, deine bösen Ficks. Je weniger wir redeten, je heisser waren diese kalten Nummern. Meine Möse hast du geliebt, nicht mich. Aber die hast du geliebt. Und ich sie seitdem auch. Was? Ich hätte ja auch immer nur schweigend rumgestanden? Na sei froh! Du Verblichener, du! Stell dir vor, ich hätte was gesagt, zu all dem Schrott, den du Frontmann von dir gabst. Am Abend bevor du mich das erste Mal in deine Matratze nageltest, übersetztest du Doorstexte, gerade hattest du sie gesungen, derart falsch, das ich um dich wusste. Und trotzdem begann ich die Eltern anzulügen, nur um mich immer wieder auf deiner Matratze zu spreizen. Und dann du, der grosse Undergroundstar. Eigene Texte in Kirchen gesungen. Ja, dein Mut hat mir gefallen. Entsetzt hat mich, das du dich als Künstler verstandest. Wahrscheinlich weißt du bis jetzt nicht, das du als Ganzes ein Plagiat warst. Friede deiner Asche. Unwissender! Wie gebannt hast du auf alles gelauscht, was in der Szenehierarchie anerkannt war und plappertest es nach. Laut und falsch. Und auch noch gesungen. Du Dummkopf! Und nicht mal Mut, du Schwein! Du Spitzel! Nein, deinen Tod hat keiner gewünscht, von denen, die du verraten hast, du solltest leben und dir immer mal: Du Spitzel! Du Schwein! anhören müssen. Und morgens wenn ich noch gemartert von deinem Schwanz in den Kissen suhlte, da schriebst du. Ja dein grosses Werk, „Heiner Müller ertränkt sich in einem Zuber Whisky wenn er das Werk des Provinzbarden liest.“ posauntest du. Dabei schriebst du Berichte über die Saufrunden nach den Konzerten. Du Grützbeutel! Du Schleimfleck! Wegen dir haben Leute da eingesessen, wo die Fotos für das Häftlingsalbum mit Röntgenapparaten ohne Film gemacht wurden. Du Schwein! Und kein Wort, bis es rauskam. Still vor dich hingesoffen, mit dieser tristen Frau. Zwei Kinder und ein Wohnmobil, hätte ich dir gewünscht, mit der! Das hättest du doch noch geschafft. In der Agentur von deinem Führungsoffizier.
Säuft der sich einfach tot. Übrigens war es Rainer, der mir schon früh vom Verdacht berichtete. Rainer hat mich oft gewärmt, wenn ich mich zitternd aus deinem Orbit flüchtete. Aber er hat nicht kalt genug gefickt. Spätere auch nicht. Ich bin verdorben durch tausend Nächte unter dir.
Aber es kommt noch einer, der mir dich aus dem Leibe treibt. Du Leiche!
Schon von fern ist die dunkle Menge Trauernder, zwischen den frischen Birkenblättern zu ahnen. Kerstin geht langsam. Sie möchte weder die trauerstarre Witwe, noch Ingos Eltern sehen müssen. Schwieriger wird es, sich vor den alten Freunden zu verbergen. Erstmals wird das Schweigen fassbar sein, das seit Jahren zwischen ihnen liegt. Das ist auch deine Schuld, Ingo! Dieses Schweigen. das ist dein Schweigen. Das ist das schlimmste, wenn sie schon zu Lebzeiten vor einem schweigen. Und es war ihr peinlich, die alten Freunde zu sehen. Auch an ihr hing der Verdacht. Ausserdem hatte sich ein paar Jahre lang Kertin genannt. Der eindeutige DDR Name war ihr in Köln anfangs unangenehm und eine Freundin aus dem Osten, die sie WEIT OFFEN empfangen hatte, riet ihr zu einem maskulinen Nick. Die Freundin wollte die Anfangseinsamkeit und den Kaltfickschaden, wie es Kerstin selbst noch nannte, mit einer grundsätzlichen geschlechtlichen Neuorientierung Kerstins lindern helfen. Was gelang, bis Kerstin heimisch war .
Weit offen stehen nun die Flügel der Tür zur Halle. Langsam steigen die ersten Trauernden und Trauergäste die Stufen hinan. Der Hagere mit dem eichensargfarbenen Blick macht den Türsteher. Das gemässigte Drängen an der Treppe lässt Kerstin kurz hoffen, keinen Platz zu finden. Ärgerlich über den Anflug Feigheit nähert sie sich dem Trauerpulk. Immer wieder sieht sie jetzt in ein vertrautes Gesicht. Mit einem Blick der immer am Boden endet, erwidert sie die Begrüssungen. Sie will die nächste Stunde für sich haben, und nicht teilen mit Denen, mit denen sie auch sonst nichts mehr teilte. Ausser eine Vergangenheit. Die Plätze reichen aus und Kerstin kommt weit hinten in Türnähe zu sitzen. Der mit dem Blick in eichensargfarben steht jetzt hinter Ingos knallroter Urne. Sein Gegenüber schliesst die Doppeltüre und nickt zu Eichensargfarbenauge. Der nickt mit dem Eichensargblick zurück, setzt einen Schritt nach hinten, verbeugt sich vor Ingos alberner Urne und tritt zur Seite. Das Städtische Bestattungsamt überlässt uns Ingo ein letztes Mal. Trotz des anziehenden Verhärten in Kerstin, dem sich innen auflegenden Panzer, der in seiner glatten Kälte ertragen werden will, hat sie neugierige Musse, das Augenritual der Friedhofsangestellten zu verfolgen. Ihr Blick trifft den Eichensargfarbenen und verweilt einen Moment in ihm. Musik setzt ein. Natürlich hatte der versoffene Verblichene das vorher bestimmt. Zuerst Doors, was sonst, dann wahrscheinlich Biermann und dann der Meister aus der roten Urne persönlich, aus der Zeit als er nur Asche verbreitete und noch keine war.
„Break on Trough“ verklingt. Jonas erhebt sich, läuft vor die Urne, verbeugt sich, geht zu Ingos Mutter, verbeugt sich, und tritt ans eichene Stehpult. Kerstin traut ihren Augen und Ohren nicht, Jonas hält die Trauerrede, der wilde Gitarrero, der des Pseudopoeten grösster Lauschangriff war. Er übersetzt die ersten Zeilen des Liedes, im Gegensatz zum Verblichenen, richtig, und wendet sich dann mit salbungsvollen, sehr warmen Worten, warm wie es nur Zyniker können, an Ingos Mutter. Kerstin versucht nicht zu hören und erkennt das Muster des DDR-Linoleums als das aus der Küche ihrer Eltern.
Die schwere Kälte hat in ihr Raum genommen, Kerstin konzentriert sich aufs Atmen und hört Jonas vom Anfang reden, von der Schülerband aus dem Neubaugebiet die Doors gespielt hat, wie die Doors nicht mal selber. Schön schmückt er Ingos frühe messianische Wirkung aus. Das Wort Frontmann fällt. Jonas erwähnt Kerstin nicht, was ihr nur recht ist, sie kann die Kälte kaum noch halten. Und sucht den eichensargbraunen Blick und findet ihn, für lange.
Und während sie in diesen Augen weilt, die ihr mühelos standhalten, redet Jonas weiter. Von Seilschaft, Verstrickung, Verblendung und meint doch einfach Schuld und Verrat. Verblendung! Und das aus Jonas Mund! Ingo war von sich selbst geblendet und damit ein gefundenes Fressen für die Anwerber. Sie hatten ihn an seiner empfindlichsten Stelle gepackt, der Eigenliebe. So drückt sich jetzt auch Jonas aus. Kerstin klingt das zu passiv. Ingo war kaum achtzehn, als man ihn anwarb. Aber gerissen genug, die Vorteile einer engen Zusammenarbeit mit den Schnüfflern, zu sehen. Und für sich hatten ihm die Berufslauscher die schöne „das System von Innen revolutionieren“ Selbsterleichterung geliefert. Wahrscheinlich hatte er das auch gemeint, wenn er ihr nach den kräftigen Ficks von der für sie nicht zu ahnenden Grösse der Aufgabe laberte, wobei er sicher meinte, die DDR via Stasi von Innen zu reformieren. Diesen Quatsch hatten sie zum Schluss vielen weisgemacht. Wobei er wohl zu klug war, das glauben zu können. Und das war Kerstins grosse Genugtuung. Wie kaum jemand anderes, wusste sie um die Zerrissenheit Ingos in diesen Jahren. Als siebenundneunzig alles aufs Peinlichste herausgekommen war, und das grosse Geschelte der alten Freude anhob, da war sie, was ihr noch heute, noch hier auf dieser traurigen Feier, zur nicht unerwünschten Isolation verhalf, still geblieben und hatte sich lange versucht zu erinnern. Aus einem Vorahnen, das diese frühe und kaputte Liebe, sie ein Leben lang begleiten würde, hatte sie damals ein unregelmässige Tagebuch geführt, mehr ein Nächtebuch, denn es beschrieb nur ihn und seine verheerende Wirkung auf sie. Stundenlang hatte sie die alten Seiten gelesen, nachdem bewiesen war, das Ingo der Verräter war.
Manchmal trank er schon am Morgen. Rohe Eier in Wodka. Sie fand das nicht so schlimm, denn an diese Tagen griff er immer wieder nach ihr. Am schlimmsten war es nach einer Konzertnacht. Manches mal sassen sie bis zum Morgengrauen in fremden Gemeinderäumen, alten Mühlen oder kahlen Neubauwohnungen. Da war Ingo gefragt und gab den Revolutionär. Rief auf, spornte an, machte Mut und liess sich bewundern. Auf diese Art hatte er etliche versprengte Oppositionelle verbunden und zu seinen Informanten gemacht. Nur Kerstin wusste heute, dass er sich die Nächte nicht der Informationen wegen um die Ohren schlug. Es war seine Rolle und er spielte bis zum Morgengrauen den verwegenen Revolutionär und träumte wohl davon, ein Anführer zu werden. Erst daheim am nächsten Mittag, nicht ohne das er ein, zwei Stunden geschrieben hatte, oder gleich aus dem Hause ging, brach er in aller Regel zusammen. Für diese Fälle war immer Wodka kalt gestellt, von dem er dann in grossen Zügen nahm, bevor er sich ein erstes Mal über sie hermachte. Ungefragt und ohne Zucken ertrug sie seine Launen. Ausserdem redete er ja viel zwischen Teppich und Bett. Sie war seine Vertraute. Denn sie wusste schon damals, das zumindest Letzteres nicht stimmte. Sie wusste, das sie nicht alles wusste.
Der eichensargbraune Blick wendet sich zum Kollegen auf der Empore.
Jonas kommt zur Zeit der Offenbarung, als Gewissheit war, was viele ahnten. Er spricht von Isolation, nicht davon, dass die schon früher einsetzte. Und er erwähnt die Freunde, die auf Ingos Entschuldigungsbriefe geantwortet hatten. Kerstin hatte keinen erhalten. Wozu auch? Mich hat er nicht verraten, ich war mit dabei. In seinen ersten fünf Jahren.
Nur einer hatte immer Kontakt zu ihm, du Jonas. Du, als der am grässlichsten Verratene, du Jonas hast Ingo der härtesten Strafe ausgesetzt: deiner weiteren Anwesenheit in seinem Leben. Dein Grossmut hat ihn so klein gemacht, das er jetzt in diese bunte Urne passt. Und ich weiss nicht ob ich dir danken soll.
Jonas ist fertig, er verbeugt sich vor der Urne, vor der Mutter und gibt Ingos Witwe die Hand. Dann sieht er zur Empore, der Eichensargfarbene Blick nickt zur Empore, die Empore nickt zurück und selben Augenblickes ertönt Ernst Busch Stimme: „Vorwärts und nicht Vergessen“. Ein kleines Zucken durchfährt die krampfesstarre Versammlung. Erst irritiert suchende Blicke finden sich in der Musik und kreuzen im Kuppelraum und um die Urne herum. Danke Jonas, das war deine Idee. Denkt Kerstin und beobachtet Jonas Blick der zum Eichensargfarbenen wandert, der grinst und zu Kerstin findet. Während des Liedes verharrt sie wieder dort, in diesem Blick voll warmer Klarheit.
Dem würde sie gern erzählen, das Ingos Band, mit der er anfangs noch auftrat, für eine Punkversion des Kunstkampfliedes berühmt war. Diese kleine Verwechslung ging auf Jonas Kappe. Sein letzter Streich an Ingo. Ihr wird leichter.
Jetzt tritt Eichensargbraunauge nach vorn, und verneigt sich wieder vor der roten Urne. Dann sagt er: Ich bitte sie sich zu erheben und des Toten zu gedenken. Ein einzelnes Schluchzen zieht laut durch die Halle. Dann hört man sehr leises Weinen. Mehrstimmig. Kerstin stimmt ein. Flach drück ihr der starre Schmerz die Tränen aus den Augen. Woran denken die Menschen in Trauerminuten, an den Verstorbenen oder an sich? An Gott denkt Kerstin nicht. Sie denkt an Ingo wie er jetzt war, nicht mehr. Und der Eispanzer in sich, lässt sie nach unten starren. Keine Hilfe durch den Eichensargfarbenblick mehr möglich. Das Küchenmuster ihrer Kindheit verschwimmt hinter einem schweren Tränenvorhang. Sie ist angenehm bei sich, im inneren Frost, und wünscht Ingo Ruhe, wo immer er auch sein mag. Und denkt: Man muss was machen. Ingo ist tot. Er hatte zu wenig Kraft, mit den Umständen der Zeit zu recht zu kommen. Daher rührt wohl auch ihre entgleisende Wut auf den Inhalt der Urne. Ingo ist tot, und keiner hier trägt Schuld. Doch sein Lügenwerk wird das Leben vieler Menschen, bis an ihr Ende begleiten oder verfolgen. Doch warum muss ein Mensch so an sich vorbei leben? Warum ist einer nicht in der Lage, dem die Natur das Nötige mitgegeben hat, sein Ziel in sich zu finden? Ingo glaubte bis zum Schluss einer Idee verpflichtet zu sein. Und Glauben ist die halbe Lüge. Sein Geltungsdrang sorgte für den Rest. Zu schwach zu sein, inmitten dieser grossen Lüge zu leben, leergefressen von deren tausend ungewollten Kindern, ehrt Ingo. So mancher hier in der Trauerhalle ertrug dasselbe Menetekel tapferer. Ertrug zäh, wie die Lügen sein Leben ruinierten. Zäh wie es jeder Glaube und jede Idee fordert.
Der schwere Tränenvorhang fällt endlich. Weitere folgen. Kerstin denkt an die junge Witwe und an ihre eigene Mutter, die vor anderthalb Jahren, hier bei dieser Gelegenheit, in eine Fassungslosigkeit über die Realität des zukünftigen Alleinseins gefallen war, die noch anhielt. Kerstin hatte noch nie Not, ernsthaft darüber nachzudenken, was geschähe, wenn der Tod einen für immer gedachten Lebenspartner raubte. Sie fand es würde Zeit darüber nachzudenken.
Wieder setzt Musik ein. Alles setzt sich und schnäuzt laut in die klirrenden Riffs der Punkversion von „Vorwärts und nicht vergessen!“ Man hört Jonas und Rainer die Gitarren martern, das Schlagzeug drischt und irgendwo hinten plärrt Ingo. Er trank am Tag vor den Konzerten immer geheimnisvolle Stimmtees der Oma, mit Rum getount, versteht sich.
Damit lenkt Jonas ein. Dieses Lied war Ingos Idee und ihr grösster Abräumer live. Die Garagenaufnahme ein Gitarristenjoke. Historisch gesehen ein schwerer Fehler.
Gegen eine Zweitaufnahme die Ingo mit anderer Band für eine Ostalgiehitparade plante, war Jonas heftigst und erfolgreich eingeschritten.
Leider hast du mich nie ernst genommen, leider Jonas, leider. Du hast nie verstanden, was mich bei diesem Frontmann hielt. Ich habe es auch nie verstanden Jonas. Es ist zu einfach. Ich habe dich oft beobachtet. Du lügst immer nur als zweiter, das ist der Spass deines Lebens. Leider konnte ich den nie mit dir teilen.
Der Drive des Punk ergreift die Trauergemeinschaft. Ein Zucken und Rucken geht durch die Reihen. Taschentücher und Halsbonbons werden gesucht. Brillen poliert, Scheitel nachgestrichen. Auch Kerstin wischt sich die letzte Träne in den Augenwinkel und verfolgt Eichensargfarbenblick, der seitlich hinter den Trauernden zur Doppeltüre geht. Die Marter hat bald Ende. Sehnsüchtig beobachtet Kerstin die dunkle Hand auf der Klinke.
Mit dem letzten Akkord steht die Tür weit offen und die spielerische Morgensonne im jungen Ahorn lockt Kerstin nach draussen. Doch sie muss warten. Ein Mann den Kerstin kennt, ohne zu wissen wer er ist, nimmt vorsichtig Ingos Urne. Jonas nähert sich Ingos Mutter, doch ein Verwandter ist schneller und führt sie am Arm aus der Halle. Hinterdrein läuft die junge Witwe. Die Familie schien mit dem Trauerredner nicht einverstanden zu sein. Langsam schiebt sich die Versammlung durch die Türe und formiert sich in der Fröhlichkeit des Junimorgens zum Trauerzug. Der verkleidet wirkende Mann eichensargfarbenen Blickes schliesst hinter Kerstin die Flügeltüre und fragt bevor er an die Spitze des Tross eilt: Geht’s? Kerstin nickt.
Vorgegeben durch den Verwandten mit der Mutter ergeben sich Zweierreihen, die erst am Ende des Zuges etwas aufweichen. Eichensargblick führt den Tross. Er nickt dem die Mutter führenden Verwandten zu und beginnt langsam Ingos letzten Weg zu nehmen. Ehe der Schwanz des Zuges an dem sich Kerstin, Jonas und Rainer wiederfinden, in Bewegung gerät, ist die Spitze mit Ingos Urne längst vom Hauptweg abgebogen. Die drei schlendern mehr hinterher. Tief saugt Kerstin die ersten Schwaden sonnenwarmer Luft ein, den inneren Eispanzer ein wenig anzutauen. Verschwinden wird er so nicht, weiss Kerstin. Am liebsten würde sie jetzt schnell eine rauchen, aber das geht wohl nicht. Langsam schreitet sie zwischen den beiden Gitarristen her. Und wie immer ist es Jonas der sich traut. Er versteckt seine Karo wie ein Wachsoldat in der hohlen Hand. Und fängt sich einen missbilligenden Blick Rainers ein. Kerstin mag nun nicht mehr rauchen.
Schöne Rede hast du ihm da gehalten. Sagt Kerstin zu ihm. Ohne Lächeln nickt Jonas.
So ein Quatsch! Bellt Rainer. Was sollte denn das? Ingo ist tot! Musstest du ihm heute noch Eine reindrücken? Wen interessiert das denn, das er gespitzelt hat? Jetzt ist das doch egal. Vor dem Tod spielt das keine Rolle mehr. Ich fand den Busch unanständig, ich fand deine Rede unanständig, und das du jetzt hier rauchst, das ist der Gipfel deiner Arroganz.
Jonas lässt die Zigarette vor seine Füsse fallen und ertritt sie.
Unanständig findest du das? Bist du also auch schon so weit. Die kleinen irdischen Dinge interessieren nicht mehr beim Gang ins Loch. Seine Familie war derselben Meinung. Zum Glück stand ich als Redner im Testament. Diese kleinen irdischen Dinge haben Ingos Leber aufgefressen, bis ihm das Leben aus dem Maul davonlief. Und zur Feier dieses Anlass soll ich von Schicksal reden? Wenn wir aus Anstand, oder schierer Angst weiter schweigen, kommen wir nie aus dem Lügenloch, in dem uns der Arbeiter und Bauernstaat zurückgelassen hat.
Rainer hasst ihn mit den Augen an: Oh ja, so kenne ich dich, ehrlich bis zur Unmenschlichkeit. Sagt es und stürmt drei Reihen im Zug nach vorn. Gleichzeitig läuft plötzlich eine Frau neben ihnen, die Jonas sein muss. Kerstin kennt sie nicht. Habt ihr wieder gestritten? fragt sie Jonas. Ja, wie immer, antwortet der grinsend. Den Rest des Gespräches vernimmt Kerstin nicht mehr.
Das Paar kehrt zum Ausgang.
Der Zug ist am Zielort, dem kleinen Erdloch, angekommen. Die Menge rückt zwischen fremden Gräbern zusammen, doch Kerstin steht zu weit weg um zu hören was der Fremde spricht, bevor er sich auf ein schwarzes Kissen kniet und die Urne Ingo langsam ins Loch lässt. Er erhebt sich, verbeugt sich wieder und reicht Ingos Witwe die kleine Schaufel. Die streut starr und wirft einen kleinen Brief ins Loch. Bei diesem Anblick füllen sich Kerstins Augen erneut. Mit einem Schmerzensschrei sinkt die Mutter aufs Samtkissen. Langsam lösen sich Kerstins Tränen, die bis sie selbst am Grab steht, einen kontinuierlichen Fluss bilden. Dann sieht sie selbst von oben auf den roten Deckel auf dem „Vergebt mir!“ steht. Du Arschloch! sagt Kerstin laut ins Loch und dann ist kein Halten mehr. Der sie auskleidende Panzer inneren Eises taut schlagartig und bahnt sich seinen Weg unter Krämpfen nach aussen. Kerstin findet sich ein paar Schritt weg unter einer Birke wieder und lässt das Elend fliessen. Unendlich lang strömt Ingo aus ihr heraus.
Komm! sagt der eichensargfarbene Blick und legt den Arm um ihre zuckenden Schultern. Komm, die Party ist vorbei. Tatsächlich sieht Kerstin die Witwe und die gestützt laufende Mutter als Letzte davongehen.
Wissend mit den Pantoffeln wippend, hört sich der Mann mit diesen schönen Augen am Abend Kerstins Geschichte an, bevor sie beide weit offen in ihre erste Nacht tauchen. Am nächsten Morgen weiss sie, das dieser Eichenholzmann den Kaltfickschaden beheben wird. Und beginnt zu planen. Denn ihr Leben wird sich ändern. Der schlecht bezahlte Friedhofsmann will nicht in den Westen und sagt: Nein, ich bleib hier, sonst hört das Lügen nie auf. Kerstin gibt ihm Recht.
ENDE
auch dieser alte text hat damit zu tun
einer der vielen schlusspunkte, die irgendwann eine linie ergeben
Labels: Damals wars als Hartmut Schulze gerlach noch Muck hiess
Samstag, Februar 17, 2007
Handy (1998)
Gewidmet ist diese Geschichte K. B. und G.H.
Handy
Das es aus blauem Himmel regnen konnte, hatte ich schon mal gewusst. In dieser hellen Abendstunde zeigte der April alles, was seinen wankelmütigen Ruf ausmachte. Fröstelnd stand ich hinter meinem Auto und rauchte, entgegen der guten Gewohnheit, ohne getrunken zu haben. Ich war nervös und viel zu früh dran. Der Blick in den tropfenden, fremden Wald erinnerte mich an kleine Ewigkeiten, die ich mit geschultertem Gewehr um thüringische Waffendepots zu streifen hatte. Die Sinnlosigkeit der Rundgänge, wer interessiert sich schon für vierzig Jahre alte, zerlegte, rostende Panzer, erfüllte mich bald mit einer angenehmen, neuen Ruhe. Ich begann Gedichte auswendig zu lernen, mit denen ich noch heute Wartezeiten fülle. So wie jetzt. Und mir fiel sofort das einzig passende ein: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht;.... Zeile für Zeile fand ich mich in nämlicher Situation wieder. Doch die dritte Strophe begann schon holpernd und nach: Und jeder Atemzug für dich. war Schluss. Deklamatio Interruptus! Was zum Teufel umgab das liebliche Gesicht? Ich war etwas irre.
Seit mich Frau Hirschler nach dem Morgenrapport zur Seite genommen hatte: “Haben sie heute Abend etwas vor? Wenn nicht, acht Uhr, A1 Richtung Frankfurt, Parkplatz Würzenstock. Sein sie pünktlich! Eine Entschuldigung für zu Hause haben sie ja wohl!“, hatte ich keinen klaren Gedanken mehr gefasst und nichts mehr gegessen. Es war also passiert, jetzt war ich dran, die Kollegen hatten Recht behalten. Seitdem ich in der Firma war, redeten die davon, das Karriere hier nur direkt über Frau Hirschler zu machen sei. Kein Thema für mich, Frau Hirschler war eine andere Liga. Rotmähnig, ausladend wohlgebaut, war die Mittvierzigerin die Verführung an sich und ihr Mann, unser großer Chef Alexander Hirschler, hatte klug entschieden, ihr den Verkauf allein zu überlassen. Unglaublich war es anzusehen, wie sie Grosskunden durch die Räume unserer kleinen Bude führte. Mit ihrem dann, nur auf den potentiellen Abnehmer fixierten, wärmelnden Gehabe, hätte sie besser einen Edelpuff präsentiert als eine Softwarefirma. Wenn sie dabei hinter mir stand und sagte: „Das ist unser Herr Klaus, der schreibt dann auch ihr Programm.“, und ihr, in eine meist pastellfarbene Kostümjacke gepresster Busen, meine Ohren nur knapp verfehlte, musste ich hinterher in aller Regel zur Toilette. Über zwei Jahre war Frau Hirschler so zur Leinwand meiner sexuellen Phantasien und Fingerübungen geworden.
Der dunkle Wagen rollte knapp vor meinen gewienerten Schuhspitzen aus. Resigniert beendete ich die Suche nach der fehlenden Zeile. Im Auto ging Licht an und Frau Hirschler winkte mich zu sich. Ich stieg durch die Tür, die spielend einer Kindergartengruppe gleichzeitiges Einsteigen erlaubt hätte. „Guten Abend Frau Hirschler“ stammelte ich. Sie wandte sich zu mir, ein Einatmen folgte, das fast die Knöpfe der Jacke barsten und dann: “Gesine, für dich nur noch Gesine!“ Sie küsste zwei ihrer Finger und legte sie mir auf den Mund. „Du weißt warum wir uns hier treffen?“
Ich stammelte: „Na ja, so richtig nicht, ich könnte mir denken...“
Und schon hatte ich ihr Gesicht sehr nah vor mir. Die schweren, nass glänzenden Lippen schienen unhörbare Worte zu beten. Gesine brauchte schon jetzt mehr Luft. Ihr warmer, sauberer Atem strich mir die Wangen herauf und elektrisierte den Hinterkopf.
Lass es geschehen! Noch ehe ich mir den Mut fertig zugesprochen hatte, saß der erste Kuss. Nass. Lang. Tief. Zum Glück hatte ich ja nichts mehr gegessen. Sie rutschte ganz über die Mittelkonsole, nahm meinen Kopf fest in beide Hände und begann mir das Programmiererhirn durch den Mund zu saugen. Vorsichtig landeten meine Hände auf ihrer Jacke und kneteten die Schulterpolster, um kurz darauf nach vorn fahrend die nackte Haut ihres Dekolletés zu streifen. Ein Grunzen entfuhr ihr. „Ja fass mich an, fass mich überall an!“ Sie nahm meine Hand, steckte sie sich in den Busen: „Willst du mehr sehen? Willst du alles sehen? Du kleiner gieriger Junge du! Willst du deine Chefin nackt sehen? Willst du das? Du Gierhals, du!“ Dann liess sie von mir ab, plumpste, ohne mich aus den grünen Augen zu lassen, zurück in den Fahrersessel und betätigte einen der vielen Knöpfe im Wurzelholz. Leise surrend zogen sich schwarze Rollos aus dem Autohimmel alle Scheiben herab. Ich berührte das an meiner Seite: „Leder!“ staunte ich. „Ist aber gefährlich bei zweihundertsechzig.“ und wies vom Tacho auf die schwarz verhangene Frontscheibe. „Geht auch nur im Stand, du Schlaumeier. Werde nicht neidisch, dieses Auto ist dreissig Stunden die Woche mein Zuhause. Mehr habe ich nicht, außer natürlich dich bald!“
„Und warum gerade ich?“
„Warum gerade du? Gute Frage!. Warum gerade du?“ Sie zündete sich zwei Zigaretten an, gab mir eine und begann: „Weil du so unglaublich normal bist. So unverstellt! Ich bin von Papageien umgeben. Lackaffen, die sich für sonst was halten und vor lauter Stil keine Haltung mehr haben. Von ewigen Gewinnern. Die wollen Ihre Zerrissenheit an einer Frau ausleben. Ich bin nur Spiegelsaal. Auch dunkelster Sex ist nur Teil ihres hoch differenzierten Spiels mit sich selbst. Kennst Du die Antwort auf die Frage: Wen liebt der verliebte Mann? - Sich selbst! Du bist da so anders! Nicht Design, sondern echt! Wenig Schale, viel Kern. Übrigens hat noch jeder deiner Kollegen hier gekniffen, das wird bei Dir anders sein! Ich weiss das“ Sie rückte wieder näher, strich mir über den Kopf und rauchte mir sprechend in den Mund: „Dein Schnurrbart, deine Frisur, das alles verrät mir die gelassene Ruhe des jungen Kleingärtners. Die ich suche.“
Das war zuviel: „Also erlaube mal, wir haben keinen Garten.“
„ Natürlich habt ihr keinen! Aber wie schön, du sagst „WIR“. Genau das ist es: Wir haben keinen Garten. Das ist, was mir gefällt! Außerdem haben doch sicher die Schwiegereltern einen und ihr fahrt am Wochenende mit den Rädern raus. Dann bratet ihr Würste, du trinkst ein Bier mit dem Schwiegervater, die Frauen spielen auf der Hollywoodschaukel mit der Kleinen. Wenn ihr heimkommt macht ihr noch ein bisschen Sex, zügig, weil so verrückt seid ihr ja beide nicht mehr danach und dann schläfst du ein. Zufrieden. Verstehst du was ich suche: zufriedene Männer. Die sich ein kleines Reich geschaffen haben und stolz darauf sind. Und ich will wissen wie das funktioniert! Dir werde ich das Geheimnis entlocken, deinen Kern sehen!“ Ich war sprachlos. Abgesehen von den Beleidigungen, Spießer wissen das sie keine sind, faszinierten mich Gesines Worte. Beim Gedanken an das „Geheimnis“, zog es mir an einer Stelle im Unterbauch, an der ich bisher nur Darm vermutet hätte. Sie drückte einen weiteren Knopf. Mein Sitz bewegte sich in die Horizontale. “Tja, bei Chefs ist auch tote Hose im Schlafzimmer.“ lachte sie mich an. „Da muss man sich organisieren. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich zuletzt mit einem Mann im Bett war, aber hier im Auto, da weiß ich es ziemlich genau.“ Sie zog die Jacke ab: “Zieh dich auch schon ein wenig aus, für die große Spannungsparty ist es hier zu eng.“ Geübt entledigte sie sich ihres Kostüms und saß rasch in Unterwäsche vor mir. Die riesigen weißen Körbe konnte den zarten Inhalt, der all ihren Bewegungen sanft nachlief, kaum bändigen. Nach einigem Gewurstel saß ich in Unterhose und Hemd vor ihr. Langsam kam sie zu mir gekrabbelt und fauchte um meinen Kopf: „Zieh das aus hier, ich muss deine Haut spüren!“ dabei zerrte sie an meinem in Ehren ergrauten Feinripp. Es flog auf die Rückbank. Dann warf sie sich auf mich und presste sich an: “Wie schön dich zu spüren! Deine Haut! Dein Bauch! Komm! Komm! Spüre auch du mein Gewicht!“ Mir nahm es fast die Luft, sie turnte unbeirrt weiter : “Der Bauch! Dieser Bauch! Du ahnst nicht wie heiß mich dein Bierbauch macht!“
„Aber was gefällt dir an einem Bierbauch?“ presste ich hervor.
Kurz hielt sie inne und stütze ihre Ellenbogen auf meine Brust: „Eben die Ruhe die er ausstrahlt, die Gelassenheit. Außerdem mag ich keine dünnen Männer, du wirst gleich merken warum.“ und schon war die Pause vorbei, sie war wieder überall. Mein Knie geriet zwischen ihre Schenkel. „Ja...! Ja...! Gut...!“ dampfte sie, „Ich will mich an dir reiben! Gib dich ganz hin, du musst gar nichts machen, sei nur da, sei bereit.“ Mit diesen Worten begann sie einen wilden Tanz auf meiner Kniescheibe, bei dem ein spacker Mann vielleicht kaputtgegangen wäre. Rhythmisch grub sie mich im Ledersessel ein. Fasziniert beobachtete ich die Eruptionen über mir. Und dann kam sie, die fehlende Zeile: „Ein rosenfarbnes Frühlingswetter - Umgab das liebliche Gesicht, und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Schnell war alles vorbei, sie sank auf mir zusammen.
Nach einer Zeit, so lang wie das komplette „Willkommen und Abschied“, kitzelte wieder ihr Atem: „Das muss ich heute noch oft haben! Hörst Du? Ganz oft!“ Langsam begann sie sich an mir herabzuküssen. Ihr Haar lag auf meinem Gesicht als sie mir die Brustwarzen zerbiss. Ich kostete: echtes Rot! Sie kam tiefer, versuchte mich am Bauchnabel aufzublasen und hatte ihn plötzlich im Mund. Doch alles saugen, beißen, kitzeln, kneten, knebeln nützte nichts, meine Männlichkeit blieb hosenkompatibel. Während sie mir schnaufend die Schwellkörper malträtierte, fiel es mir auf, er hatte die ganze Zeit nicht reagiert. Sicher irgendwie erregt war ich auch, aber da unten war Ruhe. Und würde wohl auch bleiben, so wie sich das anfühlte. Wie konnte ich das auch vergessen! Immer schon hatte ich bei derartigen sexuellen Frontalangriffen versagt. Wann war das eigentlich das letzte Mal gewesen? Ich kam nicht zum Überlegen, denn schon hatte ich wieder ihr Gesicht vor Augen. „Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir alles hin. Ich bin Managerin! Wie ist das sonst wenn du an mich denkst? Reagiert er da? Oder hilfst du ein wenig nach? Etwa so?“ Ihre Hand spielte. Aber woher wusste sie denn?
„Woher weißt du denn...“ sie unterbrach mich mit einem weichen, fast bewegungslosen Kuss: “Ach du! Das sieht eine Frau doch! Dir läuft nicht der Geifer wie den Anderen im Büro. Du scheinst genüsslich die Lippen zu lecken, weil du schon hattest. Du hattest mich doch schon tausendmal, hier in deinem kleinen schlauen Kopf! Oder stimmt das etwa nicht?“
Ich massierte ihr vorsichtig den Hintern: “Ja schon, aber ehrlich gesagt, ich glaube das wird nichts - mit dem da.“ Sie kreiste wieder unter meinen Händen: “Wieso denn nicht?“
„Weil der das nicht gewöhnt ist. Ein Penis der zu Hause auf „Schwulli“ hört, bei dem es sonst zwei vertraute Griffe braucht und er weiß was kommt, der ist von so einem Sonderangebot überfahren. Solche Feiern bin ich nicht gewöhnt.“
Gesine rieb sich weiter stöhnend auf mir, als wäre der Streikende in erquicklicherer Position. “Und wenn du selbst alles tust, wie wenn du an mich denkst. Ich fände es schön.“
Um Gotteswillen! Das geht zu weit! „Hör auf Gesine, das kann ich nicht!“ Sie wurde ruhiger und nahm mir die Hand von den Augen: „Aber wie macht ihr das denn dann zu Hause? Irgendwie müsst ihr doch auch...“
„Die Worte. Es gibt so Worte, weißt du.“
„Ach so, kein Problem, dann sag mir die Worte, ...ich will sie dir... überall hin... küssen!“
„Nein, das geht gleich gar nicht! Die kann nur sie mir sagen, das sind unsere Worte, weißt du.“
Gesine setzte sich auf, ihre Brüste wankten bedrohlich über mir. „Eure Worte! Ja..., also eure Worte. Ich verstehe. Und die würden helfen?“ dabei öffnete sie die Mittelkonsole. Nach einigem fischen, händigte sie mir ihr Handy aus: „Na los, dann ruf sie an!“
„Du spinnst doch!“ Ich warf das Ding zurück. Plötzlich drückten mir ihre starken Schenkel in die Seiten: „Sag so was nie! Und ruf jetzt an! Los ruf an und lass dir eure Schweinchenworte sagen! Los jetzt!“ Ohne zu wissen wie mir geschah, nahm ich ihr das Telefon aus der Scham und wählte die Nummer unter der ich sonst nur Absprachen für das Abendessen traf. Wie würde meine Frau reagieren? Natürlich hatten wir in Studien- und Armeezeiten ab und an Telefonsex gehabt, ja unser erster Sex war fernmündlich gewesen. Der Heimatpfarrer hatte mir Ihre Geschichte ins Besucherzentrum der Kaserne mitgebracht. Er wollte mich mit Menschlichkeiten ablenken und erzählte von einem gleichaltrigen Mädchen, das auf eine Abenteuerzelttour zu Fuß von Berlin an die Ostsee schon während der ersten Übernachtung kurz hinter Oranienburg, die eng begrenzten Vorräte Aller vertilgt hatte. Mich faszinierte die Geschichte, von der ersten Bulämikerin der DDR, die den Rest der Wanderung stumm mitmachte und sich nicht zurück schicken ließ, derart, dass mir der Pfarrer Ihre Nummer gab. Im folgenden Jahr telefonierten wir ausschließlich und hatten schon Sex , bevor wir uns das erste Mal sahen.
Nach dem zweiten Läuten ging sie rann. „Hallo Schatz, ich bin` s. Na wie geht’s, was macht die Kleine?“ Während mir meine Gattin vom Spielplatz, dem Besuch der Schwiegermutter und einer Einladung für Samstag erzählte, ritt Gesine auf mir aus. Und tatsächlich alles was reagieren sollte, reagierte plötzlich. Mühsam hielt ich meinen Atem zusammen: „Ja ich muss hier noch was zu Ende machen, kann mich nur im Moment schlecht konzentrieren, warte bloß nicht mit dem Abendessen, das wird heute ganz spät.“ Gesine nickte im Takt. „Sag mal Schatz kannst du mir einen Gefallen tun, wegen meiner Konzentration, sag mir doch mal unsere Worte. Ich möchte entspannen! Ja, Ja, unsere Bettworte, du weißt schon welche. Doch bitte jetzt! Mir ist gerade sosehr so. Ja das zum Beispiel...
Tatsächlich murmelte sie mir mit einiger Selbstverständlichkeit all ihre Zauberworte ins Ohr, als läge sie neben mir. Gesine platzierte den nun Aufrechten und ging zum Trab über. Um die Geräuschkulisse erträglich zu halten, hatte sie sich ihre Handtasche in den Mund gesteckt und biss kräftig darauf herum. Meine Frau spürte meine wachsende Erregung und wählte jetzt Wörter der heftigeren Art, auch welche die ich gar nicht kannte. Gesines Kopf schlug gegen den Autohimmel, meine Frau und ich schrieen ins Telefon. Wir kamen. Alle.
Labels: Sex sells
Montag, Januar 29, 2007
Die volle Wucht von Stille (2003)
Er spürte die volle Wucht von Stille und schob die Platte zurück an ihren Platz.
Hilflos stand er einen Moment vor dem Regal, Flucht bot dieses Zimmer nicht.
Der Sessel am Fenster war der einzige Ort, um die Ruhe im Haus zu empfangen, die Stille zu ertragen.
Samstagabend, kein Wunder, alle waren sie ausgeflogen. Die suchten draussen das Leben, in der lauten Nacht der Stadt, die Kinder. Ihn zwang die Ruhe tief in den Sessel.
Nicht das Schlagen der Türen, die Rufe durch Wohnungen, das Gejohle der Abendrunden fehlten ihm. Nein, er vermisste die gedämpften Schritte aus dem Dachgeschoss, die Geräuschtupfer ihrer Anwesenheit. Was er hörte war Stille, wirkliche Stille, ganz deutlich, die Stille in sich. Wie Gott nichts aussen, wie Gott nichts in ihm. Früher hätten Stürme geschrieen, jetzt war da gar nichts mehr, ein Meer der Leere mit viel Platz, auch für Gott.
Bis zum Mittag hatte er ihre Möbel geschleppt und Kisten, die sie gemeinsam über Wochen gefüllt hatten. Voll gepackt mit Erinnerungen und Geschichten, die sie erzählte, während er sie in Seidenpapier einschlug.
Schon um eins war der kleine Laster voll geladen. Sie hatten sich umarmt, das Wiedersehen zum letzten Mal beschworen, dann hatte er da gestanden mit schmerzendem Rücken und ihr nach gewunken, als sei er ihr Vater.
Und jetzt drang diese Stille durch die Zimmerdecke in ihn, während sie im neuen Heim ihre Kisten auspackte. Sicher fröhlich, würde sie ihren zukünftigen Mann bei jedem zehnten Buch, bei den grossen Kunstbänden, fragen, wohin sie es stellen soll, in seine Bibliothek oder in ihr Zimmer.
Sie hat ihr eigenes Zimmer, mit Gaube zum Meer. Voll schwärmender Vorfreude hatte sie ihm immer wieder davon erzählt. Das einzige was ihr Eigen bleiben würde, eines seiner Zimmer, aber mit Blick auf das Meer.
Er sah zur Decke.
Vor sechs Jahren hatte er sie ausgesucht. „Ja, ich bin hier der Hausverwalter und ich entscheide im Auftrag des Besitzers wer herein darf und wer nicht. Du passt zu uns und kannst hier einziehen. Welche Farben willst du an den Wänden?“ Gern hatte sie die Hilfe angenommen. Es war sein Status als Helfer, der sie, frisch gescheitert und noch leicht benommen vom Leben draussen, schnell Vertrauen fassen liess. Ja, er war eine Immobilie und fast zwanzig Jahre älter als sie. Gelbes Zimmer, blaues Zimmer und eines in Orange, getupft und nicht gestrichen. Ein Bild hier, ein Einbauregal da, oft sassen sie nach getaner Arbeit bei Brot und Friesentee und erzählten sich die Tage. Und mit der Frage: „Kannst du mir als Mann mal einen Mann erklären?“ hatte eine lange Kette von Gesprächen begonnen, in denen sie durch ihn nicht verstand, was sie an Männern nicht verstand.
Es gab viele Männer und vieles zu erklären. Versuche, nur redliche Versuche.
Die beste Zeit in seinem Leben. Noch so ein Satz und er würde in die Stille heulen.
Wie einem springendem Ball aus Wünschen, Plänen und Ideen hatte er ihr staunend zugesehen und erfahren, mit welcher Kraft sie hasste, wurde sie auf den Boden gezwungen. „Du suchst, mach weiter bis du findest“, hatte er sie getröstet, wenn sie wieder einem aus den Fingern geglitten war. Du suchst von zu weit oben, zu wenig genau, hatte er für sich behalten. Die Not zum Gelingen würde bald nicht mehr zu übersehen sein. Dem Fluch der Zeit entrinnt nur, wer nicht mehr will, wusste er und sagte es ihr nicht.
Er war kein Springball mehr, er war ein Hausverwalter.
„Und du?“, hatte sie ihn gefragt, „wie ist es mit dir?“ Er log ein Lachen: „Ich habe es hinter mir, zehn Jahre Ehe, die Kinder studieren schon.“ Dass immer dieselben Mühlen seine Beziehungen zerrieben hatten, sagte er ihr nicht, weil er befürchtete, sie würde verstehen, dass für sie das Gleiche galt. Auch ihre Gründe immer wieder zu scheitern lagen in ihr, nur da und das von Anfang an.
„Aber du hast doch einen Traum?“, hatte sie gebohrt. „Ich meine nicht die Träume, die man an Zellstoff wischt. Wie müsste dein Leben sein, dein Leben mit einer Frau?“ Lange hatte er überlegt, bevor er antwortete: „Den sehe ich mir selten an, meinen Traum, ich bin ja Hausverwalter. Darum ist er wohl so kitschig geworden. Ich würde gern noch zwanzig Jahre in einem Haus am Meer wohnen. Mit einer Frau und einem Hund. Ein grosser Hund wäre wichtig. Du lachst, aber höre mir zu. Ich sehne mich nach einer Frau, mit der ich das aushalten könnte, ein eigenes Haus, das Meer und einen Hund. Nichts sonst dürfte sein.“
„Aber davon träumen doch viele.“, hatte sie ihm erwidert. „Eben ja, träumen schon, aber ich werde hier in der Stadt keine finden, mit der ich das aushalten kann. Ich wohnte schon einmal ein paar Jahre in einer Art Kommune auf einem Ausbauernhof, ringsum nur Felder. Das nächste Dorf zehn Minuten weg, zehn Fahrradminuten auf Schneisen durch Kartoffeln und Rüben. Dort war die Einsamkeit zum anfassen. Die ist anders als unsere hier in der Stadt. Die wirkliche Einsamkeit kann man nicht ertragen. Glaub mir, das ist Arbeit.“
Es war an diesem Abend, da hatte es nachts noch leise bei ihm geklopft. Auf Strümpfen in einem knöchellangen Hemd stand sie vor ihm. „Ich kann nicht schlafen.“
„Na dann komm rein, aber ich muss morgen früh raus.“
„Ich auch, darf ich mich zu dir legen?“
„Bitte.“
Nach ein paar stillen Minuten im Dunkeln hatten sie sich zu küssen begonnen. Als sie sich auf ihm ausbreitete, bekam er ihren weichen Po unterm Hemd zu fassen und sie liebten sich, als ob sie das schon immer so täten. Am nächsten Morgen war sie schon weg und nachmittags beim Tee sprachen sie wieder über die Fehler anderer Männer. So ging das über Jahre, mal kam sie öfter, mal weniger. Sie waren sich wortlos einig, hier ging es um ein paar Grundbedürfnisse und um ein wenig Halt in der Nacht. So ist sie, die Einsamkeit der Stadt. Mit der Zeit bereitete es ihm sogar Vergnügen, den einen oder anderen ihrer Versuche kennen zu lernen. Es war weniger als sich in einem Blick verbergen liess, was sie und ihn verband.
Doch dann kam dieser Gregor. Wieder ein Traummann, wieder mit Fehlern. Doch es war anders, sie sprudelte nicht nur glühend vor Verliebtheit, schien in ihren Tiefen erschüttert und verlernte die verbindenden Blicke zu ihm, wenn sie sich an Gregors Unterarm festhielt. Das schien zu laufen und er bereitete sich auf den Abschied vor. Hoffend für sie, denn Gregor war sein Alter, lebte in einem schönen Reetdachhaus am Meer und hatte einen Bernhardiner. Ihn freute das, auch wenn er leise lachen musste. So war es eben, das Leben. Zum leise lachen.
Vor sechs Monaten hatte es wieder angefangen. Wie immer stand sie nachts vor seiner Tür, wie immer versanken sie aneinander hängend, doch nun kam sie regelmässig jede Nacht von Montagabend bis Freitagmorgen. Die Wochenenden schlief sie im Reetdachhaus. Da machte er sich Sorgen. Warum betrog sie diesen Mann, diesen tollen Gregor, der sie so hatte bewegen können? Wieso gefährdete sie ihren Traum so kurz vor dem Erwachen? Wusste sie etwa plötzlich, dass erfüllte Träume Unglück bringen, weil sie immer eine Lüge sind? Eines Tages stürmte sie seine Wohnung, um ihm überschwappend vor Freude zu erzählen, sie werde nun bald ins Reetdachhaus ziehen. Ach ja.
„Ich bin schwanger!“ jubilierte sie. „Und nun will Gregor mich in seinem Haus am Meer.“
Am Ende immer diese grausame Logik, die zum Ziele führt.
Gregor war achtsam und hatte sie nicht mal Kleiderkisten tragen lassen. Auch sein Traum sollte sich erfüllen.
Er überlegte, was für einen Hund er sich zulegen sollte.
Wieder stand er vor dem Plattenregal und überflog die schmalen Schriften mit geübtem Blick.
Gott spricht nur in der Stille. Er drehte sich zum Fenster und fiel auf die Knie. Gott kommt in der Stille, in der du weißt, dass du allein bist und das es gut so ist.
Dann ging das Weinen doch noch.
Labels: irgendwie liebesgeschichten
Donnerstag, Januar 18, 2007
Die Frau aus Winterhimmel
Es gibt ein Blau mit Gelb vermischt, das wird kein Grün. Es muss ein „kein Gelb“ sein, kaum mehr als ein gebrochenes Weiss, das den Himmel unwirklich vermilcht.
Die pastellenen Wolkenfetzen und Flugzeugspuren darüber sind aus ihm und schreiben mir:
KOMET- Speiseeis auf blaue Leinwand.
Aus Sehnsucht zog ich in den Horizont. Dort laufe ich die letzten Meter vom Himmel in die Erde. Steil die Strasse, tief der See. Ich bin in diesem Blau und sehe auf sein Grün, von dem ich träume. Und bin nicht der Einzige, der weiss, wie nah hier Himmel und Erde, Himmel und Hölle beieinander liegen. Getrennt nur durch einen feinen Strich, auf dem wir gehen. Der Strich durch die Welt, gefüllt mit unendlich vielen Punkten. Die Frau aus dem Tempel läuft vor mir in den Himmel. Läuft, schwebt, schwenkt sich hoch. Kaum zu unterscheiden von ihm, sie trägt seine Farben. In Wolle umstrickt ein Leib der mich kurz vorm Übertritt erinnert, Mann zu sein.
Jünger gehen selten tailliert.
Die Sekte hatte bessere Zeiten. Sagt der Gemeindspräsident.
Je älter die Jünger werden, umso kleiner werden die grossen Autos. Sagt er auch. Und lacht laut in die Kellnersonne. Die sind ja nett, aber machen arm. Und lacht vorm leeren Schlüsselbrett seines Hotels. Aber sie machen keinen Krach. wenn sie Fliegen üben und im Schneidersitz durchs alte Grandhotel hüpfen. Doch wenn sie es dann eines Nachts zu können glauben, dann machen sie die Rosen und ihre Sprunggelenke kaputt.
Die mit dem Körper eines halben Cello ist jünger, doch trägt die Ferne der Anderen schon im Gesicht. Sie schaut nicht einfach so ins Milchblau, sie sieht wissend in den Himmel aus Pastell. Wissend wie man sein Teil wird und durch die Wolken streift.
Sanft und dunkel lächelt sie mich zu sich, dahin, wo Yogis fliegen können.
Flieg mit mir auf den Berg gegenüber, dort wo der Jesus aus Zagreb die Mädels in den Himmel vögelt. Lass mich dort lernen, was an Dir zu lernen ist. Nimm meinen Rosenkranz in die Hand. Flieg mit mir.
Ihre Arme schwenken weit aus. Vor, zurück, über den Kopf. Es sieht aus, wie ein ungeschicktes Hurra. Was trägt sie da? Abgeschnittene Telefonhörer? Ein indisches Gemüse? Hanteln? Sind das elfenbeinfarben gestrichene Hanteln?
Ja sie läuft, schwenkt die Arme, redet mit dem Himmel, mit dem Maharishi, der auf dem Rotstock sitzt, mit den Beinen baumelt und in den See spuckt. Trainiert sie ihr Laufen, um kräftiger für die Exercitien zu sein? Braucht sie die starken Unterarme für das Fliegen aus dem Schneidersitz? Vermittelt ihr Bizeps zwischen Newton und Maharishi?
Oder ziehen sie die Gewichte nach unten? Halten sie die Hanteln am Boden? Würde sie schon jetzt vor mir entschweben, ins Milchigblau? Noch eine Runde um mich drehen, ihre Beine um meinen kopf legen, einfach so, während ich weiterlaufe? Oh schöner Traum verlass mich nicht. Du willst mich heben, weiten; nicht engen, binden, fesseln. Hesses Weltgeist mit wollener Taille vor mir. Sie nähme mich auf den See hinaus und flöge über die Berge in den Süden des Himmels.
Und ich? Ich fiele endlich in meinen Traum.
Den Traum vom grünen See.
© Götz Schwirtz
Labels: Erre Erre (nach Anton Möckel)
Donnerstag, Januar 11, 2007
Texte die in Saunen spielen 3
Leise betrat Hauptkommissar Göran Schudel den ersten mässig warmen Raum, das Tepidarium, des Römisch-Irischen Dampfbades, setzte sich auf die oberste Stufe der Holzbank und studierte die gläserne Unterweisungstafel. Statt der üblichen dicken Saunamännchen war hier auf deutsch und französisch beschrieben, wie er die drei Abteilungen des Bades zu absolvieren habe. Schudel bezweifelte, die fast einstündige Prozedur ohne kühlende Unterbrechung durchhalten zu können, freute sich aber auf die anschliessende Kernseifenbürstung..
Das Thermalbad, ein neoklassizistischer Kuppelbau vom Ende des vergangenen Jahrhunderts, gab den Bezug zu den alten Römern, die hier schon vor eintausendsiebenhundert Jahren gebadet haben sollen. Diese alte Hauptkuppel, die heute Eingangshalle, ein Cafe und eben das Römisch-Irische Dampfbad barg, hatte bei einer rekonstruktiven Erweiterung in den achtziger Jahren welche dieses Mal ein gewählter Fürst nicht nur das Volk der Baden, sondern auch das der Würtemberger bezahlen liess, noch eine grössere, das neue Innenbecken überspannende Kuppelschwester bekommen. Viel Marmor, viel Glas, viel Licht für meist gut betuchte Senioren aus Westdeutschland. Manchmal konnte man in einem der alten Cafes noch die Entstehung des Wirtschaftswunders aus der Sicht eines gewesenen Wurstfabrikanten aus Düsseldorf belauschen. Das dominierende Kuppelthema zog sich in seiner zweidimensionalen Entsprechung, dem Halbkreis, im Grundriss des Dampfbades weiter, in dem nun die drei hintereinander zu absolvierenden Kammern angeordnet waren. Eingezogene Mauern machte aus ihnen verschieden grosse Tortenstückchen. Im ersten nun sass Schudel und bestaunte den in erst in acht Metern Höhe durch ein kleines Gewölbe begrenzten Raum. Die Wände, die der wenig Bewanderte, ohne zu wissen ob es so etwas gibt, als eine Art pastellfarbenen Alabaster bezeichnen würde, waren so warm, dass man sich gerade noch anlehnen konnte. Warme Wände, das Paradies! Hier atmet man, trotz der fünfzig Grad Hitze, freier als sonst wo, dachte Schudel, und musste etwas vor sich hin grinsen, schliesslich gewährte ihm dieser lichte Raum, den jetzt zwei junge, in Badetücher geschlungene Frauen leise grüssend betraten, für Stunden Schutz vor seiner Mutter. Schräg unterhalb vor Schudel begannen die Beiden ein Gespräch über einen schon immer blöden Kollegen.
Schudel wirkte mit seinen fast vierzig Jahren, wie ein grosser schwerfälliger Junge. Die viele Arbeit und die tiefe Überzeugung, wegen seines nicht unerheblichen Übergewichts grundsätzlich unattraktiv zu sein, hatten ihm das Glück der Ehe oder auch nur eine Vorstufe davon bisher vorenthalten. Seit der Beendigung des Verhältnisses mit einer Diensthundeführerin aus Dresden- Tschorba vor acht Monaten, litt er unter konstantem sexuellen Notstand. Während der Beziehung war das kaum anders gewesen. Schudel hatte Angst vor Hunden.
Er war erfahren genug und durch seinen Beruf fast moralisch verpflichtet, wie er glaubte, den sexuellen Budenzauber zu beherrschen, den die Urinstinkte jetzt hier in ihm auslösen wollten. Keine Zehntelsekunde zu lang hatte er die beiden jungen Damen beim Hereinkommen taxiert. Sofort war er mit der Alabasterbewunderung fortgefahren. Freilich hatte er gesehen, dass beide Frauen seine Kragenweite waren. Ausgepägte Formen ohne Perfektion. Genau wie es ihm gefiel. Aber sie waren zu jung, zu fremd und in einem Thermalbad..., also dachte er wieder an seine Mutter, der er für die paar Stunden Dampfbad entkommen war.
Annemarie Schudel bestand, seitdem sie dort lebte, unter Androhung drakonischer Strafen, darauf, ihn einmal jährlich in der Villa „Römerruh“ zu beherbergen. Sie meinte der Junge müsse seine Lungen zyklisch mit Schwarzwaldluft durchblasen, um all den Leipziger Dreck aus den Alveolen zu kitzeln. Wenn Schudel aber von der Terrasse des Hauses „Römerruh“ in das gigantische Rheintal auf die zehn Kilometer entfernten französischen Chemiefabriken schaute, war er sich nicht ganz sicher, ob er nicht besser seine Mutter zum Alveolendurchblasen nach Leipzig holen sollte. Solche Scherze waren im Hause Schwarz-Schallbach wenig willkommen. Das Haus „Römerruh“, eine graue Villa im Stil der Fünfziger Jahre, hiess nur für Hausgäste, also Patienten so. Gäste der Hausherrin Isolde Schwarz-Schallbach weilten, ob nur für einen Abend, oder auch länger, im Hause Schwarz-Schallbach. Bis vor sieben Jahren war es noch das Haus Brettmer- Schwarz-Schallbach, doch seit der Gründer der kleinen privaten Kurklinik Wotan Brettmer im bündnerischen Laax einen Skiunfall erlitten hatte, fiel sein Teil am voluminösen Familiennamen weg. Nicht etwa weil er sich bei seiner Ungeschicklichkeit den Hals gebrochen hätte, mehr als die übliche Knöchelfraktur war ihm nicht widerfahren, aber durch die Indiskretion eines behandelnden Kollegen, hatte die das Haus hütende Ehegattin noch vor seiner Rückkehr vom Skiunfall erfahren, wo der selbsternannte Chefarzt doch eigentlich auf einem Kongress der Rehabilitationsmediziner im windigen Hamburg weilen sollte. Zumindest hatte er bis zum Vortag von dort angerufen. Das die Krankengymnastin des Hauses ihre Ferien im gleichen Chalet wie ihr Ehegatte verbrachte, und nicht etwa wie angekündigt bei ihren Eltern in Oberhausen, hatte Frau Brettmer-Schwarz-Schallbach sehr schnell herausgefunden. Noch ehe der malade Professor zurückgeführt war, hatte der Anwalt seinen Auftrag. Die Lage war eindeutig, der Prozess kurz, da sie den weitaus grössten Teil in die Ehe gebracht hatte, nahm sie nun vierzig Jahre später auch den weitaus grössten Teil wieder mit aus der Ehe heraus. Der Kurarzt behielt genug und setzte sich betreut von der Krankengymnastin auf`s Altenteil. Die Praxis und Klinik im Hause Römerruh wurde an einen jüngeren Arzt verpachtet und Frau Schwarz-Schallbach führte weiter Regiment über Haus und Schwestern. Doch um sich von der grössten Schmach und Enttäuschung ihres Lebens zu erholen, buchte sie erst einmal eine halbjährige Schiffsweltreise. Auf der nun lernte sie Annemarie Schudel aus Leipzig kennen, Hauptkommissar Schudels Mutter. Aus Rücksicht auf dessen Polizeikarriere, hatte die jahrelang stillschweigend auf ein ihr zustehendes Erbe im Westen verzichtet. Gut angelegt erlaubte es ihr unmittelbar nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten die Stationsschwester in der Inneren Uniklinik in Leipzig sausen zu lassen und sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: die Weltreise mit dem Schiff. Die beiden etwas einsamen Damen (Stefan Schudel hatte seinen Vater nie zu Gesicht bekommen) freundeten sich an und nach einem Jahr zog Stefans Mutter als Hausdame und Oberschwester in die kleine Klinik nach Badenweiler.
Den Wanderungen und Teestunden mit den beiden Damen konnte der Kommissar, der nun in die nächste siebzig Grad heisse Tortenstückkammer wechselte, nur im Thermalbad entweichen. Schudel sprang mit zwei grossen Sätzen auf die Holzbank neben einen älteren Herrn dessen silberweiss gespülte Mähne sich imposant vom hochroten Kopf abhob. Sofort wandte sich dieser an den Neuzugang: „ Jo s`isch heiss do am Bodde.“ Schudel zupfte sein Handtuch zurecht und grummelte Undeutliches. Der Alte redete weiter, doch sosehr der Kommissar den südbadischen Dialekt mochte, sowenig verstand er ihn. Seine Körperreaktionen auf die Hitze waren derart, das an eine Antwort oder gar ein Gespräch nicht zu denken war .Sein Wunsch zu Schweigen wurde akzeptiert. Als letzte Stufe und Höhepunkt der Prozedur folgte die Dritte der Tortenstückkammern, der eigentliche Dampfraum, bis obenhin mit weissen Mosaiksteinen gefliesst, in den die Männer gemeinsam wechselten. Stefan lehnte sich auf den feuchtheisssen Fliesen zurück und absorbierte den Dampf, dessen Geruch ihn an das Waschhaus seiner Oma in Delitzsch erinnerte. Dicke Tropfen kondensierten Dampfes fielen aus dem Gewölbe der hohen Decke auf den immer vernehmlicher atmenden Schudel, der spürte wie sich peu a peu auch die letzte Pore öffnete. Immer stärker biss der Dampf auf der Haut. Nur das sein, sicher dreissig Jahre älterer Schwitzgenosse, der soweit Stefan Schudel das im dichten Nebel sehen konnte, langsam an eine Tomate erinnerte, die alle ihre Fleischfetzchen beim kleinsten Stups an das bildlose Mosaik spritzen würde, noch drastischer vor sich hin schnaufte, lies auch den Kommissar immer hemmungsloser prusten. Über Minuten steigerte sich ihr Duett bis sich die Tür öffnete und die beiden jungen Frauen, jetzt auch schon puterrot durch die Vorkammern, das Sudhaus betraten. Augenblicklich war von beiden Herren nichts mehr zu hören. Die Damen setzten sich wieder auf die unterste Stufe und streckten sich, soweit Stefan Schudel das erkennen konnte, um den Dampf überall wirken zu lassen. Auch sie hatten ihr Gespräch eingestellt. Vier Menschen fanden in der Konzentration auf ihre Körper Entspannung. Leise zog Schudel tief Luft durch die Nase. Sie reichte nur knapp. Lang würde er nicht mehr aushalten und er begann zur Ablenkung oder auch aus Interesse seinen Puls am Hals zu zählen, wozu er die Hand nicht mehr auflegen musste. Einhundertzweiundvierzig!! Ein klares Signal! Er erhob sich, murmelte den alten Scherz vom „jetzt gar sein“ und wankte aus dem Sudatorium. Erst unter der kalten Strahlbrause kehrten seine Geister kurzzeitig zurück, um bei der folgenden Vasokonstriktion fast wieder zu schwinden. Diesen Effekt wiederholte er noch mehrfach beim Wandeln zwischen Thermal und Kaltwasserbecken, um letztlich völlig geschafft im warmen Becken vor einer Massagedüse liegen zu bleiben die ihn an einer Stelle traf, deren warme Besprühung er sich nur wagte angenehm zu finden, da er allein war und nicht ganz bei Sinnen. Schudel suchte in der mit zwei Becken und allerlei Duschgerät ausgerüsteten Abkühlhalle nach der Seifenbürstenmasseurin. Hinter einem Paravent lockte die grobhölzerne Massageliege und Schudel meinte schon den Duft der Zitronenkernseife wahrzunehmen. Nirgends war die Angestellte zu sehen und Schudel legte sich zurück ins warme Wasser. Über ihn breitete sich ein in eine kleinere Kuppel gemalter Sternenhimmel aus. Dicke goldene Sterne auf schwach blau-schwarz geflammten Grund. Schudel versank im Kitsch. Die Tür ging. Stimmen. War das die...? Nein, die jungen Damen verliessen gerade den Dampfraum und schienen besser bei Trost als er, denn sie unterhielten sich angeregt, etwas zu laut, wie Schudel meinte. Sie unterhielten sich sehr angeregt, ja sie schienen aufgebracht. Stefan Schudel lies sich im warmen Wasser treiben und versuchte die Duschenden nicht zu beachten, was nicht leicht war, denn die schwerere von den Beiden gefiel ihm sehr gut. Sie schien kein Problem mit ihrem eigentlich sehr dicken Körper zu haben. Schudel, der Gleiches von sich nicht behaupten konnte war, gelinde gesagt beeindruckt. Was würde er der Dicken nicht alles über ihren endlosen Körper ins Ohr flüstern können! Genug jetzt! Was sollten denn diese Einschlafgedanken? Noch immer heftig diskutierend stiegen die beiden langsam zu ihm hinab ins warme Becken. Dieses göttliche Bild nahm er dann doch voll. Er lächelte sie, so friedlich und unbedarft wie es einem fast vierzigjährigen Solisten nur möglich ist, an. Sie richteten zu seiner Überraschung sofort das Wort an ihn:“ Hän sie d`Sau da herinnen gseh?“ fragte die eine etwas Schlankere. Schudel entfuhr nur ein blödes „Hä?“. Die Dicke, jetzt so schwebend im Wasser noch viel anziehender, wiederholte auf Hochdeutsch: „ Haben sei auch bemerkt das der Alte da drinnen pervers ist? Sie haben doch auch neben dem gesessen!“ Schudel versuchte forsch zu dreinzuschaun, was nicht gelang, und erwiderte: „ Also bei mir sass nur ein älterer Herr der am Limit seines Kreislaufes vor sich hin schnaubte. Pervers war der nicht.“
„Sie Undschuldslamm“ gab seine Wunschgespielin zurück, „Wissen sie was der gemacht hat? Gewichst hat der , die alte Sau!“
Schudel wackelte unbeholfen mit dem Kopf: „ Ach das glaub ich nicht.“
„Doch, doch Sie waren kaum draussen, da fing er sich an zu scharren, als sei ein Batallion Filzläuse zu bekämpfen, rückte immer näher, schnaubte, prustete und dann stand er vor uns, das Schwein, das Alte! Kennen sie den Mann? Sind sie mit dem da? Ist das vielleicht ihr Vater?“
Der Kommissar spritzte die beiden Damen bei seiner heftigen Abwehrbewegung durch das Wasser an. „ Nein, Nein ich kenne den Typ auch nicht. Aber mir kam der überhaupt nicht verdächtig vor. Das ist doch ein gemütlicher Opa“
„Gemütlicher Opa, was ist das denn?“ Hörte er von der Schnipperischeren. „ Olls Sai, die Kerle die! Ainer wiä dr ondre! „
„Na, Na, Vorsicht meine Liebe! Nicht alle über einen Kamm, Gelle! Ich schlage folgendes vor:“, dabei setzte er sich aufrecht ins flache Wasser, „Sollte der Herr sich nochmals in irgendeiner Form lüstern Ihnen gegenüber zeigen, oder sie sonst irgendwie belästigen, rufen sie mich augenblicklich. Ich bin die nächsten zwei Stunden noch hier, auf frischer Tat ist immer besser als so hinterher.“ Der wahre Grund für Stefans Unentschlossenheit den Damen zu glauben und zu reagieren lag in der partiellen Blutleere, die er noch immer im Kopf verspürte. Konnte er ganz sicher sein, das der Alte sich wirklich an sich selbst vergangen hatte? Richtig bei klarem Kopf war doch niemand hier. Peinlichkeiten zu ertragen, hätte er jetzt keine Kraft gehabt. Hilfe und Schutz hatte er angeboten, und aufdrängen wollte er sich auch nicht. So gut wie ihm die Dicke, an der überall feinste Bläschen empor perlten, gefiehl, aus dem nun möglichen und damit absehbaren Kennnenlernzeremoniell stieg er, im übertragenen Sinn, und wie immer, aus. Konkret aber aus dem Thermalbecken. Er begab sich zur Seifenbürstenmassage. Eine Prozedur auf die er sich freute, wegen der er hierherkam. Die kreisenden Bewegungen der von Zitronenkernseife triefenden harten Bürsten würden ihm den letzten Rest Blut aus dem Kopf in den Körper, und hier besonders in den Bauch ziehen. Der kleine Zustupf den er vorher in der klatschnasse Kitteltasche der Masseuse versenkt hatte, zeigte Wirkung. Hauptkommissar Schudel fand im Anschluss nur schwankend seine Lederpritsche in der tonnig gewölbten Ruhehalle, bevor er seinen rot geriebenen Körper in zwei steife Laken einhüllte. Er spürte dem warmen Wabern in seinem Bauch nach und schlief ein. Schudel träumte die Weltseele.
„ Hallo, Aufwachen!“ Jemand zog ihm am Fuss! „ Aufwachen! Polizei! Wir möchten mit ihnen reden.“ Wer war hier Polizei? Jetzt träumte er wohl den ganz grossen Scheiss! „ Jetzt wachen sie auf Mann, wir müssen sie befragen!“ Schudel öffnete schwerfällig die Augen, er hatte keinen Schimmer wie lange er weg gewesen war. Draussen schien es schon einen Spur dunkler geworden zu sein. Vor seiner Liege stand ein Polizist in Uniform. Noch immer wollte ihm die surreale Situation nicht in den Kopf. „ Um was geht es denn? Ich hab hier ... ich war ... wie spät ist es eigentlich?“
„Viertel nach sechs.“ sagte der Polizist. Schudel hatte zwei Stunden geschlafen, nein verschlafen, denn jetzt erklärte ihm sein Berufskollege, hier sei ein Todesfall geschehen und man müsse nun die wenigen Anwesenden befragen, was seine Zeit dauern würde, da die Kriminalisten aus Freiburg noch nicht eingetroffen sein. Schudel gab sich nach kurzer Überlegung nicht als Leiter einer Leipziger Mordkommission zu erkennen, da ja sein Dienstausweis unten im Spind hing und man ihn hier kaum weglassen würde. „ Darf ich den Tatort mal sehen?“
„ Was für einen Tatort?“ fragte der Polizist verwundert aber noch nicht misstrauisch zurück.
„ Äh ich meine die Auffindungssituation, die Location, ich meine: wo liegt den die Leiche?“
Der Polizist überlegte einen Moment:“ Na gut, aber nichts anrühren, die Spuren..., na sie wissen schon, aber wickeln sie sich was um, da draussen sitzen noch zwei junge Frauen. Tatsächlich sassen die Beiden Damen in der Halle mit den Duschen und Becken. Sie hielten sich bei den Händen und starrten vor sich hin. Die Dicke war weiss im Gesicht, die Andere weinte ein wenig vor sich hin. „ Kommen sie!“ sagte der Wachtmeister und führte Schudel vor die weit geöffnete Tür des Dampfraumes, ganz froh die eklige Situation mit jemandem teilen zu können. Vielleicht spürte er ja die Berufsverwandtschaft. Der Dampfapparat war abgeschaltet, die Sicht in die Kammer jetzt frei. Direkt an der Tür, ja im Türrahmen lag der alte Mann, dessen schlohweisses Haar sich zum jetzt tiefblauen Gesicht noch besser abhob. Schudel nahm eines der kleinen Frotteetücher aus dem Regal und legte es ihm aufs Gesicht, das ihn mit weit herausgedrehten Augen anstierte.“ War ihm wohl zu warm“ sagte Schudel kühl.
„ Ich denke auch, das es sich hier um einen natürlichen Tod handelt.“ nickte der Uniformierte wissend. Da wär ich mir so sicher nicht, dachte sich Schudel und lies sein Handtuch fallen. Verstört starrte der Wachtmeister auf seine Nacktheit. Der Hauptkommissar inkognito lächelte verlegen und beugte sich schnell herab, wobei er einen Blick unter den Behälter für die nassen Frotteetücher warf. „ Wer hat ihn gefunden?“
„Die Masseuse. Sie sagte sie habe sie behandelt- er sagte das als habe Schudel hinter dem Paravent sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen, und wollte dann diesen Herren holen, der als nächster dran gewesen wäre.“
Schudel besah sich das Türschloss des Dampfraumes: „ Schön, da ist ja jetzt ein Termin frei, würde ich an ihrer Stelle nutzen, bringt echt was.“
„ Ich bitte sie! Sie scherzen im Angesicht des Todes“ entrüstete sich der Polizist. Wenn der wüsste, das es die einzige Art und weise war, auf die Schudel mit seinem langjährigen ständigen Begleiter, dem Tod, klarkam. „ Ausserdem befindet sich die Frau im Kreiskrankenhaus, sie hat einen Schock.“ „ Ja sagen sie mal, was war denn hier noch alles los? Ein Mann tot, eine Frau im Spital, und ich habe die ganze Zeit gepennt? Gibt’s ja gar nicht. Schaun sie ich bin nämlich Hauptkommissar Schudel, Leiter einer der Leipziger Mordkommissionen.“
Der badische Kollege nahm Haltung an: „ Oh das wusste ich natürlich nicht.“ „ Wie auch“ entgegnete Schudel grinsend. Der Ortspolizist fuhr fort:“ Tja könnten nicht sie schon mal ... hier die Untersuchungen... ich meine könnten sie nicht schon mal zu ermitteln beginnen.“ Schudel lachte auf: „Wenn sie einen Puff stürmen und dummerweise ihren Polizeipräsidenten aus einem der Betten holen, lassen sie ihn dann auch ermitteln? Der hängt sich doch erst später rein, oder?
Ein nackter Polizist ist wie eine Ampel mit Stromausfall, da und doch auch nicht. Ne, Ne mein Lieber, sichern sie mal ab und verwahren sie die Verdächtigen bis zur Vernehmung sicher.“
„ Was für Verdächtige?“ erstaunte sich der Dorfsheriff.
„ Na also eben die Zeugen, na mich und die beiden Damen, verstehen sie die einzigen Zeugen, goldwert und gefährlich.“
„ Gefährlich?“
„ Schauen sie denn nie das Bildungsprogramm? Jeder Mörder war auch Zeuge der Tat. Also ist der erste und einzige Anhaltspunkt im Moment... Na? Richtig! Die Zeugen! Alle sehr verdächtig! Wenn sie Punkte beim Kollegen aus Freiburg machen wollen, rate ich ihnen: Schliessen sie uns in der Ruhehalle ein. Ich würde dann wissen, das sie ihr Handwerk verstehen. Macht Eindruck so etwas. Ehrlich, Kollege.“
Der Uniformierte überlegte eine Weile, dann hatte er sich entschlossen: Sie haben recht. Na dann kommen sie mal mit. Das sagte er so geschäftsmässig, als verhaftete er am Tag Mafiagrössen und Drogenhändler gleich reihenweise. Schudel entzog ihm den Arm, den der Polizist schon genommen hatte. Sie gingen durch die Abkühlhalle vorbei an den jungen Damen, die er zum mitkommen aufforderte und betraten die Ruhehalle, der Polizist murmelte etwas von Sicherheitsverwahrung, und schloss ab.
Schudel war ein klein bischen stolz, den rührigen Polizisten genau dahin gebracht zu haben, wo er ihn hingewollt hatte: ungestört mit den jungen Frauen zu sein.
Bevor die beiden in der freiheitlichen Grundordnung Aufgewachsenen in das zu erwartende lange und sinnlose Standardlamento über ihre soeben abhanden gekommene Freiheit verfallen konnten, begann Schudel: „ Also meine Damen, wenn ich mir, ob der heiklen Situation einige Bemerkungen erlauben darf, die uns, mir genauso wie ihnen, bei den kommenden Unannehmlichkeiten einiges an Erleichterung bringen könnten. Ich möchte andeuten, dass ich durchaus vom Fach bin und mit derartigen Abläufen gut vertraut, ohne mehr verraten zu wollen. Es ist für sie, wie für mich besser so. Ich würde mir gern ein genaueres Bild von der Situation machen, denn unter Umständen könnte Ihnen meine Hilfe noch von grossem Nutzen sein. Ja jetzt schauen sie nicht so verdaddert! Nach bisherigen Ermittlungsstand sind wir Drei, die Masseuse und das Opfer die einzigen Menschen, welche sich zur Tatzeit im Dampfbad aufhielten.“
„Wieso Tatzeit“ warf die Schlankere in jetzt plötzlich spitzem Hochdeutsch ein. Wer sind sie eigentlich und was wollen sie uns hier eigentlich erzählen? Fehlt noch das sie uns als Verdächtige bezeichnen!“
Schudel hielt mit einer Hand das Handtuch um den Bauch: „Ich bezeichne sie als gar nichts. Ich bin hier als Privatmann der Ihnen seine Hilfe anbietet. Der Kommissar der bald hier auftauchen wird, der könnte sie durchaus als Verdächtige bezeichnen, und dann wird es unangenehm.“
Die Dicke deren Gesicht vor Anspannung rot glühte drückte ihr schon wieder aufbrausende Freundin auf die Liege zurück und ging langsam auf Schudel zu:“ Jetzt mal ganz langsam Herr Anwalt oder was immer sie sind, wessen sollte man uns verdächtigen?“ Sie atmete schwer und die feinen Spitzen ihrer ausladenden Brüste lugten unter dem über die Schultern gezurrten Handtuch ab und an hervor. Schudel drehte sich aus ihrem Blick zum Fenster: „Sie haben mich vorhin wegen der angeblichen Belästigung durch den Toten angesprochen, ich schlief dann, die Masseuse war wahrscheinlich in ihrem Masseusenraum, und eine Stunde später ist der Mann tot. Sie waren die letzten mit ihm in dem Dampfraum“
„Sie spinnen wohl!“ rief die Dünne und schnippte von der Liege. „Halt jetzt dein dummes Maul Peggy!“ fauchte sie die Andere an.“ Ist das alles Herr Klugscheiss, oder kommt noch irgendwas Wichtiges?“
„ Wenn sie mich so fragen: Ja! Ich habe den Holzkeil unter der Handtuchkiste gesehen. Wenn den der Kommissar nachher findet und der Zeitablauf klar wird, sieht es schlecht aus. Das Motiv könnte ich liefern, was ich aber gar nicht will. Verstehen sie, ich will Ihnen nichts Böses! Erzählen sie mir mir genau was los war und wir bauen eine plausible Erklärung für diesen bedauerlichen Unfall.“
Die Dicke stand jetzt sehr nah an ihm dran: „ Ich verstehe immer nur Holzkeil. Was für ein Holzkeil? Wovon reden sie denn, Mann?“
Schudel wurde nun auch schärfer im Ton: „ Der Mann lag im Grunde genommen in der Tür. Der wollte raus und hat sie nicht mehr aufbekommen weil jemand, der jetzt dringend ein Alibi braucht, den Holzkeil der zum nächtlichen Auslüften dient, unter die Tür geschoben hat. Vielleicht ja aus Wut über eine sexuelle Belästigung.“
„Sie sind ja echt pervers!“ antwortete die Dicke, mit der er doch lieber geflüstert hätte, fast schreiend. Da kratzt so ein alter geiler Sack in der Sauna ab und aus lauter Männersolidarität machen wir ein Mordkomplott daraus. Sie sind doch nicht ganz dicht! Ihnen hätte man den Keil stecken sollen, am besten in ihr feistes Gesicht oder ....“ Die Stelle seines Körpers von der sie noch mehr wünschte einen Holzkeil darin zu versenken, zu benennen, dazu kam sie nicht mehr, denn die Tür ging auf und ein unbekannter Zivilst, wahrscheinlich der Kommissar, betrat die Halle. Interessiert betrachtete er das unterbrochene Palaver der Halbnackten. Eine Weile sah er von Einem zum Anderen. „ Hauptkommisar Schäuble, wenn mich erst einmal die Damen begleiten würden.“ Zum fragend daherglotzenden Schudel sagte er : „Sie müssten mal noch es Momentle da warte!“ Nachdem Schudel allein war, versuchte er klare Gedanken zu fassen. Sein sonst analytisch geübtes Hirn lief noch nicht auf Touren, besonders beängstigte ihn die viele Sympathie die er für die Hauptverdächtigen hegte. Auch wenn er die dünne Laute klar als Täterin sah, vermochte er ein Unbehagen auszumachen, dachte er an die von ihm klar favorisierte Dicke. Das Sympathie ein schlechter Fährtenhund war wusste er. Warum war sie eigentlich so lange so cool geblieben?, begann er zu argwöhnen. Ungeduld nahm Besitz von ihm. Gern wäre er jetzt selbst aktiv geworden, statt dessen blieb er hier eingesperrt. Zum Platzen! Schudel sprang auf die erste Liege und wieder herunter, auf die nächste und wieder herunter und so weiter. Das hatte er vom Polizeipsychologen. Der Freiburger Kommissar stutzte jedesmal wenn er die Ruhehalle aufschloss. Erst brüllten sich ein paar Halbnackte an und jetzt sprang hier Einer der sein Handtuch verloren hatte auf die Ruheliegen und wieder herab. Schäuble räusperte sich. Schudel fiel fast vor Schreck von einer Liege. „ Abreagieren, ich muss mich abreagieren, verstehen sie, zuviel Spannung, abreagieren.“
„ Ja, Ja, schon gut, haben sie nichts zum anziehen da? Schudel nahm schnell das Handtuch vom Boden auf: „ Meine Sachen sind alle noch unten in der Garderobe, im Schrank. Auch mein Dienstausweis. Ich bin nämlich Kollege. Hauptkommissar Schudel, Leipzig wenn sie gestatten.“
Der Andere lächelte ihn an: „ Ich weiss, wenn sie gestatten. Die Masseuse hat sie eindeutig identifiziert. Ja wundern sie sich bitte nicht, das ist eine kleine Kurgemeinde und ein Privatgast im Hause Schwarz-Schallbach der spricht sich ziemlich schnell herum. Überhaupt leistet diese Frau erkennungsdienstliche Wertarbeit. Sie wissen wer der Tote ist?“
„Nein“ antwortete Schudel wahrheitsgetreu.
„Nun es handelt sich um Herrn Doktor Brettmer, den Mann der vor ihrer Frau Mutter an der Seite der gnädigen Frau Schwarz- Schallbach lebte.“
„ Was soll denn das heissen?“ fragte Schudel brüsk.
„ Nun ich verstehe das ist schwer für sie, aber so wird hier im Ort geredet. Und sie kannten den Herrn wirklich nicht?“
„ Nein um Gottes willen! Woher denn auch?“
„ Das weiss ich auch noch nicht. Und was ist eigentlich mit ihrer komischen Theorie? Warum versuchen sie den beiden sehr netten Damen soviel Angst zu machen?“
Das wusste er also auch schon. Schudel blieb keine jetzt keine Wahl mehr, obwohl er eigentlich nicht von dem Keil hatte reden wollen. „ Haben sie bei ihrer Tatortbesichtigung den Holzkeil nicht gesehen? Und haben ihnen die Mädchen nicht erzählt, das der Alte sie belästigt hat?“
„Nun, sie fühlten sich eher von ihren halsbrecherischen Theorien belästigt. Und den Keil habe ich auch gesehen. Der Kriminaltechniker befasst sich gerade mit der Tür, und ihre Theorie ist wahrscheilich gar nicht so verkehrt. Das Opfer scheint tatsächlich nicht mehr aus dem heissen Raum gekommen zu sein. Wie warm ist es da eigentlich? Ich war noch nie in einer Sauna.“
„ Nun das ist keine Sauna in dem Sinne“; begann Schudel, verbissen das Weitere bedenkend, „mehr ein Dampfbad. Der wesentliche Unterschied liegt in Temperatur und Luftfeuchtigkeit, eine Sauna ist heiss und trocken, wogegen es hier nur bescheidene fünfzig Grad hat aber eine Luftfeuchtigkeit von über neunzig Prozent. Die Luft tropft förmlich.“
„Und wie lang bleibt man da drin’“
„ Nun, wie man kann, zehn bis zwanzig Minuten vielleicht.“
„Und das ist gesund?“
„ Doch, auf jeden Fall, es trainiert die Gefässe und die Abwehrkräfte. Ausser natürlich in diesem Fall, ist schon klar.“ Von dem tollen Gefühl der Sauberkeit und Frische sprach Schudel lieber nicht. Der Kommissar nickte verstehend. „ Na gut, soweit zur gesundheisfördernden Wirkung eines solchen Bades, nie nicht für alle gleich zu sein scheint, wie sie richtig bemerkten. Jetzt bitte noch zu einer Detailfrage: Woher wussten sie denn von dem Keil? Auch wenn sie Profi sind, sie gehen zu einer Leiche und finden in der ersten Minute ein verborgenes, na ich möchte fast sagen Tatwerkzeug.“
„ Ich bin Profi, und ein Tatort ist in Leipzig dasselbe wie hier: ein Spurenreservoir. Und ich habe bei alten Hasen gelernt: von der Tat können nur der Täter, Zeugen und der Tatort berichten. Erstere sind zu Beginn der Ermittlungen häufig knapp, also halte ich mich an den Tatort. Desweiteren, ein Tatort ist für ihre Intuition nur ergiebig wenn sie ihn aufnehmen bevor die Trampel ihre Mess und Sucharbeit machen. Reste der Energie die ein Täter beispielsweise brauchte um einen Schädel zu spalten, finden sie noch an dem Beil das unberührt und besser noch ungesehen und unkommentiert neben dem Opfer liegt. Sie können anfangs noch die Aura spüren. Wenn sie verstehen was ich meine.“
„ Ich glaube ich verstehe schon.“ antwortete der etwas ältere Kollege,“ aber wir hier arbeiten mehr nach wissenschaftlichen Methoden und nicht esoterisch. Der Keil lag ja auch gar nicht mehr am ursprünglichen Ort. Die Aufsichtsperson stiess ihn mit dem Fuss davon, als sie endlich den Alarm mitbekam und die Tür öffnete. Das war leider sehr spät. Sie wollten dem Herrn Brettmer wohl nur einen Schreck einjagen, und konnten nicht ahnen das der Alarm durch den Notknopf erst nach etwas mehr als einer halben Stunde bemerkt wurde. Der alte Herr hat sich den Finger daran blau gedrückt, leider war die Zentrale unten im Bad nicht besetzt.“
„ Sie spinnen wohl!“ ereiferte sich Schudel, „ Wie kommen sie denn auf die Wahnsinnsidee ich hätte den Keil unter die Tür geschoben? Es gibt drei Leute, die wissen das ich gar nicht mehr an der Tür gewesen bin, nachdem nach mir noch jemand heraus kam!“
„Nun da haben sie recht diese drei Zeugen gibt es. Wir waren auf dem Weg hierher schon im Kreiskrankenhaus und haben die Masseuse interviewt. Und die sagt genau dasselbe wie die beiden jungen Damen, übrigens alle unabhängig von einander, nachdem sie die Bürstenprozedur hinter sich hatten gingen sie bevor sie sich hinlegten nochmals vor die Dampfkammer, angeblich um ein vergessenes Handtuch zu holen. Sie waren der Letzte an der Tür und sie haben ein Motiv. Ich verhafte sie vorläufig wegen des dringenden Verdachtes der schweren Körperverletzung mit Todesfolge. Und sie haben sehr viel Glück wenn das so durchkommt. Schudel wurde es schwindlig. „Aber ich war nicht an der Tür und kenne den Mann überhaupt nicht. Ich bin Polizist und kein Mörder!“ mit diesen Worten raffte er sein Handtuch und wollte davon. Eine Hand hielt ihn an der Schulter. „ Wo willst du denn hin?“ gurrte Sabine müde. Erleichtert sah Schudel auf seine überall so wunderbar riesige Bettgenossin und legte seinen schweissnassen Körper neben die warme Frau zurück. „ Entschuldige, aber ich habe immer Alpträume wenn es schön war.“
Nächstes Flauto! Konzert am Samstag den 13. Januar 20.00 Uhr Kapuzinerkirche Fribourg
Mittwoch, Januar 03, 2007
Werbung für die Umworbene
Mittwoch, Dezember 27, 2006
Texte die in Saunen spielen 2
Ebenso schwer wie sie sich hatte öffnen lassen, flatschte die Glastür zurück ins Schloss. Die erwartete Ruhe umfing mich nicht. Auch wenn der Tobelärm der wasserrutschenden Kinder fehlte, sorgte die stattliche Zahl Menschen in der weiten Ruhezone des „Saunalandes“ für ein beachtliches Grundgemurmel. Es war Wochenende und ich musste mir den Weg in die Duschecke durch nackte oder spärlichst umhüllte Leiber bahnen. Als selbst ernannter, wohl aber hoch erfahrener Saunakenner sortierte ich die weitläufige Anlage sofort in die Kategorie „Neumodisches Volksbad mit „Saunaland“ ohne Aufschlag“ ein. Keine sonderlich gute, ließ sie doch eine Durchmischung von explizit Saunapublikum und erlebnishungrigen Thermalwellenreitern, alle halbe Stunde kam die salzige Brühe nach einem Gong für wenige Minuten in Wallung, erahnen. Und das bedeutete häufig eine gewisse Minderung des to-nustrainierenden Genusses, wirken doch laut kreischend ein bisschen heiß und kalt Erfahrende auf einen distinguiert und in sich ruhend, seine ewig gleichen Prozeduren zelebrierenden Saunaorthodoxen, wie die fotografierende Touristengruppe auf den Knienden in der Kirche. Was besonders hier im Thüringischen schade war, hatte doch die DDR eine ganz besondere Art von Saunasüchtigen hervorgebracht, unter die ich mich gern einmal wieder gemischt hätte. Saunagängerinnen und Saunagänger, Geschlechtertrennung war die Regel, bildeten in der DDR eine wortlos verschworene Gemeinschaft. Sich so intensiv auf seinen Körper und damit auf sich selbst zu konzentrieren, sich und seinen Körper so euphorisch zu feiern, stand im krassen Widerspruch, ja wenn nicht sogar Widerstand, zum staatlich verordnetem Kollektivdenken. Das die Schwitzräume der Republik der Brutkasten der 89er Bewegung gewesen wären, lässt sich nun so aber auch nicht sagen. Eher das Gegenteil. Ganz besonders in Partei und Stasikreisen waren Dienst (?) und Heimsaunen sehr beliebt. Ja, ja, heißes Herz und kühler Kopf ... Gerechterweise muss ich aber anmerken das die eigene Sauna auch unter Wohlbestallten, und die gab es auch außerhalb treu ergebener Schichten, ein beliebtes Statussymbol war. Es gab ja kaum Mercedes.
Ich betrat die Duschecke, die mehr ein Duschsaal war. Er gefiel mir sofort. Noch ganz neu glänzende weiße Fliesen und weit über mir acht riesige Duschköpfe. Und eben viel Platz. Ich warf mein umgebundenes Handtuch lässig über den bereitstehenden Ständer und steuerte, meine Nacktheit nur noch mit dem Kulturbeutel schützend, einen der Duschplätze an. Doch was verfing sich da in meinen Augenwinkeln? Was stand mir denn da, still vor sich hin lächelnd, gegenüber? Ich lies die erste Brause aus und rutschte einige Duschköpfe weiter bis ganz in die Ecke. Dann stellte ich das Wasser an. Das der komplizierte Mechanismus mir im Moment nur kaltes offerierte war mir ganz recht. Ich warf wieder einen Blick durch den eisigen Schauer. Es war nicht zu glauben: dort stand eine vielleicht achtzehn oder zwanzigjährige, woher wissen das manche eigentlich so genau, und duschte ihren wohl, ich hatte sie noch nicht ringsherum gesehen, wohl aber nahtlos braunen Körper in einer Art, wie ich es nur aus Filmen der fragwürdigen Art kannte. Eine junge Frau die milchige Duschcreme beidhändig massierend auf ihren weit in die Welt herausragenden Brüsten verreibt, hatte ich bisher für eine schmuddelige Männerphantasie gehalten, die sich in Softpornos und Heftchen wiederfand. Hätte es sich hier nicht um den Duschraum eines ländlichen Erlebnisbades gehalten, hätte ich den Schwung mit dem sie ihren Kopf nach hinten warf, während ihre Hand jetzt über den zart gewölbten Bauch nach unten kreiste, lasziv genannt. Aber wir waren hier quasi auf dem Dorf und ich drehte mich in die Ecke, um mich meinerseits einzuseifen. Der Temperaturmechanismus erwies sich weiterhin als zu kompliziert für mich und ich blieb beim kalten Wasser, was so nun auch nicht nötig gewesen wäre, denn körperlich reagierte ich auf die junge Frau nicht, nicht mal als sie sich dann ihren kleinen rasierten Streifen shampoonierte. Unglaublich. Ich meinerseits huschelte mir rasch durch die Falten und schwor mit starrem Blick ins Flieseneck, nachher in einer der Saunakammern darüber nach-zudenken, warum mich der nackte Körper einer sich etwas provokant Duschenden dermaßen aus der Fassung bringen konnte. Zumindest oder gerade nur geistig. Ich stellte die Brause brüsk ab und eilte über die nassen Fliesen meinem Handtuch entgegen. Die Schaumkrönchen, die ich durchschritt mussten von ihrem Leib gelaufen sein... Genug jetzt!
Ein Handtuch hatte ich mir sofort um den Leib geschlungen, mit dem anderen trocknete ich Gesicht und Oberkörper. Dabei lief ich an den verschiedenen Kammern entlang, die Unterschiede zu studieren. Mir fiel auf, daß hier alles ein bisschen freizügiger war als sonst. So viele völlig unbedeckte Körper hatte ich noch nie herumstolzieren sehen. War das Naivität oder Natürlichkeit? Warum fielen mir die besonders vielen, sehr jungen, Nackten auf? Wie dieses Paar welches mir eben entgegen schlenderte. Sie hielten sich bei den Händen und ich glaubte Stolz in den Augen der vielleicht Fünfzehnjährigen zu sehen. Stolz auf die imposante Männlichkeit, die ihr Hahn halb erigiert dem Publikum präsentierte. Die hatten sich und ihre Körper und das reichte ja auch. Die hatten die Welt. Warum dachte ich so etwas? Begann ich jetzt zu den alten Säcken zu gehören, für dieses Paar wäre ich zweifelsohne ein solcher, die, sich die Eier kraulend, in den Ecken standen und gierig neidisch all das Frischfleisch be-gafften? Ich übertreibe nicht, geneigter Leser, neben der Tür ins Freigelände stand ein Halbglatzkopf der sich fortlaufend irgendwas unter seiner riesigen Wampe massierte, wahrscheinlich das, womit er vor dreissig Jahren nach jedem Dorftanz in der Gegend Freude und Schrecken verbreitet hatte. Aber auch dieser Anflug einer öffentlichen Masturbation schien hier niemanden zu stören.
Lautes Glockengebimmel holte mich aus meinem Schrecken. „Speeeziaaalaufguss“ rief ein augenscheinlich Thermalangestellter zwischen seinem penetranten Geläute. Jetzt kam Bewegung in die Nackedeis. Aus allen Ecken strömten die verschiedensten Alters- und Gewichtsklassen eilig zu der weit offenen Saunatüre, vor der der noch immer erbarmungslos Bimmelnde breitbeinig stand. „Kommen se rann meine Herrschaften! Ick beiße nich, in einer Minute is Einlaß in meine Kreislaufachterbahn, jenannt: Speeeziaaalaufguss.“ Das letzte Wort schrie er wieder und erinnerte mich dadurch an „Kompanie aaaufstehn! Rrraustreten zum Früüüühsport! Der Thermalschreihals war im Unteroffiziersalter.
Während er den nah bei ihm stehenden erläuterte warum er die Schwitzkammer noch eine Minute auslüften ließ, begann in den hinteren Reihen schon ein wenig das Gedränge. Auf jeden Fall standen wir, freilich war ich auch neugierig geworden und hingegangen, enger beieinander als es splitterfasernackten Menschen recht sein konnte. Schräg unterhalb meines linken Schulterblattes drückte sich eine kleine straffe Brust an meinen Rücken. Klein und straff? Es wird doch nicht eines dieser jungen Dinger..., ich wand mich vorsichtig mit einer Art maliziösem Lächeln, was immer das auch sei, um. „Tschultschung“ murmelte der Vierzigjährige mit der ausgeprägten Gynäkomastie. War eben eine Biergegend hier. Dann gab der Thermalunteroffizier die Tür frei, und die Leiber drängten durch die Enge. Ich hielt mich fein zurück, und als ich als einer der letzten den riesigen Saunaraum betrat, war mir der Grund für das Geschiebe klar, die unteren Bänke waren begehrt und nun auch besetzt. Auch die mittlere Stufe war voll, wollte man wie ich Abstand halten. Also kletterte ich unter achtzig Augen durch die murmelnde Menge ganz nach oben.
Der Thermalangestellte schloß die Tür, baute sich wiederum breitbeinig, Reitstiefel hätten ihm sicher gestanden, vielleicht sogar jetzt in seiner Badehose, ich meine wenn man eben so drauf ist, baute sich also breitbeinig auf und begann einen einleitenden Vortrag, der ihn vom Aufgußunteroffizier zum Aufgußklugscheisser erhob. Er wollte uns erzählen wie man in der Sauna zu atmen habe, da bei Naseneinatmung die Gefahr der Nasenschleimhautverbrennung bestünde. Oh Schreck! Sollte ich schon aber tausende Schwitzgänge hinter mich gebracht haben, ohne das im Hinterkopf ein Wissen um die Gefahren für meine rosigen Nasenschleimhäute mitgeschwungen hatte? Wie dumm man doch durch die Welt ballert! Die Information kam aber nicht zu spät, noch wuchsen mir keine Haare aus der Nase, was ja landläufig den Bock zum alten macht, und so gab es noch einige Quadratzentimeterchen schützenswerte Zartheit in mir. Man muss es nur wissen!
Das war wie mit den Hausstaubmilben. Bis ich kurz nach der Wende, aus einem Sozialknall heraus, damit begann amerikanische Staubsauger für den Preis eines gebrauchten Kleinwagens direkt zu vertreiben, hatte ich von dieser Gottesschöpfung und ihrem so gefährlichem Kot noch nie etwas gehört. Wie gesagt: man ballert halt so durch die Welt. In Verkaufstrainings erfuhr ich dann von der latenten Bedrohung der Menschheit durch das Gift welches die Tiere ausscheiden und uns zur Produktion von Antikörpern, Juckreiz, Niesschüben und häßlichen roten Flecken zwingt. Als ob wir nichts besseres zu tun hätten. Ich demonstrierte den potentiellen Kunden die Menge der in ihren Betten befindlichen Milbenexkremente mit schwarzen Zauberertüchern, die ich hinter meine hochpotente Saugmaschine klemmte. Und tatsächlich, die Produktmanager hatten nicht gelogen, nachdem dann nach zwei Wochen der ganze Zaubertüchervorrat, mit fremder Leute Bettekligkeiten gefüllt, in meinem Vertreterkoffer herumflog, begann das berühmte Jucken wenn ich ihn nur ansah. Eine Roßnatur war allergisch geworden. Allergisch gegen Hausstaubmilben und Direktvertriebe.
Der Saunaabwart stand im Halbdunkeln vor mir und lies sein peitschenartig gewundenes Handtuch über seinem Kopf kurz vor meiner Nase kreisen. Über den kleinen Exkurs ins Reich der Mikroorganismen hatte ich die Einführungsrede zum Thema Propellertechnik, wie er das anstrengende, aber wenig effektive Gewedel nannte, gottlob überhört. „Der Einzige der deutsche Härte zeigt, bekommt einen extra Propeller“ sagte er laut in den Raum. Da ich der einzige war der ganz oben saß, bezog sich die deutsche Härte wohl auf die Temperatur und meine Person. Allein darauf zu reagieren, zu deutscher Härte wäre mir einiges eingefallen, fehlte mir die Luft. Wäre mir wirklich was eingefallen? Ohne das ich schwitzte, schlug mir der Puls hart in Hals und Kopf. Kein gutes Zeichen, hatte der breitbeinig vor der Tür stehende Aufgussleiter doch angekündigt den Fluchtweg erst nach einer viertel Stunde wieder frei zu geben. Und genau so unablässig wie er redete, goß er Wasser auf die heißen Steine. Schwallartig verstärkte sich die Hitze. Das ganze unbeschadet zu überstehen würde ich mir etwas einfallen lassen müssen. Ablenkung! Klar ich brauchte Ablenkung! Deswegen auch das unerträgliche Gequatsche dieses Folterknechts. Er war jetzt bei den Ingredienzen seiner verschiedenen Aufgusstöpfchen. Ich hörte einfach nicht mehr hin. Hatte ich nicht über die Freizügigkeit der Saunabesucher nachdenken wollen, um sie später ins Verhältnis zu meiner neuartigen Verklemmtheit zu set-zen. Wollte ich mich nicht selbst kasteien mit der Frage, warum mich nackte Halbwüchsige zu faszinieren begannen. Sollte ich mich nicht fragen, wieviel Jahre noch vergehen würden, bis ich begann, den halb kindlichen Endeckungssex der frühen Jahre in thailändischen Kinderpuffs wiederholen zu wollen. War ich auf dem Weg ein Schwein zu werden? Doch statt in meinen Seelentiefen herum zu waten, glotzte ich schräg unter mir auf, na was wohl, auf eine frech hervor lugende weibliche Brust. Es war einfach zu heiß zum konzentrieren. Und ich kannte diese Titte! Klar gehörte sie der betörenden Duschsau. Wieder ein Schwall beißender Hitze, was hatte der gesagt, wie soll man doch gleich atmen? Ohne hinsehen rutschte ich eine Stufe nach unten und trennte so ein mittelalterliches Ehepaar. Der Schweiß der keuligen Oberarme der Dame rann an mir herab. Alles egal, die Hitze wurde erträglicher. Der Aufgussaufseher dem rein von seiner Physis her höchstens Perversionen mit Kleingetier zu zutrauen waren, verteilte jetzt Eiswürfel aus einem seiner Eimerchen. Oh Labsal, göttliche! Was interessierten mich Girliehügelchen, mein Kopf wurde kühler. Und, oh Hoffnungstreif, silbriger, das Untier kündigte Höhepunkt und Ende der Prozedur an. Die Eiswürfel waren geschmolzen und nicht zu langsam kehrte die beißende Hitze zurück. Unauffällig rang ich um Luft. Der Inquisitor kündigte die „absolute Götterhämmerung“ an, indem er alle Aufgussreste mit einem Mal über die Steine gösse, aber erst nachdem wir alle den Schlachtruf für diesen Höhepunkt, nämlich „THERMABOMBE“, so laut geschrien hätten, daß die Kinder draußen auf der Rutsche vor Schreck zu heulen begännen. Obwohl mir die Geisteskraft schon wieder schmolz, war ich doch neugierig ob erwachsene Saunabesucher tatsächlich dazu zu bewegen waren laut „THERMABOMBE“ zu rufen. Der erste klägliche Versuch schien meine Zweifel zu bestätigen. Auch die vierzig Anderen schienen am Ende ihrer Kräfte zu sein. Aus meinem Hinterkopf wurden im Rhythmus des Pulses bunte Ringe an die Augen geschickt. Beim zweiten Mal rief ich mit „THERMABOMBE“, in der Hoffnung die Hölle nun schleunigst verlassen zu können. Doch weit gefehlt, auch der zweite Versuch war diesem Monster zu leise: „ Meine Damen, meine Herren etwas mehr Feuer wenn ick bitten darf. Lassen se mit diesem Schrei alles raus was se noch nich ausjeschwitzt haben.“ Urschreitherapie dachte ich mit der einen noch nicht verbrühten Windung belustigt. Während sich meine Gedanken in der Überlegung, ob Urschrei von Urmensch kommt und die schon Thermabombe sagen konnten zu verheddern begann, forderte dieses Vieh wieder auf: „ Was wollt ihr? Diiiiiiiiie.....“ Ich nahm alle Kraft zusammen sprang auf und schrie wie ich noch nie geschrien hatte: „THERMABOMBE“. Bei THER wurden die bunten Ringe die sich mir von hinten an die Augen warfen grösser, bei MA rot, BOM kam grellweiss na und BE dann schwarz, wie ich es nicht anders erwartet hatte. Es begann ein Flug durchs Dunkle. Der Sturz in die Ewigkeit wurde durch etwas herrlich elastisch Weiches gedämft, was auseinanderfuhr und meinem Körper den Weg nach unten verlangsamt freigab. Nur mein Kopf blieb, konnte den Weg der Schwerkraft nicht gehen, keine Rede mehr von Schweben, und blieb leicht nach hinten gebeugt an etwas hängen was mir in der Nase kitzelte. Ich öffnete die Augen und unmittelbar vor ihnen lag das anmutige Teil der Dame, die ich vorhin üblerweise Duschsau genannt hatte, welches ich für rasiert gehalten hatte, was es mitnichten war. Urschreitherapie. Die junge Frau schrie mehr erschrocken, als entsetzt auf, was ich mit Freude registrierte und nahm meinen Kopf an den Haaren aus ihrem Schoß. Um mir die kommenden Peinlichkeiten zu ersparen, begab ich mich in eine Ohnmacht. Draußen dann das üb-liche, Reanimationsversuche, die mich zwangen aus der Ohnmacht zu erwachen, da sie ein wenig appetitlicher splitterfasernackter Arzt durchzuführen gedachte. Dann begoß man mich mit Kübeln kalten Wassers und während langsam das Leben wieder in mich einzog, belauschte ich die Kommentare, welche sich aus den Mündern der sicher hundertköpfigen Glotzergemeide über mich ergossen. „ Unvernünftig so was! Herzkrank in die Sauna! Und auch noch zum Spezialaufguss!“
„ Meinen sie das der herzkrank ist? Der ist doch noch jung.“
„Na ja jung, ich weiss ja nicht was sie unter jung verstehen! Und schauen sie mal wie fett der ist. Kein Wunder das der schlappmacht!“
„ Den hätte ich mal bei mir an der Unteroffiziersschule haben mögen“ fügte der Vollstecker hinzu, „den Schlaffsack hätte ich Kondition eingebläut, Kilometer für Kilometer! Aber sich ganz oben hinsetzen, den dicken Max spielen, Angeber, ich habe den die ganz Zeit schon im Auge gehabt. Wie gebannt hat die alte Sau auf die Titten um ihn rum gestiert. Spanner! Und so was gefährdet meinen Job.“
Irgendwer schüttete mir einen Eimer kalten Wassers über mein angeblich zum Kollaps führendes Körperteil. Jetzt reichte es mir. Ich sprang auf, schnappte meine Tücher, mein Kulturtäschchen und verließ diese wahrhafte Hölle schleunigst.In meine Kleider flatterte ich nur so hinein, und natürlich wie immer in diesen Legebatterien von halben Kleiderschränken, kam jemand um die Ecke und steuerte den Schrank unter meinem an. „So rum wird das aber nichts, sagte eine warme junge Frauenstimme zu mir. Ich blickte auf, und der Boden hätte sich auftun mögen, die Duschverzauberin, in deren Geheimstes ich meine Nase gesteckt hatte, wies auf das Waschetikett, das mir vorne oben am Slip hing. Ich versuchte Entschuldigungen für meinen Zusammenbruch zu stammeln, sie aber legte mir den Finger auf die Lippen um gleich danach am Schnauzbärtchen zu ziehen:“ Der muss aber das nächste Mal weg, der kratzt.“
Sonntag, Dezember 17, 2006
Der Weihnachtsstrip (1999)
„ Nicht das Auto Thomas, der Kies gefällt mir so“ hatte sie leise geantwortet. Später als er nach den üblichen Spielchen, die sie an diesem Abend eine Spur hingebungsvoller absolviert hatte, verschwitzt und verausgabt neben ihr lag, fragte er noch mal: „Und eine Kiesauffahrt würde dir tatsächlich gefallen?“ „Ja“ kusselte sie an seine dicke Backe. Da er dann aber kein Wort mehr darüber verlor und zu ihrem Glück auch keine Rechenexempel veranstaltete, überraschte es sie nicht allzu sehr, als zwei Vormittage später ein Trupp Arbeiter erschien und eine Wagenladung weissen Kies in ihrer Auffahrt verteilte. Über den knirschte nun der riesige schwarze Audi, neben ihr und dem Jungen sein einziges Spielzeug, durch das Tor. Sie blieb noch eine Weile am Türrahmen angelehnt und blickte über das Anwesen. Sibylle lachte in sich hinein. Biggi, eine unangenehme Bankfilialleitersfrau, die jetzt bedauerlicherweise auch zu ihrem geschäftlich nötigen Freundeskreis gehörte, hatte ihr gesteckt, dass man unten im Städtchen tatsächlich von Anwesen sprach. Ein linker Abgeordneter hatte in der Stadtverordnetenversammlung diesen Begriff gebraucht und irgendeine Rechtmäs-sigkeit untersucht haben wollen. Das dieses Ansinnen am Bürgermeister, der hier oben ein ebenfalls nicht gern aber oft gesehener Gast war, scheiterte, war für Sibylle selbstverständlich. Das waren Details die Thomas zu erledigen hatte. Von ihr kamen nur die Ideen. Hier oben, auf der Kuppe des einzigen bebaubaren der drei das Städt-chen umgebenden Hügel, diese Villa zu bauen, eine Provokation für das ganze Tal, war auch ihr Wunsch gewesen. Thomas Hauptbeschäftigung, den Rest des Berges bis zum Fluss hinunter in Parzellen, auch mit Haus, teuer zu verkaufen, ebenso. Und er glaubte, es sei ihr ein Vergnügen, von hier oben auf eine Siedlung zu schauen, deren Baugewinne sie beide noch reicher machen würde. Dabei war ihr das so egal. Ihr lag an Besitz nichts. Auch die Macht die Geld hatte und den Sog den es ausübte, interessierte sie nicht. Ihr lag nur an einer Macht die, die sie über diesen Mann hatte.
Bedingung für ihre Heirat mit dem ehemals technischen Offizier einer Panzerkom-panie, war das sofortige quittieren des Dienstes in der NVA. Damals ein seltener und gewagter Schritt, heute wohl das grösste Glück in Thomas Leben. Und das war es auch, was sie anfangs geliebt und später gefördert hatte: sein bissiger Wille. Innerhalb eines Jahres war aus dem kurz vorm üblichen abtauchen in den Suff befindlichen niederrangigen Offizier, einer der berüchtigtsten Schwarzhändler zwischen Erfurt und Leipzig geworden. Thomas handelte mit allem: Autos, Computer, Videorecordern, Antiquitäten, alles was dem bedürftigen DDR- Bürger gut und teuer war. Das Untersuchungsverfahren gegen ihn wurde im Frühjahr 90 eingestellt, da fing er schon an Land zu kaufen. Seinen Höhepunkt hatte das alles vorerst mit der Kiesauffahrt gefunden. Ihre Gegenleistungen waren gering. Sie hatte seiner verklemmten und damit sehr intensiven Sexualität dienstbar zu sein. Und es machte ihr nichts aus, andere mussten das für weniger mit fremden Männern tun. Sie ertrug es gut, und ihre enorme Faulheit zu pflegen, war ihr der Preis keineswegs zu hoch. Aus einer Art dankbaren Übermut, hatte sie ihm vor vier Jahren einen Sohn geboren, den kleinen Thomas. Der war vorhin im Fond des riesigen Autos in den Kindergarten chauffiert worden. Die zwei freien Vormittage, die sie sich ausbedungen hatte, waren ihr, selbstverständlich wie alles, gewährt worden. Der Junge brauchte ja auch Kontakt zu anderen Kindern, hier oben gab es keine.
Sie schloss die schwere weisse Tür und öffnete per Knopfdruck das Gartentor wieder. Den Gärtner, ein auf der Strecke gebliebener Mitgenosse ihres Mannes und die Zugehfrau, auch eine Bekannte aus der Kaserne, hatte sie für heute abgemeldet, Si-bylle erwartete einen anderen dienstbaren Geist.
Fahrig räumte sie das Frühstücksgeschirr zusammen, die nötige Konzentration für die komplizierte Füllung des Geschirrspülautomaten, brachte sie nicht auf. Immer wieder äugte sie ob das Motorrad nicht in der Auffahrt erschiene. Zurecht machen musste sie sich nicht, für Stefan war sie, so bettfrisch wie sie war, genau richtig. Jetzt hörte sie die Maschine den Berg hinauf knattern. Die Hand um den Griff der bauchi-gen Teekanne geschlungen, zwang sie sich nicht zum Fenster zu laufen. Die Maschine heulte kurz auf, dann Stille, nach langen Sekunden läutete es. Wie immer hämmerte er fast gleichzeitig an die Tür: „ Stefans Putzdienst, sie haben mich bestellt Gnädigste, verschanzen ist zwecklos, ich habe ihr Haus umstellt, öffnen sie sich und ergeben sie sich mir!“ Sie riss die Tür auf, doch ehe sie sich an seine dreifarbige Motorradkombi hängen konnte, trat er einen Schritt zurück. „Hands off, Darling! Das berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten! Zumindest in Privatkleidung!“
Der Spinner, die Jacke hatte er von ihr geschenkt bekommen. Doch ihre Vorfreude stieg weiter, wies der Hinweis auf Privatkleidung doch auf eines seiner Kostümspie-le hin. Er trat an ihr vorbei in die Diele. „ Na, wo lungert denn heute der Dreck in eurem Riesenhutzlibutzli? Staubschwaden im Schlafzimmer? Kakerlaken in der Küche? Silberfischchen im Bidet ?“
„Ach na suchen Sie nur mal sehr gründlich, sie finden ja immer die Stelle die einzu-stauben droht.“ erwiderte Sybille.
„Allerdings“ grinste er ihr ins Gesicht,“ aber jetzt husch, husch aufs Sofa, das Putzteufelchen kommt gleich nach.“ Während sie ins riesige Wohnzimmer trat, begann er den schweren Motorradanzug auszuziehen. Sie riss sich zusammen und schloss die Tür ohne zurück zu linsen.
Heute war ihr nicht nach langem Brimborium zumute. Deswegen versteckte sie keine Scheine in den ewig selben Ecken und lagerte sich gleich in die Sitzgruppe, die wie alles in diesem Hause, sie und ihr Sohn ausgenommen, überdimensioniert war. Obwohl sie Stefans unfertig schlaksigen Körper sehr mochte, wenn er sich fast oder auch ganz nackt in die Ecken zwängte um Zwanzig- oder Fünfzigmarkscheine zu angeln, heute wollte sie ihn schneller. Gespannt was er diesmal aushecken würde, fläzte sie sich in die Polster. Es donnerte an die schwere Eichentür. „Herein“ rief sie mit mädchenhafter Stimme, ahnend was nun folgte. Und wirklich, langsam öffnete sich die Tür und herein trat der Weihnachtsmann. Stefan trug eine Maske, an der Wattebart und Mütze gleich mit befestigt waren. Sein langer Körper steckte in einem dünnen roten Mantel, den es in jedem Supermarkt gab, die Füsse in seinen Motorradstiefeln, seine sehr weissen, behaarten Beine waren nackt.„ Draussen vom Walde da komme ich her, nur um dir zu sagen ich mach`s dir gleich sehr.“intonierte er mit falschem Bass. „Und wo sind Sack und Rute, Weihnachtsmann?“ piepste Sybille.
„Ho, Ho du wagst es nach Sack und Rute zu fragen.“ schmetterte der dünnbeinige Weihnachtsmann, „die will ich dir zeigen, du Neugierling“. Dabei griff sich Stefan durch den Schlitz des roten Mantels, unter dem er also nackt war und nahm Sack und Rute in eine Hand so gut es eben ging. „Na schau genau hin du kleines böses Mädchen! Reicht dir das?“ Sein Fortpflanzungsmittel im Kreise schwingend ging er näher auf sie zu. Sybille wich tief in die Kissen. Der Weihnachtsmann schleuderte die Stiefel von den Beinen. Er stand jetzt gross vor ihr. „ Na willst du sie spüren, unartiges Kind du ?“ „Ja“ jauchzte Sybille. „ Dann nimm das!“ und warf ihr ein kleines Päckchen zu, das er mit der freien Hand aus der Tasche gefingert hatte. Sybille fum-melte das Kondom auf. Es war knallrot und stellte einen Weihnachtsmann dar. Er stand jetzt sehr nah vor ihr und die Rute, die nichts von Stefans Dürrheit hatte, be-rührte fast ihre Nase. Sie nahm den Weihnachtsmanngummi und begann ihn langsam mit beiden Händen über die Rute zu rollen. Mit kräftigen Bewegungen straffte sie ihn. Dem Weihnachtsmann entfuhr ein Grunzen.
Plötzlich hörte sie ihren Jungen rufen: „Kuck mal Papa, der Weihnachtsmann ist schon bei Mama!“
Der kleine Thomas stoppte einen Meter vor dem Knecht Ruprecht und sah verständ-nislos auf den Spalt im roten Kittel aus dem ein weiterer Weihnachtsmann, sich zü-gig verkleinernd, heraus stand. Der grosse Thomas blieb im schwarz wollenen Mantel in der Tür stehen und starrte wie sein Sohn auf die Szenerie. Sybille zerrte an den Säumen des Weihnachtsmannmantels, doch die Rute lugte immer wieder hervor. Mit einem kräftigen Ruck verbarg sie Sie endgültig. Dann raffte sie ihren eigenen Morgenrock über den Brüsten zusammen, warf sich zurück in die Sofakissen und beobachtete Thomas, ihren Ehemann. Eine vergleichbare Situation hatte es noch nie gegeben. Auch wenn in ihr und ihrem Hirn nichts anderes mehr war als grosse dunkle Angst, so war sie doch ein wenig neugierig wie Thomas reagieren würde. Noch nie hatte er ihr gegenüber die Stimme, geschweige denn die Hand erhoben. Aber sie kannte auch seinen Blick und den gespannten Unterkiefer im runden Gesicht wenn er ihr von den wenigen Leuten berichtete, die sich seinen Plänen und ihren Wünschen entgegenstellten. Im Städtchen galt er als Vieh, sie kannte ihn als Kuscheltier. Was würde geschehen?
Stefan schiss sich bald in die Hosen, die er gar nicht trug. Ihr gefiel, wie ihr dicker Mann den um mehr als zehn Jahre jüngeren taxierte. Ohne jede Wertung, nicht abschätzig. Er besah sich einfach den Schlacks, der in lächerlichstem Aufzug, verbogen vor ihm stand und ganz offensichtlich eine Öffnung im Erdboden wünschte. Jetzt hatte Sybille einen Ausdruck für das was sich da vor ihr abspielte, Thomas ihr grosser, schwerer Ehemann nahm Mass. Sie würde sich zwischen die Männer werfen, oder besser erst den Jungen retten.
„Thomas komm bitte zu mir“ sagte der Vater mit ruhiger Stimme zu seinem Sohn. Der Junge stellte sich neben seinen Vater und der legte ihm schwer die Hand auf die Schulter. „ Tja der Weihnachtsmann hat sich wohl ein bisschen in den Tagen geirrt. Er wollte ja sicher zu dir. Oder?“
„Ja, ja, sicher ja“, stammelte Stefan heiser, puterrot im Gesicht.
„Und weil du nicht da warst, wollte er die Mutti bescheren. Nicht war Herr Weih-nachtsmann?“
„Herr Strunkowski ich bitte sie...“
„Na jetzt bist du ja da.“ unterbrach Thomas Strunkowski den Stotternden. „Ich bin gespannt was er dir mitgebracht hat. Einen Sack sehe ich nämlich nirgends. Vielleicht weiss die Mutti...“ Sybille schüttelte schnell den Kopf ohne Sohn und Mann ansehen zu können. „Thomas bitte!“ presste sie irgendwo hervor. Doch ihr Mann fuhr unbeeindruckt fort: „ Vielleicht fängt der Weihnachtsmann ja mal mit seinem Gedicht an. Du weißt schon Weihnachtsmann:“ Draussen vom Walde da komme ich her...“
Der halbnackte Weihnachtsmann zerbrach fast vor Anspannung. Kein Ton kam.
„Los jetzt, du Weihnachtsmann! Draussen vom Walde..... Komm sprich mit wenn du deinen Text vergessen hast! Draussen vom Walde.....“ und Thomas fiel in das Gedicht ein. Sybille biss sich auf die Lippen vor Lachen. Die beiden Männer sprachen das Weihnachtsmanngedicht. Der Junge schaute immer entsetzter von einem Erwachsenen zum anderen. Er verstand das ganze Spiel nicht. Sein Vater bemerkte das. „ Also mein Junge ich habe den Eindruck, der Weihnachtsmann hat sich irgendwie geirrt. Kommt viel zu früh, hat weder Sack noch Rute, kann sein Verslein nicht und zieht sich aus zum Bescheren. Komischer Weihnachtsmann. Ich glaube der muss noch mal zurück in den Wald und sich ein bisschen gewissenhafter vorbereiten. Also ab! Du weißt ja wo es raus geht. Und vergiss deine Sachen nicht im Flur. So ein liederlicher Weihnachtsmann.“
Den Blick stur auf die Tür drückte sich Stefan wortlos an dem Ehemann vorbei. Den letzten Schritt zur Tür sprang er mit eingezogenem Kopf, fast als hätte er Angst so nah bei Thomas noch eine vor den Schädel zu bekommen. Draussen raffte er seine Sachen und verschwand, die Tür leise zuziehend, aus dem Haus. Nach einer kleinen Weile hörte man ihn davon knattern.
Thomas zündete sich, ständig die Augen auf seiner zusammengekauerten Frau eine Zigarette an, was er auf ihren Wunsch in diesem Raum noch nie getan hatte. „Thomas geh jetzt bitte hoch und hole deine Schwimmsachen.“ Sibylle wollte sich erheben und sagte:“ Warte Schatz ich hole sie dir.“
„Du bleibst wo du bist.“ knurrte sie ihr Ehegatte an. „Der Junge muss sich allein zu-recht finden.“ Er selbst hätte wahrscheinlich nicht gewusst wo die Sachen zu finden wären. Doch Thomas junior war schon vorbei an ihm, froh der unheimlichen Situation entkommen zu können. Seine Mutter hatte sich wieder zusammengekauert und konnte ihren Mann nicht ansehen. Jetzt wo sie allein waren, gelang ihr nicht die Spur eines klaren Gedanken. In ihr war nur Angst vor dem was kommen würde. Thomas blieb stumm, rauchte und aschte auf den guten Berber. Er lies sie nicht aus den Augen. So ganz klar schien ihm auch nicht zu sein was nun weiter zu geschehen hätte. Hinter ihm polterte es, sein Sohn kam die Treppe herunter, unter dem Arm eines der mit grossen Monogrammen versehenen Saunatücher seiner Eltern. Sie bemerkten es nicht. Obenauf lag seine kleine Badehose. „ Komm Papa, wir kommen sonst zu spät. Tschüss Mutti, wir gehen doch heute ins Thermalzauberbad.“ Dann war er schon zur Haustür raus und sprang die kleine Treppe hinunter in den weissen Kies vor dem Auto und besah sich die tiefe Spur des Motorrades, da sein Vater nicht gleich kam. Der warf drinnen die Zigarette auf den Teppich, trat sie aus und sprach seine Frau an: „Du bleibst hier genau so sitzen bis ich wiederkomme. Ich bring nur den Jungen zu den Kindern. Wag nicht, dich vom Fleck zu rühren. Hast du das verstanden?“ Seine Frau nickte stumm vor sich hin. Der weite schwarze Mantel verschwand in der Tür. Kurz darauf sprang der Wagen an und knirschte davon.
Sybille wagte nicht sich zu rühren. „Alles aus! Alles aus!“ kreiste ihr einzig durch den Kopf. Und alles nur wegen Biggi der blöden Filialleitersfrau. Diese geile Ziege hatte ihr von dem besonderen Studentenputzdienst aus Erfurt erzählt und ihr bei einer sommerlichen Grillparty, die Männer redeten, mit Nordhäuser Doppelkorn betankt über Durchzugsvermögen und Ausstattungsvarianten, mit verschwörendem Grinsen die Telefonnummer auf eine Serviette geschrieben. Sybille wehrte ab, liess sich aber das Papier dann doch in die Tasche schieben. Dort anzurufen würde ihr wohl kaum einfallen, aber vor dieser neureichen Provinzbeauty wollte sie nicht noch als angestaubt prüde gelten. Es war ihr schon unangenehm, in den Kreis ihrer Vertrauten gezogen worden zu sein. Daheim hatte sie den Zettel in ihrem Sekretär versorgt, wenn sie sich auch sicher war diese Dienstleistung niemals in Anspruch nehmen zu müssen. Es entsprach nicht ihrem Grundverständnis von Sexualität sich selbst um Befriedigung zu bemühen. Gelüste und Bedürfnisse die in ihr, wenn vielleicht auch versteckt, keimen sollten, waren ihr unbekannt. Wahrscheinlich würde sie ohne Sex hervorragend leben können, auf jeden Fall genauso gut wie jetzt. Was sie ihrem Gatten zu geben hatte störte sie nicht, aber fehlte es, würde sie auch nichts vermissen. Oder doch? War da nicht die Lust an der Macht die sie über diesen Mann hatte? Erregte es sie nicht, wenn sie dieses grosse Tier um ein klein bisschen Aufmerksamkeit winseln sah. Dieser Fels von einem Mann, der schon räumlich überpräsent war, der nicht durch Klugheit und findige Tricks so erfolgreich geworden war, sondern durch seine Bulldozermentalität. Ja dann kam sie in Stimmung, wenn dieser brutale Despot, vor dem sich so viele Menschen fürchteten, mit wässrigen Augen, die später, wenn sie es gekonnt hinauszog, blutunterliefen, wie ein Hündchen hinter ihr her rannte und um einen gekonnten Griff in die Weichteile bettelte. Hätte sie nicht einigermassen die Kontrolle bewahrt, wären sie schon längst bei kindischsten Sexspielchen angelangt. Und genau zu diesem Zeitpunkt, als es ein Weiter bei Ihren Praktiken für sie nicht mehr gab, und sich also dreimal die Woche ein sehr ähnliches Erniedrigungszeremoniell abspielte, war ihr die Serviette im Schreibsekretär eingefallen. Wie würde das sein, das ganze umgekehrt? Nicht betteln um Sex mit Geld, sondern betteln um Geld mit Sex. Der Gedanke faszinierte sie und immer öfter spielte sie mit der Serviette in ihren Händen, bis sie eines Tages anrief. Nein sie wolle da nichts spezielles, eher einen Neuling und sowieso Amateur. Die seien sehr selten und damit natürlich auch teurer. „Für mich spielt das überhaupt keine Rolle“, hatte sie noch ins Telefon gehaucht, wenige Vormittage später erschien dann Stefan. Der Vermittler am Telefon hatte nicht gelogen, als er ihr ganz zum Schluss in Aussicht gestellt hatte, das er wohl das richtige für die „gnädige Frau“ habe. Soviel Fleisch gewordene Schüchternheit hatte Sibylle noch nie gesehen. Beim einleitenden Tee, den sie, wie Sibylle dachte, für Vorabsprachen brauchen würden, sass Stefan krumm verbogen auf seinem Stuhl und schien bei dem Gedanken hier gleich nackt den Schrubber zu schwingen, dem Tode näher als dem Leben. Tod vor Scham. Sibylle fand das zuckersüss. Ein Ausdruck den sie bisher nur der blöden Biggy zugestanden hatte. Aber sie schien sich ja so langsam sowieso im selben Fahrwasser zu bewegen. Stefan war höchstens zehn Jahre jünger als sie und doch Welten weit weg. Was wusste der schon, in seiner putzigen Unschuld. Sie hatte das Gefühl schon alles gesehen zu ha-ben. Nichts konnte sie mehr überraschen. Wer mit einem Mann wie dem ihren zu-sammenlebte, wusste, das alles möglich war. Sie war reichlich desillusioniert. Wie anders dagegen Stefan. Er wirkte unfertig, kantig, obschon aus edlem Holz, unbe-hauen. Er schien sich selbst im Wege zu stehen. Und hatte doch soviel vor. Das viele Geld was er mit seinem neuen Nebenjob verdienen würde, wollte er für eine Arktis-expedition sparen, die sein Studium der Geologie krönen sollte. Seine Eltern hatten ihren Beitrag storniert, da ihr Sohn ihnen erst vor zwei Monaten steckte, dass er schon lange nicht mehr Architektur studiere. Sie tranken lange Tee und redeten vom Nordpol. Froh ein Thema gefunden zu haben, das nichts mit Nacktheit und Sauber-machen zu tun hatte, uferte Stefan aus. Sie lies ihn reden und genoss höchstens ein wenig die Angst, die der angehende Polarforscher vor ihr und ihren Absichten zu haben schien. Erst bei der Verabschiedung in der Diele, Stefan hatte natürlich weder geputzt, noch sich entkleidet, zog sie ihn zu sich herunter. Die enorme Kraft die sich in ihrem ersten Kuss entlud, und die nichts mit Stefans Job zu tun hatte, wovon sie überzeugt war, liess sie ihn bald wieder kommen. Die Expedition rückte schnell in greifbare Nähe.
Sie zuckte aus ihren Gedanken. Die Haustür ging, das Knirschen hatte sie nicht wahrgenommen. Wieder beschwerte sie die Angst vor dem was jetzt kommen würde. Kein Rühren aus der mädchenhaften Pose, in der sie noch immer auf dem Riesensofa kauerte, möglich. Würde er sie schlagen? Würde er sie erschlagen? Würde er sich überschlagen? Der Mann war zu vielem fähig. Auch dazu, die Mutter seines Sohnes zu erwürgen? Denn das war ihr klar , ohne das sie sagen könnte woher und ob sie es überhaupt wusste, aber seine Art zu töten wäre das Würgen. Ähnlich wie bei seinen endlosen Abspritzmanövern würde er mit diesem unglaublich dunkellila-blauen Kopf über ihr hängen, und sie würde denken: „Irgendwann krepiert der dabei“. Aber diesmal würde es anders sein, diesmal würde sie krepieren, ehe sich dieser , wenn auch alte, Gedanke formiert hätte.
Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich langsam. Sibylle blieb starr. Sie hörte ihn langsam näherkommen, dann räusperte er sich. Sibylle sah zur Tür. Alles hatte sie erwartet, aber das nicht! Entsetzt starrte sie ihren Mann an, der nackt in einem Weihnachtsmannkostüm auf sie zu kam. Sehr nahe vor ihr blieb er stehen und beendete diese Geschichte mit den Worten: „Das zwei Sachen klar sind Prinzessin: wenn hier einer Bescherung spielt, bin ich es, und zweitens: ab jetzt wird hier geraucht.“
Labels: Sex sells
Sonntag, Dezember 10, 2006
Texte die in Saunen spielen 1
Ich habe gerade laut aufgelacht. Zwölf Ohren scheinen das nicht gehört zu haben oder sechs Köpfe ignorieren es.
Meinen hielt ich in den letzten Stunden mehrfach in den Händen.
Sass in einem Bett und rauchte vor mich hin. Auflachend unter Tränen.
Für Momente der einsame Wolf in der Stadt.
Doch ich bin nicht Al Pacino und das hier ist kein Film. Es ist ein Leben, mein Leben.
Den ausgeschalteten Fernseher vor mir, sinierte ich,
was mein Sein daraus macht.
Das Auflachen nahm ich mit aus der Nacht. Bin ich zu viel allein oder zu wenig? Oder bin ich zu zu?
Nackt sitze ich als Mann unter nackten Männern. Mit nichts als unserer Blösse zeigen wir unsere Grösse. Die Augen, aus denen wir uns lesen könnten, sieht man nicht bei diesem Licht.
Eine Frau betritt den heissen Raum.
Direkt, versteckt, verschämt, frech, fordernd, schüchtern, gar nicht - irgendwie sehen wir sie alle an.
Auf unseren Stirnen steht FICK MICH in Leuchtschrift, an einen Sonntagabend in der Sauna.
Das heisst soviel wie HILFE.
Wir wissen es nur nicht.
ein saunabesuch des verehrten herrn ü.
Donnerstag, Dezember 07, 2006
michas sünfzen
Labels: Erre Erre (nach Anton Möckel)
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das sünfzen der welt
das war nicht sehr fair aber nötig. heute sind wir wieder freunde.
mit viel distanz. auch das ist hart aber nötig. alles gute der akademie. ich muss allein schwimmen, in dem meer in mir, zu dem bücher die äxte waren, die es aufgehackt haben. (kafka)
auch michas.
Labels: Erre Erre (nach Anton Möckel)
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Montag, Dezember 04, 2006
Sterben lernen 1 - Der Sturz
STERBEN LERNEN 1
DER STURZ
Was sagt dein Psychologe?
Du sollst loslassen!
Na denn!
Tatsächlich ich falle.
Dein Gesicht! Mein Gott wirst Du schnell klein. Was ist das für eine Brücke? Muss man doch wissen, wo man zu Tode stürzt. Kornhaus, Lorraine, Kirchenfeld? Du weißt es nicht. Ach Du bist schon gar nicht mehr da. Falsch mein Schatz, ich bin gleich nicht mehr da. Du wirst nur immer kleiner und bist gleich weg. Doch nur für mich. Denn ich flieg allein!
Weil du nicht sein willst wie Du bist, muss ich ein anderer werden.
Zu Eis erstarrt neben mir. Und nun? Taust Du an meinem Grab? Wünsch es Dir nicht. Gleich wird ein Loch sein, wo ein Egomane war. Ähnlich kalt. Du konntest mich wach treten, Du konntest mich weg treten, aber Du hättest mich nicht von der Brücke stossen sollen. Nein, ich wollte das nicht, ich wollte Dir auf dem Geländer nur noch mal Deinen Brief vorlesen. Nein, ich hatte auch kein Unwohlsein. Ich wollte Dich Deinem Hass ausliefern und mich mit. Du solltest einmal Deine eigenen Worte hören. Einmal.
Weil meine Liebe zu gross und ich zu klein für Dich war, muss ich mit vierzig sterben.
Wir alle verletzen uns, nicht ich Dich. Wir alle verletzen uns alle. Ständig. Wir alle verletzen uns ständig selbst. Wir leben verkehrt, weiss man wenn man stirbt. Du willst, ich will. Wir wollen zuviel. Alle. Ist das der Preis der Freiheit? Der freie Fall? Zahl ich für Deine Freiheit mit oder nehme ich sie Dir endgültig?
Wie ist denn Dein Gefühl zu mir?
Jetzt?
Ein bisschen Nähe? Ein bisschen ist nichts.
Auch Du warst mir nicht genug, ich habe mich nur anders verteilt. Nicht weil ich ein Mann und Egoschwein bin, sondern ein anderer Mensch. Das entschuldigt nichts was Dich verletzt hat. Doch bin ich es der fällt. Vielleicht auch, weil ich Dein Gesicht sehen wollte. Du solltest noch einmal Angst um mich haben. Doch Du wurdest so schnell klein.
Sterben kann auch ein Traum sein.
So wie ich bin, war ich in Deinem Leben. Nun gehe ich raus da, wie Du wolltest. Wenn Dein Wille zu Dir, stärker ist als Dein Wille zu mir, dann lässt Du mich fallen. Jetzt.
Nein, das ist kein Selbstmord, keine idiotische Rache. Ich falle einfach. Lass es mich doch tun. Ich falle nicht wegen Dir, selbst wenn Du mich gestossen hättest. Und auch nicht wegen mir. Ich will fallen. Endlich. Nicht weil mir das Gerappel zu viel wird. Nein, weil ich fallen will und neu geboren werden. Es muss schon der Hades oder dergleichen sein, durch den ich gehen muss.
Fallen. Aus allem Wollen fallen.
Und es wird wieder einer kommen, der wird Dich kennen, wie ich Dich kannte. Der wird Dich nicht verstehen, doch wissen was mit Dir los ist. Der wird es lieben unter deinen Auswirkungen zu leben. Vielleicht bin ich es ja. Doch ich werde ein anderer sein, denn dazwischen liegt ein Tod von mir. Erst wenn ich aufschlage, weiss ich, wie ich anders leben will. Versuch in meiner Blutspur zu lesen, wie es weiter geht. Falls es Dich interessiert. Denn wenn ich Dich störte, dann soll es so bleiben. Dann gehe ich bei unserer zweiten Begegnung in Deinem Leben an Dir vorbei. Dann gibt es uns nicht mehr. Auch wenn Du mich liebst. Der Brief ist ein Schrei, doch ich kann nur neugeboren der Mann Deiner Liebe sein.
Drunter mach ich es nicht.
Kein Verhandeln.
Fliegen lernt wer nicht fallen will. Und Scheitern wer nicht fallen kann.
Und sehe den Grund vor mir, in den ich mich gleich bohren werde. Die Aare ist nicht tief. Wenn ich jetzt sterbe, geb ich Dir Liebe für ein ganzes Leben mit. Und will es nicht. Du musst mich töten, wie ich Dich jetzt für immer lösche. Entkommen können wir uns nicht. Untote Wiedergänger werden wir uns sein. Egal wo Du bist, egal mit wem ich`s treibe. Du solltest Deine Liebe töten, nicht mich.
Gleich bin ich da. Wo bleibt der Film? Das weisse Licht?
Ich sehe nur Dich, Deine Augen - als ich für Momente ahnte wer Du bist. Als wir den Fehler machten, zu glauben, eins zu sein. Da wollte ich mit Dir alt werden und bin es neben Dir geworden.
So schnell, das ich jetzt sterbe.
Den Grund erreicht man nie im Traum. Doch tot werden wir uns sein.
Morgen früh.
Götz Schwirtz 2004 (klicken sie bitte auf den titel, so sie die fortsetzung lesen möchten)
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Sterben lernen 2 - Der Aufschlag
Sterben lernen 2 - Der Aufschlag
Wie kommt es, das du stehst wo ich lande? Warum bist du da? Weshalb bist du vor mir dort, wohin ich fallen werde? Was machst du in der Aare? Und warum bist du nackt? Ist das nicht kalt? Wieso stehst du nackt in der Aare, bis zu den Knien im Wasser? Was machen deine Arme? Warum halten sie mich? Was machst du da, ich wollte doch sterben. Lass mich los! Woher nur hast du diese Kraft? Ich wollte doch fallen, ich wollte aufschlagen, tot sein, der Aare Grün mit meinem Rot vermischen. Ich wollte doch neu werden. Woher hast du diese Kraft? Wieso hältst du mich auf?
WER BIST DU
Die mich da auffängt? Mensch, ich wollte sterben! Was ist das für ein Stuhl? Wer soll dort sitzen an dem Tisch? Wohin sieht dieses Fenster? Was kommt nach dieser Tür? Ich wollte in den Grund der Aare und nicht aufs Happybett.
WER BIST DU
Die mich in andere Sphären lacht. Unwirklich wie dein Ebenmass. Nicht von dieser Welt, die hohen schwarzen Bögen über Deinen Augen. Sanft geprägt dein Gesicht, ein zart entschiedenes Wunder. Dein Lachen, das von feinen, falsch roten Lippen in die Augen zu springen scheint. Bin ich tot oder träume ich? Aus welchem Reich kommst Du?
Und warum habe ich das Gefühl, du würdest alles für mich tun? Oder täuscht das? Warum sagst du nichts? Bist du eine verstummte Sirene aus der Unterwelt oder gar eine Hexe? Du gibst mir nur ein Gefühl, weil Du nicht mehr hast.
WER BIST DU
Und was ist das für ein Zimmer? Ein Hotel? Woher kommt der Wind in der Gardine? Endet mein Leben an einem unbekannten Ort oder beginnt es hier? Kommt diese nasse warme Luft vom Meer? Oder hupt Verkehr? Sirenen? Manhattan? Ein Hafen? Maddalena vor mir? An welchem Ort in welchem Reich bin ich? Gefangen oder Frei?
Und warum ist das ein Nachmittagslicht wie ich es kenne? Aus Träumen kenne. Träume von blätternden Zäunen in tiefer Sonne oder dem Spiegeln des Abends in Hochhausglas. Ich fiel bei hellerlichtem Tag. Wo sind wir jetzt? Oder kommt das von einem Medikament und ich liege halbtot auf einer Intensivstation? Hoffentlich haben die genug von dem Zeug. Denn diesen Traum will ich weiter haben. Warum riecht es nach Fisch? Was ist das für Musik? Ein Tango? Das muss ein Traum sein. Das Zimmer lädt ein zu sagen: Wohin gehen wir heute abend ? Denn es wäre ein Freude, mit Dir Schönheit lachend hierher zurückzukehren. Warum ist dein Kleid so braun wie dein Auge und so leicht und edel wie der Bogen darüber?
Wieso hast Du mich so im Blick? Und woher kenne ich Dich? Du lässt mich eine warme Seele sehen. Warm wie die Mitte der Welt. Du könntest Fische verkaufen oder ein Hochhaus besitzen. Kann ich fragen wo wir sind, wenn ich nicht weiss
WER DU BIST
Dich will ich nicht fragen, wo ich bin. Verstehst du das, Schönheit? Bei Dir will ich nicht „Du“ sein. Nein von dir will ich nur im wir reden. Sehe ich dich, sehe ich deine Seele. Schön wie du. Warum bist du an diesem Ort? Und warum lachst du so, als ob du alles weißt? Ja warum sprichst du nicht? Tanzt Du? Gehst du? Fliegst du da vor mir? Mensch was bist du? Lässt Dich nicht greifen, nicht fassen. Doch entschweb mir nicht dunkler Engel! Niemals wusste ich mehr über ein Wesen und weiss doch nichts. Ich seh in dir nur was ich sehen kann und fühle nur wie viel im Dunkel bleibt. Warum kann ich dich besser spüren als mich? Und warum weiss ich nicht wer Du bist? Und scheine dich doch zu kennen. Aus einer Realität, der dieser Traum zu Grunde liegt. Komme oder gehe ich über diesen Traum in die neue Wirklichkeit, die du zu sein versprichst? Ist mein wärmster Traum, der von seinem Grab? Ist hier Anfang oder Ende? Bist du mir neue Welt, oder Untergang? Werde ich mich an dir laben, wie noch an keiner Frau oder verrecken an deiner Luftigkeit? Wesen, das mich in Ecken drückt, die es hier nicht gibt. Nicht in diesem Traum.
Ach man kann das nicht bestimmen, die Richtung eines Traumes.
Ah ja.
Wer spricht denn da? Was ist das für ein Honigmaul, das da singt? In mich. Aus mir heraus. Sprichst du durch mich? Darf ich grober Klotz Bote deiner Engelszungen sein? Du bist die, die immer da ist, doch nie mit mir spricht. Du bist an jedem Ort zu hause, in jeder Sehnsucht. Du kannst jede Gestalt annehmen, drum bist Du auch gern mein Traum. Überall wirst du vor mir sein, drum ist auch Zeit egal. Ich kann die Schönheit der Orte, der Zeit des Lebens nur erfassen, wenn ich weiss, du bist dabei. Denn nur mit dir halte ich den Atem da an, wo er mir stockt. Du wirst mich lehren was ein anderer Mensch ist. Nur dich kann ich haben, wenn ich Menschen haben will.
Das alles sagst du mir. Es klingt wie bei einem Teufelspakt. Wohin führst du mich aus diesem Zimmer? Was kommt am Strand und auf dem Boulevard? Bist du in deiner zarten Dunkelheit nun meine Frau für immer? Werden wir an die Orte gehen, wo weiterleben Hoffnung macht? Wo Wind vom Meer bläst und Autos hupen.
Bevor Du mir die Welt und noch eine und noch eine…zeigst. Sag mir bevor wir in ein Leben fliegen:
WER BIST DU
Deine Einsamkeit
Götz Schwirtz 2005 (kilcken sie auf den titel, wenn sie weiter lesen möchten)
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Sonntag, Dezember 03, 2006
Sterben lernen 3 Aufstand
Sterben lernen 3 Aufstand
Wie lange hatte sie bei mir gelegen?
Was war hier vergangen?
Ein Universum?
Geschmolzen in einen Punkt von weniger als einem Moment?
Welten entstehen in einem Augenaufschlag und gehen unter bei ihrem Schluss. Wir kamen nicht dazu, in das Zimmer zurück zu kehren, da wir es nie verlassen hatten. Und ich vergass, wie sehr es zu gehen einlud, als sie auf mir sass. Sich rieb, rittlings auf meinem Kopf für Äonen. So wie sie mich einsaugte, hat sie mich wieder ausgespuckt. Jetzt ist sie weg. Ist das ein Puff? Nein, im Puff wäre ich gegangen.
Wie sie ging wurde es kälter. Auch das Nachmittagslicht nahm sie mit fort und das Wehen in der Gardine. Was braun schattiert war, schweigt nun grau. Jetzt bin ich allein hier und werde immer wieder hier sein.
Immer wieder.
Nicht einsam doch allein.
Der Lärm der abendlichen Stadt fährt durch die erhangenen Gardinen. Hupen und Rufe nach Taxis, die Theater fangen bald an. Am Meer liegt diese Stadt nicht, auch das hat sie mir vorgegaukelt. Alles was ich wollte. Die Wahrheit aber, kommt in diese Zimmer. Die Wahrheit ist, was ich nicht will. Die Wahrheit ist alles ausser mir.
Viele werden mit mir in diesem Zimmer liegen in jeder Stadt. Jede wird ihre Wahrheit mitbringen und verbergen. Jede wird sein wollen, was sie glaubt zu sein, gerieben an mir, meinen Rändern. Ich werde ihnen schwarzes Loch sein. Eingesogen in mich sehen sie nichts, wo doch nichts ist als schwarz. Und sehen also sich. Ist ihre Gravitation zu schwach, die eigene Bahn zu halten, werden sie durch mich gezogen sein. Geöffnet, gequirlt, entleert, neu mit sich selbst befüllt und hinten wieder ausgespuckt, als Mutter neuer Sterne. Manche werden neu genau wie vorher sein. Nur in mir waren sie kurz all ihre Partikel in heilloser Auflösung.
Die sich nach mir aus ihrem Staub wieder alt zusammen setzen, hassen mich. Wie ungerecht . Nur durch missen wissen sie neu, dass sie alt, gut genug für sich waren. Das sind die, die allein bleiben. Die wie ich ihre Zimmer dabei haben. In denen sie, wie ich, den Körpern geben was sie brauchen, Vergessen suchend Spiele spielen, für Momente beim anderen Liebe ahnend. Ihren Geschmack vor lauter Sperma im Maul aber schnell vergessend.
KOMM WIR MACHEN ES UNS!
Kaputt.
Andere werden rechtzeitig ihre Bahn geändert haben. Die genügend Abgrund in sich haben, werden schwer genug gewesen sein, mir zu widerstehen. Etwas durcheinander, kopfschüttelnd ihr Inneres glatt streichend, gehen sie mir ab. Stärker als ich. Für jede von denen werde ich Solitude kommen lassen müssen, für ein Bad in unerfüllter Sehnsucht, die rostige Wanne voll Schmerz. Wenn ich mit Nägeln kalt dusche, sehe ich im Rasierspiegel wie mein kleiner Schwanz mit seinem dicken Kopf noch immer zu viel verspricht. Er hat nichts zu tun mit Schmerz und Nägeln. Er ist für anderes zuständig. Der Schmerz im maroden Bad dieses Hotelzimmers ist ein anderer als der der Lust.
Manche von denen die nicht gehen sollten, werden nah bei mir gewesen sein. Die Starken haben keine Angst, wenn sie auf kurzen Wegen ins Zentrum eines schwarzen Lochs schauen. Denn meine Gier ist frei von allem, nur Gier. Sie kommt aus mir, da ist sonst nichts als sie. Fasziniert lassen sie mich aus meinem Zentrum feuern, bevor sie zügig gehen. Wortreiche Nachspiele ersparen sie sich. In meinem Falle. Sie sind grad stärkerem entkommen als meinen Worten, das langweilt schnell.
Und schlägt mich nieder, sind sie weg. Mit meinem Slip wischen sie sich mein Nichts von den Brüsten um lachend zu gehen. Immer wieder. Letztlich tötet einen die eigene Schwäche. Mich immer wieder. Seit ich von der Brücke sprang.
*
Ich muss hier nicht raus. Mir nicht das Gefühl geben, Teil einer weiteren, als meiner eigenen Welt zu sein. Es ist sowieso eine Täuschung. Auf dem Bett kann ich mir vorstellen, weisse Stöpsel im Ohr, mit Miles Davis und Sinatra durch die Stadt aus Regenlichtern zu laufen. Egal welche. Ich bin nur mir peinlich in meiner Allerweltssentimentalität.
Bewusst suche ich Strassen in die dunkel der Regen fällt, wo mehr Schatten als Licht ist, Strassen in denen man auch sterben kann, je nach Stadt. Es läuft das „Time after Time“ damals live in Montreal. Du hörst den Tod Trompete spielen. Volle Leben sind kurz. Das Hafenwasser schwappt mir entgegen. Lampen peitschen den Regen. Alles in rostrot. Schattig nur die starken Spinnenbeine der Krane. Ihre Schienen blinken, die Schatten wandern, der Hafen arbeitet. Doch nichts ist zu hören. Nur Miles ist überall. Ein dunkles Auto fährt vorbei. Ich sehe wie die Pfütze mich anspritzt. Die weissen Stöpsel sind längst aus den Ohren. Und doch höre ich nur Musik und gehe ihr nach, in den Hafen. Wände aus Containern führen mich in eine Stadt aus Stahl, rostigen Ecken und zerschabten Schriftzügen. Eine Stadt fertig zu Verschickung. In den leisen Stellen, wenn Miles in die Trompete stirbt, höre ich die Krane gleiten. Seilzüge stoppen klackend. Die Stadt steht nicht. Wie vier Greifvögel mit einer Kralle greifen die Krane in sie hinein und nehmen Häuser mit in den Regen. Der schaukelt mit ihren Lampen.
Irgendwo aus Gängen zwischen passageren Wolkenkratzern kommt meine Musik, lauter als das Getöse des Hafens. Und Licht. Viel Licht. Eine fast blitzartige Helligkeit zerschneidet die Spalte zwischen den gerippten Stahlwänden. Ich spüre, wo dieser Urknall stattfindet, doch folge einem Labyrinth, das anderen Absichten gehorcht. Die Stadt baut sich vor mir um und sich neue Wege, die mich in eckigen Runden um das Licht führen. Hinters Licht, von wo es gleich aussieht. Es hat kein vorn und hinten. Es ist einfach. Jetzt wo es weiss, von mir gesehen zu werden, öffnet es sich für mich und wird schwächer je näher ich komme. Eine Sonnenbrille brauche ich sonst nicht in meinem Zimmer aus Halblicht. Plötzlich öffnen die Krane Wege, Strassen, breite Avenues. Die Stadt geht auf in einem unwirklichen Weiss, dass mich mehr anzieht als blendet. Zu einem kleinen Platz zieht, Rockefeller Plaza aus zerkratztem Beton und Containerwänden. In dessen Mitte leuchtet weiss ein wollenes Laken. Ein dick weiches Lager, das in seinem Zentrum etwas so sanft auskleidet, das man den Sarg kaum erkennt. Doch weisser noch als diese Füllung, ist die Haut, die in ihr ruht. Marmorweisse Haut einer knabenhaften Frau. Hingestreckt auf ihr Totenlager. Scharf zeichnet schwarzes, kurzes geschnittenes Haar ein Gesicht aus dem strahlenden Nichts. Mit Kohle gemalte hohe Augenbrauen laden ein, auf geschlossene Lider zu schauen. Freundlich wie ein Kuss sieht mich dieses schlafende Gesicht an. Tot ist des Todes Braut nicht. Es ist ihr Kleid, das mir mit aller Heiterkeit ihr Leben zeigt. Es lacht mir ins Gesicht im Rot der Hingabe, wie es auf Lippen gehört. Tief sein Ausschnitt. Winzigkeiten von Brüsten heben an und werden von dem Rot verdeckt, das andeutet wie rosa ihre Spitzen da in den Hauch von Stoff ragen. Dieses Rosa lockt mich aus Perlen an, blinkt aus einer Kette, um einen schmalen Hals, dem man den Stolz Träger zu sein ansieht. Schwarze Schnüre grenzen schmale, tote Knabenarme ab.
Ein französisch geschriebenes Gedicht von einer Frau. Nur der Mund ein Misston in der feinen Melodie. Oder kein Ton. Die Leiche verriegelt ihren Mund in Fehlfarben. Ist er geheimer Zugang? Wozu? Zu der, die dieses Lager angerichtet hat? Oder sind es grafische Aspekte? Das könnte auch ein Fotoshooting sein. Zauberbilder. Irrealitäten. Erst dieser Mund macht dieses Lager zu einem magischen Ereignis, zum leuchtenden Rätsel. „I`ve got you under my skin“ glaube ich die Leiche leise singen zu hören. Die kleinen Hallen ihrer Lider bestätigen, was die Augenbrauen vorwegnahmen. Aufnehmende Augen in dunkler Gebrochenheit. Devot und fordernd in einem, mit Anflügen des Gelbs der Lüge. Doch unergründlich, letztlich. Tore in ein schwarzes Loch. Die Haut der Leiche lockt. Keinen Körper vorher wollte ich so wie diesen jetzt. Die wahren Perlen zum Blinken bringen. Doch ich weiss, die Frau fand ich nicht dafür. Ich vögel alles, seit ich tot bin, aber keine Leichen. Auch wenn sie das Beste ist, was mir bisher begegnete. Wenn ich dieses Stück sehr erwachsene Mädchen begehre, dann lebt sie. Ich liebe keine Leichen!
**
Was haucht sie da?
„Sing mit!“ Die Winzigkeiten berühren mich fest. Das ist nicht war. Dein Atem klingt nach Lust. Deine Lippen schmecken nach Gier. Warum greifen mir deine Finger so tief in den Hals? Was suchst du Schöne? Die ungiftige Seite des Apfels? Ich gurgele, würge eine Version von „My Way“. Lach mich nur aus! Das Spiel kenne ich und lege dir die Finger zurück in den Schoss unter das Kleid. Sollen sie dort wühlen.
Du lebst und greifst zuerst in mich. Und weisst, dass man gestorben sein muss um zu leben. Am besten ein paar Mal. In der Ehe, in den Armen des Liebhabers, beim Therapeuten und dann wieder von vorn. Dazwischen funkt nur die Liebe und bringt die grössten Tode. Unheimlich frech wartet dein Gesicht auf meine Reaktion. Es weiss, dass ich mit der Liebe kämpfe. Hier fehlt nur noch ein Hauch warmer Wind aus den Bergen, der eine Magnolienblüte vom Baum fallen lässt um ein Kopfsteinpflaster zu zieren und ich verfalle, der, die so untot lebendig ist wie ich. Mein nächster Tod greift mir an die Hose. „Ich werde dich lieben wollen.“ Flüstere ich auf den Schrei beissend. Zungenschläge deuten an, was möglich ist. Die Brücken zwischen Welten sind geschlagen. Augen sagen: „Ja nimm diese Hölle! Nimm mich! Jetzt!“ Meine Gier hat wieder einen Namen: "Du!"
„Das bleib ich auch.“ Sagst du zu mir. Ich höre plötzlich, wie du dann, wenn es soweit ist, und ich mal wieder auf einem Geländer stehe, mit dem selben Lächeln sagen wirst: „Nun spring schon.“ Alle freien Frauen sagen: „Nun spring schon!“
Du weisst mehr als ich. Und ich kann nicht wahrhaben, dass Liebe selten ist. Und kann ein zauberhaft verpacktes Paket Wunder für jeden Austausch haben. Und wie ich wünschte, mit einer Frau, die ich nicht endgültig haben kann. Überall kann ich ihn geben, den Parttimelover, doch nicht bei dieser Frau. Auch wenn wir dasselbe vom Leben wissen und es uns so sagen können, dass das dem anderen Freude macht zu lauschen, wenn unser Körper auch nur durstig, wenn schon nicht gierig sind, wenn wir zu viele „Wenn’s“ hören, wissen wir voneinander, das es Liebe gibt. Aber nicht mit uns. Solitude kommt wann sie will. Diese Schönheit hier, wird gehen wann sie will. Immer wieder.
Wie heisst du?
FREIHEIT
Freitag, Dezember 01, 2006
Pendeln (c.a. 2001)
Ja nu, wenn es so ist.
Nicht fragen.
Nehmen.
Seit einem Vollmondvollbad diesen Sommer auf einer Altstadtterrasse habe ich eine ganz spezielle Bindung zu dieser Stadt. Pendeln wir doch mal hin...
Ihr
Götz Schwirtz
http://www.literatur.ch/index.php?id=155&uid=734&L=
Labels: Damals wars als Hartmut Schulze gerlach noch Muck hiess
Donnerstag, November 09, 2006
Weisse Segel leben
War er am Mittelmeer genauso auf Null wie an der Ostsee? Und welche Folgen hatte das für die sardischen Eier, denen er beim Kochen zusah?
Noch stand die Sonne hinterm Haus und die letzten Winde des Nachtmeers wehten ihm um die Brust. Sein schattiges Spiegelbild im offenen Fenster gefiel ihm;
nicht nur Frauen werden schöner durch die Liebe.
Sie hörte dem Rollen nach, dem Grollen des Meeres weit unter ihr im Fels. Irgendwann hatte sie gemerkt, dass es immer da war, nur hörte man es im Brechen der Brandung oft nicht. Die aufgeregte See hatte sich gelegt und sie musste den Kopf nicht heben, um zu wissen, das Meer lag jetzt gold funkelnd fast still und plätscherte blinkend die wilde Nacht aus. Nur in den ausgewaschenen Grotten unter ihr war der Sturm noch zu spüren. Dort schien die wilde Mondnacht festgehalten, als leiser Nachhall eines Traums.
In ihr schwang nichts nach, nichts hatte sie erregt, das jetzt abebben könnte und auch das tiefe Grollen aus den Felsengrotten unter ihr drang nicht in sie. Sie fühlte sich kalt, glatt und fremd wie ein Stein aus einem Gebirge, dessen Wasser nicht einmal in dieses Meer flossen. Soweit funktionierte ihre Ehe und Liebe noch, Er konnte Sie zwar nicht mehr entzünden, aber anstecken. Sein Feuer war an sich selbst züngelnd erloschen, ihr aber hatte Er Kälte in den Körper gepumpt. Nun lag Sie in diesem fremden Bett, die Schenkel gespreizt, wartend, das auch sein letzter Tropfen aus ihr lief und wusste, Er hatte Sie zu seinesgleichen, zu Stein gemacht.
Sein stöhnender Drang nach Leben liess Sie langsam sterben.
Früher und das war noch gar nicht solange her, mochte Sie die heftige Art, mit der Er über Sie kam. Heute kam Er immer noch so, nur die Momente davor hatten sich verändert. Noch immer konnte Er alle Worte für ihre Sehnsucht finden, doch mittlerweile wusste Sie, Er lebte fest in seinen Projekten und sprach nur von den Grenzverletzungen, die Sie zu leben versuchte.
Sie war wie Ausland für ihn, immer ein Stück Ferien in der Nähe.
Leider hatte Sie gelernt, ihm vorzumachen, was Er spüren wollte. Je heftiger Sie antwortete, umso schneller war alles vorbei. In letzter Zeit hatte sie diese Lüge sogar erregen können.
2
Breit und braun löffelte Er vor ihr sein Ei. Sie bestätigte, wie genial Er die veränderte Kochzeit auf fünfzig Meter über dem Meer berechnet hatte. Dann war Er wieder bei seinen Zielen, die Er mit verkniffenem Blick am Horizont suchte. Sie hatte keine Ahnung mehr, wo Er war, doch sie spürte, bei ihr nicht. Jetzt, wo immer noch sein kalter Saft an ihren Schenkeln klebte.
Ihre Worte mussten am Herz vorbei, das hoch im Hals zu schlagen schien.
Ich glaube, ich gehe heute hinunter zu Franco und mache ein paar Segelstunden mit ihm ab. Sagte Sie und beobachtete wie die Steilfalte auf seiner Stirn wuchs und sich wieder ebnete, bevor Er den Blick vom Sonnenmeer nahm und verwundert auf Sie richtete. Wusste Er nicht, jede seiner Erwiderungen würde ihren Entschluss nur immer fester machen? Er wusste es. Ich kann Dich verstehen, sagte er lächelnd, als sei Sie ein Kunde. Ein weisses Segel weit weg auf dem Meer. Immer weiter weg, bis du nicht mehr weißt, wohin das Boot fährt und es der Horizont schluckt.
Du verschwindest und wirst gleichzeitig neu geboren, da die Welt und alles in ihr, auch das Leben eben, rund ist. Neu ersteigst du dem Meer, für den der auf der anderen Seite des Horizonts steht. Ein schönes Bild für die Sehnsucht in uns. Verschwinden um neu aufzutauchen, sterben um neu zu leben.
Will Weisse Segel sehen, will weisse Segel leben!
Aber denke an unsere Gespräche der letzten Abende. Segel in der Ferne sehen ist das Eine, selber segeln etwas ganz anderes. Die Sehnsucht geht kaputt, wenn du sie dir erfüllst. Du nimmst dir das Bild. Aber mach, du bist eine freie Frau.
Wie wahr, dachte Sie. Vielleicht würde Sie sich nach ihm sehnen, wenn sie das Haus auf der Klippe vom Meer aus erkannte. Sie glaubte es nicht, wollte den Versuch aber unbedingt wagen, denn es ging nicht um die Sehnsucht nach ihrem Mann.
Weisse Segel leben, das war aus einem Lied, von einem, der sonst viel von Inseln sang. Einst hatte Sie diesen Mann, der sie jetzt langsam neben sich sterben liess, als Insel verstanden, später zumindest die Beziehung zu ihm. Bald wusste sie nicht mehr, ob sie ihn brauchte weil sie ihn liebte oder ihn liebte weil sie ihn brauchte. Ihr Leben war ein Film, dessen vorhersehbares Drehbuch Er schrieb. Ein Film von einer Insel auf der es alles gab, ausser Boote. Sie beide sollten sich gegenseitig und ausschliesslich die Insel sein, im feindlichen Meer der menschlichen Dumm- und Dumpfheit. Sie sollten sich halten, heben, tragen, gegenseitig der Boden sein, auf dem ihre Geschichte passierte. Sie wusste, dass Sand war, worauf sie standen. Irgendwann ihre letzte Hoffnung. Jeder Wind blies die Insel Korn für Korn ins Meer zurück. Auch das war nur ein Drama und jeder hatte seine Rolle, doch tat es ihr gut, den Rest des Untergangs nun selbst zu inszenieren.
Sie hatte den Schutz nicht gesucht, als sie bei ihren Exkursionen durchs Meer fast aus Versehen in seine Retterarme schwamm. Sie war so frei und das nach allen Seiten. Gerade die Tiefe fehlte ihr draussen in der hellen Welt. Doch erspähte Sie ihr Mann, in einem Moment, wo ihr, auftauchend aus dem Weit Unten, ein wenig schwindelig war. Da hielt Er Sie und trug Sie mit geübter Hand nach oben. Und es war schön, von starken Armen gerettet zu werden und so erfuhr Er nie, dass diese Rettung unnötig gewesen war. Sie hatte im Meer die Orientierung verloren, na und?
Die Angst davor hatte Er!
Auch als sie aufgetaucht waren, hatte er den harten Griff um ihre Brust lange nicht lösen mögen und redete Schaum und Gischt, bis Sie sicher war, gerettet in einem Sturm zu sein. Müde und wohlig streckte Sie sich aus, auf dieser Insel, die Er scheinbar aus der Tasche seiner albernen Badehose hatte rieseln lassen. Und als Sie benommen den Halt der kleinen Insel im Rücken genoss und für einen Moment einfach nur lag und war, hatte Er begonnen Sie langsam festzunageln. Doch seine Stösse drückten Sie nur in den warmen Sand, der angeblich sie selber waren.
Darüber sprach Sie später mit dem Mond, der tief und gross über dem Meer stand.
Er war am retten, auffangen, festmachen, von Anfang an, rettete mit ihr vor allem nur sich selbst, während Sie die Tiefe des Meeres und die Weite des Alls in sich trug und suchte.
Wir haben uns nie wirklich verstanden, dachte Sie und sah traurig auf ihren Mann, der ob der Aussicht eines freien Tages glücklich in der Sonne sass. Und immer dieses Schlingellächeln, der kleine Goldjunge, dem man doch nicht wirklich etwas übel nehmen konnte. Manchmal kam Sie sich vor wie seine Mutter, dann hasste Sie ihn. Er konnte nicht teilen, wollte besitzen, hungerte nach Liebe und war nicht in der Lage welche zu geben. Weil Er keine hatte. Prüfend sah Sie ihm auf den Bartschatten. Würde dieser Mann begreifen können, keine Insel zu sein? Würde Er tatsächlich ersaufen, oder machte Er ihr das vor, damit Sie blieb? Sie würde es testen müssen. Und wenn du nicht schwimmst, dann bist du tot!
Sie gönnte ihm den entspannten Blick in die Ferne der See, bald würde Er dort um sein Leben strampeln.
3
Franco der Segellehrer, Fischverkäufer, Hafenwächter, Waldfeger, Franco der kleine Drahtmann mit den Glutaugen musste nur wenig Segel setzen, damit sie rasch aufs Meer kamen und mit geschickten Seemannshänden löste er die paar Knoten, um Sie zu öffnen. Franco war der Sturm und sein Meister in einem. Und auch noch Kapitän. Sie selbst war wie ein Segel in seinen harten Händen und liess sich in den Wind drehen. Frei und leicht flog er über Sie, wie sein Boot übers Meer, kein Vergleich zum Hämmern, mit dem ihr Mann Sie befestigen wollte. Die Kurse waren ausgiebig von diesem Tage an und ihrem Mann fiel nicht auf, dass Sie weder Segeln noch Italienisch lernte. Doch auch ihr Strahlen sah er nicht, denn das Grollen des Meeres war aus den Kavernen der Felsen nun doch in ihren Bauch vorgedrungen und hielt sich dort bei Tag und Nacht. Wie der Stein einen Ton des Meeres in sich behielt, als ewige Erinnerung an seine Kraft, behielt auch sie Francos Energie und Schönheit in sich wie eine leise Gebetstrommel. Ob sie sich je wieder sehen würden oder nicht, dieser Mann würde so lange in ihr rumoren, bis Sie wieder eins mit ihm oder dann doch mit der See geworden wäre. Dachte Sie an Franco, hatte Sie auch vor dem Sterben keine Angst mehr, denn er war das Leben und eigentlich fürchtet man sich ja vor dem. Sie würde ihn nicht brauchen, Er hatte ihr nur gezeigt, wie man von dieser Insel wieder wegkommt. Segeln würde Sie alleine können, segeln oder sterben. Doch besser so, als angepflockt auf einem Haufen Sand.
4
Rasch schob sich die Fähre aus dem abendlichen Hafen. Die braungebrannten Mitteleuropäer sahen den gewagten Manövern im engen Becken zu, bestaunten laut den Sonnuntergang hinter der Costa Smeralda, fütterten Möwen, die sie gleichzeitig zu filmen versuchten oder waren einfach traurig, die Insel ihrer aller Träume hinter sich lassen zu müssen. Ihr Mann stand auf einer Mittelbrücke und sah hinunter zu den ordentlich geparkten Wohnmobilen. Was schaut er an, fragte sie sich, diese fahrbaren Gartenlauben, die alten Camper oder die Kinder, die dazwischen herum wuseln? Campingtische waren aufgeklappt, Weissbier wurde kunstvoll eingeschenkt, Windeln gewechselt, ein Baby gestillt und gleichzeitig der Papi bei Laune gehalten. Auch wenn sie mit ihrer peinlichen Limousine hier waren, schien ihr Mann gefallen an diesem Leben zu finden. Aber Sie hatte kein Interesse mehr herauszufinden, ob es die Menschen oder die Maschinen waren, die ihren Ehemann gefielen. Oder sah Er doch den Kindern zu? Das war jetzt egal.
Denn in ihr grollte und rollte der Abschiedssturm. Wie Wassertropfen wenn man auftaucht, fiel Franco von ihr ab und sie wusste, dass Sie es jetzt geschehen lassen musste. Das Halten ist der Tod, nicht der Schmerz, der Sie in die schlampig gepinselten Ecken des Schiffes zu drücken schien. Es ist besser, sich im Meer zu bewegen, als immer nur auf einer Insel zu stehen und es zu bewundern. Auch wenn man dabei sterben kann. Und sie war nah dran, denn was Sie vor sich im Wasser sah, krampfte alles in ihr zusammen, liess sie an einer Schiffsleiter halt suchen und sich kurz drauf in hohem Bogen über die Reling übergeben. Was ist denn mit Dir los?, eilte ihr Mann herbei. Sie hatte Mühe, den nächsten Schwall nicht in sein Gesicht zu spucken. Erst als Sie leer war und Er Sie mit seinem alten Rettungsgriff unter den Armen hielt, wagte Sie wieder, nach vorn zu sehen. Tatsächlich kreuzte ein kleines Segelboot den Kurs der Fähre, die sich den Weg frei hornte. Sie kannte das Boot genau, auf dem hatte Sie gelernt, auch ihre Insel verlassen zu können. Franco stand breitbeinig und fröhlich winkend, nachdem er das Segel eingeholt hatte und sie ihn überholten. Sie lächelte ein Insellächeln, als ihr Mann sagte, sieh mal, da ist dein Segellehrer und hob schwach die Hand, bevor Sie sie behutsam auf ihren Bauch legte.
Sie sah von ihrem Mann auf den Liebhaber im Boot. Ihre Freiheit wie auch ihr Halt, beides Männer. Letztlich fremde Männer. Dann legte Sie sich auch die zweite Hand auf den Bauch und wusste, genau von dort würde sie die Kraft haben, alleine weiter schwimmen zu können. Ohne Tests und Berechnungen war Sie sich ganz sicher, dort wuchs jemand heran. Und mit dem alle Kraft in ihr. Still weinte Sie dem Sarden nach und lehnte sich an den Mann, den Sie bald verlassen würde. Sie war zerrissen wie selten und erfüllt wie noch nie. Inbrünstig wünschte Sie, dass sie ihrem Kind niemals ansehen würde, wer wirklich sein Vater war.
Die Insel oder das Boot.
Labels: irgendwie liebesgeschichten
Samstag, November 04, 2006
Freier, Bürger
Und als uns all Deine Lippen wieder freigaben, als wieder fremde Lichter schienen, da wankten wir, ein wenig glücklich, dorthin zurück, von wo wir gekommen waren, von wo das Licht kam, hinter die Lamellen der hölzernen Läden, in die Welt aus Sonntag, die Stadt aus heissem Stein, auf Strassen aus Staub.
Berauscht von der Haut des Anderen, blaufleckig und taub unserer Gier, war uns deine alte Freundin Basel in Stunden fremd geworden. Nest war sie nur hinter den Türen. Unbekannt jetzt, wie ihre Menschen, die im Sonntagsstaat an unseren Kaffeetassen vorbeipromenierten, Kinder erzogen oder laufen liessen, Räder schoben, in Bikinis und Kniehosen ihre Badebündel den Rhein aufwärts trugen, um sich dann später gesichert mit den Niveasäcken den Strom hinab treiben zu lassen. Der Tag war heiss und Hunderte vertrieben sich so die Zeit. Alle schienen zu zeigen: Ich bin ich oder Ich bin nichts. Und wir verstanden, Paar unter ihnen, zwei Andere unter Anderen im Fremdsein gleich.
Und weiter zogen wir durch die matten Sonntagsstrassen und taten was alle tun, die so ineinander gefallen waren, wir versuchten die dunklen Bande der Stunden zwischen Teppich und Bett in den hellen Tag zu retten, die Angst vor Alltag im Genick. Und fanden uns also vor den Schaufenstern der Möbelhandlungen wieder und lachten uns aus dafür und küssten uns deswegen.
Aus diesem Kuss fiel dein Blick auf die junge Frau gegenüber auf der Strasse, die unter den Bäumen der Claramatte im Schatten um sich selbst trieb und in die offenen Scheiben, Dächer und Verdecke der wenigen Wagen lächelte. In der Linken eine Zigarette, winkte sie mit der Rechten kleine Zeichen in die Autos. Die Fahrer schienen sie nicht zu bemerken. In einem den mageren Körper betonenden Ensemble aus einer zehnmal vergangenen Mode gekleidet, wirkte sie, auch mit herauswachsendem Henna, noch frisch und anziehend. Einzig das Gesicht zeigte schon den Beginn der Maskierung. Irgendwann würde auch sie hinter Puderschichten zwischen den Zeiten versteinern oder aber rasch und unbarmherzig verfallen.
“Das ist der Drogenstrich hier!” hauchtest du in mein Gesicht.
“Ja, ich sehe es. Das ist der Drogenstrich.”
Bevor die junge Frau immer dem Einbahnverkehr entgegen um die nächste Heckenecke aus unserem Blick gelaufen war, trat ein Fussgänger auf sie zu. Ein Gespräch entspann sich und der allgemeine Bürger verriet sich als Freier.
“Was tut der da?” fragtest du.
“Der macht den Preis.”
“Dabei sieht das so friedlich aus. Als reden sie über ihre Hunde oder das tolle Wetter. Die Welt geht wohl ständig unter, ohne das wir es ahnen, weil sie dabei so freundlich aussieht.” murmeltest du an meine Schulter. Das Paar war handelseinig und ging langsam vom Parkweg über die Strasse. Ohne nachzudenken, ohne Wort folgten wir einem gemeinsamen Impuls und Ihnen. Zehn Meter vor uns liefen sie durch die Strassen des Kleinbasel. Immer wieder wandte sich der ältere Herr zu der jungen Frau, die aber einsilbig blieb. Gesagt war wohl schon alles. Vor einem der alten Häuser blieben die Beiden stehen, die Frau wies nach oben, und die Handelspartner verschwanden hinter der schweren Holztüre. Kurz darauf zogen im ersten Stock dünne Arme leise krachend Fensterläden zu, dann wurde Geld verdient.
Gegenüber befand sich ein kleiner Park, in dem wir uns eine Bank suchten, das Haus im Blick.
“Was die wohl da oben tun?” fragtest du vor dich hin.
“Wie sie es wohl da oben tun?” antwortete ich ins selbe Nichts. “Obwohl die Frage ist genauso dumm wie deine. Es ist doch so egal, was sie da tun. Sie tun, was man eben tut, für ein oder zweihundert Franken.” Seitlich sahst du mich vom Vulkanboden an. Bandest meine Lässigkeit mit einem Blick aus schwarz glänzendem Samt.
“Macht das Männern Spass, so für ein- zweihundert Franken?”
“Was weiss denn ich? Ich bin im besten Falle einer und nicht Männer. Und ich musste noch nie dafür bezahlen.“ Ungewollt begann ich breit zu grinsen, während meine Hand gewollt deine Oberschenkel hinauf strich. Von den sehnigen Kanten des Knie, folgend der Bronze in dunklere Gegenden. „Vielleicht spüren Männer so mal wieder die Macht die im Sex, im Eindringen und Raum nehmen liegt. Sie können sich das Recht, in einem Körper zu weilen, zuweilen kaufen. Das ist ihre Macht und vielleicht ihr Spass. Aber eher doch ihre Not. Ich weiss es nicht. Hoffentlich hat sie zumindest ein wenig Freude daran, für eine Lüge Geld zu nehmen” Deine Lippen öffneten sich und ein winziger Laut entwich ihrem kleinen Spalt, als ich die kurzen, dicken Wülste erreichte, über denen der Slip spannte. Dein Aal von einer Hand griff mir in den Schritt. Streichelnd was da wuchs, fragtest du weiter. “Würdest du für mich bezahlen?” Ein langer Kuss gab mir Zeit zu überlegen. „Für deinen Körper schon, doch das würde mir nichts nützen. Denn ich will dich ganz ficken, auch deinen Kopf, dein Herz, deine Seele. Alles will ich reiten, nicht nur deinen geilen Körper. Und das kann ich nicht kaufen. Drum schenk ich mich dir. Und ich will, dass mehr als nur dein Fleisch nach mir verlangt. Auch wenn uns Instinkte treiben, geht es um mehr als Lust. Wenn mein Saft die Welt rettet, dann doch nur in Dir.“
„Ja rette erst mich.“ atmetest du mir in den Nacken. Gekonnt an der Grenze zum Schmerz arbeitete deine Hand an meiner Hose. Säfte weckend, die ich für alle Frauen der Welt in dich geben wollte. „Du hast Macht über mich und weißt es.“ sagtest du, den Reissverschluss öffnend.
„Es ist keine Macht über dich, mehr über uns. Unsere Macht über uns.” Die Hose wurde mir eng, endlich führtest du ins Freie was da raus wollte. “Wir haben die Macht uns zu entzünden, einer raubt dem Anderen den Verstand.” Dein Mund kam meinem Ohr gefährlich nah, bei spitzen Worten berührte er die Muschel kurz. Kleine, matte Monde gingen mir auf; deine Macht.
“Wir haben also Macht übereinander?” Ich gab dir mein Ohr ganz. Und formte aus dem schwereren Atem: “In den Worten und wenn sie nicht mehr reichen, wenn wir andere Sprachen brauchen, um uns die Gier nacheinander zu zeigen, da haben wir Macht über uns. Und nur da!”
“Und wieweit führt das?”
“Fragen stellst du! Überall hin! Überall hin führt das!” Ich gab dir den Nacken. Du lecktest Nacht in mich. “Reicht diese Macht für hier und jetzt?” Die Sonne Verstand ging mir noch einmal kurz auf. “Hier und jetzt? Das wird doch nichts! Wir sind in einem Park, überall wuseln Kinder, die Mütter an der Ferse. Für so was bin ich dann doch zu alt. Wie soll man sich denn konzentrieren?” Deine spitze Brust rieb mir an den Schultern, während du dich umsahst. “Du sollst dich nicht konzentrieren, ich bin kein Schachbrett! Du sollst dich hingeben, meiner Macht hingeben.” Das sie längst wirkte, war jetzt am rosa Kopf meines Schwanzes zu sehen, der aus der Hose stach und den du sacht befeuchtetest. Ehe die Bilder, über das Knäuel, das dein Rock gleich bilden würde, in mir aufgestellt waren, sasst du auf mir. Mein sacht pulsendes Sensorium spürte die warme Nässe deines rosa Schmetterlings, strich über seine Flügel, die sich füllend auseinander wichen. Es fand was sich finden soll. Verhalten stöhnend quittierten wir uns das Eindringen. Mit sachtem Wippen schobst du mich tiefer in dich, am Sonntagnachmittag im Park. Die Bewegungen deines Beckens, das feine Schieben des kleinen Po, gaben uns einen Rhythmus, der nicht zu sehen aber extrem zu spüren war, am Sonntagnachmittag im Park. Langsam erhöhtest du das Tempo. Warm von Dir umschlossen, stand ich halb liegend in dir. Je weniger du tatest, umso starrer kam ich an eine Grenze, hinter der ich platzen würde. Ganz leise verfielst du in dein helles Glucksen. In dir zuckte es schon autonom mit und du folgtest diesem Fluss. Heftig plötzlich deine Stösse, als suchten sie den Punkt. Ganz ohne Dich schwammst du mit wenigen kräftigen Bewegungen auf meinem Schwanz in deinen Wassern zu dir. Weil ich wusste, wie viel du für Momente an der Oberfläche liesst, um gleich darauf umso mehr auf deinem Grund zu finden, liebte ich dich. In diesen Momenten sah ich deine Fülle. Wir keuchten uns in die Kragen, den Monden elliptisch näher kommend. Kontrollverlust. Kurz kralltest du an mir, mit dem Biss in meine Schulter entlud sich alles was ich dir zu geben hatte. Dein kurzer Veitstanz auf mir läutete im Höhepunkt das Ende ein, lang und langsam deine abklingenden Bewegungen. Du glittst auf mir aus. Ungläubig sahen wir uns in die Augen. Mitten unter all den Sonntagsmenschen hatten sich unsere Wesen berührt.
Zur ersten Ausschau in die andere Welt, nach Polizisten und besorgten Eltern, sah ich die schwere Holztür aufgehen. “Du, der geht schon wieder. Das ging aber fix. Mehr als fünfzig Franken kriegt der an seiner Alten nicht vorbei.” Mich verliess dein Blick, der noch der der Lust war. Der schmerzvoll, überraschte, den ich so liebe. “Hoffentlich sagst du nie „Alte“ zu mir. Wo der wohl hingeht?”
“Na zu seiner Frau. Vielleicht wird er vom Elend auf der Strasse erzählen, dass sich nicht mal mehr sonntags versteckt.”
Du stiegst von mir ab und kniffst die Augen. “Bist du sicher? Würde mich brennend interessieren, was der jetzt macht.”
Die Hose ordnend sagte ich: “Dann gehen wir ihm nach! Es gibt noch Fragen! Geht der schnurstracks aufs Tram? Oder trinkt er noch einen Kaffee, bevor ihm seine Frau im Vorgarten zeigt, wo er hingehört, für den weit grösseren Teil seines Lebens? Vielleicht trifft er sich zum Boccia? Wem berichtet er sein kleines Abenteuer? Ihm nach!” Der sauber Gekleidete, wechselte die Strassenseite und zog nicht sehr eilig, die Strasse fixierend, von dannen. Wir wollten ihm nach, da öffnete die Tür zum zweiten Mal. Die junge Frau verliess das Haus eilig. Sie versuchte sich eine Zigarette anzuzünden, das Feuerzeug fiel ihr aufs Trottoir. “Gottverdammi!!!” sie bückte sich und eilte weiter, ohne zu rauchen.
“Und wo geht sie jetzt hin?” fragtest du. “Das interessiert mich eigentlich noch viel mehr.”
Ich hatte einen simplen Einfall, der mir, wie jeder an deiner Seite, die Qualitäten eines Geistesblitz zu haben schien: “Wir trennen uns jetzt! Ich gehe ihm nach und du bleibst bei ihr.“
”Ja ich bleibe bei ihr. Los beeile dich, der ist gleich weg. Wir treffen uns auf meinem Balkon!” Ich hastete dem Mann hinterher, du liefst langsam der Hure nach. Gemächlich strich der alte Herr durchs Kleinbasel, bis er in einem Schulhaus verschwand.
Eine Zeit später, eines der energischen Gewitter dieses Sommers tröstete uns, sassen wir rauchend, Schulter an Schulter auf deinem Balkon.
“Völlig klar wo sie hinging, zwei Strassen weiter stand der Dealer. Sie verdrückte sich kurz in einer Auffahrt und kam nach zehn Minuten, fast unverändert wieder heraus.”
“Ging sie wieder zur Claramatte?”
“Nein, sie telefonierte und traf zwei Strassen weiter eine Freundin. Mit der betrat sie eine der Kneipen, die schon bei Tag Nachtleben haben. Und bei dir? Wo ging er denn hin, der saubere Freier?”
“Er ging in ein Schulhaus.”
“In ein Schulhaus? Am Sonntag? Was will er da?”
“Abstimmen! Heute ist Abstimmungssonntag! Und weißt du worüber abgestimmt wird?“
“Nein”
“Unter anderem über Droleg! Die Initiative zur Legalisierung und Entkriminalisierung des Drogenkonsums.”
“Was wird er wohl gestimmt haben?” fragtest du, mir deinen Rauch ins Gesicht blasend.
“Er ist ein freier Bürger.”
“Ja, er ist ein freier Bürger.“
Die Strassen aus Regen, die Stadt aus dampfenden Stein, die Welt aus Sonntag, verschwand wieder hinter den Lamellen und ein wenig unglücklich, wankten wir dorthin zurück, von wo wir gekommen waren. Und als uns all deine Lippen wieder fesselten, schufen wir eine neue Welt aus unserem Licht. Die musste eine gerade untergegangene ersetzen.
© götz schwirtz
Labels: Sex sells
Dienstag, Oktober 31, 2006
Buchholz Kiste
Buchholz Kiste
Ganz plötzlich, um drei Uhr sechsundvierzig, kollabierte Toms verzweifelte Wut in ein heilloses Wissen. Es öffnete sich ein Riss in ihm, ein kleiner Spalt als Anfang eins Bergsturzes brach auf. Innere Hänge kamen ins Rutschen, seine sonst sonnenverwöhnten Matten glitten talwärts in eine Sohle, deren Tiefe ihn saugend erwartete.
Die schlanken, blauen Zahlen auf dem Wecker zeigten die Naturkatastrophe präzise an. Angewidert schleuderte er das teuere Designteil durchs Zimmer. Es landete kopfüber neben Buchholz Kiste und erleuchtete batteriebetrieben und stossfest gleichmütig das Parkett dort. Tom war, als schmolz das Blau sein ganzes Elend in einen Kreis fahlen Lichts. 9 h durch E – das war die Formel für seinen Weltuntergang. Auf dem Kopf stehend gaben die Zahlen das Beben akkurat an, das ihm den Boden nehmen würde. Er stand auf und steckte den Wecker weg aus seinem Blick in Buchholz Kiste.
Fette Nebel waberten seit Tagen durch die Stadt; die klaren, nächtlichen Linien des Zimmers aus Wirklichkeit und Schatten, schienen in einem Würfel aus Milchglas gefangen und Tom war der Einschluss, der seine Welt zum Fehlguss machte.
Er ging zum Fenster, kein Mond zu sehen, nur heller Nebel.
Da wo sie sonst lag, seit sechs Jahren, an seiner Seite, gähnte ein Abgrund neben ihm im Bett und niemand da zum festhalten, nicht mal ein Mond zum Reden, nur sein Licht um die beginnende Katastrophe zu beleuchten. Tom fingerte in der Tasche der Cordhose, die über Buchholz Kiste lag und zündete sich entgegen den strengen Regeln des Paarbetriebs eine Zigarette an. Es gab keine Regeln mehr, denn grundlegende und vor allem ungesagte waren verletzt worden. Nun war kein Halten in dem Fluss, der aus Toms Riss strömte und sich in ihm immer mächtiger werdend zu einem Meer aus schlammigem Geröll ergoss. Und er wusste genau, es waren die unausgesprochen erwarteten stummen Erklärungen und Entschuldigungen, die seine Frau heute Nacht fernbleiben liessen. Das war ein Zeichen, in ihrer Ehe kam so etwas nicht vor. Er trat die Zigarette neben dem Bettvorleger aus. Alles in diesem Zimmer, alles ausser dem Wecker und Buchholz Kiste, hatten sie gemeinsam ausgesucht, wie das gesamte andere Mobiliar ihres neuen, ihres gemeinsamen Lebens auch. Zu hoffnungsvoll diese Bummel durch den IKEA, kein Wunder, dass die Leute ihre Kinder schon so nannten. Wirkliche Liebe kennt keine Kompromisse, sie ist der natürlichste. Und immer diese Einigkeit, die beide nicht nötig hatten, die das Paar aber brauchte und produzierte.
Es war sinnlos, sich wieder hinzulegen, wusste er und tat es doch. Was über Stunden Fragen gewesen waren, wurde zu knappen Sätzen, die nicht mehr in ihm kreisten, sondern als Lawine stürzten. „So nicht mit mir!“ schrie jeder fallende Stein, bevor er ihn traf und tiefer ins Bett drückte. Seine Wut erschlug sich selbst. Auf der Seite liegend, flach atmend sah er, wie schwacher Schein von draussen auf Buchholz Kiste fiel. Die hatte sie damals mitgebracht und er ohne Nachdenken ihrem unverständlichen Wunsch nachgegeben, sie hier im Schlafzimmer aufzustellen. Damals, ein Einschluss Zeit vor diesem Jetzt. Vieles an seiner Frau hatte er nie verstanden und hielt für Liebe, dass es ihm egal war. Die Kiste machte ihm sogar Spass, da sie Buchholz, seinem Vorgänger gehörte. Als noch nicht an gemeinsam ausgesuchte Bettvorleger zu denken war, er seine Füsse morgens in ihrem Schlafzimmer in ein Schaffell steckte und gar nicht weiter in den Tag laufen wollte, hatte es ihn angemacht, das hässliche Stück hinter sich zu wissen. Das alberne Möbel eines Mannes, der diese Frau niemals so unter sich und einem Spiegel zum Biegen und Schreien gebracht haben konnte, wie es ihm gelungen war. Buchholz Kiste war eine Erinnerung an ihren Anfang geworden, deshalb mochte er sie immer noch in diesem Zimmer, denn auch hier war sie weiterhin ab und an Zeugin unglaublicher Begegnungen gewesen. Auch das schon damals.
Ihr Deckel hob sich und Tom schoss hoch. Was geschah da? War das ein Wachtraum? Er hatte doch gestern Abend nichts getrunken oder geraucht, also auch nichts Falsches. Das war real oder er wurde wohl wahnsinnig. Jetzt schon? Stimmte die Geschichte doch? Sein Herz begann zu rasen, aber die rauschenden Schläge in seinen Ohren wurden von Stimmen aus der Kiste übertönt, bevor sich ihr Deckel weiter hob und die Vorderwand aufs Parkett krachte. Dann wurde er ganz aufgestossen. Tom erstarrte, als er im matten Licht des Weckers eine Stoffgiraffe, einen Teddybären und einen Holzkasper in der offenen Kiste stehen sah. Die alberne Geschichte von Buchholz raste ihm durch den Kopf. Sein Vorgänger hätte als Kind Angst vor den Figuren einer Abendgrusssendung gehabt, die einmal die Woche für fünf Minuten aus eben so einem Kinderzimmermöbel gestiegen waren, um für die Kinder an den Apparaten ein heimliches Abenteuer im nächtlichen Kinderzimmer zu erleben. Zu seinem Schrecken hatten ihm seine Eltern zum sechsten Geburtstag eine Kiste wie aus dem Fernsehen geschenkt, da es ihm ab da verboten war, seine Plüschtiere und Lieblingsspielzeuge zur Nacht mit ins Bett zu nehmen. Damit die nicht herumlagen, bekamen sie die Kiste, aus der er bei Tag ein Haus oder sogar ein Puppentheater bauen konnte. Buchholz tat es nie und benutze seine Kiste nur auf Befehl. Es war sein Lieblingstraktor, den er unter den Augen der Mutter achtlos und wütend hineingeworfen hatte, der als erster nachts die Klappwand herabrollte, um ihn mit seinem Bett in einen bösen Traum zu schleppen. Noch als erwachsener Mann war Buchholz überzeugt, jede Lieblosigkeit und jede Lüge des Tages kam nachts aus dieser Kiste zu ihm zurück. An sich keine schlechte Idee, dachte Tom, doch seine Frau hatte ihm weiter erzählt, dass diese Kiste auch für jede Angst seines Vorgängers den Kern zu bergen schien und sie sie deshalb bei ihrem Auszug kurzerhand mitgenommen habe, als letzten Dienst sozusagen. Und erst jetzt, als drei Spielzeuge auf ihn zu liefen, fiel ihm auf, wie verrückt es war, dass sie diese Kiste fortan in all ihren Schlafzimmern nach Buchholz aufgestellt hatte. „Ich bin auf der Flucht, da braucht man eine Kiste. In ihr ist, wovor ich immer wieder fliehe, mein Selbst. Sie sagt mir, dass es letztlich keine Flucht vor mir gibt, auch nicht in andere Arme. Darum ist sie so wichtig.“ So hatte sie es ihm zu erklären versucht.
„Was ist hier eigentlich los?“ fragte ihn der Holzkasper mit strenger Stimme.
„Genau!“ schloss sich die Giraffe an. „Jetzt guckst du dumm.“ grinste der Teddybär starr. In einer Reihe kamen sie auf ihn zu, schlendernd bedrohlich. Tom wich im Bett zurück. Reiss dich zusammen, zwang er sich und rieb die Augen. Das musste doch wieder aufhören! Rasende Angst, verrückt geworden zu sein, hämmerte ihn steif. Lange Schatten an die Wand werfend kamen die drei näher.
„Was wollt ihr?“ schrie er sie an und der Bär kicherte. „Er fürchtet sich, na wie süss.“ Tom schlug sich an den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein, so etwas gab es nicht, er war doch nicht irre. Er sprang auf und trat mit Wucht nach den Angreifern. Dann lag er längs im Zimmer. „Über mich stolpert noch jeder.“ knarrte der Holzkasper. Wie von Geisterhand stand plötzlich die Plüschgiraffe vor seinem Kopf und sah ihm aus schwarzen Knöpfen in die Augen. „Du blutest!“ sagte sie und schrie: „Sani!“ Ein zerbeulter Blechkrankenwagen raste heulend aus der Kiste heran, hielt neben seinem Kopf und brachte ein bunt bedrucktes Taschentuch, das ihm die Giraffe reichte. „Pass bisschen besser auf! Man tritt nicht nach uns.“
Tom tupfte sich die Wunde an der Stirn. „Ist das Buchholz Taschentuch?“
„Wieso?“, fragte der Kasper.
„Na weil ihr Buchholz Spielzeug seid.“
„Wer sagt das denn?“
„Meine Frau.“
Wieder kicherte der Bär hinter ihm, „Seine Frau...“
„Lach nicht so blöd!“ schnauzte der Kasper seinen Kollegen an. Dann stand er neben der Giraffe vor Tom. „Es gibt keinen Buchholz und wir, mein Lieber, wir gehören deiner Frau, genauso wie sie uns gehört, seit über dreissig Jahren schon. Kapiert? Du bist ein hilflos Fremder in ihren dunklen Gärten. Wir sind all das, was du an ihr nie verstanden hast, wir sind ihr Geheimnis. Jetzt guck nicht so entsetzt. Setz dich lieber auf den Teppich, tupf deine Wunde, so lange es nur die eine ist und hör uns zu.“
Tom tat wie ihm geheissen und die drei kamen näher, das Krankenauto fuhr in Reichweite, sein Blaulicht liess das Zimmer pulsen. „Also ich gebe dir nicht recht, Teddy“, begann die Giraffe, „das ist schon seine Frau, schliesslich haben sie geheiratet. Zählt zwar nicht bei uns, aber gönnen wir ihm, noch von „seiner“ Frau zu reden. Lasst uns darüber später diskutieren, wenn er weiss, wer sie eigentlich ist, welche Mächte in ihr wohnen. Andererseits, lieber Tom, hat der Kasper völlig recht, bloss weil ein stürmischer Anfang war und ihr miteinander voreinander und vor der Welt in den Paarmodus floht, hast du keinerlei Anspruch auf sie. Verstehst du das? Denke über dich nach und nicht über sie, in dieser ersten Nacht, in der sie nicht nach Hause kommt. Denk über den nach, zudem sie das erste Mal nach sechs Jahren nicht zurückkehrt! Liebe, mein Lieber, ist keine Selbstverständlichkeit. Du machst Kompromisse, weil du sie zu lieben glaubst, sie aber will Liebe. Keine grossen oder kleinen gemeinsamen Nenner, kein freundlich unausgesprochenes Agreement, kein Einigsein, sondern Liebe. Liebe zu dem was sie ist, - eine Frau. Und nicht deine Frau. Vielleicht ist sie heute Nacht wieder auf der Suche, wie damals, als ihr euch traft. Bei dir fand sie nach sechs Jahren nur dich in Auflösung. Sie zu lieben hat dich verändert. Du hast und suchst nicht mehr. Verstehst du was ich meine?“
Toms Geist war starr und offen. Da wo die Lawine ein Loch gerissen hatte, strömte unhaltbar Wahrheit in ihn hinein. Von diesen kleinen, blöden Monstern. „Willst du wissen, wo sie ist?“ säuselte der Teddy. „Egal, ich sag es dir. Sie ist bei dem neuen Kollegen, diesem Sarden. Guck nicht so, ich bekomme noch Mitleid. Ja, Ja ich weiss, das war „eure“ Insel. Pustekuchen, du Knallfrosch. Sardinien ist so wenig euch, wie diese Frau die deine war. Du hast nie begriffen, was ihr dort gefallen hat, was sie im Auge hatte, wenn du neben ihr Bücher redetest oder Bestellungen radebrechtest. Du nahmst ja nicht mal wahr, dass sie die Sprache mittlerweile spricht. Tja und dann kommt da der neue Kollege, geborener Sarde, na gut, zweite Generation und merkt irgendwann, wie sie ihn ansieht. Du genossest jede Sekunde mit ihr. Stimmt das? Siehst du und das war die Klammer. Du hast deine Frau nicht geliebt, du hast sie genossen. Jede Sekunde auf der Insel an ihr dran wie ein Dackel, ausser beim Joggen, deinem Auslauf. Gesogen hast du an ihr, wie an einem Füllhorn. Und sie sitzt währenddessen in einem Film, dessen Ton sie abgedreht hat, sieht das schwarze Funkeln dieser freien Männer an sich vorüber laufen, manche bleiben stehen, ohne gleich ihr Leben auf sie bauen zu wollen. Und plötzlich das ganze jeden Mittag in der Kantine und wie weggeblasen sind alle kalten Nebel. Da brach sie halt zusammen. Unter dir! Dunkel im Kern ist sie genau wie du Tom. Eure grösste Ähnlichkeit war euer Verhängnis, ihr habt euch die tollen Menschen gegenseitig vorgeschwiegen. Unter dem Level auf dem ihr euch traft, war noch so viel, bei beiden. Erst mit den Jahren hat sie begriffen, das Wichtigste in deinen Redefluten sind die unbenannten Inseln, die du in einem Meer aus Worten geschickt umschiffst, so dass sie nur aus Versehen am Horizont auftauchen. Du hast doch selbst geglaubt, was du deiner Frau von dir zeigtest! Darum war sie die Liebe deines Lebens, weil sie dich so schön gross gemacht hat. Gleichzeitig findet sie dich, am Boden ihrer Gefühle, winzig klein. Und das reicht nicht. Du wirst neue Tiefen kennen lernen, da ihre dich nun mitreissen. Tauchen in ihnen wolltest du ja nicht. Der Sarde hat den Schnorchel schon draussen, das sag ich dir.“
In jeder Zelle Toms wuchs ein Schmerz, ihm tat das Leben weh.
Der Holzkasper sah in streng an. „Euer Sein war prall gefüllt mit Ereignissen, Ritualen, Gemeinsamkeit und deinen vielen Worten. Sie ging sich selbst in Euch verloren. Sie liebt dich nicht. Und bei all eurer Einigkeit, deinen Beschwörungen eurer Einmaligkeit als Zweierwesen kann sie es dir nur so zeigen wie heute Nacht. Weißt du was dein Fehler ist? Du leidest zu wenig. Du warst zufrieden, mit dem was du hattest. Das hat sie entsetzt und auch verletzt. Jetzt lehrt sie dich leiden.“
„Aber ich liebe sie doch wirklich, wie keine andere je.“ antwortete Tom leise. Ungelenk kam der Holzkasper weiter auf ihn zu. „Sag mal, muss erst noch der Panzer aus der Kiste rollen, bevor du begreifst? Du liebtest, was du an ihr hattest, nicht sie. Und richtigerweise weiss sie, du wirst nur leidend lernen. Nicht mehr für sie.
„Aber ich will sie nicht verlassen!“, erwiderte Tom.
„Das musst du auch nicht, sie wird dich zwischen all den geschraubten Möbeln hocken lassen. Sie tut es schon.“
„Aber, sie muss doch mit mir reden!“
„Tut sie, jetzt und hier. Du wirst ohne sie begreifen müssen, was Liebe gewesen wäre. Denn loslassen wirst du sie lange nicht können, zu stark ist ihre Macht. Kein Hund hat je so gelitten, wie du es tun wirst. Das kann ich dir versprechen. Und noch eine Bitte, bevor wir Dich vorerst deinem Schicksal überlassen: Rauche bitte nicht im Schlafzimmer. Die Kiste ist nicht mehr ganz dicht und wir fangen an zu stinken.“
„Du weißt ja nicht wie es ist, frisch gewaschen auf die Leine gehangen zu werden. Mit der Klammer an den Ohren“ pflichtete der Teddybär bei, „Kasper, wir müssen zurück, die Batterie vom Krankenwagen hält nicht ewig und ich habe keine Lust, ihn wieder schieben zu müssen. Du Tom legst morgen neue in die Kiste. Und so viele, dass es auch für das Radio im Wecker reicht. Ist das klar?“ Tom nickte automatisch und beobachtete starr, wie sich die drei Spielzeuge auf den Weg zurück machten. Als letztes fuhr der Krankenwagen matt die Rampe hoch, dann zogen sie der Teddy und der Kasper ächzend nach oben. Kurz sah Tom noch mal den Kopf der Giraffe nach dem Deckel beissen, dann fiel er scheppernd zu.
Was war das denn? Tom setzte sich auf die Kiste, die bedrohlich wankte und zündete sich eine Zigarette an. Sein Schmerz liess keinen Gedanken zu und er gab sich ihm hin. Der Tag versuchte durch die Nebel zu brechen, als die Wohnungstür ging. Tom erwachte aus seiner Trance und warf Sachen in einen Koffer. Dann ging er zu seiner Frau in die Küche. Schön und fremd stand sie vor ihm, anziehender als je zuvor. Seine eigenen Worte, in ihr geheimnisvolles Gesicht gesagt, zerrissen ihn fast. „Ich werde erst einmal ausziehen und mir überlegen was nun zu tun ist. Ich lass dir alles da und werde schweigen. Nur Buchholz Kiste, die nehme ich mit.“ Seine Frau lächelte ihn aus dunklen Tiefen an.
„Ja klar, dafür ist sie da.“
© götz schwirtz
Labels: irgendwie liebesgeschichten
