Dienstag, Oktober 04, 2011

Ich bin im BIlde

GÖTZ SCHWIRTZ

TIEFE QUILLT AUS RISSEN IN DER OBERFLÄCHE

Die Avenues haben nur eine lange Schattenseite in der Hitze und ihr Beton fängt früh an zu glühen. In den Querstrassen bläst wenigstens Wind zwischen den Wassern. Doch ist es egal wo ich bin, Hauptsache, um die Ecke geht es weiter. Ich bin immer dort wo es weiter geht, wenn nicht, bin ich falsch oder der Ort.
Ich habe sogar Nerven, mir verschieden bunte Rolex in einem Schaufenster anzusehen. Jede derer würde zum grauen Schimmern meines Anzugs passen. Der ist noch dunkler vom Schweiss, der flächig durchbricht. Die Türsteher der Nobelläden haben nicht nur einen Gehsteigföhn im Winter, der ihnen von unten in die Mäntel bläst, nein jetzt bei 104 Grad Fahrenheit, gibt es Läden da wird gekühlte Luft unter den Portier gepustet, der aber trotzdem im Laden wartet. Es kommt ja sowieso keiner am Mittag. Ich nehme seinen Platz am Schaufenster ein und lerne, das es bunte Rolex gibt. In der Auslage am Eingang zum Vorbeigehen.
Das was zu tun gewesen war, hätte ich überall auf der Welt tun können, nun bin ich froh, damit fertig und hier zu sein, aus dem klimatisierten Konferenzraum und den kalten Entscheiden in die Glut der Stadt und von dort aus wieder in eines der Museen tauchen zu können, die anderswo als Kühlhaus durchgehen würden. Kunst gammelt nicht in der Hitze, aber wir vergehen. Gekühlt ist der Feininger besser. Schnell war ich den anderen entronnen, nicht flüchtend, sondern mehr seitlich entweichend. Warum auch sollte ich vor meinem Erfolg flüchten? Narzissten ist der Erfolg egal. Denn sogar der ist kleiner als sie selbst sich sehen müssen. Die anderen feiern jetzt den Geschäftsabschluss, ich auch. Und gehöre zur Gruppe derer, die keine Gruppe sind. Ich führe die Gruppe derer an, die keine Gruppe sind und nie Anführer akzeptieren würden. Ich führe sie zu guten Abschlüssen, gebe meinen Leuten Geld und flotte Sprüche und gehe meiner Wege. Ich liebe dieses Land, aber den Reiz des Lapdance werde ich nie verstehen.

Das Museum hat gerade erst geöffnet und trotz der Hitze draussen suchen nur Wenige Rettung im Kühlhaus der Kunst. Schnell stehe ich vor dem schwarzen, schmalen Panther, der so steinkalt lebendiger wirkt, als der hinter den Stäben in Rilkes Zoo, gebe die kurze Referenz der Gründerin des Hauses, die sich selbst in Stein gehauen hat. Auch schwarz. Ich weiss welche ihrer Bilder ich ansteuern wollte, doch auf dem Plakat war Feininger angekündigt, im dunkeln Treppenhaus zieht mich etwas weiter nach oben zu ihm. Die werden doch nicht. Doch sie haben. Kaum in den Ausstellungsräumen, stehe ich im Spannungsfeld der beiden Brücken. Clever hängen sie in zwei Räumen in einem neunzig Grad Winkel. Ich stelle mich genau an den vom Kurator gedachten Punkt und warte, zu welchem der beiden Bilder es mich mehr zieht. Für die Details muss ich pendeln, erst von ihr argwöhnisch beäugt, scheint die Aufseherin stolz zu sein, einen so interessierten und genauen Betrachter bewachen zu dürfen. Erstmals sehe ich die Bilder im Original, verbleibe letztlich vorm neueren der beiden mit den gleichen Sujets und beginne langsam in dem Bild zu verschwinden. Die Brücke überquert meinen Weg weiter oben als sie ist, doch könnte ich sie nie unterschreiten, in eine Stadt, die schon beim zweiten Haus undeutlich wird. Das ist egal, den sie ist auch sehr ungerade, manche Häuser gelb, und mehr scheint hinter den bemalten Flächen zu sein, als das worauf ich schaue. Ich drehe mich um und sehe aus dem Bild, über mir die Brücke, in den Saal in dem ein kleiner Junge steht. Frech sieht er mir zu und seine Augen funkeln vor Freude und Neid. Der findet gut das ich im Bilde bin. Andere Besucher schieben langsam an ihm vorbei, und sehen ihn und mich nicht.
Ich habe überhaupt keine Lust weiter in die Flächen eines Fremden zu steigen, die ihre Tiefen ohne Abstand verlieren. Wer weiss, was Feininger in den Kneipen erlebt hat, ich habe keine Lust auf Kneipen, davon hatte ich schon genug. Ich stehe unter der Brücke, lasse die Betrachter weiter ziehen und sehe mir den Jungen an, der mich immer noch mit den Augen verfolgt. Ich kenne ihn. Ich kenne ihn, seit er in einer Galerie hing, ich kenne ihn und weiss, das ich es selbst bin, der mich da anblickt. Der Junge ist kein Junge, er ist ein Bild. Ein Bild das eigentlich woanders hängt, das ich beim ersten Mal sehen wiedererkannte. Am eigentlichen, am alten Bild ist nichts verwunderliches. Ein reicher Pfeffersack hat seinen Erben malen lassen. Man sieht schon die spätere männliche Masse, mit der er sich durchsetzen wird, jetzt ist sie noch niedlicher Babyspeck. Doch sieht man auch die kommende, harte Schönheit. Sein Blick ist jetzt schon lüstern, um Liebe wissend, nicht erwartend, nicht einfordernd. Doch irgendwer muss den vermuteten späteren Weiberhelden vergessen haben, jeder hat seine Zeit, manche auch ein grosse, doch ist sie vorbei und dann noch ein paar dazu, landest du auf dem Kunstmarkt, wo ein Debus dich und genau das sieht, was noch nicht da war. Selten, so viel Idee, soviel Kunst mit so wenig Aufwand und einer so brutalen Wirkung. Debus malt dem Knaben mit Eitempera verlängerte Ohren aufs Öl und nennt es "Das fremde Kind". Zwei Ohren, ein Titel und die Oberfläche reisst. Ebenen der Tiefe erscheinen. Debus Oberflächen sind glattes Eis mit Gletscherspalten.
Der Junge drückt auf einen Knopf in der Luft und verschwindet ganz langsam nach unten aus meinem Blickfeld. Der Wechsel von Bild zu Bild scheint per Paternoster organisiert. Doch es ändert nur der Raum vor mir, erst in Schwarz, dann in ein leuchtendes Dunkel. Ganz ruhig jetzt, auch wenn es kein Traum ist. Die unwirkliche Stille und Geruchlosigkeit sprechen zwar dafür, doch bin ich ausser mir in einer fremden Welt, die ihren Ursprung nicht in mir hat. Das ist kein Traum. Und ich habe nichts genommen, was mein Bewusstsein verrücken könnte. Ich fühle meinen Puls, der ist ganz ruhig, ich lebe und stehe in einer nächtlichen Landschaft in der Zeit als man England noch malte. Da war es schöner und ich kenne das Bild in dem ich bin, die beiden Monde ziehen mich zu sich, der Junge mit den spitzen Ohren läuft mir voran. Wieder ein Bild, wieder ein Debus, wieder eine Täuschung, die aber keine ist, da sie jeder erkennt. Und doch bemerkte ich beim ersten Sehen, erst durch den Titel, was ich sah. Da staunte ich wieder über den Maler. Ich laufe den Fluss entlang in Richtung der Monde, von denen ich weiss, sie so wenig erreichen zu können, wie ich sie erreichen will. Von aussen könnte man die Zeit des Bildes in dem ich bin, schnell eingrenzen, innen hat ein Bild keine Zeit. In der seit hunderten Jahren existierenden Düsternis des Bildes, die auch der zweite Mond nicht grundsätzlich erhellt, lässt sich keine Zeit erkennen. Ein nächtliches Ufer hat keine Zeit. Die Nacht hat keine Zeit. Sie ist eine Zeit. Der Junge eilt mir voraus, ich lasse mich nicht drängen. Schon gar nicht von einem Bild, von dem ich glaube, ich erkennte mich wieder. Der Junge hat mit der Liebe des sich Liebenden zu tun, die fremder Liebe misstraut. Keine kann grösser sein, als seine zu sich. Zu den Monden will nicht, ich nehme an einer Gabelung den anderen Weg, weg vom vermeintlichen Spass am Himmel. Schnell wird es heller, in einem Raum sehe ich den Jungen stehen, der sich die Predigt eines Erwachsenen anhört. Ohne Bohnerwachs riechen zu können, ohne den Raum und den Lehrer zu erinnern, weiss ich, das ich es bin, dem erzählt wird, das es so nicht weiter geht. Ohne zu hören, weiss ich was gesagt wird und weiss auch, dass der Junge weiss, was es heisst, das es so nicht weiter geht. Dann eben anders. Es geht immer anders weiter. Was ich heute bin und was mich hart und glatt und kalt macht, ist dieser Spruch der Autorität. Wenn es so nicht weiter geht, dann eben anders und ohne sie. Mit grossen nassen Augen sieht der Knabe den Lehrer an, wartet bis er wirkt und wird dann im guten Moment unter seinen Worten und Armen hindurch an ihm vorbei gleiten und weiter gehen. Doch vorher muss er den dummen Lehrer noch ruhig lügen, darum wohl ist unser Gedächtnis eine so selektive Märchenmaschine, die erinnert was und wie wir brauchen. Uns macht sie riesig gross und gut und alle anderen klein und dumm oder auch gross und böse. Würde man nur schon das Leben in einer Art Doku sehen statt erinnern, was man mit bestem Wissen und Gewissen verzapft hat, man würde sterben vor Scham. Ich kann heute nur sein, wenn ich mein Gestern vergesse. Eine Wahrheit, die keiner gern zugibt. Es ist ja schade ums gestern. Alles schon gelebtes Leben. Mancher Guru macht Millionen mit „Lebe im Jetzt“. Und er hat Recht, darum auch wird es nach hinten in dem Raum bis zur Unerträglichkeit heller, irgendwo dort in der kalten Sonne auf die ich sehe muss mein Anfang sein. Schön denke ich und kehre um, der Junge schon wieder vor mir. Er hüpft den Weg voraus, einen Reif mit dem Stock treibend, bis der aus dem Bild zwischen die Besucher in die Galerie und dann die Treppe hinab auf die Madison rollt wo ihn ein Hybridtaxi kaputt fährt. Der Junge fängt ein Plärren an, das ich weiss, woher meine Mordlust kommt. Heute würde man ihm Ritalin geben. Ich pinkel in den Fluss und lass ihn schreien. Des Teufels Kind bekommt was es will, so wie ich auch. Nur bin ich einfach stärker, er sieht mir auf die Ohren und verstummt. Wo ist die Zukunft? frage ich ihn. Verrotzt weist er an der Gabelung auf den anderen Weg unter die Monde.
Willst du es wirklich wissen?
Nein, antworte ich.
Na dann komm. Er nimmt mich bei der Hand, ich fühle mich gut an. Weich und warm und trocken.
Die Perspektiven täuschen, das ist eine gemalte Welt hier, der Weg führt nicht unter die Monde, seitlich von ihnen weg strebt er in die Dunkelheit. Wir stolpern den Damm entlang. Dann zieht mich der Junge zum Ufer des träge fliessenden Flusses. Seine Hand zwingt mich auf die Knie und schiebt meinen Kopf übers jauchige Wasser. Du willst wirklich in die Zukunft sehen? fragt er nochmal. Ich kenne diese Schärfe im Ton, das wird sich in den nächsten vierzig Jahren noch schön ausprägen. Nein, sage ich zum zweiten Mal und der Junge nimmt die Tücher von weiteren montierten Monden. Ich sehe mich auf wegfliessender Oberfläche in ihrem fahlen Licht, neben mir der Lausbub, der schon wieder lacht, das man es anzüglich nennen könnte, wenn man Antennen für das hätte. Nicht jede Schande ist meine.
Siehst du es?
Ja.
Hast du mehr erwartet?
Nein. Das Ende kann kurios verlaufen, genau wie Kinder in Taxis geboren werden, doch in sich ist es nicht kurios. Manche halten Anfang und Ende für Gott, weil sie so unendlich humorlos sind. Alles was passiert, passiert dazwischen. Ich will zurück ins Leben, unten an der Bar haben sie den schweinischsten Schokoladenkuchen der Stadt. Draussen fahren die Hybridtaxis deren Motoren für die Klimaanlage läuft, in denen keine Kinder geboren werden. Im Schaufenster eines Cafes sitzt eine geliftete Leiche. Ja das ist so dumm, das ist das Leben. Ich bin zurück. Sofort ist auch der Anzug wieder nass. Im Rinnstein liegt ein zersprungener Holzreif. Wir leben um zu leben und nicht um zu wissen warum. Der Knabe springt vor mir, als sei ich mein Kind. In der Hand eine Spraydose. Hellblau sprüht er Mess

Dienstag, April 14, 2009

Der Wendehals

Das ist eine Zwischenfassung, da sie aber Gefahr läuft, eine zu bleiben, stelle ich sie mal hier ein. Die die es betraf sollten denen das Feld überlassen, die gelernt haben, sich zu Themen zu äusseren, die gerade Jahrestage haben. Es riecht nach Wichse auf dem Feld.

Der Wendehals
Heute, zwanzig Jahre später, wusste Göran, wann er gelernt hatte, wirkungsvoll aus der zweiten Reihe zu agieren. Und wunderte sich, dass es von heute zurück ins Jahr neunundachtzig viel weiter aber genau so lang war, wie von da bis zu seiner Geburt. Jetzt mit vierzig war er ein Mann seiner Geschichte, damals mit zwanzig war er ein unbeschriebenes Blatt. Aber er hatte einen Stift.
Den drehte er ungeduldig in der Hand, während der Pfarrer die Eingangsworte sprach. Zehntausend seien am Friedensgebet, sagte er stolz. Zehntausend? Konnte das sein? In die Kirche passten vielleicht tausend Leute. Und der Rest sollte draussen auf dem Platz stehen? Göran hatte ein anderes Bild von zehntausend Menschen.
Ab und an drangen Rufe über einer Art Grundgemurmel durch die Mauern von draussen. Das Rauschen der Masse. Um die ging es und deshalb war Göran hier. Denn so jung und grün er auch war, so wenig Angst hatte er davor, vor so vielen Leuten zu sprechen. Umso weniger noch, als dass er sie nicht sah. Das war auch schon ganz anders gewesen. Noch vor wenigen Jahren hatte er vor ebenfalls angeblich zehntausend FDJ lern auf einem wesentlich grösserem Platz auf einer Bühne gestanden und ein Gedicht rezitiert. Sein grösster Auftritt bisher. Über Jahre in einer Rezitatorengruppe geschult, war es für Göran der Reiz, erstens einer der wenigen FDJ- ler auf dem Platz zu sein, der kein Blauhemd trug und dazu vor all den anderen zu stehen und ein selbst gewähltes Gedicht aufzusagen. Majakowski. Völlig sinnlos über Verstärker als kleiner Punkt vor zehntausend Leuten, die man erwischen musste, bevor sie besoffen waren und das Ficken in den Büschen begann. Görans Kalkül war damals schon doppelbödig gewesen. Er hatte das wohl im Blut. Nicht nur, dass er wusste, einen Majakowski konnten die Organisatoren kaum verbieten, nein er wusste natürlich auch genau, dass die so gelassen waren, da auch für sie ein Majakowski nach oben kaum gefährlich war und die angekarrten zehntausend FDJ- ler sowieso nicht zuhörten. Göran war auch klug genug, seinen kleinen Mut unbesprochen zu halten und tat recht daran. Einige wenige auf und hinter der Bühne bemerkten seinen unbotmässigen Individualismus, liessen ihn aber still gewähren. Die Organisatoren wollten diesen Vorläufer eines Event so sicher wie möglich in den Hafen eines Berichtes an die Bezirksleitung und den Zentralrat bringen und wussten, keiner würde bemerken, dass der siebzehnjährige im grauen Anzug, ein dunkelblaues T-Shirt statt dem FDJ Hemd trug, was das schlimmere Verbrechen als der Majakowski gewesen wäre. Es hatte sogar eine Anzeige gegeben, der Leiter der Rezitatorengruppe hat das fehlende Hemd als Anlass genommen, sich zu beschweren. Er hatte auch allen Grund, denn der Vierzigjährige machte sich mit FDJ Hemd und Kurt Bartel zum Ei, wie sein Schüler eben nicht. Am meisten wird ihn aber gestört haben, dass Göran ohne sein Wissen mittlerweile auf der Ebene lief, auf der richtig Geld verdient wurde. Der siebzehnjährige hatte einen Manager der ihm solche Gigs vermittelte.
Er konnte den Stift wieder wegstecken. Der Redner des Neuen Forums hatte begonnen und wie immer bei den Basisdemokraten, war es plötzlich ein anderer als vorgesehen und für den Anlass gut gewesen wäre. Göran sollte es recht sein, wenn der erste Redner mit Themen langweilte, die man seit Wochen aus Leipzig und dem Westfernsehen hörte. Jeder einzelne Protagonist des Forums schien einmal persönlich vor die Massen treten und Revolution spielen zu dürfen. Göran, der in der zweiten Reihe der im Chor wartenden Redner stand, verdrückte sich hinter die gewundene Treppe der Kanzel. Der Neue Forumist wurde immer ausfühlicher und Göran holte sein Cosmos aus der Tasche. Das kleine Mittelwellenradio hatte ihm die halbe Kindheit lang erst Heinz Quermann und dann Lord Knuth ins Zimmer gebracht, bis vor kurzem sehr gute und verbotene Dienste während sinnlosen Wachnächten in versteckten Depots für veraltete Waffen geleistet und stellte sich jetzt sogar in den Dienst der Konterrevolution. Während Göran auf dem Wachturm hockte und Samstagabend ins Tal glotzte, fuhren unten auf der Landstrasse die Trabbis zur Disko. Göran war nicht dabei, er war draussen für achtzehn Monate, sollte wachen, dass die unten Frieden hatten, was er dort, während er diesen Dienst tat, als bisher letzte und grösste von vielen DDR Lügen lesen lernte. Das kleine russische Radio spielte ihm den Sender für Amerikanische Soldaten aus Frankfurt in die Ohren, der war näher als jeder andere. Stephanie von Monaco. Irgendwann würde Göran nicht nur die Kasernenmauern hinter sich lassen, irgendwann würde er sich ansehen, wo die Prinzessin wohnt. Noch war es nicht soweit, noch musste Göran hier in dieser grossen Kirche für die Freiheit kämpfen. Und für einen guten Platz in den Reihen der Anführer. Dafür war sein Versteck ideal. Mit einem Ohr hörte er dem Bürgerrechtsgeschwafel des Redners zu, mit dem anderen im Rauschen dem richtigen Sender nach und fand ihn bald. Irgendjemand kommentierte irgendetwas, das Göran nicht verstand und egal war. Wohl nur jetzt in diesem Herbst der DDR waren die Nachrichten aus dem eigenen Land wichtiger als die aus dem Westen. Er sah auf die Uhr, zehn Minuten noch. Der Sprecher hatte sich in Rage geredet und sprach mit Furor von Dingen, die jeder wusste, forderte was alle forderten. Die Bezirksleitung müsse abgesetzt werden. Ja gut! Die Stasi geöffnet. Das fand Göran noch gefährlich. Und die Bäche sollten wieder sauber werden. Er übte Antworten. Auf die Bäche hätte er in einem Talk sagen können, die Politik seiner Gruppierung stelle sich in dieser Frage so dar, dass er sehr gerne Forellen ässe und also auch für saubere Bäche sei. Selbstverständlich. Freiheit für mich ist Freiheit für alle. So hiess die Gruppe die sich auch Fundamentalliberal nannte. Das klang zu gut, dass Göran es nicht ab und zu benutzt hätte, auch wenn es nicht ungefährlich war. Erstens trug eine der SED Blockparteien das „liberal“ im Namen und ausserdem war er kürzlich in eine Talkshow geraten, da hatte ihm einer, der sich gut beim Neuen Forum untergekommen fühlte in die Ecke gedrängt und zum Start gefragt, er möge dem Publikum doch einmal erklären, was liberal genau heisse und wo das herkomme. Görans Geeier über die Freiheit des Individuums unterbrach er und stellte ihn regelrecht zur Rede. Nein er solle doch mal genau sagen, was liberal eigentlich heisse, dass müsse er doch nun wirklich wissen. An diesem Abend hatte Göran schmerzlich gelernt, dass es das A. und O. in Talkshows war, nicht auf die Unterstellung in einer Frage einzugehen. Sein Gegner wusste zu genau, dass ein durchschnittlich gebildeter DDR Bürger vieles, aber nicht das gelernt hatte. Und woher sollte einer, der gerade von der NVA zurück war, wissen, was genau liberal hiess. Später als herauskam, dass der Mann seine IM Unterschrift beim Neuen Forum ganz aktiv zu vergessen versuchte, half Göran mit, dass möglichst viele erfuhren, was für ein Sauhund ihn damals blamiert hatte. Die Welt ist gross doch der Mensch ist klein.
Der nächste Redner schien gefährlicher für Göran, er war vom Demokratischen Aufbruch und schon damals spürbar im Wahlkampf. Es waren nur semantische Unterschiede, denn niemand hier in der Kirche hatte wirklich etwas anderes zu fordern als der andere. Doch wo das Forum sagte, was es nicht mehr wollte, forderte der Aufbruch schon und das ziemlich konkret. Es wurde anstrengender, denn Göran musste zuhören, um nachher nicht dasselbe zu sagen. Auch dieser Redner liess die Wirtschaft aus und verfing sich in Absetzungsforderungen. Göran konnte das gut verstehen, denn jedes Mal wenn einer der mittlerweile verhassten Namen fiel, ging ein Aufschrei durch die Menge. Zehntausend Kehlen machen unvernünftig. Befriedigt hörte Göran fast das selbe wie beim Redner vorher und spitzte die Ohren, denn die Nachrichten begannen. Es war eine der vielen ZK Sitzungen dieser Tage zu Ende gegangen und wohl noch nie hatten derart viele Menschen den Details solcher Tagungen andächtig gelauscht. Göran hockte jetzt auf Knien am Boden vor dem gewundenen Aufgang zur Kanzel und presste das kleine Radio an sein Ohr. Und dann hörte er, was er erwartet hatte und hören wollte. Er schaltete mitten in den Nachrichten ab, verliess sein Versteck und trat völlig ungedeckt vor die Massen, die langsam in Wallung gerieten. Göran fühlte sich in diesem Moment unheimlich erhaben, denn er war all den Leuten hier genau eine Information voraus. Er wusste, was diese zehntausend in den nächsten Minuten tun würden. Jubeln. In diesem Augenblick wurde sein Gefühl für den Umgang mit Massen endgültig geprägt. Auch der Hochmut hat Quellen. Göran sah, wie mutig sich die eben noch so grauen DDR Menschen hier vorkamen und mit welcher Innbrunst sie Sachen forderten, die sich längst erledigt hatten. Zehntausend johlen bei den Forderungen der Redner, doch nur einer kümmert sich darum, was genau aus diesen ziemlich alten Forderungen wird. Göran kam sich in diesem Moment sehr überlegen vor und musste später harte Schulen durchgehen, um das wieder los zu werden.
Der Pfarrer beugte sich zu ihm: Du bist dann der nächste. Die überziehen heute wieder alle so. Aber sag nur, was zu sagen ist, die Blockflöten können warten. Göran zwinkerte dem Pfarrer zu. Er wusste, hier nur so prominent reden zu dürfen, weil dem Pfarrer die frisch gewendeten Vertreter der Altparteien schwer gegen den Strich gingen. Auch er kochte sein Süppchen und beglich alte Rechnungen. Und wunderbar, der letzte Angriff des Vorredners landete als Fehlpass direkt vor Görans Füssen. Das Publikum applaudierte artig die letzten Forderungen des Redners, von draussen drangen Sprechchöre durch die Mauern. Göran trat gelassen vor die Massen, eine Hand auf dem Cosmos in der Manteltasche, reckte den Hals, neigte den Kopf und das Barrett und nahm die Masse in den Blick. Er ging langsam über die Augenpaare und wartete bis sie an ihm hafteten. Das Gemurmel folgte noch schwankenden Bewegungen, Göran schien, er könne sogar sehen, wie es an und abschwoll um dann langsam vor ihm zu verebben. Er schien die Kaimauer zu sein, die Mole und der Leuchtturm in diesen Wassertröpfchen, die ein Meer bildeten. Er zog seine Zettel aus der Tasche, warf einen Blick darauf, dann einen ins Publikum, steckte sie provokant langsam wieder weg und wartete bis Ruhe in der Kirche war. Dann begann er langsam und wohlgesetzt: Sehr verehrte Damen und Herren. Meine Name ist Göran Schudel von den Radikalliberalen. Unser Motto heisst: Meine Freiheit ist unsere Freiheit ist eure Freiheit! Und es ist mir ein ausserordentliches Vergnügen, ihnen Mitteilung machen zu dürfen, dass die Hauptforderung meiner Vorredner seit heute Nachmittag bereits erfüllt ist. Meine Damen und Herren, ich habe die grosse und einmalige Freude, ihnen mitteilen zu dürfen, dass anlässlich der heutigen Tagung des ZK der Sozialitischen Einheitspartei Deutschlands der Erste Sekretär der Bezirksleitung der SED, der Genosse...
Weiter kam Göran nicht. Der Name ging schon im aufbrausenden Jubel unter und ...von allen Ämtern zurückgetreten ist...“ brüllte er fast hilflos in die tobende Menge. „Ja lasst uns den grossen Tag feiern!“ legte er nach und warf die Mütze hoch. Hunderte in der Kirche taten es ihm nach und wie ihm später erzählt wurde auch tausende draussen auf dem Platz. Plötzlich stand der Pfarrer mit einer Gitarre neben ihm und sang ins Mikrofon: Heut ist ein wunderschöner Tag, die Sonne lacht uns so hell... Ein DDR Pionierlied wurde hier spontan umgewidmet und bekam plötzlich Sinn. Göran stellte sich eng neben den Sänger und grölte mit ins Mikrofon. Jetzt stand er vorn, das war sein Moment, keiner der anderen Redner würde noch eine Chance haben. Was er nicht wissen konnte, das Lied war ein vereinbartes Zeichen, vom Gebet nun zur Demonstration überzugehen. Der Pfarrer hatte richtig erkannt, das kein Wort so gut und wichtig sein konnte, diesen an sich völlig sinnlosen Jubel zu beenden. Der Rücktritt des Bezirkschefs war nicht merh als ein Zeichen, das der Wandel, den man später Wende nennen sollte, auch hier in der Provinz nun begonnen hatte. Das war Grund zum schreien, jauchzen und feiern, obwohl der unscheinbare Politiker wohl kaum jemandem aus dieser Menschenmasse etwas zu leide getan hatte. Er war ein Symbol, wie Göran selbst auch. Göran war eines des Neuen, des Auf und Umbruchs, der grosse Genosse im Rentenalter eines für die untergehende DDR. Als das Lied fertig war brüllte Göran ins Mikro: Feiert mit den Radikalliberalen! Tanzt auf den Strassen! Wir sind jetzt frei vom Einheitsbrei!“ Der Pfarrer drängte ihn zur Seite und forderte die Menge auf, sich nun zum Demonstrationszug zu formieren. Augenblicklich begann ein Gerangel vor dem Altar. Jetzt war es wichtig, früh im Mittelgang zu sein, um als erster die Kirche zu verlassen und vor den Demonstrationszug zu kommen. In der Woche vorher hatte Göran beobachtet, wie die Wendeaktivsten sich fast zu prügeln angefangen hätten. Seinen Part glaubte er für heute erledigt und wollte den anderen den Platz überlassen, doch der Pfarrer schob ihn vor sich her und so kam Göran schon wieder in einer zweiten Reihe zu stehen. Fremde klopften ihn deftig auf die Schulter als er aus der Kirche ging. Zum Glück hatte er den mongolischen Ledermantel an. Der Forumist und der Aufbrüchler drängten sich als erste durch die Aussentür und nahmen den Jubel entgegen, den, wenn überhaupt, Göran verdient hätte, obwohl er ja auch nur Nachrichten weiter gesagt hatte. Auch sie hatten gelernt, dass es jetzt elementar war, so schnell wie möglich vor den Zug zu kommen. Diesmal war alles besser organisiert, Ordner des Neuen Forums sorgten dafür, dass sich nicht ständig eine neue Spitze bildete und die Protagonisten nicht mitten im Zug verschwanden, so wie es letzte Woche geschehen war. In ihrer Eile hatten sie übersehen, oder nicht sehen wollen oder geglaubt, nicht sehen zu müssen, dass direkt neben der Tür die Lokalreporterin der Lokalzeitung samt Fotografen und ein Herr mit Mikrofon und Fernsehkamera stand. Göran erkannte ihn, auch der Bezirksreporter der Aktuellen Kamera schien seine Haut retten zu wollen. Seine Konkurrenten liess Göran voran stürmen und gab genüsslich Interviews in denen er die Grundzüge der radikal liberalen Politik beschrieb. Mir den Sekt und euch die Rechnung war der Untertext, der formuliert besser klang. So wie: Die Freiheit des einzelnen ist die Voraussetzung der Freiheit aller. Ergo: Meine Freiheit ist eure! Dann sang er in die Kamera: Mein Maserati fährt zweihundertzehn. Und tanzte mit einer wildfremden Frau auf den Kirchenstufen. Görans Revolution bestand darin, die Revolution der anderen nicht ernstzunehmen. Doch ehe er das erörtern konnte, zog ihn der Pfarrer vor den Zug. „Jetzt alber hier nicht rum, du wirst gebraucht.“ Göran verstand nicht recht, wie ihm geschah. Der Bürgermeister der Stadt, bis vor einigen Tagen noch Genosse der SED, hatte sich in die erste Reihe gedrängt. Für Göran eigentlich genügend Anlass, hinter dieser zu bleiben. Doch das liess der Pfarrer nicht zu und schob Göran neben ihn, von dem die anderen Revolutionäre Abstand hielten, besonders jetzt wo sich die Kameras vor dem Zug aufbauten. Aber der Herr vom Neuen Forum hatte auch noch eine gute Idee und zog eine stadtbekannte Dame aus den Reihen nach vorne, die sich bei Ihnen eingeschrieben hatte. Die Stadt war nicht so gross, dass auch Göran sie nicht gekannt hätte, ja er schämte sich sogar vor ihr. Vor ein paar Jahren hatte sie ihm in einer Kneipentoilette aufgelauert und gefragt, ob sie ihm einen Blasen solle. Göran hatte nicht genau gewusst was sie meinte und verneint. Die Frau kam in mitten des Zuges zu stehen und hakte sich beim Bürgermeister und bei Göran ein. Das Motiv für die Titelseite nicht nur der Regionalblätter des nächsten Tages. Auch in den Redaktionen schienen die Dame so viele Leute zu kennen, dass man um den Lacher in der ganzen Stadt wusste. Passend dazu wurde direkt unter dem Bild Göran zitiert: Ihm sei die individuelle Freiheit wichtig und also sei es doch ihm überlassen, was er mit der jungen Frau auf dem runden Tisch treibe. Frei heisst schliesslich auch, sich frei machen. So wie der Bürgermeister das exerziere, der sich ebenfalls frei von allem Anstand gemacht habe. Von der ersten Seite der Zeitung wanderte er in den nächsten Tagen in Berichte anderer Blätter und wurde ein wenig berühmt. Man stellte ihm den freigewordenen schwarzen 244 Volvo des Bezirkssekretärs zur Verfügung und Göran fuhr nun über Land und hielt seine schwungvollen Reden in Kreisstädten. In einer, die Hauptort des sogenannten Holzlandes war, stand, während er über das Recht nach Monaco reisen zu dürfen parlierte ein Mann direkt vor ihm aus der Kirchenbank auf. Dem sah man den Holzfäller an, dachte Göran und liess sich das Wort entreissen. „Hör auf mit dem Gelaber, rief der riesige Mann. Mich interessiert nur ein was: „Wie steht deine komische Partei zur deutschen Einheit?“ Göran verkrampfte, als sei die Frage eine Faust in seinem Bauch, denn darüber wollte er nicht reden. Nicht aus taktischen oder strategischen Gründen, sondern aus einem inneren Widerwillen. Göran sah den Schrank keine fünf Meter vor sich die Fäuste reiben und blickte zur Tür, die viel zu weit entfernt lag. Durch die würden sie nicht zu zweit passen. Zum ersten Mal hatte er Angst und sagte: Was meine Partei, die Radikalliberalen, dazu sagt, das kann ich ihnen im Moment nicht sagen, aber ich persönlich bin der Meinung, ohne die wird es wohl nicht abgehen können. Wieder lag ihm eine schreiende Kirche zu Füssen und Göran liess sich hinaus tragen. Draussen schrieen sie: Wir sind ein Volk! Diese Umwidmung hörte er zum ersten Mal. Das er am nächsten Tag in allen Zeitungen zitiert wurde bekam er gar nicht mehr mit und auch nicht, wie in der Woche darauf geschrieben wurde, das es seine Partei gar nie gegeben hatte. Völlig entsetzt darüber, eine Wahrheit gelogen zu haben, verstummte er für eine Zeit, kaufte dann den Volvo des Ersten Sekretär für lau und wurde Anlageberater. Mit seinem Hang zur individuellen Freiheit, seinem Lächeln und dem Talent, genau das sagen zu können, was sein Gegenüber hören wollte, wurde er ein sehr erfolgreicher Anlageberater. Später mietete er in Monaco eine Wohnung.

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Sonntag, März 01, 2009

Fiktive Berichte rettender Menschen (2)

Unterlassene Hilfeleistung
Bericht einer Angehörigen

Wer kann schon ahnen, was einem im Leben so ereilt, ich für meinen Teil hätte nie gedacht, eines Tages Stammkundin beim Roten Kreuz zu werden. Zweiundzwanzig mal haben sie meinen Mann mitgenommen, erst beim letzten Mal dann nicht mehr. Wir hatten die Wende gerade überstanden, ich war im Vorruhestand und mein Mann bezog mit Mitte siebzig, auch nach dem sie neu errechnet war, eine anständige Rente. Es sammelten sich die Kataloge im Zeitungsständer, wir überlegten, welches der neuen Reiseziele zuerst erobert werden sollte. Ich wollte nach Rom, mein Mann auf die Rütliwiese. Doch dazu kam es vorerst nicht. Er war ein Fan von Röckchensport, dass heisst Eiskunstlaufen und Tennis, so Damen den Sport betrieben. Eine Kür von Katharina Witt, das liess ich mir ja noch gefallen und nahm hin, dass er wie das halbe Land inklusive des Generaldachdeckers in die Eiskunstläuferin verliebt war. Aber das ein Mensch stundenlang Tennisspiele ansehen kann, bleibt mir bis heute unbegreiflich. Hinzu kommt noch, das mir schleierhaft ist, woher mein Mann eigentlich die Regeln kannte. Wir waren dreissig Jahre verheiratet, da weiss man, was der andere weiss. Es war bei irgendeinem dieser langen, unheimlich wichtigen Spiele von Steffi Graf, als es ihn das erste Mal „geputzt“ hat. Und mein Desinteresse, meine Abscheu, vor einem den ganzen Nachmittag laufenden Fernseher, war Schuld daran, dass ich ihn viel zu spät fand. Eingekackt und vollgepinkelt lag er mit verdrehtem Blick vor der Couch, als ich ihn zu Abendessen rufen wollte. Und ich wusste nicht, was tun mit diesem grossen schweren Mann, dem der Schaum aus dem Mund quoll. Ich wischte den ab und zerrte mit rasendem Herzen sinn und wirkungslos an ihm herum, bis endlich der Notarzt ins Wohnzimmer trat. Später haben sie mir gesagt, die Ewigkeit zwischen dem Anruf und ihrer Ankunft habe exakt siebeneinhalb Minuten gedauert. Diese unglaubliche Erleichterung, die meiner Lähmung wich, war es, die mich später immer wieder und ohne viel nachdenken nach dem Notarzt rufen liess. Ich wusste, dass es immer noch gefährlich war, als sie sich über ihn beugten, aber ich war erleichtert, als endlich etwas geschah. Du spürst, wie sehr es die eigene Existenz gefährdet, wenn dein Partner im Leben plötzlich mit rotem Kopf und Schaum vor de Mund vor dir liegt, dich offnenen Auges nicht sieht und nicht mehr sprechen kann. Sie untersuchten ihn, legten einen Tropf, schrieben ein EKG und gaben Medikamente. Ausserdem teilten sie mir mit, dass mein Mann anscheinend Diabetiker sei. Ich wusste das nicht. Die Angst um ihn nahmen sie nicht mit, als sie ihn die Treppe hinunter trugen, aber sie hatten mitten in der Katastrophe schon die Hoffnung angezündet. So schnell wie Nacht in meinem Leben war, so schnell hatten sie mir Licht gemacht, auch wenn es schwach war und klein blieb.
Später hat mein Mann immer gesagt, es sei die Rütliwiese gewesen, die ihn am Leben erhalten habe. Die wolle er noch sehen, schliesslich habe er über den Tell seine Maturarbeit geschrieben. Es dauerte kein Jahr und er hatte sich von dem Schlaganfall soweit erholt, dass wir wieder ans Reisen denken konnten. Doch dazu kam es nicht, denn bei dem Streit, ob wir nun mit Auto fahren sollten, wir er es wollte, oder doch mit einem Bus wie ich vorschlug, wurde er plötzlich grau, jappste nach Luft, griff sich ans Herz und noch ehe er ohnmächtig war, hatte ich den Notarzt gerufen. Diesmal ging es wesentlich länger, sie kämpften eine Stunde lang um sein Leben. Doch nichts was ich da sah, beunruhigte oder ängstigte mich. Es wurde etwas getan und wenn es war, ihn mit Stromschlägen durch die Luft hüpfen zu lassen. Einer der Sanitäter hatte seine Jacke liegen lassen, die er ausgezogen hatte, als er meinem Mann das Herz massierte. Er meldete sich für den nächsten Tag nach Dienst bei mir an, da könne er die Zeit wenigstens sicher einhalten. Und mir schien, dem Herrn war es ganz recht, mal in Ruhe mit einer Angehörigen plauschen zu können, denn eigentlich hätte ich ihm die Jacke auch einfach mit ins Spital nehmen können, wo ich meinen Mann sowieso jeden Tag besuchte. So buk ich dem Mann, der mein ältester Sohn hätte sein können, einen Pflaumenkuchen und wir verplauderten ein Stündchen beim Kaffee. Ich bot ihm das Du an und er war es, der mir erzählte, dass es diesmal sehr knapp für meinen Mann ausgegangen war. Doch der erholte sich bestens und kurz nach der Reha buchte ich bei der Volkssolidarität eine Reise in die Innerschweiz. Noch vor dem Infarkt hatte er den Bus „Omabomber“ geschimpft, was ihm während der neunstündigen Reise zum Vorteil gereichte, denn keine der Damen ausser mir, wagte es, seine Deklamationen aus dem „Wilhelm Tell“ zu unterbrechen. Zu meinem Entsetzen bestand er darauf, den Weg hinab an den See, zur Wiese zu laufen. Das schaffte er mit knapper Not, vielen Pausen und auch, weil es kein Zurück gab. Der Weg den Berg wieder hinauf, wäre absolut ungangbar für ihn und wir planten unten dann das Schiff zu nehmen. Auf der Wiese angekommen, stieg er auf den Felsblock unter der Schweizer Fahne und rezitierte vor den erstaunten Touristen den Rütlischwur.

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

So lange wie er Zuschauer hatte, bewahrte er eisern die Haltung und brach erst zusammen, als die zum Schiff eilten. Für uns gab es keine Chance, es zu erreichen, er sass im nassen Gras an den Fels gelehnt und sah aus, als wolle er, nach dem alles erledigt war, auf der Rütliwwiese sterben. Die Wirtsfrau des Rütlihus wusste auch keinen anderen Rat als den Helikopter zu rufen, denn ihr Mann war mit dem Auto unterwegs. Der zweite Infarkt meines Mannes wurde also im Kantonsspital Luzern diagnostiziert, von wo aus er dann nach zehn Tagen seine längste Reise in einem Rettungswagen antrat. Erstaunlich blieb, wie schnell er sich erholte, bald sass er wieder in unserem Wohnzimmer und erzählte den Kindern und Enkeln, das er, da er ja nun ein erprobter „Zu rettender“ sei, ein wenig simuliert habe, da er gewusst hätte, in der Schweiz würde man immer mit Hubschraubern gerettet und das sein nächster Wunsch nach dem Rütli gewesen wäre, einmal mit einem solchen zu fliegen. In schillernsten Farben beschrieb er auch die lange Heimfahrt, die Rettungsassistentin habe ihm unterwegs quasi einen Heiratsantrag gemacht, den er nur deshalb nicht angenommen hatte, da er mich nicht ins Unglück stürzen wolle. So war er, ein Grossmaul vorm Herrn, wenn er halbwegs bei Kräften war. Ich war froh, ging es ihm wieder gut und behielt für mich, als einzige Anwesende und nun auch schon erfahrene Zeugin, gesehen zu haben, dass dieser Herzanfall sicher nicht simuliert war. So ein Gesicht kann man nicht spielen. Das ging jahrelang so weiter, er wurde nach jedem Infarkt etwas schwächer, insgesamt seien es sechs kleine gewesen. Schlimmer waren die weiteren zwei Schlaganfälle. Die letzten Jahre lag er dann in einem Pflegebett in unserer Küche. Von wo sie ihn noch einundzwanzig Mal ins Krankenhaus gebracht haben. Beim letzten Mal, wo ich die Retter holen musste, da er Blut spuckte, sagte mir der nette Sani, der damals seine Jacke liegen lassen hatte: „Rufen sie beim nächsten Mal nicht so schnell an. Da ist ihm mehr geholfen.“ Lange dachte ich über seinen Rat nach und befolgte ihn letztlich.

Sonntag, Januar 18, 2009

Fiktive Berichte rettender Menschen (1)

Die Retterin retten
Bericht eines Rettungsassistenten


Als wir den Raum betraten, war mir klar, dass der Vater über seinem blaulila angelaufenen Baby sich umsonst bemühte.


Die Klarheit des Blicks kommt mit den Jahren, wie auch diese professionelle Kälte, die das fremde Elend nicht weiterdringen lässt als bis zu den eigenen Augen. Jetzt müssen wir übernehmen, es ist mehr ein Schauspiel; Beginn der jahrelangen Trauerarbeit der Eltern. Ich mache meinen Job seit sechzehn Jahren und muss nicht, wie die junge Ärztin, Pupillen ausleuchten, einen Puls suchen und nach einem Herzschlag hören, um zu wissen, dass dieser Bub seit mindestens einer Stunde tot ist. Da aber der Vater, wie im Kurs gelernt, reanimiert hat, intubieren wir, schreiben ein EKG; ich suche sogar einen Zugang, den ich freilich nicht mehr finde. Ich nenne das ein Schauspiel, weil man dem Kind eben ansieht, dass die Wiederbelebung nicht erfolgreich war. Das EKG sagt nichts anderes, und ich mache anstelle des Vaters noch ein Weilchen die zweifingrige Herzdruckmassage.

Wir können nicht einfach so sagen, was wir dann nach weiteren Minuten doch sagen: "Es tut uns leid, Ihr Kind ist tot." Hier muss man genau sein: nicht wir sagen es, sondern die Ärztin muss das tun. Ihre Augen sind feucht, als sie zu der jungen Mutter spricht, die schreckensstarr in der Ecke steht. Das Begreifen hat noch nicht einmal begonnen, sie weiss noch nicht, was sie da sieht. Die junge Ärztin, die ich gar nicht kenne, nimmt die bleiche Mutter in den Arm und hält sie fest, während ich den Totenschein vorbereite, die Karten der Hilfsdienste heraussuche, den Vater frage, ob sie sofort psychologische Hilfe wollen, zwei Dormicum hinlege, nachdem er das verneint hat, und um eine Decke für das Kind bitte, um es zum Wagen zu bringen.

Das ist für mich das Schlimmste: Ich werde auf ewig derjenige sein, der ihnen ihr Kind für immer fortgenommen hat.

Wir lassen uns Zeit bei alldem, ich beobachte die starre Mutter genau, während die junge Ärztin den Totenschein ausfüllt. Jetzt ist die erste Karte eines schier endlosen schwarzen Leporellos in ihr aufgegangen, ihr Buch der Trauer, das sich in den nächsten Tagen gnadenlos Seite um Seite nach unten aufklappen wird. Das ist, was mich in diesen Momenten schmerzt: die Hilflosigkeit der Eltern mit ansehen zu müssen. Wir sind doch Helfer. Und können nichts tun, außer den toten Säugling, in seine Decke gewickelt, so sanft wie möglich mit uns zu nehmen.

Erst unten im Auto führen wir die nötigen Telefonate mit der Polizei. Plötzlicher Kindstod steht auf dem Schein, Autopsie ist angekreuzt, die junge Ärztin nimmt die Verantwortung auf sich und lässt den Staat draußen.

Das war eindeutig hier.

Ich setze mich in den Begleiterstuhl und halte den toten Knaben im Arm. Die Dichtung ist das eine; das brutale Leben ist der kleine Leichnam. Kaum ist die Wagentür geschlossen, fällt die Maske aus dem Gesicht der jungen Notärztin vor meine Füße. Das ist kein Fernsehen hier, das tut wirklich weh. Vor meinen Augen bricht sie zusammen, ich muss das Kind ablegen, um sie auf die Trage zu bugsieren. Ich streichele ihre Wange und halte ihre Hand. "War das dein erster Kindstod?"

"Ja. - Es ist so grausam."

"Ja, das ist es. Der Beruf hat viele Seiten, aber das ist die ganz schwarze. Überleg dir gut, ob du das weitermachen willst."

Der Blick, der mich da trifft, ist die Wahrheit selbst. "Natürlich mache ich weiter! Ich will leben, und dazu gehört das Leid. Meines und fremdes. Fremdes, das zu meinem wird. Für einen Moment. Danke, dass du mich hältst."

Samstag, April 19, 2008

Runners High

Zuerst war da der Rhythmus, der mich in eine Trance nahm. Vertraut als sei es meiner und doch noch nie gehört. Fast unmerklich verschleppt, die lässige Spannung zwischen Riff und Beat. Ich spürte die berühmte Verzögerung und sie erregte mich stark. Da spielten zwei nicht falsch, da spielten zwei genial nicht richtig. Das war mein Beat, Schlag um Schlag ein Pace, der mir die Luft nahm. Nicht nur beim Rennen auf Berge oder Tanzen von ihnen hinab, nein auch jetzt, wo ich starr vor Ehrfurcht dem grossen, weißhaarigen Mann von hinten bei der Arbeit zu sah. Jeder Schlag traf mich tiefer. Jeder Trommelschlag aus den Handgelenken von Charlie Watts.
War das ein Traum, der falsche Pilz oder sollte ich einfach mal wieder zum Arzt gehen? Alles konnte das sein, nur keine Realität. Auch wenn die Männer mit den dicken Kopfhörern um mich herum sehr echt wirkten.
Unsanft wurde ich an die Seite gedrückt. Aus weniger als einem Blick empfing ich die tiefe Verachtung eines untersetzten, schwitzenden Mannes, der genau so aussah, wie früher Europäer CIA- Agenten beschrieben. Er schien ungemein wichtig zu sein, denn ihm folgte ein Zureicher. Jemand hielt die Hand in den schmalen Gang und stoppte das Paar. Der Diener, der mit den Augen an den Monitoren gehangen hatte, lief auf und bekam den Ellbogen in den Magen. Erst jetzt sah ich mich in einem riesigen, abgedeckten Labyrinth aus Gerüstrohren stehen. Überall im Schwarz bildeten Monitore kleine blaue Lichtinseln, vor denen Schatten saßen. Das war die Unterwelt. Die Unterwelt aus der die Welt gesteuert wird. Mehr als die Welt. Ein Universum aus Schall und Rauch und Licht. Die Illusion einer Welt. Ein Fake, so wahr wie nichts. Triumph der Illusionen.
Das war ein guter Traum. Der Beste aller. Traum der Träume. Das kann man nicht erleben. Doch es fühlte sich so unwahrscheinlich echt an. Um so schlimmer würden die Momente kurz vor dem Erwachen werden. Im Traum bekam ich Angst vor seinem Ende.
Starr lag mein Blick auf dem Rücken des stoisch trommelnden, siebzig jährigen Mannes, am Ende der schmalen Stiege schräg über mir. Da raste ein Gesicht seitlich auf mich zu und ich wich zurück, wobei ich dem Gehilfen des Dicken auf die Füsse trat, der mir seinerseits kräftig in die Nieren schlug. Der Sänger war auf eine Kamera zugesprungen und leckte einen der Bildschirme neben mir mit d i e s e r Zunge von innen ab. Die meisten der Männer unter der Bühne johlten, nur einer schüttelte genervt den Kopf. Das war wohl der VideoDJ für die Bühnenrückwand, die direkt über mir hypernervös flimmerte. Der Frontmann tanzte weit weg auf einem Seitenausleger und es sah traurig aus, da er im Grunde vor einer riesigen Fläche kalten, leeren Betons zappelte. Die Absperrungen standen sicher zwanzig Meter weit weg von ihm, er aber schnippte seinen berühmten Armwurf eisern in die tobende Arena, wo er letztlich auch ankam. Kamerakräne rasten um ihn herum und er wusste, noch im letzten Winkel des Stadions gesehen und gehört zu werden.
Das alles war zu real und diese Unterwelt in der Schläge verteilt wurden, keine Illusion. Es war die perfekte Maschinerie zur Erzeugung von Illusionen. Ich sah mich um. Bei dieser Art vom Träumen so hart an der Realität, war zu erwarten, dass der Mann mit dem Messer schon hinter mir stünde. Der Mann der mir die Luft rauben und den Schrei nehmen würde. Doch ich sah nur den unfreundlichen Dicken.
Der drehte sich zu seinem Paladin und nahm ihm den roten Rock aus der Hand, als sei der funkelnde Strass darauf echt. Er wurde noch einen Moment zurückgehalten, dann schlich er sich, erstaunlich beweglich, die Treppe hinauf zur Bühne. Ich wurde aus dem Gang gestossen und strauchelte über eine tief unten geschraubte Gerüststange. Und dann ging alles sehr schnell. „Let`s Spend The Night Together“ begann zu verklingen und alle unter der Bühne standen von ihren Plätzen auf. Man hörte noch zwei gedroschene Gitarrenakkorde, danach wurde unter der Bühne eingezählt. Mit dem letzten Ton schrien mehrere Männer „Go!“ in ihre Mikrofone und plötzlich war die Bühne dunkel. Jagger und sein Hassfreund klopften sich auf die Schultern und liessen sich in einem Lichtkegel feiern, aus dem der Gitarrist aber schnell zur Seite verschwand. Aus der Dunkelheit wurde ihm eine brennende Zigarette gereicht. Ich sah sie aufglimmen. Plötzlich stand der andere Gitarrist direkt vor mir oben an der Treppe. Er schrie mich lachend an. Irgendwas war mit seiner Verkabelung nicht gut und er sagte, nach der nächsten Pirouette wäre er als Paket verschickbar. Völlig benommen konnte ich nicht mal auf den Mann weisen, der die Drähte in seinem Rücken ordnete, noch während Ron Wood zu mir sprach.
Sollte ich den Moment geniessen und mir erst später Sorgen um meinen Geisteszustand machen? Doch wenn es der war, der mir diese Nacht bescherte, sollte ich mir da überhaupt noch Sorgen machen? Keine Sorgen mehr? Alles leicht? Ich war drauf! Nur worauf? Ich nahm nichts und konnte also auch nichts verkehrtes genommen haben. Außerdem war die Anspannung um mich herum viel zu wahr, um aus etwas anderem als Leben zu bestehen.
Ron Wood plapperte weiter auf mich ein, hob die Hände als führe man ihn ab und liess sich neu verkabeln. Eine kleine blonde Frau stand auf Zehenspitzen und nahm ihm immer wieder die Zigarette aus dem Mund, er strahlte sie an, machte Spässe und achtete darauf, ihr nicht direkt ins Gesicht zu blasen. Dann steckte sie ihm die Flasche zwischen die Lippen, er verzog das Gesicht, doch sie bestand auf dem isotonischen Getränk und der grosse Gitarrist wurde vor meinen Augen zwangsernährt. Während all das gleichzeitig passierte, stand Jagger allein vor einem tobenden Stadion, tänzelte herum, warf sich das Haar aus dem Nacken, wackelte eine wenig mit dem Po und begrüßte eine Stadt, von der ich noch nie gehört hatte. Ich sah ihn mit seinem roten Mantel in grell buntem Licht vor einer schreienden schwarzen Masse wedeln. Meine Perspektive streckte die Zeit ungemein. Lang ist die Minute, wenn ein Stadion tobt. Lang und gewaltig. Gewaltig schön.
Und ich durfte das miterleben ohne zu wissen, warum ich auserwählt war. So wirkt auf normale Menschen die Stimmung in Flugleitzentren, Operationssälen oder in Börsenhallen. Alles hat seinen Sinn, alles ist wohl durchdacht und das Ergebnis für den Betrachter klar und übersichtlich. Der Weg dahin jedoch ist weder zu verstehen noch zu überblicken. Ich war starr vor Staunen, nicht vor Angst.
Das Licht auf den Frontmann änderte jetzt die Farbe, wurde aber nicht schwächer. Er sagte den nächsten Titel an, wobei er sich lasziv seines Gehrocks entledigte und ihn mit ausgestrecktem Arm neben sich auf die Bühne fallen liess. Genau so einen, wie der Dicke auf die Bühne getragen hatte. Und tatsächlich sah ich den jetzt am Boden im Dunkeln neben Jagger robben und das abgelegte Kostümteil holen. Der Ersatz blieb seitlich auf einer Box liegen. Während die beiden Gitarristen wieder nach vorne an die Rampe kamen und das Licht für sie anging, stand urplötzlich ein Helfer im Halbdunkel hinter Jagger und hängte ihm eine akustische Gitarre um. Das war schneller geschehen, als man hinsehen konnte. Sofort stand er wieder im Licht, in seinem rosa Shirt und mit der Gitarre auch von hinten die wandelnde Coolness. Er sagte betont langsam und herausfordernd das nächste Lied an: „Saint Of Me“ . Ein Wagnis im Stadion. So gut kannte ich die Shows, um zu wissen, dass das Blöken aus dem Oval noch zu undifferenziert für diesen Song war. Ich sah ihn von hinten und wusste, sein Gesicht auf dem Monitor log nicht. So ich zeig euch jetzt wie es geht! Schien es zu sagen. Er war drauf, er wollte es wissen. Ein bisschen Geklimper wie für sich, dann die drei ersten Gitarrentöne, dann nochmal und nochmal und schon hing die Gitarre auf seinem Rücken und Richards übernahm. Jagger trieb das Lied voran bis alle drin waren, dann griff auch er in der zweiten Strophe wieder in die Saiten. Ein einfacher Gitarrenreisser, mit dem ich schon auf Abgründe zu gerannt war. Bei „Could you stand in torture, could you stand in pain?“ nahm mich jemand am Arm. „Ach hier sind sie. Ich suche sie schon die ganze Zeit!“ „Wie mich?“ „Ja klar, wen sonst? Alle anderen sind ja auf ihrem Platz.“
Eine Stimme in meinem inneren Headset sagte mir: Nimm es mit und konzentrier dich! Das ist ein Konzert der Rolling Stones und du bist unter der Bühne. Das ist die Stunde deines Lebens! Nimm sie! Doch ich erschrak. Das sollte die Stunde meines Lebens sein? Spürt man die, spürt man auch den Tod. Nie hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, aber es störte mich, dass der grösste Moment einfach so zu kommen schien, ohne das ich ihn gewollt hatte. Jeder der die Stones liebt, will doch erleben, was ich da erlebte. Stimmt das wirklich? Das Leben ist keine DVD.
Ich folgte der dunklen Gestalt im durchsichtigen Labyrinth, vorbei an all den Leuten und Monitoren. Manche lachten mich jetzt an, winkten mir zu, zeigten mir aufrechte Daumen. Das blies Zweifel weg und machte mir Mut. Wir gelangten an einer kleinen Kabine an, die aus schwarzer Folie gebildet war und ich wurde durch einen Schlitz in sie geschoben. Ein Mann mit langem, grauen Zopf und eine junge Frau schienen dort schon auf mich zu warten. Mit warmen Händen griff mir die Frau sofort unter das T-Shirt und klebte Kabel, der Mann begann mich zu schminken. Er sagte: „Wir müssen uns beeilen, er macht heute Druck. Wenn das Publikum pennt, dann fängt er an zu ziehen, bis die Band an die Punkte kommt, wo garantiert alles aufwacht. Dann macht er sie an und wenn sie heiß sind, ist das Konzert vorbei und er lässt sie in einem plötzlich wieder völlig sinnlosen Betonkäfig zurück. Er kann mit einem ganzen Stadion Sex haben. Den Kopf stillhalten! Entschuldige, ich muss dich Café Latte schminken, aber du stehst nachher in sehr weißem Licht. Das tun ja seine Gäste immer.“ Noch ehe ich ihm sagen konnte, ich würde ganz sicher in keinem Licht stehen, stand der kleine Mann mit dem Klemmbrett wieder bei mir. Aus ihm strömte ein Schwall von schnellem Englisch, von dem ich nur einen Teil verstand.“So das wird jetzt Zeit, es kommt noch ein Song, dann macht er die Überleitung und holt dich rauf.“ Jetzt wurde ich doch angststarr. Die Bedrohung tänzelte über mir, machte Musik, die mich sonst Berge hoch trieb und der riesige Tieftöner, der irgendwo vor uns lag, drückte mir in den Magen. Ich übergab mich. Sie wischten mir das Gesicht ab und der mit dem Zopf schminkte mich noch einmal nach, ohne mit der Wimper zu zucken. „Was soll ich da oben? Das ist ein Irrtum! Sie machen einen Fehler!“ Der Kleine sah mich mit grossen Augen an.“Wir machen keine Fehler! Süsser, ich mache das mit denen da oben seit „Steel Wheels“. Sagt dir das was?“
„Ja sicher, ich bin dafür extra ins IMAX gefahren.“ Der Kleine lachte wieder. „Na siehst du, da hing ich oben im Gerüst, wo Mick drin herum getanzt ist. Na zum Glück wird der auch älter.“
Erst jetzt begriff ich, im Grunde gefangen zu sein. Unter dieser Bühne, in dieser Maschinerie und in einem blöden Spiel, das die mit mir trieben. Ich wünschte mir eine Waffe, irgendwas womit ich drohen und mir Platz schaffen konnte. Hier ging es um mein Leben, das spürte ich genau. Und bei aller Liebe, aber ich wollte nicht, dass das jetzt der Höhepunkt meines Lebens werden würde. War Jagger doch des Teufels? War es keine dämliche Attitude und er der Leibhaftige? Wieso konnte dieser Mensch bestimmen, das mein Leben nach diesem Moment nur noch aus Erinnerungen und ansonsten Langeweile bestehen würde? Ich wollte das nicht! Ich fing an zu schreien, ich schrie wie am Spiess in das Mikrofon nahe den Lippen des Mannes, aber nichts war zu hören.
Es kümmerte auch niemanden, gesteuert wurden diese Maulwürfe durch eine Stimme in ihren Kopfhörern. Man schob mich wieder zurück bis vor die Treppe, an der ich vorhin schon gestanden hatte. Der CIA Dicke kam und bürstete mir die Schultern, sein junger Adjutant fummelte an meinen Hosen herum. Ich wusste, er durfte nur dabei sein weil er mit dem Feisten schlief. Das war die Hölle hier! Mein Kopf drehte und wollte zerspringen in einem. Auf einmal fing der Dicke vor mir an zu tanzen, griff mir an die Hüften und nahm mich einfach mit in einen meiner liebsten Grooves. „Gimme Shelter“, ich tanzte und sah von hinten, was nicht zu sehen war. Wie Watts diesem Stück den unnachahmlichen Rhythmus gab. Plötzlich war mir alles egal, ich liess mich fallen und tanzte eng umschlungen mit dem stinkenden Dicken. Sein Gspusi umarmte uns beide und drehte sich mit uns. Lisa machte ihren üblichen Beschiss, der besser klang als der hohe originale Ton und plötzlich war das Lied aus. Die Bühne war jetzt so hell, dass ihr Licht die Treppe voll beleuchtete. Ich spürte vier Hände im Rücken, die mich langsam an die Stufen schoben, während Jagger oben eine Geschichte erzählte. Es habe ja diesen Onlinekarokewettbewerb gegeben und er werde nun, wie versprochen mit dem Sieger „Wild Horses“ singen. Und schon stand ich auf der Bühne, der kleine Mann im rosa T-Shirt nahm mich an die Hand und führte mich unter dem Gejohle von zehntausenden Menschen zu Keith, der mir mit der Faust zart auf die Schulter schlug. Dann gingen wir weiter in die Mitte der Bühne und Jagger stellte mich auf ein am Boden geklebtes Kreuz. Er sagte meinen Namen, der auf einem Monitor stand, schüttelte meine Hand, machte dann diese Bewegung zur Nase, als wolle er Rotz abwischen und wies wieder mit zwei flachen Händen auf mich. Auf den Monitoren stand jetzt OFF. Jagger beugte sich zu mir und fragte kälter als sein Lachen aussah:“Alles klar? Es kann nichts passieren. Wir haben die Aufnahme aus dem Netz von dir und wenn es gar nicht geht, mischen wir wen ganz anderen drunter. Es ist völlig egal was du hier machst, vertrau unseren Leuten.“
Ich fragte ihn, mich schon vor der Masse verbeugend: “Warum ich?“ Er schmunzelte nett an mir vorbei in eine Kamera und zischte:“Weil du so unglaublich normal bist und nicht besser aussiehst als ich.“ Richards begann einfach, Jagger schwenkte die Hüften mit und sang dann die erste Strophe, der zweite Teil war mir und ich brauchte den Monitor nicht. Ich begann, doch kein Ton kam. Ich drückte, presste, nahm all meinen Willen zusammen, doch aus mir kam nichts außer Schweiß.
Also doch der übliche Alptraum: Mir versagt im entscheidenden Moment meines Lebens vor Angst die Stimme. Ich spürte Richards hinter mir und drehte mich um. D a s waren die Augen des Teufels, die mich da gelb ansahen, aber eines sehr lieben. „Sing jetzt, sonst schlag ich dir die Fresse ein!“ Ich drehte mich zurück und fiel einfach in Micks Part ein, egal was auf den Monitoren stand. Und es ging. Ich fing mir seine Pose für Erstaunen ein und wir brachten das Baby im Duett sanft nach Hause.
Plötzlich war die Kuppe des Berges erreicht und ich spürte, seit einer viertel Stunde hinauf gespurtet zu sein. Die Musik hatte mich mitgenommen. Doch jetzt dröhnten meine Ohren zurück und ließen den Player platzen.
Ich riss mir die Stöpsel aus den Ohren und fiel um.

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Samstag, Februar 16, 2008

In einem Zug

Das Paar stand in der einbrechenden Dunkelheit direkt unter dem Zugkunftsmelder. Sie nannten die Bahnanzeiger so, seit ihr kleiner Sohn vor zwanzig Jahren, als sie am Bahnhof auf seinen Bruder warteten, zu ihrer Überraschung sagte: Ihr müsst nicht bei Ankunft schauen, sondern bei Zugkunft. So hatten sie erfahren, dass der Vierjährige lesen konnte.
Erschrocken fuhr Luise zusammen, als der Kasten über ihr zu rattern begann. Ihr Mann las, wie sie, ohne jede Reaktion von der Verspätung des Citynightline. Für ihr Vorhaben war es gleichgültig, wann der Zug kam. Nachtzüge sind immer zu früh am Ziel.
Nur ein wenig kalt wurde ihr. Nachher im Zug würde sie eine Dusche nehmen. Ja, zuerst eine Dusche, dann einen Tee, nein, einen Grog, sie wollte weich und warm sein für die Nacht. Später würde sie noch einmal duschen und am Morgen vor dem Aussteigen ein weiteres mal. Nicht, weil sie spiessig das Deluxeabteil bis zum letzten Tropfen warmen Wassers ausnutzen wollte, nein im Gegenteil, jede der Waschungen würde nötig sein. Eben weil sie ihr Kleinbürgertum mit dieser Reise überwänden.
Paul, ihr Mann, sah aus, als spiele er einen Wartenden. Von der Uhr wanderte sein Blick auf die Anzeige, dann das Gleis hinauf. Dann wieder von vorn, als hielte ihn dieses Dreieck aus Blicken. Luise lachte über das schlechte Theater, genauso, wie über den leeren Rollkoffer, der neben ihm stand. Nur durfte sie nicht das leiseste Zucken dieses Lachens sichtbar werden lassen. Zum Glück war er kein Schauspieler geworden, sondern ein guter und beliebter Gymnasiallehrer. Es war vor dreissig Jahren eine ihrer ersten Aufgabe gewesen, ihn, den sie in der Studentenbühne kennen gelernt hatte, vorsichtig davon abzubringen, auch nur den Versuch zu wagen, die Germanistik zu schmeissen und die Eignungsprüfung an einer privaten Schauspielschule zu machen. Schon damals sah sie deutlicher als er selbst, wo die wahren Talente dieses grossen, kräftigen Mannes lagen. Sicher nicht darin, fremden Text aufzusagen oder gar zu versuchen aus aufgeschriebenen Worten sichtbare Gefühle zu machen. Ein Sache von ihrem Kern aus und gründlich erarbeitend, hatte er alle verfügbaren Schriften Stanislawskis gelesen und verinnerlicht. Geblieben war die Liebe zu Luise und ab und an ein Requsit. In dieser Masse Paul wohnte eine ganz feine Seele, von der sie nicht sicher wusste, ob sie ertrüge, was ihm bevorstand. Noch konnten sie das Abenteuer einfach ausfallen lassen. Vielleicht war ja der verspätete Zug ein Zeichen. Aber sie gab nicht viel auf Omen von ausserhalb ihrer selbst. Würde sie mehr seiner Angst spüren, bräche sie die Aktion ab, doch ihr Mann schien zwar sehr angespannt und konzentriert, in der Hauptsache aber entschlossen wie sie, das Angefangene zu Ende zu führen. Und begonnen hatte dieses Abenteuer schon vor Monaten in den Nächten am Rechner. Wie schmählich wäre ein Rückzug jetzt, wo die vielleicht verrückteste Unternehmung ihres Lebens ihren Lauf nahm.
Paul lachte in sich hinein, atmete tief, wie er es von Luise gelernt hatte, liess jeden Gedanken über das Verhältnis von Pünktlichkeit und Preisen der Bahn aus sich heraus strömen und sagte ein paar Gedichte auf. Gekonnt liess er seinen Blick den eines Wartenden sein. Sicher glaubte seine Frau, in ihm gehe wieder der Traum vom Schauspieler durch, von dem sie glaubte, es sei gut so und ihr Werk, dass er nie wahr geworden war. Er liess ihr den Glauben und wusste selbst besser als jeder andere von sich selbst, genau im richtigen Leben zu stecken. Wegen der Frau an seiner Seite, für die er in dieser Nacht durchs Feuer gehen würde. Auch wenn sie ihm nicht glaubte, er fand die Inszenierung nur für die Mitwelt wichtig. Schliesslich waren sie ein bekanntes Paar in der Stadt, die nicht gross genug war, dass nicht irgendwer sie sähe und es sich in Kreisen ausbreiten würde, sie stünden ohne jedes Gepäck am Bahnsteig und warteten auf Nachtzüge. Er brauchte den Koffer nicht, er war heute Abend der Beschützer . In der rechten Manteltasche lag schwer die kalte Pistole. Wenn schon Rollen, so sah er diese als die wichtigste an. Er würde seine Frau in dieser Nacht beschützen und liess sie glauben, er wolle Zeuge sein.
Das würde am schwersten werden. Stummer Zeuge zu sein und nicht einzugreifen. Aber so war es abgemacht. Sie wagten einen Gang auf Eis, von dem sie nicht wussten, wie tragbar es war. Manche machen so etwas professionell. Sie nicht. Sie waren blutige Anfänger. Das war wohl ihr Geheimnis, der Grund, warum es diese Liebe seit dreissig Jahren immer wieder neu gab: Luise brachte es fertig und stellte sie immer wieder vor neue Anfänge. Er wusste, diese Nacht würde wieder viel zwischen ihnen verändern, da sie beide ihre Liebe auf die Probe stellten. So verstand Paul seine Frau seit dreissig Jahren. Immer wieder schob sie ihre Liebe auf Glatteis, nichts war dann mehr so wie es doch immer und bis eben gerade gewesen war. Und es tat nur genau so viel weh, wie es wehtun musste. Heute Nacht würde es viele Schmerzen geben, aber das war nötig. Paul sah sich seine kleine Luise von der Seite an. Fast jeder Tag mit ihr war wie eine Bestätigung seiner Liebe gewesen. Und die der letzten Monate mehr denn je. Immer dann, wenn Luise spürte, sie waren auf einem falschen Gleis miteinander, griff sie kräftig in die Räder ihrer gemeinsamen, komplizierten Mechanik und stoppte den Zug ihres Paarseins. Oder setzte ihn wieder in Bewegung, wie jetzt, wo er zum Stehen gekommen schien. Dieses kleine Bündel Kraft. Mit Bewunderung sah er auf seine Frau, bei der das Alter auch in zehn Jahren, also mit Anfang sechzig keine Rolle spielen würde. Es machte wohl ihr Beruf, die viele Bewegung in den Tanzstunden, das viele Yoga und meditieren, das sie so sportlich und fest aussah. Dazu der dunkle Teint, das schwarze Haar, das noch schöner war, seit es diese kräftige graue Strähne durchzog. Ja, er liebte den Körper seiner Frau, der Abbild ihrer starken, säulenartigen Seele war und sicher würde er sie auch bald wieder begehren.



2
Der Ältere füllte die Doppelkabine stehend im Grunde genommen aus, der andere sass mit angezogenen Beinen auf dem noch zum Sitz geklappten Doppelstockbett und sah, soweit es ging, vorbei an seinem Bruder hinaus in die beginnende blaue Stunde im Rheintal, hinter dem vor ein paar Minuten die Sonne spektakulär in Frankreich erloschen war. Er spürte, wie unwohl seinem grossen Bruder war und mochte sich gar nicht vorstellen, wie der in einem solchen Abteil schlafen wollte. Zum Glück würde das nicht nötig sein, sie waren nicht zum Schlafen eingestiegen. Friedrich sah auf die Gleise, die nah neben ihnen liefen, sich kreuzten, verzweigten und wieder in ewiger Parallelität liefen. Er sagte es seinem Bruder und fügte an: Auf ewig gleich weit weg voneinander in eine Richtung, da kommst du dann in Zustände, wie unsere Kunden heute nacht. Der angesprochene Fels blieb stumm und fest auf schwankendem Grund. Der Zug schaukelte über ein Weichengeäder, doch die Reste des schon gedämpften Rüttelns, verschwanden in den kaum bemerkbar ausgleichenden Bewegungen seiner Muskeln. Der kleine Bruder war schon froh, bekam er keine blaffende Antwort zurück. Bis gerade hatten sie gestritten und Anton starrte irgendwohin ins ständig wechselnde Bild vor sich, also in sich selbst. Friedrich kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, er brauchte jetzt Zeit. Irgendwann würde Anton mit seiner Antwort kommen. Eigentlich war die gar nicht so wichtig, denn natürlich kann auch er, Friedrich selbst, den Job machen. Nur hat er eben viel weniger Erfahrung in dem. Eigentlich gar keine. Aber was solls, er ist der kleinere und jüngere von beiden, und von Anfang an somit auch der Beweglichere. Für ihn sass Anton schon immer in einem schmalen Boot und ruderte einfach, mit dem Rücken zum Ziel. Stur und monoton, höchstens mal die Schlagzahl ändernd. Dieser Sport schenkte ihm zwar herkulische Kräfte, aber eben auch den ewigen Blick auf den festen Nacken des Vordermannes. Anton war Juniorenlandesmeister in verschiedenen Klassen gewesen, jetzt trainierte er für den nationalen Achter, aber nur als Reserve. Anton war Friedichs erster Kasus als angehender Psychologe, sieht man mal von den Mädchen ab. Er der Kleine, war es, der dem Bruder ganz, ganz langsam beigebogen hatte, dass man an den Ausstieg im Leistungssport auch dann denken muss, wenn man längst noch nicht alles erreicht hat, was man will. Nun wird er Lehrer. Da er es sowieso fliessend spricht, ist sein Zweitfach Englisch, Hauptfach natürlich Sport. Und Anton genoss die Studienzeit, anstrengen musste er sich nicht. Und hatte Zeit für viel Unfug und viele Frauen. Die strömten nur so zu ihm, ein Fluss gegen den Anton nicht ruderte, sondern in den er sich immer wieder warf. Er nahm, was er haben konnte und hattte einen gewissen Ruf, nicht nur im Achter Ausdauer zu haben. So kamen sie letztlich auch auf die Idee, die sie nun in dem engen Abteil schmoren liess.
Doch jetzt war der Grosse beleidigt. Für Friedrich kam die Änderung im Programm wenig überraschend, er hatte sich im Grunde die ganze Zeit gewundert, das es nicht so laufen sollte. Klugerweise hatte er seinem Bruder erst nachdem sie in den Zug gestiegen waren, erzählt, was auf ihn zukäme. Auch wenn Druck selten gut ist, für den Moment war es nicht schlecht, dass es für ihn kein Entrinnen gab. Friedrich wusste sogar, was es Anton jetzt so schwer machte, überhaupt zu reagieren. Er, das Körper gewordene Selbstbewusstsein, muss ihm, dem Kleinen mit den verrückten Ideen, sagen, dass er das Vorhaben unter den neuen Bedingungen einfach nicht realisieren kann. Er muss mir sagen, dass er nicht k a n n, vermutete Friedrich. Dabei war es ja der Grosse gewesen, der auf den Kern der Idee gekommen war. Aus ehrlichem Interesse liess er sich von Friedrich über seine Abschlussarbeit im Nebenfach Soziologie genau unterrichten. Staunend hatte er sich die Antwortbögen und Briefe von Teilnehmern an Kontaktbörsen angesehen, die über ihre Motive berichteten, anonymen Sex mit Fremden zu suchen. Friedrichs Theorie und Grundlage der Arbeit: Die meisten, die verantwortungslosen Spass als Motiv angaben, waren letztlich Einsame, ob nun allein oder im Paarmodus. Sie suchten Liebe und wussten es nicht. Ein Teufelskreis. Nicht weniger als Friedrich selbst verblüffte ihn die Offenheit der Berichte. Dessen schöne Hypothese teilte er nach der Lektüre jedoch nicht. Trotzdem fand er, das seien doch arme Schweine, die sich ihr Vergnügen so holen mussten. Wo bleibt der Spass an der Jagd? Hatte er den angehenden Psychologen gefragt, der selbst kein Kostverächter war, nur andere Arten von Fallen aufstellte. Trotzdem verbat er sich den Vergleich zu den intellektuell-sexuellen Beziehungen, die er pflegte. Erst in diesem Gespräch war zu Tage getreten, dass der anonyme Sex etwas völlig normales für seinen grossen Bruder war. Wozu muss ich da ins Internet? Da gehe ich in die Mensa, die Bibliothek, auf eine Party oder zur Not in eine Bar. Und bloss weil du den Mädels erzählst, wer sie seien, ist das noch lange nicht nichtanonym. Weil, du erzählst ja nur, was du schon alles gelesen hast und machst sie kirre. Kennst du, wen du fickst? Diese Frage hatte sich Friedrich noch nie gestellt und staunte ein wenig über seinen grossen Bruder, der doch mehr als nur rudern konnte. Und der war es auch, der einhakte, als Friedrich ihm auf den Seiten zeigte, woran man Professionelle erkennt. Gibt es da auch Männer, die das machen? Wieder staunte der Kleine. Männer die das verkaufen findet man nicht so gut. Es gibt auch viel weniger. Ist doch klar, sieh dir die Massen von Männern an, die sich kostenlos anbieten.
Bei vielen Bieren unter einem Lindenbaum, an einem Zweiertisch um ungestört zu bleiben, erläuterte ihm der Ruderbruder, dass, wenn kein Angebot zu finden ist, nicht unbedingt schlüssig sei, dass es keine Nachfrage gäbe. Immerhin seien das ja heikle Themen. Und genauso wie sich gepiercte Schwänze und Dauererigierte präsentierten, genauso wie die dreiunddreissigjährige fette Elke die endlich defloriert werden wollte oder die „beschnittene Ficksau“ die einfach Geld machte, irgend wen fänden, der sich ihrer annähme, gab es doch garantiert welche, die es, warum auch immer, von einem Mann für Geld gemacht bekommen haben wollten. Friedrich lachte: Ja jede Menge Männer suchen das! Doch Anton widersprach ihm. Ich glaube eben da gibt es auch Frauen!
Immer klappte es scheinbar nicht in der Bibliothek und bei Partys, denn irgend woher musste die chronische Geldnot des Bruders ja kommen. Sie soffen und sponnen die ganze Nacht weiter und jetzt kniff der Grosse.
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Luise hatte staunend eine warme Dusche im Abteil genommen. Sie war noch nie in einem Schlafabteil mit Bad gewesen und genoss es, nackt hinaus auf die vorbei eilenden Lichter irgendwelcher Nirgendwos zu blicken. Auch den Begrüssungssekt hatte sie umwandeln können und gerade klopfte es. Ihr Mann nahm den Grog entgegen und zeigte ihn ihr. Sie lachte und drehte sich vor ihm, seifte sich hier und da und es gefiel ihr, dass ihr Mann sich noch immer nicht satt an ihr sehen konnte. Das war schön. Kurz überlegte sie, die nächste Variante nochmal, das Ganze abzubiegen. Schliesslich hatte sie sich die möglichen Abläufe dieser Nacht immer wieder überlegt. So wie sie wusste, zuerst würde sie diese Dusche ausprobieren, war ihr auch das Bild gekommen, ihr Mann würde ihr dabei zusehen. Nun tat er es und nichts geschah. Nichts weiter. Sie machte schon das genügend an und früher hätte genau jetzt eine lange, unruhige, genussvolle Nacht ihren Anfang genommen. Könnte es auch jetzt, denn im Grunde war ihr Mann noch immer der hingebungsvolle Liebhaber von damals. Er würde sie problemlos durch viele Gärten der Lüste führen, während sie Deutschland durchquerten. Ja, er kannte die Wege alle, sie zu befriedigen, sie zum Schreien an sich selbst, zum Aufbäumen, Klammern und Beissen zu bringen, konnte aber nicht mehr alle gehen. Sie waren in eine dumme Schlaufe geraten. Mit den Jahren hatte es sie immer weniger anregen können, dass er genau wusste, wie mit ihr umzugehen war und mehr Geduld als Gier in sich zu tragen schien. Er hatte ihr allein durch seinen Langmut und seine Ausdauer Orgasmen verschafft, die jenseits jeden Bewusstseins, ihr mehr als nur Bewusstlosigkeit gebracht hatten. Durch ihn hatte sie sich in Farben gesehen und Gefühle erlebt, die definitiv nicht von dieser Welt waren. Aber irgendwann war es vorbei mit dem Steigern und es war immer schwieriger geworden für ihn, ihre Lust zu befriedigen. Und dann hatte sie den Fehler gemacht, von dem sie nie geahnt hätte, das es einer wäre. Sie hatten gerade abgemacht, die Leibesübungen aus dem Tantrakurs nun wieder zu lassen und einfach ihrer Fantasie zu vertrauen, da war wieder so ein Abend gewesen und sie sah wie er eine seiner feinsten Übungen vorbereitete. Aus Decken und Kissen hatte er ein Lager am Schiebetürschrank gebaut, an den er sie in eine Art Kopfstand lehnen und von oben weit spreizen würde, um sie in aller Seelenruhe, ganz langsam, erst mit feinster Zunge, dann immer heftiger mit der Nase und letztlich dem ganzen Kopf zu ficken. Doch für einmal wollte sie das nicht und sagte: Nein lass und zog ihn einfach auf das Parkett ihres Schlafzimmers. Komm nimm mich einfach. Das hatte er nämlich schon sehr lange nicht mehr getan und an diesem Abend wurde es offenbar. Ganz offensichtlich konnte er es nicht auch nicht mehr. Bestenfalls war er in der Lage, durch ihre lauten Lustellipsen ganz langsam in Fahrt zu kommen, aber er brachte definitiv nichts zu Stande, was ihn in die Lage versetzt hätte, sie schlicht und ergreifend zu ficken. Im Verlaufe bezeichnete er sich als impotent und weinte auf dem Bettrand. Da hatte sie ihm versprochen, dass nichts sie trennen könne, schon gar nicht diese kleine momentane Unpässlichkeit des Leibes. Die Dysfunktion des kleinen Körperteils, der bei ihren sehr speziellen Begegnungen sowieso nie die Hauptrolle gespielt hatte. Doch umso länger der immer liebevoller Betreute nicht ansprach, ja immer kleiner zu werden schien, umso mehr wuchs in ihr die Lust auf seinen erigierten Schwanz, die eine regelrechte Gier wurde. Sie versuchten es mit allerlei Mitteln und Tricks, von scharfen Speisen, über Aphrosidiaka aller Art bis letztlich zum Viagra, dass ihr Mann aber denkbar schlecht vertrug. Offen und frei gingen sie mit dem neuen Problem um, doch das Gefühl des Unvermögen war ihm nicht mehr zu nehmen. Und dann ging gar nichts mehr. So waren sie in diesem Luxusabteil gelandet und sie wusste längst, auch diese für sie neue ungewöhnliche Umgebung würde nichts bei ihm bewirken. Nicht das, was sie begehrte. Einen Fick. Erst nach ihrer Menopause und seinem Unvermögen war in ihr das kaum zu stillende Verlangen nach regelrechtem und einfachem Beischlaf entstanden. Manchmal musste sie in Ansicht der wohlverpackten Männlichkeit ihrer Tanzeleven die Toilette aufsuchen, um sich zumindest in der Phantasie einem dieser Jungen und seinem unbeherrschten Drang hinzugeben. Die realen Annäherungsversuche ihrer Schüler wehrte sie selbstverständlich ab, wie sie es schon immer getan hatte.
Paul wurde traurig beim Anblick seiner schönen Frau und setzte ich in den Drehsessel am Tisch. Das wäre ein Platz zum Schreiben, dachte er sich und wurde noch trauriger. Hinter ihm duschte seine so reizvolle Frau und er sah hier aus den Oberfenstern auf die vorbei eilenden Oberleitungen, goss sich ein Bier ins Glas und dachte an Schreiben. Was war nur aus ihm geworden! Er hatte den Mantel noch an und ging kontrollierend durch die Taschen. Alles war an seinem Platz. Die kleine Kamera, die ebenso kleine wie schwere Pistole, sein Telefon und in der Innentasche das Geld. Er betastete den Umschlag. Früher hätte es noch geknistert, aber Euros taten auch das nicht mehr. Eintaussendfünfhundert, nicht billig ihr Abenteuer. Extravaganz kostet halt, hatte der junge Mann am Telefon nur gesagt. Vielmehr als das und die Bedingungen war es nicht gewesen, was er mit dem Fremden gesprochen hatte. Und war nicht traurig drum.
Irgendwo hier in diesem Zug würde er schon anwesend sein. So unangenehm wie prickelnd war dieser Gedanke und erregte Paul schon ein wenig. Vielleicht sollte er doch absagen und einfach seine Frau...Er verwarf den Gedanken sofort. Zu oft schon hatte er dieses berühmte leichte Ziehen gespürt und zu oft erfahren, das es zu nichts weiter führte, als einer weiteren Blamage.

4
Ich kann das nicht! Friedrich war nicht verwundert, dass das die ersten Worte waren, die sich aus seinem grossen Bruder pressten, dessen Unwohlsein nicht mehr in das Abteil passte. Ich kann das einfach nicht! Und es war auch nicht so abgemacht!
Was kann ich dafür? Antwortete Friedrich. Wenn der Kerl plötzlich sagt, er will dabei sein, dann kann ich absagen oder den Preis verdoppeln. Letzteres habe ich getan. Vergiss nicht, allein die Fahrkarten kosten fast zweihundert Euro.
Die zahl ich dir. Aber ich gehe nicht da hoch. Ich mach das nicht!
Du kannst nicht! Erwiderte Friedrich spitz. Zumindest wenn dir einer zuschaut.
Mein kleiner Psychologe nimmt das Maul ziemlich voll. Dann geh du doch, Grossmaul.
Am Ende wird mir ja gar nichts anderes übrig bleiben. Erwiderte der Kleine. Nur befürchte ich, dass gleiche Problem zu haben wie du. Ich bin ein Feingeist und errege mich erst, spüre ich den Widerstand, das Winden des Fischleins an der Angel. Ich muss die Worte hören, die noch andere sind, als das, was ihre Augen schon sprechen. Ich bin doch kein Zuchthengst! Wie du... fügte er besser nicht noch hinzu, er spürte, wie sich die vielen Muskeln seines Bruders anspannten. Ein Schlag von ihm war nicht ungefährlich. Wenn Stoiker ausser sich geraten, morden sie. Einlenken war angesagt.
Weisst du, ich kriege einfach keinen hoch, wenn ich zu irgendeiner Fremden ins dunkle Abteil steige. Ich habe da nicht deine Übung. So mental. Na und körperlich auch nicht. Du bist doch hier der Hirsch! Zu dem könnte das unsere Mutter sein!
Jetzt hatte er die Pranke des Ruderers doch am Hals. Sag das nicht nochmal! Und für deinen Schwanz habe ich was. Hier nimm so eine Pille. Nach zwanzig Minuten steht dir was, von dem hättest du bisher nicht mal zu träumen gewagt.
Ach du je. Friedrich sah das erste Mal in seinem Leben ein Viagra und erkannte es doch sofort.
Wenn du willst, dass wir das Ding durchziehen, musst du es nehmen und alleine gehen. Ich kann es nicht. Hättest mich mit ihm telefonieren lassen sollen. Dem hätte ich schon gesagt, was geht und was nicht.
Friedrichs Handy bimmelte. Es klang fremd, denn es war das zweite, das neue fürs „Geschäft“. Er schrak zusammen, warf die Pille hinter, schluckte, drückte den Knopf und sagte mit tiefer Stimme: Ihr Service.
5
Luise trocknete sich gründlich ab, rieb sich mit dem Tuch und spürte immer mehr Lust in sich wachsen. Das war jetzt wohl der berühmte Reiz des Abenteuers. Und komisch, sie würde gleich mit einem wildfremden Mann Sex haben, oder es zumindest versuchen. Die Lust aber kam durch ihren Mann und Beschützer. So verrückt es klang, sie tat das für ihn. Paul hatte das seltene Talent, selbst erst in Fahrt zu kommen, ging es ihr gut. Dieser Regelkreis ist tückisch, verwöhnt worden war sie sexuell wohl ausreichend bis ans Ende ihrer Tage. Ausgelutscht, wie sie zu Paul mal gesagt hatte, bevor sie sein immer wohl rasiertes Kinn aus ihrem Schosse gehoben hatte. Da hatte begonnen, was sie jetzt konsequent zu Ende führten. Sie zog nur den Bademantel an, der bereit hing. Schon verrückt, was es in Zügen so gab. Schade hatten die nicht noch eine Sauna. Sie umschloss ihren Grog mit den Händen und setzte sich zu ihrem Mann. Schatten fremder Bahnhöfe huschten über sein Gesicht. Was hat er gesagt?
Das er in der nächsten halben Stunden kommen wird.
Und was noch?
Das alles dunkel sein muss. Du sollst am Schreibtisch stehen. Und er hat gefragt, ob ich das Geld dabei habe. Was Leute alles für Geld machen! Er nahm ihr die Tasse aus der Hand. Und du willst das wirklich Luise? Sag es mir noch einmal.
Ja Mann, ich will das jetzt ein Fremder hier herein kommt, den ich nicht erkenne und der mich nicht sieht. Ich will das er nach mir greift. Sofort. Ich will das er sich Zugang sucht, auch wenn es wehtut. Ich will, dass mich dieser Fremde fickt. Doch vor allem will ich, dass du mich dabei beschützt. Lass dir nichts entgehen und pass auf mich auf. Und wenn es dir zu bunt wird, dann brich es ab. Ja Paul? Das ist sehr wichtig! Die Macht hier hast du! Und ganz zum Schluss, da will ich, dass er dein Geld nimmt. Dein Geld Paul für diesen Fick. Ich will das du ihn bezahlst. Und wenn er es hat, dann machen wir das Licht an und sehen uns den Strizzi mal an. Das will ich. Und mach die Patronen aus der Pistole.
Aber es sind nur Knallpatronen.
Sie setzte sich rittlings auf ihren Mann. Mach sie trotzdem raus und dann reib mich mit dem Ding bis der Typ kommt. Ihr Mann tat wie ihm geheissen. Alle Sinne gespannt machte er seine Frau warm mit dem kalten Eisen. Wissend das eine Patrone noch im Magazin steckte.
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Es ist unglaublich, die haben tatsächlich das Abteil über uns. Hättest du vorhin nicht deinen kleinen Bock gehabt, hätten wir sie uns ansehen können. Wäre sicher auch lustig gewesen. Okay, die Knete hat er dabei. Wofür Leute so alles Geld ausgeben. Und du kannst wirklich nicht?
Ich will nicht! Erwiderte sein Bruder irgendwie flehend. Merkst du schon was? Wirkt es?
Wenn die Wirkung ist, dass einem die Augen jucken, der Puls immer schneller wird und sich eine Klammer um den Kopf legt, ja dann wirkt es. Aber sonst auch.
Ja, spürst du was? Meldet er sich? Klar hat es Nebenwirkungen, aber im Kern funktioniert es.
Na eine Erektion würde ich das nicht nennen. Da fehlt wohl noch der Anlass für. Aber für eine Nichterektion ist er schon ganz schön fett. Und du meinst die Kopfschmerzen gehören dazu?
Ja, ja bei den meisten. Antwortete sein Bruder. Hier nimm noch ein Aspirin. Da geht das Kopfweh weg und dein Blut wird beweglicher.
Was du so alles in den Taschen hast. Und ich dachte Ruderer leben von Powerriegeln und Sex. Wo hast du eigentlich das Viagra her? Brauchst du das?
Woher ich das habe, erzähle ich dir später mal. Nein ich brauche es nicht, wollte es aber mal probieren.
Das verstehe ich nicht, brauchst es nicht und probierst es? Wozu.
Der Grosse verdrehte die Augen. Es gibt Momente, nein, es gibt Frauen da ist es ganz praktisch, wenn man länger kann als man eigentlich kann. Aber wie gesagt, ich habe das nur probiert. Wollte sehen wie es ist. Wir können ja nachher unsere Erfahrungen austauschen. Wie machen wir es mit dem Alarm?
Handy. Ich habe deine Nummer als Schnellwahl gespeichert. Und ich verlange, dass sie die Tür nicht verriegeln. Lass deine am besten ganz offen, dann hörst du ja auch, falls was schief geht. Ein Sprung und du bist in der Kabine. Auch falls der Ärger mit dem Geld macht kommst du. Hast du das Messer?
Hab ich. Im Stiefelschaft, wie es sich gehört. Bist du aufgeregt, Kleiner?
Kann ich nicht sagen, ich glaube mein Herz rast von der Pille so. Ich bin einfach tierisch gespannt.
Der Grosse nahm den Kleinen in den Arm. Du machst das schon! Und ich bin ja da. Das Geld ist dann übrigens dir.
Darüber reden wir nachher. In Hannover oder so. Ich bleibe keine Minute länger in dem Zug als nötig. Also wünsch mir Glück. Und bleib wachsam!
Mach ich. Beides.
Friedrich besah sich im kurz im dunklen Spiegel und verliess entschlossen das untere Abteil. Zwei Sekunden später setzte er eine Art Stossgebet ab und klopfte an die Tür des Luxusabteils direkt über dem ihren. Wie der Weihnachtsmann, dachte er und hielt sich am Geländer fest.
7
Paul sah sich noch einmal um und öffnete ihm die Tür so, dass er hinter ihr blieb. Ganz dunkel habe ich gesagt! Sonst läuft die Sause nicht! Friedrich wies auf die zwei Spalte, die Paul in den Oberlichtern gelassen hatte. Er ging vorbei an seiner Frau, die mit Blick auf die Rollos stand und tat was verlangt worden war.. Jetzt erst war es stockdunkel im Abteil, der kleine Mann in der Tür nur ein Schatten.
So und jetzt kusch dich in die Ecke, Spanner! Sagte Friedrich mit tiefer Stimme, betrat die Reisesuite und zog die Tür hinter sich zu. Vor ihm stand eine kleine Frau im Bademantel. Schade tat ihm der Kopf so weh. Er hatte Mühe zu analysieren was mit ihm geschah. Denn eigentlich hatte er es die ganze Zeit selbst machen wollen, was er alles in den die Berichten gelesen hatte. Er fand keinen Namen für das was ihn trieb. Zur Sicherheit griff er nochmal nach dem Handy. Es war das Falsche. Mit dieser Nummer hatte er die Verhandlungen geführt. Der Notfallknopf war auf dem anderen geschaltet. Egal. Jetzt war er das wilde Schaf. Einer seiner Lieblingsfilme. Langsam ging er auf die Frau zu, die jünger zu sein schien, als er erwartet hatte. Seine Hand wollte zuerst auf ihre Schulter, auf der sehr dunkles Haar lag. Doch dann besann er sich seiner Rolle und liess die Hand langsam über ihren festen Po zum Saum des Bademantels gleiten und wanderte mit ihm an den Innenseiten der Schenkel wieder nach oben. Die andere stiess ihren Oberkörper nach vorn über den Schreibtisch. Friedrich spürte drei Klopfen. Eines in seinem prall gefüllten Schwanz das andere im Kopf und sein Herz raste auch. Er hatte das Gefühl, es wäre auch ohne das Mittel gegangen. Jetzt nur nicht zu schnell. Die wollte, also sollte sie warten. Er blieb mit der Hand auf ihrem Schenkel und griff fester zu, die andere suchte ihren Mund. Sie stöhnte auf. Er hörte ein: Ja!
Ein Blitz liess den Raum erstarren. Friedrich sah sein verzerrtes Gesicht, die Dusche und das dumme Schwein mit dem Fotoapparat auf der Bank in die Scheiben geätzt. Unbändige Wut liess ihn herum springen. Er stürzte sich auf den Mann und griff nach seiner Gurgel. Habe ich nicht gesagt, keine Kamera! Habe ich das nicht gesagt?
Er schüttelte den Mann, der mindestens so gross wie sein Bruder war. Der versuchte ihn loszuwerden. Immer fester krallten sich Friedrichs Hände in den dicken Hals. Ich kill dich, ich bring dich um, du impotenter Wichsfrosch du. Die Frau versuchte ihn von ihrem Mann wegzuziehen. Das verstärkte Friedrichs Raserei nur noch. Er kannte sich nicht mehr, würgte den Fremden und versuchte ihm gleichzeitig das Knie in die Eier zu drücken. Das Menschenpaket verlor das Gleichgewicht und rollte zu Boden. Dann löste sich ein Schuss. Sekunden später flog die Tür auf und Anton warf zuerst die Frau gegen die Duschkabine, deren Plexiglas barst. Dann schob er seinen Bruder zur Seite, hockte sich auf Paul und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Der schiesst! Stammelte sein Bruder. Das Licht ging an. Für einen Moment stand die ganze Szenerie still. Dann schrien sie alle den selben Schrei. Alle vier. Starr blieb Luises Hand auf dem Lichtschalter. Starr auch der Blick Friedrichs auf seine Mutter. Anton liess von seinem Vater ab. Mit grossen Augen schienen alle vier dem gedämpften Rattern der Räder zu lauschen. Luise war es, die als erste in Lachen ausbrach. Immer stärker quoll es hysterisch aus ihr. Es wandelte in einen Weinkrampf, als die Tür von aussen verriegelt wurde. Friedrich setzte sich zu seiner Mutter neben die kaputte Scheibe und hielt sie. Anton brachte dem Vater ein Handtuch für die blutende Nase. So fanden sie die Beamten der Bundespolizei vor, als sie das Abteil in Frankfurt stürmten.

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Die Protokolle, die dort getrennt aufgenommen wurden, waren ohne jede Absprache so gleich wie unglaubwürdig. Sie hätten während eines Familienausflugs nach Hamburg Quatsch gemacht, wobei sich eben ein Schuss aus Pauls Schreckschusspistole gelöst habe. Der leere Koffer blieb ohne wirkliche Erklärung. Man wolle Einkaufen. Keiner klagte keinen an. Es blieb nur die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Paul. Die beiden Waffen wurden requiriert, dann schickte man die Familie zurück in den kalten Bahnhof. Im ersten Zug des Tages nach Süden, sassen die vier lange stumm voreinander . Dann fragte Friedrich seinen Bruder: Und woher hattest du eigentlich das Viagra? Der Vater sah den Grossen beschwörend an.
Also ist er doch sein Lieblingssohn, dachte Friedrich und begann laut zu lachen. Das löste die Spannung bei allen. Die Morgenpendler störten sich an der albernen Familie, die von einem Lachkrampf in den nächsten verfiel, während sie einem neuen Tag im alten Trott entgegen fuhren.

Donnerstag, August 16, 2007

Kalte Fragen

Das Plateau hatte gelockt und mich die letzten Meter immer schneller steigen lassen. Nun stehe ich auf ihm und die Oberschenkel zittern fein. Darum das alles? Stieg ich über fünfzehnhundert Meter um mich des Ausblicks zu erfreuen? Der ist grandios, zweifelsohne bestens zur Rast geeignet.
War das mein Ziel? Die Weite aufsaugen bis meine Enge an ihr zu platzen droht, um sie daheim zerbeult und verdrückt wieder hervor zu würgen? Sprudelnd berichten, wovon ich nicht berichten kann und dabei übersehen müssen, wie wenig meine Frau den Furor teilt, für Höhenwege, die sie nie ging.
Ich habe keine Frau. Zum Glück habe ich überhaupt niemanden, dem ich versuchen wollte zu erklären, was ich gerade erlebe. Was erlebe ich denn? Ist es der freie Blick hinunter in die Welt oder nur die Freude, mich so weit von ihr entfernt zu haben? Die dünne Luft kann es nicht sein, auf meinem Weg ist Höhenrausch nicht vorgesehen. Was macht mich dann euphorisch? Der weite Blick des Königs übers Land? Das ist nicht mein Land. Dies nicht und kein anderes. Erhebt mich die Einzigartigkeit des Augenblicks zum König? Wo bleibt die Einzigartigkeit, wenn ich sie erkenne? Diesen Blick haben nicht viele, im Moment habe nur ich ihn.
Macht mich das froh?
Macht mich das frei?

Die Autobahn auf der ich täglich rolle, zieht eine grobe Naht durchs Land. Von der lockte mich der Berg, dessen Spitze wie eine Jacobinermütze zur Seite fällt. Eingesperrt zwischen den Leitplanken war genügend Zeit mir seinen Gipfel anzusehen, während vor uns Genervten Leichen aus dem Weg geräumt wurden. An diesem letzten Abend für fünf Hip-Hop Freunde lernte ich den Berg kennen. Die Alpen glühten, doch sein Zipfel blieb dunkel, er neigt sich nach Südosten. Ich verglich ihn, der seit Jahren täglich im Augenwinkel mitfuhr, mit seinen grösseren Nachbarn, deren Höhen man irgendwann auswendig kennt. Er musste zu erreichen sein. Daheim suchte ich in den Karten und fand tatsächlich einen ganz normalen Wanderpfad. Das war wichtig. Nicht mal ein Seil habe ich dabei und wüsste auch nicht wie damit umgehen. Heute bin ich mein eigener Knecht und trage den Herren, der in mir ist, den Berg hinauf. Das macht mich glücklich.
Ist es denn Glück? Oder nur Befriedigung? Kann ich das unterscheiden?
Geht es mir noch um Glück?
Was lässt mich schwelgen? Doch Freiheit? Kann ich Freiheit empfinden, wenn ich Unfreiheit nicht spüre? Oder bin ich frei, zwischen Leitplanken auf Beton in zwei Tonnen Stahl? Gehöre ich nicht zu den Millionen Unterbelichteten, die nicht einmal bemerkten, dass sie eingesperrt waren? Von Kindheit an von kleinen Lautsprechern umgeben, den "Antifaschistischen Schutzwall" im Ohr, sahen viele die Mauer gar nicht. Mir war sie dunkel anziehendes Substrat all der Merkwürdigkeiten im Land, die auch einem Jungpionier schon auffallen konnten. Erst als ich sie hinter mir liess, um mir von fränkischen Autohändlern das Wesen des Kleinkredit erklären zu lassen, war sie mir egal. In Paris habe ich gedacht, was ich hier von den Bergen brüllte: "Und das wollte Honecker mir vorenthalten!"

Hier oben ist keine Mauer. Nach Norden geht mein Blick unbegrenzt, bis ihn die hohen Nebel stoppen. Hinter mir erhebt sich der Zipfel. Ist freie Sicht die eigentliche Freiheit? Genau vor der hatten die Genossen doch Angst. "Du hast ja ein Ziel vor den Augen", so ging eines der Lieder, das auch die lernten, die es nie mitsangen. Der Blick war verstellt mit einer Mauer an die in einer vierzigjährigen Schlaufe hehre Ziele projiziert wurden, bis man sie für einen Teil der Realität hielt. Völlig egal ob man dafür oder dagegen war.
Ist Freiheit, gehen zu können wohin man will? Oder beginnt Freiheit erst, wenn man auch wieder zurück kann? Aus der DDR konnte man überallhin reisen, musste aber als erste Station das Auffanglager Giessen in Kauf nehmen und hätte nie wieder zurückkehren können. Erst als das diese grundlegende Regel nicht mehr galt, und damit keine andere mehr, die dem Land ein Band gegeben hätte, ging ich. In die Nähe der Berge und kehrte nie zurück. Inseln habe ich auch getestet. Kleine Inseln, auf deren Erhebungen man um sich blicken kann und nur noch Wasser sehen. Die lockende Ferne, die wenn man losfahren würde, nichts weiter ist als noch mehr Wasser. Endlos scheinendes Wasser bis eine Küste auftaucht. Amerika. Nicht mal wer sich vernavigiert, findet sicher die Endlosigkeit. Kann man etwas finden, was kein Ende hat? Bin ich hier oben freier als auf dem Ozean? Kann ich überhaupt freier als frei sein? Oder bin ich nur erhabener für diesen Moment, selbst erhoben über die Anderen, die unten über die Autobahn jagen, wie ich es morgen auch wieder soll? Für einen Moment scheine ich zum Stillstand gekommen zu sein, wie diese Berge hier, die sich nur langsamer bewegen, als wir sehen können.
Ist es die Stille, die mich fasziniert? Stille, die keine ist. Der Wind spielt auf den Steinzacken, Bergdohlen rufen oder sind das sogar Murmeltiere? Ich muss zu niemandem sagen: "Du wirst es nicht glauben, ich habe sogar Murmeltiere pfeifen hören."
Halte ich schon für Stille, was nur die Abwesenheit von Lärm ist?
Bin ich hier oben ganz mit mir? Nein, ganz mit dem Berg bin ich. Der ist jetzt mir. Nein, ich bin ihm.

Das gelbweisse Schild zeigt die Höhe des Plateaus und gleichzeitig das Ende des Bergwanderweges an. Ein anderes, blau-weiss, weist seine Fortführung als hochalpine aus. Achtung nur mir Ausrüstung! Wer sagt mir das? Wer herrscht mich da an? Wer schränkt mir meine Freiheit ein? Ich leere meine Wasserflasche, vertilge die Riegel. Den Rucksack kann ich also zurücklassen. Warum soll ich vor der Jacobinermütze umkehren, wegen der ich kam? Fünf Hip-Hop Freunde können diesen Weg nicht mehr gehen. Ich kann es. Höchstens einhundert Meter sind es noch bis zum Gipfel, weiss ich aus den Karten, und so gefährlich sieht der Aufstieg nicht aus. Keine glatte Wand, keine Spalten. Ich fange an zu steigen. Eine Weile geht es noch wie auf dem Weg bis zum Plateau. Also komm, du Berg, lass es mich wissen! Erst locken und sich dann sträuben! Vergewaltiger geben an, das triebe sie. Ich bin keiner. Oder doch? Vergewaltige ich diesen Berg, indem ich ihn bewältige? Auch er könnte nicht wollen, das ich ihn besteige. Treibt mich das an? Nein, ich bin kein Vergewaltiger und auch kein Kämpfer. Widerstand macht mich nicht heiss. Vergewaltigt der Berg mich? Höchstens verführen kann er mich.

Ab und an braucht es jetzt schon eine Hand. Freundlich reicht mir der Fels seine zackigen Vorsprünge, die ich umkralle und die mich immer halten. Er ist so stark und staunend sehe ich die Finger schmerzlos bluten. Tritt suchen, Tritt finden. Mit der Hand Halt suchen, Halt finden. Die steilen Wände zwingen mich, Halt zu finden, den ich unten in den Ebenen nicht suche. Das tut sehr wohl. Ich vertraue dem Berg, der immer wieder einen Tritt, einen Griff aus seinem Stein schiebt. So einfach hätte ich mir das nicht vorgestellt. Auf halber Höhe stoppe ich. Verschnaufen. Warum soll man nicht nach unten sehen? Ich bin der Berg und der kleine bunte Punkt da unten, mein Rucksack, ist ein Zeichen aus dem Leben davor. Keine Spur von Schwindel, kein Hauch von Angst. Ein kleiner Grat lässt schräg über mir Himmel sehen, wo bis eben nur Fels war. Ich strecke mich, muss noch einen Tritt höher suchen, den ich finde und umklammere mit beiden Händen den festen Stein. Noch einmal alle Kraft in die Beine, abstossen und schon liege ich mit dem Bauch über dem Grat. Auf der anderen Seite geht es steil nach unten. Langsam ziehe ich mich auf den Sattel. Hossa, mein grosses Pferd! Nun reite ich dich! Berg, spürst du mich? Ich bin dein Jockey!
Vor mir hat ein alpin Ausgerüsteter einen Ring in den Fels geschlagen. Den kann ich gut gebrauchen, ziehe mich nach oben vom Sattel und bin am Saum der Mütze angelangt. Ganz erstaunlich, hier kann ich wieder stehen. Fast aufrecht gehe ich weiter, ab und an rutscht mir ein Stein unter den Füssen weg. Vielleicht laufe ich zu schnell und stütze mich doch wieder mit den Händen, bis ich auf allen Vieren bin. Seitenblicke offenbaren mir jetzt schon, was mir auf dem Plateau verborgen blieb, den Blick nach Süden.
Glatt und wie für einen Mann wie mich zum Sitzen gemacht, bietet sich der höchste Punkt an, bevor die Zipfelmütze wieder abknickt. Höher geht es nicht. Jetzt habe ich Blick ringsum. Keine Spur von Mittelmeer, das ist zu weit, doch durch Spalten viel höherer Berge, kann ich Dunst sehen, den ich südlicher Wärme zuschreibe. Jeder neue Blick hier bringt neue Berge mit sich. Genau so hat das damals angefangen mit der Ferne. Auf abendlichen Radtouren über die geschwungenen Hügel meiner Heimat wollte ich nie aufhören und nur sehen, was hinter dem nächsten Hügel kam. Noch einer. So entdeckt man seine Heimat und sich, wenn man kein Auto hat. Nur die einbrechende Dunkelheit oder ein Kettenriss konnten mich zum Umkehren bewegen. Manchmal nahm mich ein Wismutlaster mit zurück in die Stadt. Wenn nicht, kam ich nächtens an und verschlief den nächsten Morgen. Das Zurück war mir schon immer egal. Oder ist das Freiheit? Wenn man nicht zurück will und nur immer weiter? An die Mauer bin ich freilich nie gestossen. Freunde wurden südlich Leipzig verhaftet, weil sie sich mit einem Faltboot zu Fuss in Richtung Ostsee aufgemacht hatten. Versuchte Republikflucht warf man ihnen vor, in flagranti vierhundert Kilometer vor dem Meer. Die verliessen die DDR dann tatsächlich schnell, nachdem sie wieder frei waren. Sie hatten die Unfreiheit gespürt. Warum fallen mir hier oben diese Freunde ein, die schon lange keine mehr sind? Weil mich ein ziviler Offizier fragte, ob ich wüsste, wohin die wandern wollen, mit einem Faltboot unterm Arm? Warum werde ich nicht frei von diesem Land? Hinterlässt Unfreiheit Spuren, die ich nicht mal hier oben mit Blick übers Ganze loswerde? Oder ist die Freiheit weniger angenehm, als die ständige alles grundierende Hoffnung auf sie?
Mit blossen Händen ist es völlig ausgeschlossen, den Weg rückwärts zu nehmen und einen anderen gibt es nicht. Das Telefon blieb mit Bedacht im Rucksack. Keiner unten wird Helikopter losschicken, da niemand unten wartet, das ich erzähle, wie es oben war.
Werde ich endlich frei davon, die Lösung der Frage, die jeder Berg ist, immer hinter dem nächsten zu vermuten? Frei von Fragen?
Ist Freiheit keine mehr nötig zu haben?
Es ist kalt.

Mittwoch, August 08, 2007

Du rollst mir davon

Für die Interessierten, dass ist eine Art Vorläufer zu den Weissen Segeln". Für mich interessant, damals noch ein sehr glücklicher Sardinienreisender, nehme ich dasselbe Motiv (das Rollen im Fels), um mich von jemandem zu verabschieden. Das tat ich damals tatsächlich. Den Franco in der Geschichte gibt es wirklich, seinen Traktor mit den Superballonrädern auch. Der Franco aus den "Weissen Segeln" ist eine Erfindung gleichen Namens.

Auch in der Prosaabteilung gehört einiges neu geschrieben. Hier fehlt ein dritter Teil. Aber erstmal der Erste. Relativ gesehen ein "Frühwerk". c.a. 2002 oder so



Du hattest recht, als du mir ein paar Wochen am Meer empfahlst. Jeder weiss, dass ein paar Wochen Meer gut tun. Woher aber wusstest du, dass ich auf diesen Gemeinplatz hören würde. Weil er von dir kam?
Die zweite Woche geht heute zu Ende und ich bin tatsächlich ganz bei mir, wie du es voraussahst. Ich wünsche dich her und lächele über diesen stillen Wunsch, der mich kaum überrascht, wenn ich ihn denke aber ängstigt, versuche ich ihm Ausdruck zu geben. Du hast dir schon soviel von mir angehört, so viele meiner ratlosen Zeilen gelesen. Warum sollte ich nicht auch diesen Wunsch aus seiner Stille befreien? Du würdest dich freuen. Oder? Früher wäre ich mir sicher gewesen.
Wir könnten jetzt hier vor dem Haus sitzen, die Morgensonne im Gesicht und das flimmernde Meer im Augenwinkel haben. Ich würde dir sogar eine Kanne Tee kochen. Auch wenn wir selten die Morgen miteinander verbringen, ich weiss, du bekommst schlechte Laune, wenn man dir Milchkaffee vorsetzt. Eine dumme Westmode hast du das mal genannt. Wenn du das sagst...
Ja, ich würde dir etwas vorsetzen, dich bedienen und deinen lauen Protest überhören. In einem Onkel Wanja Szenario seiest du gross geworden, sagst du immer. Also, lass dich bedienen. Ich weiss viel von deinen so genannten, kleinen Befindlichkeiten. Die wir uns ersparten mitzuteilen, ganz wie du es wolltest. Und wie es mir recht war. Vielleicht ist das auch andersherum. Ich weiss es nicht mehr genau, das macht das Meer, diese Bucht und deren brüllende Stille.
Das Rollen, hast du gesagt, fahr dahin und lausche diesem Rollen. Du hattest recht. Seit zwei Wochen habe ich nur noch das Rollen im Ohr. Je nach Wind hört man die Wellen brechen und mit Getöse gegen die Klippen donnern. Ist die See etwas ruhiger, kommt ein Grollen aus den Wellen selbst, ihrem ewigen in sich selbst Überschlagen, ihrem über sich selbst Zusammenschlagen, das man meint die Gischt müsse durchs offene Fenster auf die Bettdecke spritzen. Sogar bei Ostwind, der Abends die Sonne auszublasen scheint und der das Meer manchmal von einer Stunde auf die andere ganz ruhig macht und man nur noch ein Plätschern am Fels vernimmt, selbst dann ist unter mir das Rollen. Lege ich mich ganz ruhig aufs Bett oder besser auf den Boden kann ich es im Fels spüren. Es kommt nie zur Ruhe, in den Kavernen, die das Meer über Jahrtausende in seinen Stein gewaschen hat. Nicht das ich Unruhe bräuchte, Antrieb nötig hätte, nein dieses Rollen versetzt mich, in einen neuen, einen fremden Rhythmus. Wie eine Gebetstrommel ist diese sanfte dauerhafte Vibration, die völlig und immer wieder durch mich hindurch fliesst, die kaum nachlässt, wenn ich aus dem Haus gehe. Selbst bei meinen Gängen und Läufen versuche ich das Meer im Auge zu behalten, doch das Rollen bleibt sogar in mir, wenn ich die Küste kurz verlasse.

Franco ist sehr nett, er kümmert sich liebevoll, ohne das ich den Eindruck hätte, sein Interesse an mir, sei das des Papagallo an einer Touristin. Wie Spiesse in einem Arsenal liegen seine Sonnenschirme in ihrer Remise am Strand und muffeln ein wenig vor sich hin. Francos Mutter sitzt in schwarzen Kleidern und Tüchern, die orthopädischen Schuhe weit von sich gestreckt, im Sand und flickt die Schirme kunstvoll. Sie sind ohne Reklame hat Franco mir stolz gezeigt und müssen länger als eine Saison halten. Er lässt dich grüssen und scheint sehr stolz zu sein, dich als Freund zu haben. Ich habe ihm gesagt, jeder ist stolz, der dich zum Freund hat, aber auch, das du in Deutschland viel von ihm erzählst. Du hättest sehen soll, wie die Brust dieses Drahtmannes schwoll. Gestern habe ich ihn gefragt, wann er eigentlich den Dreck aus seiner Bucht wegräumt, den das Meer über den Winter hinein spülte. Da bekam er diesen sardischen Blick aus funkelndem Schwarz, den du mir schon in Hamburg beschrieben hast. Sein Stolz begann zu lodern. Das geht schnell bei Sarden, da hast du recht. Er zog mich in sein klappriges Auto und raste, dass mir Angst wurde, über die Serpentinen hoch ins Dorf zur Garage. In der stand ein kleiner giftgrüner Traktor mit riesigen Ballonreifen. Wie ein Spielzeug für Kinder reicher Eltern. Franco schraubte einen Rechen hinten dran und zeigte mir fast wortlos die Funktion der wenigen Hebelchen. Wie als ob Franco wüsste, dass ich schon Traktor gefahren bin, liess er das Ding antuckern und wies auf den Sitz. Mit strengem Blick, nicht wohlwollend, aber nickend, sah er zu, wie ich aus der engen Garage und dem Hof auf die Dorfstrasse zirkelte. Dann zeigte er mir den Daumen und fuhr langsam mit Warnblinkanlage und Hupen vor mir den Weg zum Strand hinab. Den ganzen Nachmittag stand er bei seiner Mutter, schraubte an den Liegen für den nächsten Sommer und bald störte es mich nicht mehr, mich unglaublich beobachtet zu fühlen, als ich meine Runden drehte und wieder und wieder den grossen Rechen über den Strand zog. War er voll oder hatte sich ein grosses Stück Holz verhakt, kam Franco mit dicken Handschuhen und einer blauen Tonne angerannt, drückte mich zur Seite und säuberte den Rechen. Dann durfte ich wieder fahren. Das war der lustigste Tag in diesen einsamen Ferien hier. Und immer sah ich Franco, der mit seiner Mutter über mich zu reden schien, mir zu winkte und mich doch ganz alleine machen liess, was ich nach deinen Beschreibungen keinem sardischen Mann und ihm am allerwenigsten zugetraut hätte.
Das war eine angenehme Abwechslung in der Ruhe, die du mir verordnet hast. Doch, du hast mir das verordnet, wie ein Seelenarzt. Hier würdest du protestieren, ja ich weiss, halt wie ein Seelenkenner. Kenner meiner Seele. Franco ist hier der einzige Mensch an den ich mich halten kann. Vielleicht auch lehnen, in der Not. Doch selbst wenn mein Italienisch nicht so dürftig wäre, Franco ist kein Mann, der in meinem Seelengarten würde wandeln können. Der kommt aus seinem wohl nur heraus wenn er allein ist oder viel Wein getrunken hat mit einem anderen Mann. Lag das in deinem Kalkül? Wobei es gewagt ist, dir Kalkül zu unterstellen.
Geahnt wirst du haben, dass ich hier wenn das Meer auf mich wirkt, irgendwann nur noch Gedanken für den habe, der mir riet, mich hierher und überhaupt erstmals in meinem Leben zurück zu ziehen. Zu mir selbst zurück. Du hattest recht, ich bekomme hier Abstand zu den Dingen die daheim so nah kamen und gross wurden, dass ich mich schon in der Ecke fühlte. Du sagst, es sei einfach zu viel, was mir da nahe kommt. Masse statt Qualität ist immer schlecht, besonders in Beziehungen, schnöseltest du. Vielleicht ist ja dieser Ton auch so ein Trick von dir, vielleicht hätte ich dich schon lange zum Teufel gejagt, wenn alles was du mir so zumutest immer bei mir ankommen würde. Ist es Berechnung, dass du die Dinge die du los werden musst, in diesem komisch herablassenden Ton von dir gibst, wenn du glaubst, sie überfordern mich? Ich höre diese kaum modulierten Gebete tatsächlich und aus Prinzip nicht. Mein Gott, jetzt reden wir seit acht Jahren miteinander und erst jetzt fällt mir auf, du könntest Techniken gebrauchen. All das höre ich in dem Rollen. Provoziertest du ab und zu meinen Hass? Sollte ich den Abstand suchen, den du von mir brauchtest? Je länger ich auf dieser Insel bin umso klarer wird mir, was du bezwecktest, als du mich hierher geschickt hast. Acht lange Jahre hast du gewartet. Acht Jahre lang gewusst, es kommt der Tag, da werde ich allein auf einer Insel mit Blick nach Westen sitzen und Sehnsucht nach dir haben.
Wie gross bist du eigentlich?

Wie jeden Morgen fehlte auch heute für drei Augenblicke das Rauschen und Tosen. Und erst als es schlagartig einsetzte, dachte ich: Wie jeden Morgen. Der Ton kommt beim Aufwachen immer nach dem Bild. Wäre mir das je aufgefallen, hättest du nicht davon erzählt? Teilst du die Frauen, in die ein, denen man sagen muss, dass der Ton beim Aufwachen nach dem Bild kommt und die, die so etwas wissen? Wann fragst du sie? Nach dem Aufwachen? Oder wachst du nur mit denen auf, die so etwas wissen? Zum Glück ist es bei uns anders. Zum Glück bin ich keine in deinem Orbit. Zum Glück hast du mich umkreist, die letzten acht Jahre.

Hundert Meter breite Wellenwalzen fängt die weite Bucht ein. Sie brausen auf, bevor ihre Kraft in weissem Sand versiegt. Sieht man genau hin, kann man manchem besonders lauten Krachen, einen Brecher in der Sandbucht zuordnen. Ein schöner, ständig vorkommender Zufall, denn die Geräusche kommen von den Klippen direkt unterhalb des Hauses.
Franco wird heute mit seiner Mutter nach Cagliari fahren, mit ihrer Rente stimmt etwas nicht und nun müssen sie durch die Ämter. Den ganzen Tag wird Franco mit ihr von Büro zu Büro hasten, sie wird vor den Beamtinnen schweigen und zu Boden sehen und Franco wird mehrfach dieselbe Geschichte erzählen müssen, bevor er jeweils einen wichtigen Stempel bekommt. Keinen Mucker wird seine Mutter von sich geben, keinen Zucker vor den Präfekturbeamten tun, bis sie wieder auf den langen Gängen mit den Bänken vor den Amtsstuben stehen und den Ausgang suchen. Dann wird aus der Achtzigjährigen sprudeln, was Franco hätte alles anders machen sollen und wie er hätte diese Betrügerinnen rannehmen müssen. Er ist ihr jüngster Sohn.

Ich habe Lust den Ungetümen ins Auge zu sehen und werde hinunter zum Strand gehen. Es ist schwer zu schätzen von hier oben, wie hoch die Wellen wirklich sind. Ich nehme mal ein Handtuch mit. Als ich Franco sagte, ich würde gern einmal ins Wasser gehen, hat er nur mit dem Finger an die Stirn getippt und ganz von oben herab gesagt, der kleine Mann, das würde nicht einmal er sich trauen, im März. Da kriegt man Rheuma wie seine Mutter. Ich musste lachen, denn Franco hatte mir vor Tagen erzählt, das seine Mutter nicht schwimmen kann und noch nie im Meer gewesen ist. Vielleicht kann ich es heute Vormittag wagen, heute ist die Bucht mir ganz allein. Als ich mit dem Handtuch um den Hals die Tür verschliesse, hupt es hinter mir. Francos alter Uno ist den Berg heraufgerumpelt. Er winkt mit etwas aus dem Fenster des rostigen Autos. Sie sind wohl schon auf dem Weg in die Stadt, die Mutter sitzt steif neben ihm und erwidert meinen Gruss mit einem stummen Nicken. Ein Brief aus Deutschland, ein Brief von Friedrich! Ruft Franco. Er ist stolz, mir den Brief überbringen zu dürfen, den du mir geschrieben hast. Zum Glück haben sie es eilig.
Woher weißt du das nur alles? Woher weißt du, wann du in Hamburg einen Brief abschicken musst, damit er hier am genau richtigen Tag, im genau richtigen Moment eintrifft? Oder ist es Fügung? Dann wird es gefährlich, wenn sich zwischen zwei Menschen die Dinge plötzlich fügen. Jetzt fängt das bei uns an, nach acht Jahren, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich beherrsche mich und reisse deinen Brief nicht sofort auf, um ihn stehend und gehend zu lesen. Nein, den will ich geniessen, wie ich noch keinen deiner Briefe genoss und stecke ihn in die Jackentasche. Den werde ich dem Meer vorlesen. Den steilen Weg hinunter und dann den sandigen über die Düne renne ich ihm entgegen. Nicht mal Tipps für das Schuhwerk fehlten in deinen Empfehlungen. Ich bin gespannt, was du schreibst. Und laufe so schnell es im Sand und gegen den Wind geht in die Mitte des langen Strandbogens. Dort habe ich, hinter mir die Wanderdüne, zehn Minuten Vorsprung, falls doch ein Mensch in der Bucht erscheint.

Ohrenbetäubend und gewalttätig ist das Tosen der unablässig brechenden Wellen. Zum Baden sind sie viel zu gross. Manche sicher zwei Meter hoch. Ich spüre wie der Sand unter mit bebt und sehe dem gewaltigen Schauspiel zu, ohne mich rühren zu können. Sehe wie sich weit hinten eine scheinbar flache Linie Wasser getrieben vom Wind sammelt, zusammenschiebt, allmählich aufsteht, immer schneller vor sich selbst hertreibt, ihr Körper immer mächtiger anwächst, um dann von oben beginnend und immer von der Mitte der Linie ausgehend nach vorne zu fallen. Dabei bläst der Wind die Schaumkronen weg, kaum hat er sie auf die Wellen gesetzt. Wie sie brechen werden die Spitzen immer grösser und wenn die Ränder gerade beginnen abzuknicken, entsteht, wieder von der Mitte beginnend, die Wasserrolle, die von der Masse der eigentlichen Welle, dem Teil der sich nicht ausreichend erheben konnte vor sich her geschoben wird. Ich kann das Rollen sehen, dessen Echo wie in einer Muschel unter meinem Bett wohnt. Unter Getöse wird die entflohene Spitze eingeholt und von ihrer Mutter, der Welle verschlungen. Für einen Moment ist der ganze Wasserberg weiss, scheint nur aus kräuselnder Gischt zu bestehen. Noch ein paar Strudel, dann ist das Ungetüm wieder eins mit dem Meer, dem es entstieg. Schafft es eine Welle, bis vor an den Strand, fällt das Wassergebirge vor mir mit einem Böllerschuss nach vorn, wie als stolpere es über sich selbst. Die es soweit gebracht haben, züngeln noch weit ins andere Element, bis sie sich rasch zurückziehen müssen und unter der nächsten Welle, die sich erhebt, verschwinden als wären sie nie da gewesen. Ihr Rest versinkt im Sand. In meinem betörten Sinn wird die Frage gross, ob eine einzelne Welle überhaupt da gewesen sein muss. Worin liegt der Sinn einer Welle? Sie selbst braucht keinen und kann sofort nach ihrem fulminanten Zusammenbruch wieder Meer werden. Ist der Sinn, die Wiedergeburt ihrer vergänglichen Gewalt in der nächsten Welle? Ihre Nichtexistenz als einzelne? Eine Welle gibt es nicht. Da ist kein Anfang und kein Ende. Wolltest du, dass ich das begreife? Mir ist, als ob nur deine Worte in meiner Tasche ruhen. Bist du es nicht selbst, der da vor mir tobt und sich gebärdet? Soll ich deine Kraft in diesem wilden Meer, dem Märzmeer vor Sardinien, begreifen lernen? Bist du, der Mann mit den dicken Backen und dem braunen Klarblick, mit diesen ruhigen aber scharf aus dem Gesicht geschnittenen Augen, die mehr sehen als ihr ruhiger Schein verrät, ist in dir das Tosen und Brausen dieses Meeres? Verbirgst du hinter deiner fein trennenden, manchmal schneidenden Art, hinter der Ordnung, die du in dich gelegt zu haben scheinst, das Chaos der zügellosen Gewalten des Meeres? Schicktest du mich an diesem Strand, damit ich begreife, du bist die Urgewalt und nicht die jungen Männer unter deren starken Beinen und zuckenden Lenden ich mich die letzten Jahre so oft wand? Du weißt, was mich an die drängenden Leiber trieb. Sogar auf diesen diskreten Bereich hattest du klammheimlichen Zugriff. Obwohl ich versuchte, dir an diesen dunklen, schwülen Ecken meines Lebens keine Teilhabe zu gewähren, indem ich dir fortlaufend berichtete, wer sich dort und mit welchen Mitteln Zugang verschaffte. Reichte es dir, wenn ich detailliert aus diesen Nächten stampfender Lust berichtete? Am Anfang war es reiner Sport. Ich kannte das nicht, wir kommen aus dem Wald, sagst du immer. Ich war zwar auch, bevor ich nach Hamburg ging ab und an und ganz spontan dem einen oder anderen Mann für eine Nacht verfallen, doch dort in den Bars das war anders. Da war Markt, und wenn man wollte und konnte, hatte man Gelegenheit sich Nacht für Nacht seines Preises zu vergewissern. Das tat mir gut, am Anfang. Sicher, und das bemängeltest du am meisten, ich brauchte Mengen Alkohol, bis ich mir traute, dem einen oder anderen Jungen, dem das Silbershirt über dem Brustkorb spannte, dem der kurze Ärmel zu zerreissen drohte, wenn er nach dem Glas griff, die kleinen Zeichen zu geben. Es funktionierte und es gab eine Zeit, da musste ich das fast jede Nacht probieren, nur um mich immer wieder meiner selbst zu vergewissern. Die nötige Konzentration beim Eindringen und Drängen der glänzenden Körper, das manchmal gleich auf der Toilette der Bar oder ein paar Meter weg in einem Park, in ihrem Auto, selten bei ihnen, nie bei mir zu Hause stattfand, die nötige Konzentration, die es beim Krallen in die trainierten Muskeln braucht, um aus all dem Geschiebe und Gereibe etwas mehr herauszunehmen als nur das, fand ich mit Koks, das die Jungs meist dabei hatten. Ich habe es dir nie gesagt, weil ich befürchtete, du liessest mich einfach stehen, sagte ich dir, ich steige völlig bedröhnt mit den schönen, neugierigen, jungen Männer in die Ellipsen der Lust. Du hättest mir auch diese Dummheit verziehen. Oder? Bis heute weiss ich nicht, ob die Kälte nach den raschen Feuern, die die jungen Männer irgendwo in meinem Bauch und nur da entfachten, entstand, sobald der Koks verbrannt war oder ob meine Gespielen selbst sie zurückliessen, an denen nur die Schwänze heiss pulsierten und deren Haut sich schon kühl anfasste, worauf manche von ihnen sogar noch stolz waren. Der schale Geschmack und das Gefühl ungemein rasch zu altern, liessen mich von den Bengels, den Bars und vor allem den Drogen wieder Abschied nehmen. Ich sagte dir das damals nicht, obwohl es eine Zeit war, in der du mir wieder deutlich näher rücktest. Ich kann nicht sagen, ob ich dich näher heranliess oder näher heran zog. Doch wir blieben wie Geschwister. Wie ein Bruder ertrugst du, was nach den Sportlern kam. Meine Versuche mich nun fest zu binden. Das sinnlose Unterfangen, einen zu finden, der nicht nur Blütenstaub nascht und bringt und gleichzeitig nicht diese Gärten, bestellten Felder, diese Ernteflächen in sich hat. Vor allem nicht die mannshohen Hecken und Zäune darum, damit sein Same nicht in alle Winde verstreut werde und schön bei mir bliebe. Gedeihlich. Genau den wollte er ja in mich senken, es war mehr als einer der das vorhatte, der gern gesehen hätte, wie sein Same in mir spriesst, wie er sich in mir fortsetzt, mich als sein Treibhaus benutzt, wenn es draussen kalt werden sollte. Lies mich die nahe Fremde der uferlosen Jungen aus den Bars, die ihre Körper wie Sportwagen ausfuhren, frieren, war es bei den Landbauern ihrer selbst zwar wärmer, doch lag das an der Enge. Die meisten schienengut isoliert und behielten bei sich was sie einmal hatten, auch ihr bisschen Wärme. Was mich bei den Jungs noch gereizt hatte, das Spiel mit ihrem eigenen Körper, die Endeckerfreude mit der sie auf ihre erigierten Schwänze starrten, die Neugier im Blick auf mich, wenn sie den irgendwo in mich tauchten, was mich zugegeben für ein paar Momente noch ziemlich heiss gemacht hatte, kam mir bei den älteren Herren unglaublich schweinisch vor. Die ausgefeilten Spiele meiner dauerhaften Verhältnisse, die nach einem schönen Wochenende am dänischen Strand auch schon einmal von Heirat murmelten, schienen sich selbst zu genügen. Wie eine Wichsvorlage kam ich mir vor und hielt es bei manchem für möglich, er könnte nach einer Heirat seine ehelichen Rechte schlichtweg verlangen.

Einer von den Boys aus der Bar hatte mir erzählt, er sei bei der Geburt seiner Tochter dabei gewesen, was er zum grössten Erlebnis und zum härtesten Einschnitt in seinem jungen Leben zählte. Der Gynäkologe hatte, als im Grunde schon alles vorbei war und die jungen Eltern strahlten wie Sterne vor Glück, die Stiche der nötigen Dammnaht mit den Worten begleitet: So und noch einen extra, damit der Papi dann auch wieder Freude hat. Erst da wurde dem jungen Vater schlecht und er mochte seine Frau nie wieder anfassen. So erzählte er zumindest, bevor er wie ein hungriges Tier über mich herfiel. Darum bin ich letztlich ja auch hier, mit dem Letzten fing alles so vielversprechend an, vielleicht auch weil er seit langem der erste war, der viel von sich preisgab. Ich habe mir nicht getraut dir zu erzählen, warum ich ihn heulend und schreiend verlassen musste. Erst nach der zehnten oder elften Nacht unglaublich reizvoller Explorationen seiner gewandten warmen Hände und tausend Geschichten aus seinem bewegten Leben versuchte er mir und zu allem Unglück auch noch schonend beizubringen, was er von Beruf sei. Das in einem Restaurant am Elbufer, in dem er fast an jedem zweitem Tisch ein Nicken zu erwidern hatte. In all dem Gerede hatte er das Wichtigste nicht erzählt und ich musste ihm die Krabbensuppe ins Gesicht spucken. Ich dachte an meinem jungen Freund und glaubte ganz sicher zu wissen, das verständnisvolle Gynäkologenschwein sass vor mir. Mir war so schlecht. Den Rest kennst du, wenn nicht in deiner Küche, wäre ich sicher auf einer Kriseninterventionsstation oder in der Elbe gelandet. Du hast nicht mal den genauen Anlass wissen wollen, hast nicht nach dem Typ gefragt. Hier purzeln jetzt Jahre aus dir heraus, meintest du und hattest völlig recht. Nun sitze ich hier und bin das erste Mal nach Jahren der getriebenen Suche ruhig, ganz ruhig mit diesem Rollen in mir, dem Rollen einer Gebetstrommel, dem Rollen des Meeres. Soll ich den Brief jetzt öffnen? Nein, ich warte noch einen Moment, ich habe dir noch nicht alles erzählt, was raus muss, bevor ich deine betörenden Worte in mich lasse, nach denen ich so dürste. Etwas sollst du auf diese Art noch wissen, auf diesem Einbahnweg, ins Meer gesagt. Ich werde mit Franco schlafen, irgendwann in diesen Tagen. Ich sehe seinem Blick an, er wird irgendwann stumm und glühend nach mir greifen. Ich werde es geschehen lassen. Es hat mir gut getan, mich in den letzten Wochen selbst zu streicheln, ganz wie du empfahlst: Streichle dich mal ein bisschen selbst. Überall, du hast es nötig. Dabei hast du aus ganz kleinen Augen gezwinkert. Es tat tatsächlich unendlich gut die eigenen Hände an mir zu fühlen. Ich wusste gar nicht mehr, wie viel Freude sie mir bereiten können. Doch jetzt habe ich Sehnsucht nach einem Mann, nach einem Paket Fleisch gewordenem Willen, nach einem fremden harten Ich, nach Franco. Das muss ich dir so ins Meer hinein erzählen. Wie alt werden wir gemeinsam werden müssen, bis du alles erfahren wirst was in mir ist. Du hast einmal gesagt: Nichts was in mir sei, könntest du verurteilen, da es aus mir käme. Wann werde ich wissen ob das stimmt?
Es ist Zeit für den Brief. Ich werde ihn hier, wo der Wind an dem Papier zerrt sicher nur einmal lesen, aber einmal so, dass ich schwer in Gedanken und dir sehr nah, den steilen Weg zurück in das Haus auf den Klippen nehmen werde, wo ich ihn immer wieder lesen werde, bis ich ihn auswendig kann. Doch es kommt anders. Du beginnst heiter, machst Spässe über die Wirkungen des Meeres, wagst zu fragen, ob Franco mich schon verführt hätte und dann kommt eine lange Entschuldigung. Du musst dich doch nicht entschuldigen. Du doch nicht bei mir. Lieber, was ist denn los? Was soll das? Doch was steht hier? Du hättest mich quasi weggeschickt, noch vor zwei Jahren hättest du darauf bestanden mitzureisen, doch nun, heute sei alles anders und sehr schwer zu erklären. Obwohl du davon ausgehst, ich werde Verständnis haben, fällt es dir schwer mir zu sagen, das du in der Zeit wo ich auf dieser schönen Insel weile, die Koffer packen wirst. Du hast die Stelle in New York angenommen. Welche Stelle in New York? Ich weiss nichts davon. Am Nachmittag vor meinem letzten Auskotzen bei dir habe man sie dir angeboten und du hättest es keine Minute, auch an dem Abend nicht als ich heulend vor dir sass, bereut, ja gesagt zu haben. Das Ja vor dem du Jahre lang Angst gehabt hast. Du hättest immer geahnt, das dann, wenn ich zu dir finden würde, müde und ein wenig alt, am Ende meiner Reisen durch fremde Männer, dass dann, in dem Moment auf den du acht Jahre lang gewartet hast, deine Liebe zu mir erloschen sein wird. Verschobene Lieben sterben spätestens, wenn sie beginnen sollen. Und nichts sei kälter als eine tote Liebe. Das ist doch ein Satz für eine Frau. Ich hätte Dutzende Männer benutzt, um dich zu verletzen und wende mich nun dir zu. Du fliehst nach New York und wunderst dich kein Stück, dass man dir die Stelle an dem Tag anbot, an dem ich dich das erste Mal wirklich nötig zu haben schien. Ich sei schon einen Schritt weiter, schreibst du, realisierte ich, das ich nicht finden werde, wenn ich suche. Du wirst finden, nur nicht mehr bei mir.
Ich lese nicht mehr weiter. Warum hast du mir denn nichts erzählt? In meinem Kopf krachen jetzt Wellen aufeinander, schmerzhaft laut, lauter als die vor meinen Füssen. Du hast gesagt, wir Menschen seien wie das Meer. Du bist das Sturmtief das über mich zieht und wenn das Wetter besser wird, dann bist du weg. Du hast mir mal von dem Schauspieler Wildgruber erzählt, der nicht schwimmen konnte und eines Tages einfach in die Nordsee gelaufen ist.
Warum bin ich dazu zu feige?
Warum kann ich schwimmen?
Wann kommt Franco mich zu retten, aus Fluten in die er niemals steigen würde?

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